Schreibfeder Liebe Esther!

Ich danke Ihnen für Ihr Mail und dem interessanten Artikel über Moses und dem brennenden Dornbusch.

Da ich kein theologisches Studium sondern nur etwa 2 Jahrzehnte Ökumenische Bibelrunde habe, kann ich Ihre Interpretationen nicht überprüfen. Doch freue ich mich außerordentlich, wie Sie den Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat mit Ihren Interpretationen nachweisen.

Aufgrund meiner Recherchen über die Naturheiligtümer (hl. Berg, Stein, Quelle ...) im Alten Testament konnte ich sehen, dass die Juden dort ebenfalls noch ihre Kulte abhielten. Dabei ging es selten um die Verehrung eines Himmelsgottes, sondern um eine weibliche Gottheit. Der Tempel kam erst nach der Eroberung der (matriarchalen?) Städte.

Zum Thema "vom Weg abweichen":

War dies nicht ein Abweichen vom ursprünglichen matriarchalen Weg?

Für mich ist Sünde meistens ein (Aus)Brechen von Tabus, die für unsere Individuation, fürs Erwachsenwerden, unbedingt erforderlich ist. Wurde nicht auch der große König Salomon aus der "Sünde" des Davids geboren? Musste nicht Mose vom Weg abweichen, um seinen Gott zu finden?

Wenn wir nur dem Gesetz folgen gibt es keine Entwicklung der Menschen. Die Menschen erstarren, so wie wir es vielfach in der katholischen Kirche sehen. Für mich ist die Umkehr immer falsch. Wir können nicht zurückgehen in unserem Leben. Jesus spricht "folget mir nach"! Und auch hier bedeutet es Entwicklung, wenn Christus zu seinen Aposteln sagt "ihr werdet noch größere Wunder vollbringen, als ich es getan habe."

Darum frage ich, wo ist die Entwicklung in der Theologie?

Als Beispiel möchte ich den Mythos von Michael interpretieren.

Im 6. Jh. v. Chr., als die Israeliten in der Babylonischen Gefangenschaft waren, übernahmen sie den Zoroastrischen Mythos des Kampfes zwischen dem Schöpfer alles Guten, Ahura Masda, des Lichts, und dem Bösen Geist Angra Mainju, dem Herrscher der Finsternis (drug). Es waren Mithras mit dem Windgott Vaju, die den dreiköpfigen Drachen des Bösen, Azhi Dahaka, besiegten. Aber der Kampf zwischen Gut (ahura) und Böse (daeva), Licht und Finsternis, konnte niemals entschieden werden, denn genau dieser Streit war die Hauptquelle des Lebens.

Im Alten Testament war der Satan ursprünglich einer der Gottessöhne, ein Daimon, der z.B. den braven Hiob prüfen darf. Und erst in den späteren Rabbinischen Schriften wird Satan (gr. diabolos) unter iranischem Einfluss zum gefallenem Engel (Satanael) des Bösen, der von Michael bekämpft und in das Reich der Finsternis verbannt wird. Ähnlich wie in den zoroastrischen Mythen wird auch im Judentum die Macht des Bösen erst im endzeitlichen Kampf endgültig vernichtet werden. Das Christentum übernimmt diesen Mythos von Satan oder Teufel, dem manifestiertem Bösen an sich, das mit Hilfe Michaels bekämpft werden muss. Es ist der Kampf von Gut und Bös, von Licht gegen die Finsternis

Die nächste Entwicklung wurde von C. G. Jung geprägt, wo er empfiehlt, unseren Schatten zu integrieren. Nicht mehr der Kampf gegen unsren Schatten, sondern das Dunkle in uns annehmen.

Der heutige Schritt wäre, dass wir in das Dunkle (sündhafte?) in uns und in der Welt Licht bringen. Unsere Liebe kann das Dunkle wandeln.

Bei meiner Arbeit als Lebensraumberater komme ich in Häuser, wo etwas "Dunkles" vorhanden ist, was eine Gesundheitsbelastung oder Schlafstörungen verursacht. Ich löse es im Licht auf und sage den Klienten, warum diese (dunklen) Energien im Haus waren, nämlich um deren Entwicklungsprozess wieder in Gang zu bringen.

Noch ein Wort zum Dornbusch.

Meine Erfahrung ist es, dass manche alte Kultplätze von einem Dornengestrüpp (Brombeeren, Wildrosen, Weißdorn usw.) heute noch geschützt werden. Nur ein/e Berufene/r darf diesen "heiligen Ort" betreten.

Ich kann sehr gut Ihre Interpretation des brennenden Dornbusches als Kultstätte der Vegetationsgöttin annehmen. Doch kenne ich als fühliger Geomant auch das helle Naturheiligtum, wo "Licht" in besonderer Weise auf diesen heiligen Ort einströmt.

Solche Interpretationen, wie Sie sie deutlich in Ihrem Artikel ausführen, ist für mich der rote Faden (= Nabelschnur)der religiösen Ideen - vom Matriarchat über das Patriarchat in das heutige Integrative Bewusstsein.

Mir ist es wichtig, nicht nur das AT und NT exegetisch als Frohbotschaft zu interpretieren, sondern entsprechend dem heutigen Integrativen Bewusstsein weiterzuführen.

Ich hoffe, dass ich Ihnen ein gutes Feedback geben konnte

Und danke Ihnen für Ihre umfangreiche spannende Arbeit.

Herzliche Grüße von Günter Kantilli

Seine Website:

www.geomantie.at

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