Kommentar zu 'Symbole der Wandlung'

bearbeitet von Esther Keller-Stocker

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Der Grosse Vater

Sehnsucht

C. G. Jung erläutert hier die Faszination von Goethes Faust an der konkreten Natur und hält fest: Faust ist ein Universalgelehrter und ein Theoretiker durch und durch. Beim Anblick der Sonne wurde er von der Sehnsucht nach dem Irdischen erfasst. Nach C. G. Jung geht er genau den umgekehrten Weg, der einst das Christentum und die anderen bereits besprochenen Strömungen in der Antike beschritten hatten.

In der Antike kehrten diese Gruppen sich ab von der Faszination des Irdischen weg hin zum Geistigen. Denn die Sehnsucht nach dem Geistigen erfuhren diese Menschen als Erlösung. Es kam zum Umschlag vom genussreichen Leben zur allgemeinen Askese und zum Klosterwesen.

Kloster Fischingen

Kloster Fischingen

Nach der Lehre von C. G. Jung versucht das Unbewusste das Bewusstsein zu kompensieren. Das heisst Faust lebt in seiner extrem theoretischen Männerwelt. Da drängt sich plötzlich das Unbewusste in Gestalt des archetypisch Weiblichen in sein Bewusstsein, und zwar mit einer Wucht, die den Menschen in seiner unbedeutenden Winzigkeit zu vernichten droht. Nach C. G. Jung ist Faust von der konkreten Sonne, die am Abend untergeht, fasziniert. Doch wie ich bereits gezeigt habe, belebt die Sonne aussen das entsprechende Bild in der Seele von Faust. Und dieses Seelenbild drängt danach, sich zu inkarnieren, um dem Bewusstsein nahe zu sein.

Abendsonne

Das bringt Mephisto zustande, indem er dem Faust in einer Spelunke das Bild der Helena zeigt. Wieder erfasst Faust eine ungeheure Sehnsucht. Im dritten Anlauf führt Mephisto dem Faust Margarete vor, ein frommes Mädchen, ein Aspekt der Grossen Mutter zum Anfassen und Liebhaben. Doch der nicht integrierte Schatten macht die heile Welt zunichte.

Margarethe im Gefängnis

Margarethe im Gefängnis aus
'http://www.christian-von-kamp.de/Faust.html'

Halten wir fest: Fausts Sehnsucht nach dem Leben verwirklicht er in der Beziehung zur frommen Margarete. Dabei trifft sie sein Schatten unf tötet unwissentlich ihre Mutter und wissentlich ihr Kind. Einen patriarchal versöhnlichen Ausgang hat die Tragödie, weil Margarete während sie stirbt, gerettet ist.

Schatten Grafik

Grafik: Patriarchaler Schatten auf dem Weiblichen

Männergesellschaft

Zu Faust schreibt C. G. Jung weiter „für ihn ist das asketische Ideal der Antike und des europäischen Mittelalters todbringend. Er ringt nach Befreiung und gewinnt das Leben, indem er sich dem Bösen übergibt, aber dadurch wird er zum Todbringer für das, was er am meisten liebt: Margarete. Er entreisst sich danach dem Schmerze und opfert sein Leben der Arbeit, wodurch er vieler Leben rettet.

Halten wir fest: Dr. Faust war wie gesagt ein Gelehrter und unterrichtete Studenten, die zu jener Zeit ausschliesslich männlich waren. Konkrete Frauen existierten höchstens als Haushalthilfe oder als Dirnen in der Nähe der Universität. Sie hatten also keine Bedeutung. Andererseits kam weiblich auch als rein theoretische Grösse vor nämlich als „die Philosophie“, „die Justitia“, „die Medizin“ oder „die Theologie“.

Disput - Männergesellschaft

Der Disput. Bild von Domenico Ghirlandaio (1449-1494)

Der Weltenherrscher

Dies entspricht dem archetypischen System des Grossen Vaters, den wir als archetypisches Ich im Alten Testament vorfinden: Jahwe ist Beherrscher der Welt und der Geschichte ohne ein ernst zu nehmendes weibliches Gegenüber.

aus: 'https://thebiblemeditator.wordpress.com
/2014/03/18/a-vision-of-god

Bild: Eine Vision des Propheten Ezechiels über den Herrscher der Welt und die Nähe des Propheten zu Gott. Der Prophet wird «Menschensohn» bezeichnet und ist dem Gott so nahe wie Faust als «Knecht des HERRN».

C. G. Jung und Miss Miller

Wenn man sich die Konstellation von Dr. Faust und Margarete anschaut, das Gefälle von oben und unten, Mann und Frau, drängt sich ein Vergleich zwischen C. G. Jung und (den Schriften von) Miss Miller auf:

Eigentlich widerspiegelt sich die Konstellation von Dr. Faust zu Margarete in der Beziehung von C. G. Jung und Miss Miller. Der Unterschied liegt darin, dass Faust eine konkrete Beziehung zu einem Dorfmädchen eingeht, ja sich ihr geradezu aufdrängt, während sich C. G. Jung theoretisch mit den Schriften von Miss Miller auseinandersetzt. Doch das hierarchische Gefälle ist dasselbe. C. G. Jung ebenfalls ein Universalgelehrter und Professor nimmt eine Position ein, die Miss Miller auch anfangs des 20. Jahrhundert kaum je erreichen konnte. Er ist der überlegene Professor, der eine junge Studentin analysiert ohne dass sie je Einfluss dazu nehmen konnte – Ausser ihren Schriften als 20-Jährige bleibt sie stumm, während er Jahrzehnte lang an seinem Buch schrieb.

Der Schatten des Patriarchats

Die männliche Gesellschaft, bei der die Frauen entweder nicht existent oder in untergeordneter Stellung vertreten sind, gehört zur Dominanz des Grossen Vaters als archetypisches Ich. Dieses archetypische Ich definiert sich im Alten Testament: Bei alttestamentlichen Propheten erscheint Jahwe und Israel als Ehepaar, Jahwe ist Gott, Richter und Moral-Instanz. Israel sein Volk ist als Sünderin disqualifiziert, recht- und sprachlos. Da sie keine Rechte und keine Sprache hat, heisst das konkret, sie ist Trägerin des göttlichen Schattens von Jahwe.

Schatten Jahwes- Grafik

Grafik: Schatten Jahwes

Die Weisheit

Während Israel negativ zur Schattenträgerin des Grossen Vaters wurde, entwickelte sich die Weisheit positiv zu seiner Partnerin, zur töchterlichen Verbündete Jahwes. So heisst es in Sprüche 8, 22-24:

Der Herr hat mich geschaffen am Anfang seines Weges, Vor seinen anderen Werken, vor aller Zeit. In fernster Zeit wurde ich gebildet, Am Anfang, in den Urzeiten der Erde. Als es noch keine Fluten gab, wurde ich geboren.

Theologinnen wie Silvia Schroer in ihrem Buch «die Weisheit hat ihr Haus gebaut» gezeigt, dass Weisheit (hebr. Chokmah) ursprünglich eine eigenständige Göttin war, die im Alten Testament unter die Dominanz des Grossen Vaters gestellt wurde.

Weisheit als Mutter der Wisschenschaft 

Was die Wissenschaften in Europa betrifft, so entspringen sie der Symbolik der Weisheit.

Erich Neumann, ein Anhänger von C. G. Jung hat ein systematisches Werk über die Grosse Mutter geschrieben. Darin beschreibt er ihren Elementar- und Wandlungscharakter. In ihrer Gestalt als Tochter des Grossen Vaters erscheint sie als Sophia, als Weisheit.

«Wissenschaft» ist ein patriarchales Phänomen und «Weisheit» als «Wissenschaft» in ihrer Ausgestaltung als «Philosophie», «Theologie» usw. ist vom Grossen Vater abhängig.

C. G. Jung scheint mit der Darstellung Fausts im Zwiespalt von Schatten und der Sehnsucht nach dem Irdischen als Ausdruck der deutschen Seele eine Erklärung für die Katastrophen des 1. und 2. Weltkrieges gefunden zu haben.

Aber für mich hat die Faszination des Irdischen durch den Europäer noch eine andere Dimension, die Zerstörung unserer Erde. Erich Neumann hat in seinem bereits erwähnten Buch «die Grosse Mutter» aufgezeigt, dass zum archetypisch Weiblichen Symbole wie Himmel, Erde, Wald, Meer, Materie, kurz alles Irdische, gehören. Unsere Wahrnehmung der Welt aussen ist durch unser patriarchales Bewusstsein, also vom Archetyp des Grossen Vaters gesteuert. Von unserem patriarchalisch dominierten Bewusstsein projizieren wir den Schatten auf die Welt und zerstören sie.

Bhavani-Trimurti-Mutter, Indien, 19. Jh. oder früher.
Aus Erich Neumann, «die Grosse Mutter», Abb. 51, S. 223

Liebe und Libido

C. G. Jung kommt in seinem Buch «Symbole der Wandlung» auf die Liebe und die Libido zu sprechen, wobei er wieder Bezug nimmt auf das Schreiben von Miss Miller: Miss Miller kommentiert das Gedicht von der Motte und schreibt an eine Freundin: «Dieses kleine Gedicht machte mir einen tiefen Eindruck» und bemerkte «Das gleiche leidenschaftliche Streben der Motte nach dem Stern ist die Sehnsucht des Menschen nach Gott.»

Dazu schreibt C. G. Jung: „Es ist, wie man will, beschämend oder empörend, dass die höhere Sehnsucht des Menschen, die ihn doch eigentlich erst wirklich zum Menschen macht, so unmittelbar neben dem Menschlich-Allzumenschlichen steht.“ Einerseits ist da ein Steuermann mit brauner Haut und schwarzem Schnurrbart und andererseits die höchste religiöse Idee in Gestalt von Schöpfer und Sonne. Er meint, beides ist eigentlich nicht miteinander vergleichbar, doch sie haben eines gemeinsam, das liebende Begehren.

Dazu fügt C. G. Jung an: Begehren ist wichtig, weil sie dem Gegenstand die ästhetische und moralische Eigenschaft des Schönen und Guten verleiht und damit unser Verhältnis zu Mitmenschen und Welt ausschlag-gebend beeinflusst. Die Natur ist schön, weil ich sie liebe, und gut ist alles, was mein Gefühl als „gut“ bezeichnet.

Auf was es hier C. G. Jung ankommt, ist zu zeigen, dass WERTE in erster Linie aus subjektiven Reaktionen hervorgehen.

Paar vor der untergehenden Sonne

aus Spiegel online

Wenn Miss Miller Gott oder die Sonne preist, so meint sie eigentlich ihre Liebe – Liebe, die im Tiefsten des menschlichen Wesens wurzelnden Trieb gründet. Da sich die Libido vom konkreten Objekt, also vom Seemann, abgewandt hat, ist ihr Objekt ein psychisches, nämlich Gott, geworden.

Unter Gott versteht C. G. Jung einen Vorstellungskomplex, der sich um ein sehr starkes Gefühl gruppiert; der Gefühlston ist wesentlich und stellt eine emotionale Spannung dar. Wenn Gott, die Sonne oder das Feuer verehrt wird, so verehrt man unmittelbar die Intensität oder die Kraft der seelischen Energie, der Libido.

Jede Kraft und überhaupt jedes Phänomen ist eine gewisse Energieform. Form ist Bild und Erscheinungsweise. Sie drückt zweierlei Dinge aus: erstens die Energie, die in ihr Gestalt gewinnt, und zweitens das Medium, in welchem die Energie erscheint. Man kann einesteils behaupten, dass die Energie ihr eigenes Bild schaffe, anderenteils, dass der Charakter des Mediums die Energie in eine bestimmte Form hineinzwinge.

Gefühlston - Energie

Grafik: Libido und der Mensch als Medium

Miss Miller und ihr Animus

C. G. Jung betrachtet hier ausschliesslich die konkreten sexuellen Bedürfnisse von Miss Miller zum Seemann, die er als «menschlich-allzumenschliche Bedürfnisse» bezeichnet. Er geht hier nicht ein auf den gegengeschlechtlichen Seelenanteil von Miss Miller, auf den Animus. Denn die Faszination, die vom Seemann ausgeht, stammt vom unbewussten Animus, den Miss Miller, auf den Seemann projiziert.

Dazu ist zu sagen, dass Miss Miller durchaus geschrieben hat, dass ihr der Marineoffizier tiefen Eindruck gemacht hatte. Warum sie ihn nicht weiter erwähnte, kann man nur spekulieren: Vielleicht holte seine Frau und seine Kinder ihn im Hafen von Catania ab.

Auf alle Fälle ist es üblich, dass nicht jeder Mann, der einer Frau über den Weg läuft, gleicht zu ihrem Partner wird.

Grafik: Animus und seine Projektionen

Grafik: Animus und seine Projektion

Aber wieso kommt sie vom Seemann auf das Vater-Imago? Das erklärt sie selber, indem sie das Gedicht vom Schöpfer kommentiert. Sie schreibt, dass ihr, als sie 15 Jahre alt war, ihre Mutter einen Artikel vorgelesen hatte von der „Idee, die spontan ihr Objekt erzeugt“. Sie war ob diesem Satz so erregt, dass sie nicht schlafen konnte. Dann erzählt sie weiter, dass sie im Alter von 9 bis 17 Jahren jeden Sonntag in die Presbyterianerkirche ging, an der damals ein sehr gebildeter Mann als Pfarrer amtete. Als kleines Mädchen sass sie im grossen Kirchenstuhl, beständig bemüht, nicht einzuschlafen und die für sie unverständlichen Worten des Pfarrers von „Chaos“, „Kosmos“ und „Gabe der Liebe“ zu verstehen.

Der Seemann und der Pfarrer sind typische Projektionen des Animus.

Marie-Louise von Franz beschreibt den Animus in dem Gemeinschaftswerk «der Mensch und seine Symbole»: Der Animus ist weniger erotisch als die Anima eines Mannes dafür eher fasziniert von «(heiligen) Ideen».

Nach dieser Definition von Marie-Louise von Franz sehnt sich Miss Miller nach dem Geistaspekt des Männlichen und da wird der konkrete Mann trotz eigenen sexuellen Bedürfnissen zurückgestellt.

Grafik: Animus und seine Gestalten

Bekannte Beispiele von Animus-Figuren

Blaubart und seine Frauen Schneewitchen und die sieben Zwerge
Blaubart, Holzschnitz von Gustave Doré aus wikimedia.com.
Seine letzte Frau wird von ihrem Bruder, dem positiven Animus-Aspekt, gerettet.
Schnettwitchen und die 7 Zwerge. Ein weibliches Ich mit 7 verschiedenen Animus-Aspekten. Der 8. Animus-Aspekt ist der Prinz, der auch die Macht hat, die Stiefmutter zu bannen. So auch Maria Magdalena in den Evangelien.
Titanic

Rose DeWitt auf Titanic zwischen ihrem neuen Freund Jack Dawson und ihrem ungeliebten Verlobten Caledon Hockley.

Die erotische Anima

Doch weshalb insistiert C. G. Jung auf die konkreten sexuellen Bedürfnisse von Miss Miller so hartnäckig? Meines Erachtens ist dies ein Hinweis, dass sich C. G. Jung nicht so sehr um die Belange von Miss Miller interessiert ist als um seine eigenen.

Die erotische Anima

Das Fixieren der sexuellen Lust bei Miss Miller hat doch eher etwas mit der Anima von C. G. Jung zu tun. Um dies zu erklären folgen wir dem Buch «Der Mensch und seine Symbole», an dem C. G. Jung und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kurz vor seinem Tod schrieben. In diesem Buch zeigt Marie-Louise von Franz die verschiedene Stufen der Anima des Mannes auf. Da ist die erotische Frau, die Madonna in Rot, die den spiritualisierten Eros markiert und die Priesterin, Schamanin als Wegweiserin und die Sophia als Geistprinzip. Der negativen Aspekt ist die Hexe und Nymphe, die den Mann in den Abgrund zieht.

Grafik: Gestaltung der Anima

Grafik: Anima und ihre Gestalten

Beispiele: Anima und ihre Gestalten

Lorelei

Lorelei

Madonna in Rot

Madonna
von Jan van Eyck

die Seelenführerin

'Seelenführerin
aus Film 'She'

Die drei Bilder aus 'Symbole der Wandlung' und wikimedia.

Wenn sich C. G. Jung an der verdrängten Sexualität von Miss Frank Miller aufhält, ohne ein Wort über den weiblichen Animus zu verlieren, dann hat das mit ihm und einer Projektion seinerseits zu tun.

Da in der Gesellschaft die Frau mit unten, der Mann mit oben assoziiert wird, sind solche Analysen auch eine Machtdemonstration: Er, der grosse Professor, sagt jetzt dieser kleinen Studentin, was Kultur ist. Während Margarete in Faust auf dem Platz bleibt, wo sie von der Gesellschaft aus hingehört, trachtet Miss Miller nach höherem. Sie ist Studentin, hat in einem Gymnasium auf Geometrie-Prüfungen gebüffelt, wie sie in ihren Schriften erwähnt.

Emma

Bild aus www.emma.de

Da C. G. Jung sie nicht persönlich sondern nur aus ihren Schriften kennt, kann er auch seinen persönlichen Schatten und in Folge auch seiner Faszination zur Grossen Mutter freien Lauf lassen. Denn er widmet einen grossen Teil seines Buches «Symbole der Wandlung» dem Thema der Grossen Mutter.

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Text und Design: Esther Keller-Stocker (Schweiz)
Leicht revidiert im Dezember 2017