Auf den Spuren von C. G. Jung

bearbeitet von Esther Keller-Stocker

Einführung in die Psychologie von C. G. Jung

C. G. Jung unterscheidet in seinem Buch "Psychologische Typen" vier Bewusstseinsfunktionen, nämlich Denken, Fühlen, Empfindung und Intuition. Bei jedem Menschen dominiert in der ersten Lebenshälfte eine der vier Funktionen. Mit der dominierenden Funktion richtet sich der Mensch im Leben ein. C. G. Jung nennt sie "superiore Bewusstseinsfunktion". Diese wird unterstützt von einer auxiliären Funktion. Die beiden anderen Funktionen sind mehr oder weniger unbewusst. Sie bilden daher die unbewusste Disposition zu den beiden bewussten Funktionen und werden minore Funktionen genannt.

der DenkerC. G. Jung unterscheidet zwischen wertenden und wahrnehmenden Bewusstseinsfunktionen. Wertend sind Denken und Fühlen. Denken wertet in Begriffen richtig und falsch, Fühlen nach "angenehm" und "unangenehm". Demgegenüber werten Empfindung und Intuition nicht sondern nehmen wahr. Die Empfindung nimmt mit den Sinnesorganen die Welt wahr wie sie ist, die Intuition die verborgenen Möglichkeiten, die in den Dingen liegen.

Nun ein Wort zu "Empfindung" für den Wirklichkeitssinn. Während Denken, Fühlen und Intuition soweit verstehbar sind, scheint mir der Begriff "Empfindung" erklärungsbedürftig. Für mich hat "Empfindung" eher etwas mit Fühlen zu tun als mit "Wahrnehmen". Deshalb benenne ich die Empfindung mit dem Begriff Wahrnehmung.

Jolande Jacobi zeigt anhand des chinesischen Symbols Yin und Yang die Übergänge von der superioren über die auxiliären zur minoren Funktion. Als Beispiel nimmt sie den Denker, dem sie Intuition als auxiliäre Funktion zuordnet. Das ist durchaus möglich, doch in meinen Studien habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Wahrnehmung normalerweise die auxiliäre Funktion zum Denken ist.

C. G. Jung unterscheidet aber nicht nur unter vier Bewusstseinsfunktionen sondern auch zwischen zwei Bewusstseins-Einstellungen, zwischen Extraversion und Introversion. Der extravertierte Mensch orientiert sich in erster Linie an der Aussenwelt, an den äusseren Bedingungen und Normen, am Zeitgeist, an dem, was gerade "in" ist, der introvertierte Mensch primär an seinen psychischen Bedingungen, an seiner Innenwelt mit ihren Bildern und Symbolen. Daraus ergibt sich eine differenzierte Klassifizierung von Bewusstseins-Funktionen und -Einstellungen:

Extravertiert: Denken, Empfinden, Fühlen, Intuition
Introvertiert: Denken, Empfinden, Fühlen, Intuition

Zu jedem Typ hat C. G. Jung im Buch "Psychologische Typen" einen Aufsatz geschrieben.

Normalerweise wird "Denken" mit "extravertiertem Denken" gleichgesetzt, "Empfindung" mit "extravertierter Empfindung", "Intuition" mit "introvertierter Intuition" und Fühlen mit "introvertiertem Fühlen". Doch andererseits, was soll ich unter einem "introvertierten Denken" vorstellen? Ist es nicht ein Denker der Visionen? Ein Denker, der in einer Audition die Gottheit zu hören glaubt? Aus der Bibel kennen wir den Propheten Ezechiel. Eine moderne introvertierte Denkerin ist die Physikerin Maria Mayer. Sie entdeckte die Zahlenverhältnisse im Atom durch unbewusste Eingebung.

Weiter kann man sich fragen, wie sieht der introvertierter Empfindungstyp aus? C. G. Jung umschreibt ihn wie folgt:

Auch das Empfinden, das seinem ganzen Wesen nach auf das Objekt und den objektiven Reiz angewiesen ist, unterliegt in der introvertierten Einstellung einer beträchtlichen Veränderung. Auch es hat einen subjektiven Faktor, denn neben dem Objekt, das empfunden wird, steht ein Subjekt, welches empfindet und welches dem objektiven Reiz seine subjektive Disposition beiträgt. ... Wenn z.B. mehrere Maler eine und dieselbe Landschaft malen mit der Bemühung, dieselbe getreu wiederzugeben, so wird doch jedes Gemälde vom andern verschieden sein, nicht etwa bloss vermöge eines mehr oder minder entwickelten Könnens, sondern hauptsächlich infolge eines verschiedenen Sehens, ja es wird an einigen Gemälden sogar eine ausgesprochenen psychische Verschiedenheit in der Stimmungslage und Bewegung von Farbe und Figur zutage treten. Diese Eigenschaften verraten ein mehr oder weniger starkes Mitwirken des subjektiven Faktors (GW VI, S. 428).

Als ich mich vor Jahren intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt habe, habe ich "introvertierte Empfindung" als das Erfassen des durchschnittlichen Erfahrungswertes der Menschheit begriffen. Dabei habe ich festgestellt, dass viele alttestamentliche Texte nach diesem Muster sind. Denn grundsätzlich wenden sich die Redaktoren dieser Texte gegen die mystischen Vorstellungen ihrer Umwelt und orientieren sich am allgemeinen Erfahrungsgut der Beduinen, die ihre Vorfahren gewesen sein sollen. Dieses Erfahrungsgut wird durch das patriarchalische Denken neu geordnet. Denn die Beduinen, die sich zum altisraelitischen Stämmebund zusammengeschlossen hatten, waren matrilokal strukturiert. Das alte matrilokale System schimmert in den alttestamentlichen Texten immer wieder durch. Die Autoren des Alten Testament bogen das matrilokal geprägte beduinische Erfahrungsgut ihrem patriarchalen Denken um.

Unsere modernen Exegeten fahren auf dem gleichen Geleise wie ihre alttestamentlichen Kollegen: Patriarchat sei einst das vorherrschende beduinische System gewesen, heisst es da und alle matrizentristischen Abweichungen werden notdürftig als Sonderfall des Patriarchats interpretiert. Als Beispiel möchte ich auf das freizügige Verhalten der Sunamitin in II. Könige 4 in meinem Aufsatz zu Römer 3,24-26 hinweisen.

In der jungschen Psychologie lässt sich nun weiterfragen, was ist unter "extravertierter Intuition" und "extravertiertem Fühlen" zu verstehen? Die "extravertierte Intuition" erfasst in einem Gegenstand, zum Beispiel in einem Bild, die symbolische Bedeutung, die ihm innewohnt. Wenn ich etwa in Salvador Dalis Bild "Weiche Konstruktionen mit gekochten Bohnen (Vorahnungen des Bürgerkrieges 1936)" betrachte und darin den Durchschnittswert menschlicher Erfahrung unter dem Patriarchat erkenne, der  im alttestamentlichen Gott Jahwe auf dem Berge Sinai (Horeb) manifestiert, würde ich dies der "extravertierten Intuition" zuschreiben. Und zuletzt noch "Extravertiertes Fühlen": Es bestimmt das Verhältnis eines Menschen zu seinen Mitmenschen, zum Beispiel Mütter, die sich für das Wohl ihrer Kinder zuständig fühlen, auch wenn diese bereits das Erwachsenenalter erreicht haben.

ANMERKUNGEN

  • Jolande Jacobi, Einführung in die Psychologie von C. G. Jung
  • C. G. Jung, Psychologie der Typen, Gesammelte Werke Band VI. Definition von "Empfindung" in Gesammelte Werke, Band VI, S. 463f
  • Maria Mayer in Der Mensch und seine Symbole, hrg. von C. G. Jung, S. 307
  • Bild "C. G. Jung" aus: dreamtalk.hypermart.net

Letzte Revision: 29.05.2012