Aufsätze zu einer ganzheitlichen Theologie

von Esther Keller-Stocker

Marie E. P. König

Kapitel VI: Eine geistige Entwicklungssicht im Spiegel der Felsbilder von Valcamonica

1. Geistiges Erbe

Wie in vielen Kulturprovinzen, so gibt es auch in Valcamonica das Symbol des Beiles. Das Dreieck gehörte schon zum paläolithischen Kulturgut und wurde überliefert. Fordert es vielleicht an vielen Orten zum Vergleich mit der Beilklinge heraus, so dass sie durch direkten oder indirekten Kontakt Allgemeingut werden konnte? Diese Frage wird wohl offenbleiben müssen. Während auf vielen Felsen in Valcamonica Beile dargestellt sind, spielte auf dem Kultplatz in Cemmo dieses Symbol des Beiles, wie Grösse und Stellung beweisen, wohl eine überragende Rolle.

Vom hohen Bergmassiv des Monte Concarena (2549 m) sind zwei mächtige Schieferblöcke abgestürzt und ins Tal gerollt, sie blieben in einer Schlucht. bei dem Dürfchen Demmo liegen. Sie wurden bearbeitet, je auf einer Seite mit Petroglyphn versehen und durch megalithische Mäuerchen verbunden. In dieser Talmulde, tief im Erdreich versunken, liegen sie noch heute.

Menschen

Auf der Felsplatte sind grosse Dolche dargestellt. Ihre Klinge ist dreieckig, der Griff hat einen halbmondförmigen Abschluss. Wie die dreieckige Beilklinge, so könnte auch das Dolchblatt den Hinweis auf die Lunarsymbolik bringen, die durch die gebogene Form des Griffes ebenfalls angedeutet wird. Viele verschiedene Bilder konnten der gleichen Idee entsprechend und erlaubten, wie mit vielen Zungen die Gestirne zu verehren.

In kleinerem Masstab folgen Tierbilder, manche von ihnen mit grossen gebogenen Hörnern, ausserdem weitere dreieckige Dolche mit mondförmigem Griff.

Beil

Darstellungen auf dem dreieckigen Felsblock von Demmo, Dolche und stilisierte menschliche Figuren

Zwischen den Tierbildern stehen kleine menschliche Figuren. Sie haben im Gegensatz zu den Tieren keine körperlichen Volumen sondern sind nur aus Strichen zusammengesetzt. Die Arme stehen ungefähr waagerecht zum Körper, sie bilden mit ihm zusammen ein senkrechtes Kreuz. Durch die Beinspreizung ergibt sich eine dreieckige Form. Es sind keine wirklichen Menschen dargestellt, es könnte die Idee der Sieben sein, die Gestalt gewann. Sie zeigen damit das Weltbild, das sich aus dem Raum- und Zeitordnung zusammensetzt.

Pflug

Darstellung auf dem dreieckigen Felsblock von Cemmo, zwei Stiergefährte, ein Wagen und ein Plug.

An der unteren linken Ecke ist ein dreieckiges Stück aus dem Felsblock herausgebrochen. Neben diesem Loch steht ein Bild für sich allein, das sich wesentlich von den anderen Darstellungen abhebt. Es sind zwei von Stieren gezogene Gespanne dargestellt, ein Wagen und ein Pflug. Die Tiere sind in Seitenansicht gegeben, nur die Köpfe sind so gedreht, dass beide Bogen, die die Hörner bilden, gut zu sehen sind. Sie weisen damit auf ihre Bedeutung als Lunarsymbol.

Der Bauer hat ein neues Sinnbild gefunden, das der Jäger nicht kannte, den Wagen. Man sah jetzt im Mondzyklus die Fahrt des Stierwagens über den Himmel, oder den Weg des Stierpfluges, bei dem die Pflugschar als Mondhorn bedeutsam war. Es ist wieder fraglich, von wo aus diese Idee ihren Siegeszug durch die Geistesgeschichte antrat, denn der Stierpflug steht auch auf dem schwedischen Kultfels von Aspeberget bei Tanum.

Auf beiden Felsen ist die Art der Darstellung schematisch. Das Zeichen wurde viel früher entwickelt und ist hier nur wiederholt. Gleichförmig steht ein Hirsch neben dem anderen, ein Dolch gleicht dem nächsten, unverbunden fällen sie die Fläche.

Eine Ausnahme machen die beiden Gefährte auf dem ersten Felsen. Sie sind aus verschiedenen bekannten Symbolen zusammengesetzt und bringen doch zusammen ein neues Bild. Die Bedeutung der einzelnen Teile bestimmte den Stil der Darstellung. Den Wagenkasten bildet das Viereck, es muss deshalb von oben gesehen werden. Der Ring trug immer den Sinn des Umlaufs.

Auch als Rad durfte er seine Form nicht verlieren und musste hochgeklappt als Rundung neben dem Viereck stehen. Die Deichsel formt das Dreieck, und die lurasymbolischen Stiere bilden die Bespannung. Doch man konnte zu jener Zeit ihre Aussage noch lesen und wusste, dass ein solches aus kosmischer Symbolik zusammengesetztes Gefährt nicht einen gewöhnlichen Bauernwagen darstelle; jeder Teil beschwört die Weltordnung, und so konnte es nur der "Himmelswagen" sein, und als solcher war er gleichbedeutend mit anderen Sinnbildern.

Dieses Gefährt setzt einen Fortschritt der Technik voraus, die Erfindung des Wagens. Die geistige Bewegung verlieh auch der Weltordnung neue Ausdrucksformen. Es gab kein Zurück zu den undifferenzierten Anfängen, aus vielem Bekannten ist etwas Neues geworden. Wieder versuchte man, die Differenzierungen zu überwinden und dem Weltbild einheitliche Züge zu verleihen, und dort setzt das Neue die geistigen Leistungen aller vorhergehenden Generationen voraus. Mit diesem "Himmelswagen" deuten sich neue Denk- und Ausdrucksformen an. Es ist der Aufbruch in eine neue Zeit.

Bis jetzt wurde an einzelnen Beispielen das geistige Erbe verfolgt, das auf den Felsen von Valcamonica zum Ausdruck kam. Nun müssen wir nach den geistigen Fortschritten suchen, die sich hier abzeichnen.

2. Geistiger Zuwachs

An die graphisch dargestellte Weltformel der Megalithzeit knüpfte man in Valcamonica an. Das Labyrinth auf dem Felsen von Naquane zeigte schon, wie bedeutungsvoll die Abseite der Welt, das Jenseits, war, das man immer mit der Existenzfrage verknüpfte. Es scheint, dass man sich in Valcamonica darum bemühte, die Aussage der graphischen Darstellung der Weltbilder entsprechend zu erweitern.

Diese Aufgabe wurde in Angriff genommen. Es gab noch kein fertiges Schema, es musste gefunden werden. Wie man mit dem Gedanken gerungen hat, zeigen die vielen Variationen, die auf dem Felsen Naquane zu finden sind. In ihnen zeigen sich die Spuren der geistigen Entwicklung. Drei Typen sind zu unterscheiden:

Der erste Typ lehnte sich noch an das angeführte Vorbild der Megalithzeit an. Der Bogen mit den Strahlen blieb erhalten, doch das Viereck wurde verändert. Man konnte es sich in vier Vierecke unterteilt denken, und es entstanden zwei obere und zwei untere Vierecke. Letztere wurden schmaler, dafür länger dargestellt. Im Gegensatz zur oberen Wölbung streckte sich die Figur sozusagen in die Tiefe. Neu hinzugetreten ist die Mittellinie, die den Zenit mit dem Nadir verbindet, also den höchsten und tiefsten Punkt des Ideogramms.

Strahlen

Ideogramme auf Felsen von Naquane, Valcamonica

Wie ein anderes Modell zeigt, straffte sich die Figur durch die bestimmende Mittellinie immer mehr. Auch in den unteren Vierecken stehen senkrechte Linien. Die Wölbung erhebt sich im Kulminationspunkt zur Spitze, die durch zwei Bogen wie durch Hörner gekrönt ist. Der Himmelsbogen besteht bei dieser Darstellung aus zwei Dreiecken. Der benutzte Fels trug schon ältere Tierbilder, die durch ihren Charakter als Ordnungssymbole durchaus in die Welt des Geistes gehören.

Häuschen mit Strahlen

Ideogramme in gestraffter und verlängerter Form von Felsen bei Nauqane, Valcamonica, Höhe 45 cm.

Die Idee der senkrechten Weltachse wurde im dritten Typ zur Weltsäule. Sie gründet in einem unteren Viereck, das durch feine, sorgfältige Verputzung dunkel erscheint, und sie trägt ein helles Viereck, von dem nur der Umriss gegeben ist. Sie steht damit in der Mittelachse der Welt und zwischen der Polarität von Oberwelt und Unterwelt.

Diese Mittelachse wurde in der nordischen Mythologie zur Weltesche Yggdrasill, dem Baum, der in der Mitte der Welt stand, übernommen. Seine Wurzeln reichten in die Unterwelt und seine Zweige in den Himmel, und dort lebten die vier "Hirsche", das Sternbild.

Die Idee der Mittelachse der Welt als tragende Säule wurde in etruskischen Gräbern in Stein ausgeführt. In der Tomba della Pietrera bei Vetulonia steht im Zentrum der Grabkammer ein Steinpfeiler und trägt die Mittelplatte der Wölfbung.

Häuschen

Ideogramm mit säulenförmiger Basis, auf Felsen von Naquane

Die mittlere Weltachse wurde bei den Ideogrammen der Megalithzeit nicht angegeben; es ist ein Fortschritt, dass ihr in Valcamonica besonders Ausdruck verliehen und die Welt hier in ihren zwei polaren Teilen, der Ober- und Unterwelt, prägnanter dargestellt wurde.

Auch der von Strahlen umgebene obere Teil des megalithischen Ideogrammes wurde allmählich verändert. Diese Umwandlung ist nur verständlich, wenn wir die Bedeutung des Bogens als Aufriss des Himmels annehmen. Der Himmel ruhte auf den vier Kardinalpunkten. Im Aufriss gesehen, können davon nur zwei in Erscheinung treten, so wie bei dem Ideogramm in Naquane nur zwei grosse Punkte am "Grunde" des Himmels zu erkennen sind. Von den Kardinalpunkten gehen die Weltachsen aus, die sich im Mittelpunkt kreuzen. Um diesen bedeutungsvollen Gedanken unversehrt sichtbar zu machen, wurde hier die Sicht von oben verwendet, so dass der Mittelpunkt scheinbar zum Zenit aufrückt. Erhalten sind die Strahlen, aber die einst als Wölbung dargestellte Fläche ist dreieckig.

Im Dreieck erscheint das Grundprinzip der Zeitordnung, die schon früh zur bunten Palette der Lunarsymbolik entwickelt worden war. Den Zusammenhang zwischen Raum- und Zeitordnung zeigten schon die Megalithbauten. Zum Ideogramm von Grund und Aufriss der Welt gehörten dort Stierbilder, Beile, Hörner und auch Zahlenwerte.

Hier in Naquane wurde die Zeitordnung in das Weltbild eingegliedert, die Wölbung wird zum dreieckigen Giebel, ihn krönen die Hörner. So zeigen diese und ähnliche Weltmodelle in Valcamonica eine Mischung von Tradition und Fortschritt. Dabei entwickelten sich Formen, die äusserlich gesehen einem Giebelhaus gleichen. Die Idee der Welt wandelte sich zu einem auf Säulen ruhenden Welthauses.

Die geistige Welt hatte schon der Jungpaläolithiker durch symbolische Tierbilder belebt; er begann auch damit, anthropomorphe Gestalten zu entwerfen. Diese Tradition wurde in Valcamonica aufgegriffen und fortgesetzt. Die Felsbilder zeigen, dass man von den alten Ideogrammen ausging. Der Leib ist meist viereckig, es gibt auch Gestalten, bei denen das Viereck wie in den Kulthöhle der Ile-de-France durch drei Weltachsen geteilt ist. Der Kopf ist rund und trägt keine Gesichtszüge. Die Oberschenkel sind dreieckig, sie werden von Kräften Unterschenkeln getragen, und die Füsse deuten das Schreiten an.

Männchen

Anthropomorphe Figur, der Leib ist ein Viereck mit drei Achsen, vom Felsen Nr. 50
in Naquane

Obwohl Ähnlichkeiten mit Menschen vorhanden sind, wurden keine natürlichen Lebewesen dargestellt. Die Figuren verkörperten die Weltordnung, sie entliehen Teile der menschlichen Figur, um handelnd und wirkend auftreten zu können. Das Viereck, das zum Körper der anthropomorphen Figur wurde, konnte von netzförmig sich kreuzenden Linien überzogen sein.

Bedeutsam war vor allem der rechte Winkel, der im Viereck, aber auch beim Ansatz der Arme und der Beine und durch die Beugung der Unterarme vielfach zum Ausdruck kam. Der rechte Winkel war ältestes Kulturerbe, ihn hatte der Mensch gefunden, der das Linienkreuz zog. Aus der Steigerung dieses Ordnungsprinzips entstanden Figuren, deren ganzer Körper nur noch aus rechten Winkeln bestand. In diesem Sinne ist die Weiterentwicklung zum sogenannten "Knieläufer" zu verstehen, der in Naquane auf dem gleichen Felsen eingepickelt wurde.

Männchen

Menschliche Figur mit viereckigem Körper mit übergrosse Lanze und einen Mondbogen. Felsen Nr. 50 in Naquane

Die meisten Figuren in Naquane personifizieren nicht nur die Raumordnung, sie geben auch die Macht über das Zeitliche durch Attribute kund. Die Lunarsymbolik hatte als Lanze, als Dolch oder Beil Ausdruck gefunden. Diese Symbole wurden wie Waffen in der Hand getragen, und die Form des Schildes konnte den Ausdruck ergänzen. Auf dem grossen Felsen von Naquane steht solch eine Gestalt mit viereckigem Leib, sie trägt die Lanze mit ovaler Spitze in der einen Hand und schwingt mit der anderen den zum Halbmond gebogenen Schild.

Mit der Lunarsymbolik war immer der Glaube an die Kraft zur Regeneration verbunden. Wie auf dem Kultfelsen in Schweden, so wurde auch hier diese Potenz durch das Zeugungsorgan wiedergegeben.

Die anthropomorphe Figur in Naquane hebt sich durch das, was sie vom naturalistisch dargestellten Menschen unterscheidet, über den Rang irdischer Vergänglichkeit hinaus. Sie ist Ordner und Ordnung zugleich, Gesetzgeber und Gesetz, sie war das Mass aller Dinge.

3. Die Anordnung der Weltordnung zum mythischen Bericht

Stilisierte menschliche Figur mit viereckigem Körper und rechteckig gewinkelten Armen, die mit der Lanze einen Hirschen berührt, dahinter ein Hund. Auf dem Mittelteil der "Grossen Felsplatte" in Naquane

Mit dem Auftreten des Menschenbildes trat die bis dahin unsichtbare Macht in Erscheinung, die das Schicksal bestimmte. Sie ist es, die jetzt die Lanze führt. Doch damit scheint das Abbild einer auf die irdische Ebene verlegten Handlung zu sein. Es ist ein Hund gezeigt, der den sterbenden Hirschen treibt, und man denkt an eine Jagdszene. Dazu passt indessen der Jägers nicht. Sein rechteckiger Körper und der betont rechtwinklig gehaltenen Arme offenbart ihn als Gesetzgeber.

Als Abbild der kosmischen Ordnung müssen deshalb auch der gehetzte Hirsch verstanden werden. Der Eingeweihte kannte und tradierte ihre Bedeutung. Er wusste, dass der Sternhimmel des Sommers zur Zeit der Äquinoktialstürme versinkt und deutete das Brausen der Winde als die "wilde Jagd". Aus der Überlieferung kennen wir diesen Mythos noch.

Der "wilde Jäger" hat auf einem anderen Bild eine Lanze mit doppelter Spitze in der Hand. Sie zielt auf den Mond und auf die Hirsche, beide müssen "sterben" (Abb. 293). Die Gestalt des Jägers ist nach dem überlieferten Schema dargestellt, er ist also kein gewöhnlicher Sterblicher. Es ist die Ordnungsmacht wiedergegeben, die den Zyklus des Mondes und der Gestirne bestimmte. Es ist eine Allmacht gemeint, die Tod und Regeneration schickte.

Diese anthropomorphe Gestalt steht oft im Zusammenhang mit einem Pferd. Wahrscheinlich sah schon der Jungpaläolithiker in der flatternden Mähne des Tieres die Strahlen der Sonne. In Naquane ist der Machthaber oft stehend auf dem Rücken des Tieres dargestellt, denn auch das Tageslicht unterstand den kosmischen Gesetzen. Er ist in Vordersicht wiedergegeben, weil die Bedeutung der einzelnen Teile seiner Gestalt gezeigt werden sollte, während das Tier in Seitenansicht dargestellt ist.

Der überirdische Machthaber und das Pferd konnten zu einer Figur verschmelzen, zum "Reiter". Es ist ein Schritt zur Naturnähe, die einen Verlust an Symbolwert bringt. Wer allerdings die Darstellung in Naquane genauer betrachtet, erkennt, dass die Gestalt auf dem Pferd viereckig ist.

Jäger

Stilisierte menschliche Figur mit viereckigem Körper, rechteckig gewinkelten Armen. Zeugungsorgan und mondförmigem Schild, der mit der einen Spitze seiner Lanze auf den Mond zielt, mit der anderen Spitze die Hirsche verfolgt. Auf dem Mittelteil der "Grossen Felsplatte" in Naquane

Die ostkeltischen Münzbilder gingen vom antiken Vorbild aus, das einen Jüngling zu Pferde zeigt. Da die Kelten den griechischen Mythos nicht kannten, sahen sie darin nur eine alltägliche Szene. Sie wollten aber kosmische Wahrheiten darstellen und veränderten auf ihrer Einprägung entsprechend das Vorbild.

Den Raum des keltischen Münzbildes füllt dann das Sonnenpferd. Als Kennzeichen steht an seinem Kopf wie ein Auge ein Ring mit Mittelpunkt. Dieses Zeichen ist aus vielen Kulturkreisen bekannt. Es gehört zu den Elementen, aus denen sich die Bilderschrift entwickelte und ist ein Bestandteil der grossen Schriftsysteme sowohl im altägyptischen als auch im hethitischen und altchinesischen Kulturkreises und bedeutet "Sonne".

Zum keltischen Sonnenpferd treten als genauere Angaben das Ringkreuz, das Dreieck und der hier nur noch schwach erkennbare viereckige Körper des "Reiters".

Münze

Ostkeltischer Stater aus
Karl Pink "Die Münzprägung der Ostkelten"

Im Paläolithikum hatte das Rätsel des Todes das Denken beherrscht. Es war im Stierbild verdichtet worden. Das Pferd wurde meist in kleinerem Masstab wiedergegeben. Spätere Generationen orientierten sich im Zeitablauf nach der Sonne und fanden das Sonnenjahr. Nun herrscht die lebensbejahende Sonne vor und ihr Symbol war das Pferd. Der lunarsymbolische Stierwagen wurde durch den solarsymbolischen Pferdewagen ergänzt.

4. Der Mythos als unglaubwürdige Wirklichkeit und die Suche nach einem neuen Weltbild

Mit der Personifizierung der Allmacht konnte die Phantasie des Menschen ihre bildschöpferischen Kräfte wieder entfalten, die so lange in der Enthaltsamkeit der Ideogramme gestaut gewesen waren. Der Boden war vorbereitet durch die zu Bildern kombiniere Symbolik, die z.B. durch die Himmelsgefährte, die auf den Felsen in Cemmo, in Naquane eingehauen sind. Zum Gefährt war jetzt der Führer gefunden. Wir sehen, dass auf dem Felsen in Bedolina im Bild ein Lenker den Pflug treibt. Die bedeutungsvolle Aussage der einzelnen Teile ist verblasst, und die Darstellung wirkt wie eine alltägliche Handlung. Dieses Bild erforderte eine - wahrscheinlich mündliche - Erklärung seiner kosmischen Bedeutung. So könnte ein Mythos die Symbolik allmählich ergänzt haben.

Das All ist voller Gegensätze, und daraus liessen sich viele Bilder entwerfen. Jeder konnte z.B. sehen, dass die zunehmende Mondsichel in umgekehrter Richtung wie die abnehmende am Himmel stand. Daraus ergab sich das Bild von zwei gegensätzlich angeordneten Männern, von denen jeder wie einen Schild einen Halbmond in der Hand trug, der nun entsprechend gedreht war. Beide halten die lunarsymbolische Lanze, der eine hebt sie über den Kopf, der andere, im Gegensatz dazu, trägt sie vor den Hüften.

Kampf

aus "Vacamonica, vandalismo"

Da die alte Symbolik vielfach die Form von Waffen angenommen hatte, sei es als Beil, Lanze, Pfeil und Bogen, sah es nun aus, als ob die dargestellten Figuren sich bekämpften. Die Welt war vordem voller Gegensätze, jetzt schien sie voller Kämpfe zu sein. Von Schweden bis ins Valcamonica finden wir solche Paare. Der Betrachter fragte wohl nach der Ursache dieser Kämpfe, und man suchte sie nicht in genetischer Hinsicht, sondern ging von irdischen Konfliktsituationen aus. Damit war eine unerschöpfliche Quelle für die mythische Phantasie gegeben.

Die mythische Denkart kennzeichnet eine bestimmte geistige Entwicklungsschicht. Wie vorher gab es Bilder, aber sie waren nicht wie im Jungpaläolithikum stilisiert und in Form von Bildsymbolen an der Decke der Kultstätte angebracht. Es wurden scheinbar naturwahre Begebenheiten dargestellt. Erhalten blieben dagegen die Grundprinzipien, die das Kulturleben regelten. Als Überlieferung wurden sie beibehalten, aber ihr Ursprung und ihre Bedeutung waren vergessen. Schon Aristoteles fragte sich vergeblich, weshalb religiöse Handlungen dreimal wiederholt wurden, weshalb Theben sieben Tore haben musste.

Erst die griechischen Naturphilosophen verurteilten die Auswüchse des mythischen Denkens. Sie begannen, ein neues Bild vom Kosmos zu entwerfen und leiteten damit eine neue geistige Entwicklungsstufe ein. Diese Zeit wird gern als der Anfang des europäischen Denkens angesehen, im Gegensatz zum mythischen Denken, das unwissenschaftlich, ungeistig und unrealistisch zu sein schien. Weiter als bis zur Mythologie reichte weder das Gedächtnis der Menschheit noch das Zeugnis der Schriftquellen zurück, und man suchte den Anfang der Kultur dort, wo die Schrift begann, also in den orientalischen Hochkulturen, die in Wirklichkeit einer hochentwickelten geistigen Entwicklungsstufe zuzurechnen sind.

Damit verlor unsere Kultur eine Dimension der Tiefe. Wir hatten unseren geschichtlichen Ursprung verloren. Doch inzwischen hat die Erde eine reiche Vergangenheit und zahlreiche grossartige Kultstätten wieder freigegeben, die verschollen waren. Es blieb nicht bei einer vor der Geschichte liegenden Entwicklungsschicht, die nur antike Quellen kannte. Darunter stufen sich noch andere Quellen bis tief in das Paläolithikum hinab. Jede von ihnen setzt die vorhergehende voraus und leitet zur nächsten über. Sie liegen, jede von ihnen, im Spannungsfeld zwischen früher und später. Eine historische Entwicklungsschicht, die aus dem Zusammenhang gerissen ist, bleibt unverständlich, denn es lebt in ihr, wie am Beispiel von Valcamonica gezeigt wurde, immer das Wissen aller früheren Generationen, das die Voraussetzung für den Fortschritt bildet. So ist die Kultur von Valcamonica ein Glied in einer langen Kette der Entwicklung und die letzte Stufe vor dem mythischen Denken.

* E N D E *


Revision: August 2013
Bearbeitet von Esther Keller, Uttwil (Schweiz)