Kommentar zu 'Symbole der Wandlung'

bearbeitet von Esther Keller-Stocker

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Zwei Arten des Denkens

Objektives Denken

In diesem Zusammenhang unterscheidet C. G. Jung zwei Arten von Denken, das «objektive Denken» und das «subjektive Denken».

Das «objektive» Denken ist anstrengend und orientiert sich an den äusseren Begebenheiten, die der Mensch wahrnimmt und denkerisch verarbeitet, um so auf die entsprechende Situation zu reagieren.

C. G. Jung geht dabei auf den Ursprung des objektiven Denkens zurück - zum Urmenschen, der in der Gruppe mit Lauten kommuniziert. Die Laute hatte der Urmensch aus der Umwelt übernommen: Er brüllte wie der Donner oder wie der Löwe, schnalzt mit der Zunge, turtelt mit seiner Angebeteten usw.

Der Urmensch machte sich also mit Naturlauten bemerkbar, die er aus seiner Umgebung aufnimmt und imitiert, um auf seine Umwelt reagieren zu können.

Neandertaler-Familie

Neandertaler-Familie. Naturkundemuseum Coburg

C. G. Jung untermauert seine These mit einem Text von Anatole France. Dieser schreibt:

Und was ist Denken? Und wie denkt man? Wir denken in Wörtern; das allein ist sinnenhaft und führt zur Natur zurück. Man bedenke, ein Metaphysiker hat zur Erstellung des Weltsystems nur den perfektionierten Schrei der Affen und der Hunde. Was er tiefsinnige Ergründung und transzendente Methode nennt, besteht darin, Stück um Stück, in willkürlicher Anordnung, die Laute aneinanderzureihen, die in den Urwäldern Hunger, Angst und Liebe hinausschreien und mit denen sich allmählich Sinngehalte verknüpfen, die man für abstrakt hält, wo doch nur die Verbindung erschlafft ist. – Man befürchte nicht, dass diese Folge gedämpfter, abgeschwächter kleiner Schreie, die ein philosophisches Werk ausmachen, uns zuviel Wissen über das Universum vermittle, so das wir darin nicht mehr leben könnten.

Die Naturlaute entwickelten sich also zu Sprachen und abstrakten Denkmodellen, die nach langer Entwicklung und Tradition zur heutigen Wissenschaft und Technik führten. C. G. Jung nennt dieses Denken objektiv, weil der Mensch sich mit diesem Denken in der Sprache ausdrückt, mit anderen kommuniziert und sich mit diesem Denken den Bedingungen der Aussenwelt stellt. Dieses objektive Denken, das heute vorherrscht, und uns ungeahnte Erfolge etwa in technischer Hinsicht gebracht hat, ist ein neues Massenphänom.

Fabrik am Fluss

Denken in der Antike

C. G. Jung vergleicht diese moderne Entwicklung mit dem Denken in der Antike:

Die Antike war trotz der Anfänge der Naturwissenschaften eingehüllt in mythischen Gedanken. Die Menschen beschäftigten sich mit Göttern und Dämonen. Auch die Natur hatte magische Wirkung auf den Menschen, die Haine, Meere, Flüsse, Berge waren voll von Geistern und Feen.

Seengeheuer Ketos von Piero di Cosimos

Das Seeungeheuer Ketos von
Piero di Cosimos, um 1515

Nach C. G. Jung isolierte das geistige Training in den europäischen Schulen den Menschen von der numinosen Macht der Natur und den Geistern und ermöglichte das objektive Denken.

Doch dieses objektive Denken hat tiefe Wurzeln: Die Gründung altorientalischer Staaten, Bewässerungstechniken, Beachtung eines Kalenders, Erfindung der Schrift etc. sind Zeugnisse objektiven Denkens.

Auch die Gebote Mose, die die Juden im Alltag beachten und umsetzen mussten, trainierten den Geist ebenso und trennten ihn von der Faszination der Natur.

Als weiteres Beispiel objektiven Denkens sind die Naturphilosophen im Alten Griechenland zu nennen. Sie formulierten die Grundlagen unserer Naturwissenschaften.

die Zehn Gebote

      die 10 Gebote

pythagoras

Pythagoras

Das Unbewusste

Libido

Was ist «psychische Energie»? Sigmund Freud nennt das sexuelle Verlangen «Libido». Dazu meint C. G. Jung, Sexualität ist zwar ein sehr starker Trieb, aber es gibt auch andere starke Triebe wie Hunger, Durst, Macht etc. Deshalb kann man nicht alle psychische Probleme auf den Sexualtrieb reduzieren. Die Libido definiert er folglich als «gesamte psychische Energie».

Libido nach C. G. Jung

Wie funktioniert das Unbewusste?

Unter «dem Unbewussten» versteht C. G. Jung unsere Instinktwelt. Das Unbewusste ist wie das Wort sagt nicht-bewusst, wir wissen also nicht, was das Unbewusste ist. C. G. Jung gibt verschiedene mögliche Definitionen, was das Unbewusste sein könnte.

  • Das „Unbewusste“ ist die Summe aller durchschnittlichen Erfahrungswerte der Welt in all ihrer Entwicklungsstufen.
  • C. G. Jung bezeichnet das Unbewusste auch als den Geist, der durch all die Entwicklungen der Welt, der Erde, der Lebewesen und der Menschen hindurchgeht. Und sich auch in diesen Entwicklungen manifestiert.
  • Das Unbewusste ist Energie, die als Disposition allen Menschen gleichermassen zur Verfügung steht und sich spontan in ähnlichen Seelenbildern ausdrückt. Ein Beispiel, das auf der ganzen Welt spontan immer wieder auftaucht ist die Mutter und das Kind.

C. G. Jung meint, so wie wir an unserem Knochengerüst Überbleibsel von den ältesten Tieren der Erde haben, so bewahrt das Unbewusste uralte Verhaltensstrukturen aus jener Zeit.

Evolutionsphasen

In einer Krise regrediert blockierte Libido in die Vergangenheit. Die Richtung ist immer rückwärts in die Vergangenheit. Die blockierte Libido belebt die eigene Vergangenheit, die Zeit der Kindheit, in der die Eltern eine wichtige Rolle spielten.

Andererseits drängen unbewusste Inhalte ins Bewusstsein. Anhand der Seelenbildern kann man auf Komplexe schliessen, die sich im Unbewussten gebildet haben. C. G. Jung nennt solche unbewusste Komplexe «Archetypen».

Diese Archetypen manifestieren sich in Seelenbildern, die uns einerseits aus der konkreten Umwelt vertraut sind, andererseits Vorstellungen, die in die Phantasie gehören.

Unbewusste Grafik 

Hier habe ich eine Grafik erstellt: Oben sehen Sie das Bewusstsein, die Regression der Libido die zurück in die Vergangenheit führt, zu unseren Eltern in unserer Kindheit. Gleichzeitig schiebt sich unbewusster Inhalt eines Archetyps in unser Bewusstsein. Bei Miss Miller sind das Symbole des Grossen Vaters, während die Grosse Mutter vorerst im Hintergrund bleibt.

Beispiel eines Seelenbildes

Die Symbole aus dem Unbewussten werden miteinander verbunden, im Fall von Miss Miller wird Vater assoziiert mit Schöpfer. Das Bild kann auch Füsse und Arme haben, als Tier wie dem Löwen oder als Menschen dargestellt werden.

Huitzilopochtli - aztekischer Kriegs- und Sonnengott

Dieses Bild zeigt Huitzilopochtli, einen aztekischer Kriegs- und Sonnengott: Dargestellt wird diese Figur mit einem Jaguarkopf, der durch Hörnern oder einem Federbusch geschmückt ist. In der linken Hand hält das Gottwesen einen Schild und einen Lorbeerzweig und in der anderen Hand einen Stab. Die Füße haben gespaltene Klauen, den Ziegenfüßen ähnlich. Auf dem Rücken sind so etwas wie Fledermausflügeln zu sehen und bauchseitig ein hässliches Gesicht mit aufgerissenem Rachen, das scharfe Zähne zeigt.

Der Sonnenpenis

Um zu zeigen, wie das Unbewusste sich spontan in Seelenbildern manifestiert, unabhängig von Bildungs- und Kulturhintergrund kommt C. G. Jung auf das Bild «die Sonne mit der Röhre» zu sprechen:

Die Röhre der Sonne ist ein erigierender Sonnenpenis und Ursprungsort des Windes, ein Befruchter und Schöpfer der Welt. Ein Geisteskranker in der Psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich sprach immer wieder von «der Röhre an der Sonne». Dann traf C. G. Jung einen schwarzen Kranken, der aus einem völlig anderen Kulturkreis stammte und dieser erwähnte ebenfalls „die Röhre an der Sonne“. C. G. Jung betont, dass seine Patienten ihre Vorstellung spontan und ohne religionsgeschichtlichen Kenntnissen hervorbrachten. Das heisst, es muss aus einer dem Menschen gemeinsamen Ursprung, nämlich dem Unbewussten stammen.

Sonnenwind, NASA

Bild von der NASA, Weltraumforschung

Für seine These fand C. G. Jung einen antiken Text aus dem Mithraskult. Da heisst es:

Ähnlicher Weise wird sichtbar sein auch die sogenannte Röhre, der Ursprung des diensttuenden Windes. Denn du wirst von der Sonnenscheibe wie eine herabhängende Röhre sein.

Mithras und Apollo

ὅμοίως δἐ καὶ ὁ καλούμενος αὐλὀς, ἡ αρχἡ τοῦ λειτουργοῦντος ἀνεμου, ὂψει γἁρ ἀπὁ τοῦ δίακου ὡς αὐλὸν κρεμάμενον.

Dieser Satz stammt aus der Übersetzung von Albrecht Dieterich. Das Buch «eine Mithrasliturgie» kam 1910 heraus.

Aber nicht nur in der Psychiatrie des 20. Jahrhunderts und in der Antike kommt dieses Bild vor sondern auch auf einem Bild aus dem 15. Jahrhundert. Es zeigt den Heiligen Geist als Taube und Schlauch aus dem Himmel, der die Mutter Gottes befruchtet. Daraus folgert C. G. Jung: Ob in der Antike, im Mittelalter oder in der Neuzeit, das Bild vom Sonnenpenis taucht in bestimmten Situationen spontan aus dem Unbewussten auf.

Obumbratio Mariae

Aber nicht nur in der Psychiatrie des 20. Jahrhunderts und in der Antike sondern auch im Mittelalter kommt dieses Bild zum Tragen. Obumbratio Mariae. Rheinischer Wirkteppich (Ende 15. Jh.)

Aussen - Innen

Kehren wir zurück zu Miss Miller. C. G. Jung bezeichnet den psychischen Zustand von Miss Miller als «introvertiert». Sie ist demnach weniger an der äusseren Wahrnehmung interessiert als vielmehr an ihrer inneren. Diese innere Wahrnehmung wird andererseits unterstützt durch die äusseren Ereignissen: Miss Miller macht eine Europareise und fährt mit dem Zug, dann mit dem Schiff. Es ist ein Weg, den sie einerseits ganz konkret macht, aber es ist auch ein symbolischer Weg.

Erich Neumann, ein Anhänger von C. G. Jung, nennt diesen Weg einen «archetypischen Mysterienweg».

Wie wir vorhin gesehen haben, schlummert nach C. G. Jung im Unbewussten die ganzen Prozesse, die die Welt aussen durchlebt hat auch im Unbewussten. Allerdings ist im Unbewussten Raum und Zeit weitgehend aufgehoben.

Das Unbewusste ist aber auch heute im Austausch mit der Welt aussen. Vieles, was wir im Innern erleben, projizieren wir nach aussen auf die Welt.

aussen - innen Grafik

So können wir sagen, dass die konkrete Reise von Miss Miller das Unbewusste belebte. Das Meer ist ein typisches Symbol für das Unbewusste und für dessen ungeheuren Energie. Und da singt ein attraktiver italienischer Seemann in der Nacht! – der Seemann wird zur unerreichbaren Animus-Figur. Nacht ist ebenfalls ein typisches Symbol für das Unbewusste. «Meer» und «Nacht» findet sich im Gedicht von Miss Miller übersteigert als «unendlicher Raum» mit Myriaden von «Ohren» und «Augen» wieder. Ein schwarzes Universum mit Sternen. Doch bei so viel Dunkelheit kommt auch eine melancholische Stimmung auf.

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Text und Design: Esther Keller-Stocker (Schweiz)
Leicht revidiert im Dezember 2017; Email