Kommentar zu 'Symbole der Wandlung'

bearbeitet von Esther Keller-Stocker

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'Himmel und Erde' von Lord Byron

Teil 3

Japhet sieht jetzt die Sonne, die mit einem schwarzen Ring aufsteigt:

Die Sonne! Die Sonne! – Sie steigt empor, doch nicht ein Bild der Wonne, ein schwarzer Kreis umspannt der roten Scheibe Rand, der letzte Sommertag der Erde schwand. Die Wolken werden nächtig fahl, nur kupferfarbig streift ihr Saum die Schwelle, wo sonst der Morgen kam mit seiner Helle.

Die Sintflut wird von nun an nicht mehr als Gefahr der verschlingenden Mutter wahrgenommen sondern als Strafgericht des Allmächtigen. Demgegenüber übernimmt die Grosse Mutter in der Gestalt der Arche den schützenden Aspekt, hier aber unter der Dominanz des Grossen Vaters. So sagt Noah:

Und siehe dort dieser Lichtblitz! Der Vorbote des fernen Donners erscheint! Sie kommt! Also weg von hier! Überlässt den Elementen ihre grässliche Beute! Also geh, wo unsere heilige Arche ihre sicheren und vernichtenden Seiten aufgerichtet hat (S. 182)
(teilweise nach englische Version, S. 249).

Aber Japhet flieht nicht ohne Anah und Noah bleibt hart:

Dann stirb wie sie! Du siehst prophetisch jenen Himmel grollen und kannst, was er verdammt, noch retten wollen? Siehst du nicht alle Dinge in der Runde mit dem gerechten Zorn des Herrn im Bunde?

Die Sintflut sieht Noah als gerechten Zorn Gottes. Doch Japhet fragt rebellisch:

Gehen Raserei und Recht denselben Pfad?
(teilweise nach englische Version, S. 250)

Er hinterfragt da die Gerechtigkeit des Allmächtigen. Und was macht ein Patriarch, dem dessen System hinterfragt wird, er droht:

Gottloser, der du jetzt noch lästernd murrest!

Hier schaltet sich der Erzengel Raphael ein. Dass Japhet, der Sohn Noahs überleben soll, ist vorherbestimmt. Raphael meint, wenn Japhet der jugendlichen Sturm-und-Drang-Zeit entronnen ist, wird er ein Patriarch wie Noah sein.

Aholibama meint angesichts der vernichtenden Flut hoffnungslos:

Die Stürme nahn! Himmel und Erde drohn verbündet die Vernichtung alles Lebens. Und wider des Allmächtigen Throns kämpft unser Arm vergebens.

Doch ihr Geliebter Samiasa weiss es besser:

Jupiter-Mond KallistoAber wir sind mit Euch; wir werden euch zu einem ungestörten Stern tragen, wo du und Anah unser Los teilen sollen. Und wenn du nicht um deine verlorene Erde weinst, wird auch unser verwirkter Himmel vergessen sein. (nach englischer Version, S. 250).

Jupiter-Mond Kallisto aufgenommen
von Voyager 2 aus wikimedia.com

Die Engel wollen die beiden Mädchen mitnehmen auf einen friedlichen Stern, wo Samiasa und Azaziel mit ihnen ihr Schicksal teilen wollen.

Über die verlorene Erde und den strafenden Himmel sollen sie nicht weinen, denn das ist ein System, das sich mit der Zeit selber vernichtet. Ich denke, das ist die Kernaussage der Geschichte.

Auch Azaziel muss seine Anah, die über das väterliche Zelt und die Herden trauert, trösten:

Dein Seraph - Fürchte nichts. Verbannt vom Himmel werde unser Haupt, doch vieles bleibt uns, was uns keiner raubt.

Worauf der Erzengel Raphael nur Drohungen und Verwünschungen übrig lässt:

Rebell! Dein Wort ist gottlos, wie fortan machtlos dein Arm. Das Schwert des Strafgerichts, das einst den Erstgeborenen trieb aus Eden, flammt in der Cherubs Hand noch heute!

Le ravissement de PsychéRaphael droht den Engeln mit dem flammenden Schwert des Cherubs vor dem Tor des Paradieses. – Lächerlich! meint Azaziel, der kann doch einem Engel nichts anhaben. Dann fliegen Samiasa und Azaziel mit den beiden Mädchen weg Richtung fernen friedlichen Stern.

Le ravissement de Psyché von William-Adolphe Bouguereau

3. Szene (E): Die Sterbenden

Während nun Japhet um Anah trauert, rufen Sterbliche ihn um Hilfe an:

Oh Sohn des Noahs! Hilf, o hilf uns Armen! Willst du uns so verlassen? Hab Erbarmen! Willst du allein in sicherer Arche schweben, indes die Elemente im Kampfe sind?

Und eine Mutter fleht Japhet an, wenigstens ihren kleinen Sohn mitzunehmen. Sie fragt sich auch, weshalb sich Erde und Hölle auftun müssen zu ihrem und ihres Sohnes Grab (185, engl. S. 254). Wenn Japhet das Kind nicht rettet, soll er und sein Schöpfer verflucht sein.

Darauf antwortet Japhet typisch patriarchalisch:

Schweig! Statt zu fluchen sollt ihr Gnad erflehen!

Gnade erflehen soll sie? – ja, aber das macht sie doch die ganze Zeit - vergeblich. Das sieht auch der Chor der Sterblichen so:

Um Gnade flehn? Und wen soll unser Schrei erreichen? o die geschwollene Wolke niederhängt und birst am Firmament, und brausend das Weltmeer seine Dämme sprengt bis selbst die Wüste keinen Durst mehr kennt?

Verflucht sei ER, der dich und deinen Vater schuf! Vergebens wohl ist unsres Fluches Ruf. Doch da sein Grimm uns heimgesucht, weshalb noch sollen wir für Ihn, der kein Erbarmen hat, beten und knien, um doch verdammt zu sein?

Der Chor sagt nun das, was die Engel vorhin angetönt haben.

Wenn Er die Welt schuf, sei die Schmach auch Sein, der sie zur Qual schuf! – Seht, sie nahn, die grausen Gewässer nahen mit Gewalt, und die Natur verstummt vor ihrem Brausen.

Wenn der Allmächtige diese Welt erschuf, dann gereicht ihre Zerstörung auch konsequenterweise zu seinem eigenen Schmach. Dabei sehen die Sterblichen auch, wie die Wälder, die Haine, wo Eva dem Adam Wissen lehrte und wo Gott Adam den ersten Psalm seiner Knechtschaft einprügelte, in den Fluten versinken.

'Hiob' von Gerhard Mrcks (1957

Die Verfluchung erinnert an Hiob. Dem Hiob wurden sein ganzes Hab und Gut vernichtet und seine Kinder getötet. Hiob selber sitzt im Elend. Was Hiob nicht weiss ist, dass Gott mit Satan eine Wette um die Treue Hiobs abgeschlossen und deshalb Hiob ins Verderben gestossen hat (Hiob 1f.). So sagt Gott im zweiten Zusammentreffen mit Satan:

Und noch immer hält er sich schuldlos, du aber hast mich gegen ihn aufgereizt, ihn ohne Grund zu verderben (Hiob 2,3).

'Hiob' von Gerhard Marcks (1957), aus wikimedia.com

In seinem Elend klagt Hiob Gott wegen diesem Unrecht an. Dies geht soweit, dass Hiob Gott einen Verbrecher nennt:

In die Hand eines Frevlers ist die Erde gegeben, das Gesicht ihrer Richter verhüllt er.(Hiob 9,24, vgl. Othmar Keel, Jahwes Entgegnung an Ijob, S. 126)

Im Gedicht «Himmel und Erde» schaut der Chor der Sterblichen vergeblich zum Himmel. Dann rufen sie Japhet höhnisch zu, er solle fliehen:

Flieh! Sohn Noahs, und pflege der Ruhe im dir gewährten Meereszelt, und wenn die Leichen deiner Jugendwelt rings schwimmen auf dem Wasserfeld, dann sende Dank und Loblied du Jehovas zu! (S. 185f.
engl. Version, S. 255).

Ein anderer Sterblicher lobt Gott:

Selig sind die Toten, die im Herrn entschlafen!

Dieser Satz stammt aus der Johannes Offenbarung 14,13: da geht es um die Verfolgung der Christen, die im Tod zur Auferstehung gelangen. Danach sind die hier Sterbenden die Erlösten.

Und weiter sagt der Sterbliche:

Und ob die Flut über das Erdreich tobt. Er hat es geboten. Sein Name sei gelobt!

Der Satz erinnert an Jesaja 43,2:

Wenn du durch Wasser gehst – ich bin bei dir, und durch Flüsse – sie überfluten nicht, wenn du durch Feuer schreitest, wirst du nicht verbrannt, und die Flamme versengt dich nicht.

Doch immer zahlt jemand die Zeche. So steht in Jesaja 43 weiter:

Denn ich, der Herr, bin Dein Gott, der Heilige Israels, dein Retter. Ägypten habe ich als Lösegeld für dich hingegeben, für dich Kusch und Saba.

Der Sterbliche in «Himmel und Erde» lobt nun Gott, den Allmächtigen in seiner Ganzheit. Gott schafft und zerstört. Genau so beschreibt es auch Deuterojesaja:

Ich bin der Herr und keiner sonst. Der das Licht bildet und die Finsternis schafft, der Heil vollbringt und Unheil schafft (Jes. 45,6f.).

Die Frage der Schuld

Die Frage der Schuld: Da ist einmal Anah, die wegen ihrer Liebe zum Sohn Gottes sich zwar keiner Schuld bewusst ist, aber von Schuldgefühlen geplagt wird, weil sie, die Sterbliche einen Unsterblichen liebt. Beide Mädchen sind sich völlig bewusst, dass sie bloss Staub sind und sterben werden. Japhet weiss, dass er diese Katastrophe überlebt und denkt deshalb über die anderen nach. Die anderen sind die „Gefallenen“, die „Brüder“, die sein Mitleid erregen, aber am Ende überlässt er sie ihrem Schicksal. Sein Vater Noah sieht sich als „Auserwählter Jehovas“, dem nichts Böses passieren kann. Dafür teilt er aus – nachtragend nimmt er die beiden unbescholtenen jungen Frauen für Kains Vergehen in Kollektivhaft. Und sein Urteil ist vernichtend, sie sind „schlimmere Wesen als böse Menschen“.

Keine Schuldgefühle plagen den Noah und deshalb kommt er auch nicht mit den Geistern in Kontakt. Er steht über allem, im gleissenden Licht des Allmächtigen und dessen Engeln. Er steht über der Finsternis, der Hölle, der Sintflut, deren Auswirkungen nun die anderen tragen. Dass er auch nur Staub ist und die Katastrophe hier nur überlebt, ist für ihn kein Thema.

Nach der Lehre von C. G. Jung verdrängt er seinen Schatten. Die Bösen und „die noch schlimmeren Wesen“ sind Projektionen seines eigenen Schattens, Projektionen seines eigenen „Mörderseins“. So hilft er niemanden, sondern droht sogar seinem Sohn mit dem Tod. Er handelt nur für sich und bestenfalls für seine Söhne.

In der Bibel hat Noah zwar nichts mit Geistern zu tun, aber er legt sich nach der Sintflut einen Weinberg an – auf dem Boden der Katastrophe, auf den Gräbern der Verstorbenen und betrinkt sich. So heisst es in I. Mose 9,20f.:

Und Noah, der Ackerbauer, war der Erste, der einen Weinberg pflanzte. Und er trank von dem Wein und wurde betrunken, und er entblösste sich im Innern seines Zeltes.

Noah betrunken

Drunkeness of Noah (ca. 1515) von Giovanni Bellini,
aus wikimedia.com

Mit der Trunkenheit ersäuft er wohl das schauerliche Erlebnis von der Sintflut sowie sein schlechtes Gewissen.

Das Bewusstsein von Japhet ist durchlässig und deshalb diskutiert er mit den Geistern. Die Geister ihrerseits sind nicht böse! Sie sagen nur die Wahrheit etwa, dass Noah ein selbstgefälliger Wurm ist! – Noah und Japhet wurden wohl zufällig vom Allmächtigen zum Überleben auserkoren. Denn der Sterbliche, der Gott verflucht und der andere, der die Ambivalenz Gottes akzeptiert, sind ebenfalls Noahs aber auf der Verliererseite.

Die Geister geben sich dem Japhet auch zu erkennen. Sie waren einst Engel im Zirkel des Allmächtigen, sind aber freiwillig auf die Erde gekommen aus Mitleid mit ihren Freunden (mates, fellows). Auch Anah spricht von den Geistern. Diese sind ihr offenbar früher in freundlichem Wohlwollen begegnet und lehrten sie „Erkenntnis“.

Da einige der Sterblichen eine andere Optik von der allgemeinen Wahrheit haben, dürften auch sie früher diesen Geistern begegnet und von ihnen belehrt worden sein - Belehrungen wie, dass Adam von Eva lernte und Gott ihm, als er ihn aus dem Paradies verstiess, den ersten Psalm beibrachte. Die Geister verkörpern hier den kollektiven Schatten, der die geltende Wertung in Frage stellt und neue Ideen und Erkenntnisse ins Bewusstsein bringen. Wen die Geister als ihre Freunde (mates, fellows: «Freunde, Brüder, Schwestern») bezeichnen, wird nicht gesagt – vielleicht sind es Beziehungen wie die von Samiasa mit Aholibama und Azaziel mit Anah. Dann wären die Geister die Väter der Riesen, die nun mit der Flut untergehen.

Da im Unbewussten oben und unten, Himmel und Erde zusammenfallen, ist auch der „ferne Stern“, von dem Samiasa spricht, identisch mit der Tiefe der Erde. So sieht es auch Japhet. Denn, als er um die „Brüder“ trauert (3. Szene A), sagt er:

Und kann es sein? Soll jener stolze Firn, der wie ein ferner Stern hernieder leuchtet, tief unten in der kochenden Tiefe liegen? (S. 157, engl., S. 216)

Japhet spricht dann von Schlangen inmitten des Schlamms als das Produkt der Verwesten: So manche Schlange wird die Sintflut überleben und durch die dampfende Erde hervorkriechen, aus dem Morast, der zum Monument der Erdkugel wird. Der salzige Sumpf wird zum einzigen Denkmal des undifferenzierten Grabes von Myriaden von Leben (S. 157). Doch dieses Grab ist der Beginn einer neuen Schöpfung. Diese neue Schöpfung korrespondiert mit einem neuen Gottesbild. Denn trotz aller Drohungen hat der Allmächtige keine Macht mehr über seine Engel und keine Autorität vor Japhet.

Empathie

In „Himmel und Erde“ schaut Noah nur für sich. Was ihn interessiert sind nicht die eigenen Abgründe, die sich in seiner Seele auftun sondern vielmehr das gleisende Licht der All-Macht. Anders als sein Vater zeigt Japhet Mitgefühl mit Mensch und Natur und seine Solidarität mit den Menschen geht soweit, dass er selber mit ihnen sterben will:

Sterben! In der Jugend sterben und doch glücklicher sein in diesem Schicksal, als das universelle Grab zu sehen! So bin ich dazu verurteilt, vergeblich zu weinen. Warum, wenn alle umkommen, warum muss ich bleiben? (engl. S. 257f.)

Unter den Sterblichen sind es die vier Frauen, die Mitgefühl und Verantwortung zeigen:

So flehen Anah und Aholibama in Todesgefahr ihre Engel an, zu fliehen und nicht um sie zu trauern. Oder die Mutter, die bei steigendem Wasser den Japhet bittet, wenigstens ihren kleinen Sohn mit in die Arche zu nehmen. Berührend ist eine andere Frau, die erzählt, wie sie am Morgen aus Dankbarkeit für ihr Dasein die Natur segnete:

Als ich zur Klippe stieg diesen Morgen, segnete ich noch den Ort, - Er war so still, so schön! – rings Alles schwieg, - und nun ist Alles fort! Oh, warum hab ich je das Licht der Welt gesehen? (S. 187, engl. Version, S. 250)

Die Katastrophe überleben Egoismus und Selbstherrlichkeit in Gestalt Noahs während sein besinnlicher Sohn Mitleid zeigt und aufgrund seiner Solidarität mit den beiden Schwestern Gott, den Allmächtigen in Frage stellt. Auch die Geister unten und die Engel oben rebellieren gegen Gott und seine Gesetze, die die Menschheit bestraft für böse Taten ihrer Vorfahren. Die Geister sehen in der Katastrophe auch das Versagen des Allmächtigen als Schöpfergott. Und damit verliert er seine Glaubwürdigkeit. Samiasa und Azaziel machen vor, was Verantwortung und Treue bedeutet, so nehmen sie ihre irdischen Frauen mit auf den fernen Stern, wo sie mit ihnen ihr Schicksal («our lot») teilen. Otto Gildemeister übersetzt «our lot» mit «unsere Herrlichkeit», also sie werden mit den jungen Frauen ihre Herrlichkeit teilen.

Das Selbst

Psychologie nach Jolande Jacobi

Im Gedicht ist Japhet die Hauptperson, das heisst die Szenen orientieren sich an seinem Bewusstsein. Und dieses Bewusstsein möchte ich anhand des Yin-Yang-Symbols, wie es Jolande Jacobi darstellt, erläutern:

Nach Jolande Jacobi, 'die Psychologie von C. G. Jung'

Sein Denken orientiert sich an den Werten seines Vaters, an die Gebote und Gesetze des Allmächtigen, zu denen die Bestrafung von Untaten auch nach Generationen gehört (vgl. II. Mose 34). Durch die schöne Anah wird Japhets Intuition belebt und mit dieser auch der Archetyp der Grossen Mutter. Die Faszination der Grossen Mutter führt ihn zur Höhle im Berg Ararats (Wahrnehmung), wo er die Geister trifft. Die Geister stellen seinen und seines Vaters Schatten dar (Introversion). Japhet stellt sich den Geistern und muss erfahren, dass der Mensch so wie sein Vater einer ist, das Paradies auf Erden verwirkt hat und immer wieder verwirken wird. Daran ändert die Sintflut nichts.

Seine Liebe zu Anah belebt auch Japhets Fühlen, das er im Mitgefühl zur bedrohter Natur und zu den gefährdeten Menschen ausdrückt. Damit sind die Bedingungen zu seiner persönlichen Ganzheit erfüllt, einerseits mit seinen Bewusstseinsfunktionen Denken, Wahrnehmen, Intuition und Fühlen als auch durch seine Auseinandersetzung mit unbewussten Inhalten (Introversion) wie Schatten und seiner Anima.

Die sich anbahnende Katastrophe versucht Japhet mit Verstand und Gefühl zu verstehen. Und das ist wichtig, wie C. G. Jung in GW 9 II (S. 32-45) zeigt: Hier betont C. G. Jung, dass das Selbst nicht nur den Intellekt fordert sondern auch die emotionale Wertung. Denn der Intellekt produziert nur Worte, die ohne emotionale Wertung Nichts sind. Ohne emotionale Wertung ist der Intellekt ein Zauberkünstler, der in den Begriffen Inhalte vorgibt, die im entsprechenden Menschen gar nicht vorhanden sind. So plappert der Christ etwa Begriffe nach, die für ihn gar keinen Sinn mehr geben wie etwa «Auferstehung» oder «Gottessohn». Der Glaube an Göttern, Geistern und Dämonen und die adäquate Sprache, darüber zu sprechen, ist uns abhanden gekommen. Für uns existieren sie nicht. Und plötzlich tauchen sie auf, die Dämonen. C. G. Jung nennt das Jahr 1933 (S. 44). Er meint, sie erfassten die Menschen und zogen sie in die Katastrophe.

Diese Sicht gilt auch heute: „Terrorismus“ ist das Schlagwort. Dabei wird die Tatsache verdrängt, dass Jahrzehnte lang Intrigen, Gier und Protektionismus die Ursache von Terroristen sind. Und Terroristen agieren vor allem in muslimischen Ländern, als ob diese Menschen dort unverschuldet unsere Schattenträger sind.

moon and sun

Aus seinem Protest gegen Noahs Gott und angesichts der Katastrophe konstelliert sich im Bewusstsein Japhets ein neues Gottesbild, einerseits ein ideales oben auf dem fernen Stern in der Vierer-Gestalt von Samiasa-Aholibama und Azaziel-Anah. Denn durch die Himmelsfahrt erlangen die beiden jungen Frauen auch Unsterblichkeit.
(vgl. Psyche in 'Amor und Psyche' von Apuleius)

'A moon above a queen dressed in blue,
and a sun above a king' (1582) aus wikimedia.com

Dieses Gottesbild oben wird ergänzt durch das Runde der Erde und ihren Morast aus Myriaden von Opfern als Mahnmal des Zornes Gottes und seinem Scheitern, eine gute Welt zu schaffen. Diese Erkenntnis macht Japhet am Eingang der Höhle, also unter dem Einfluss der Grossen Mutter. An diesem Ort erkennt er auch, dass der ferne Stern und die brodelnde Tiefe der Erde ein und dasselbe ist. Sie gehören zum grossen Weltenrund, das alles umfasst.

Vierheit, Runde und die Schlangen, die Japhet erwähnt, gehören zum Symbol der Ganzheit, die C. G. Jung in GW 9 II (S. 238-280) aus zahlreichen philosophischen und alchemistischen Texten belegt, in denen diese Symbole unter der hermaphroditischen Gestalt Mercurius zusammengefasst sind. Anderst sieht es Erich Neumann. Für ihn ist das Grosse Runde Symbol der Grossen Mutter.(Erich Neumann, 'die Grosse Mutter – eine Phänomenologie der weiblichen Gestaltungen des Unbewussten'

Hawwah-Abba

Es gibt auch Theologinnen, die sich mit der Vierer-Gestalt Gottes auseinandergesetzt haben. Da geht es einmal um Eva, hebräisch Chawjah (חַוָּה), die eigentlich die altorientalische Göttin Heba(t) meint*. Josephine Schreier* schreibt: In Ch-W-J-H ist Ch das Mutterzeichen, H das Tochterzeichen, während W-J das himmlische und das irdische Männliche symbolisieren. Aber auch das auf griechisch geschriebene aramäische Wort Abba für «Väterchen», wie Jesus seinen Gott nannte, hat nach Christa Mulack* symbolischen Charakter, wobei A(lpha) ein männliches, B(eta) ein weibliches Zeichen ist. Christa Mulack sieht darin einen Gott, der seine Weiblichkeit integriert hat. Ich setze beide Wörter zu einem Symbol der Ganzheit zusammen, wobei das Weibliche das Männliche in sich integriert hat und das Männliche das Weibliche.

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Text und Design: Esther Keller-Stocker (Schweiz)
Leicht revidiert im Dezember 2017; Email