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DAS BILD "AUFERSTEHUNG"

1. ANORDNUNG

Im Bild tritt uns das Ereignis der Auferstehung als Dreieck aus dem dunklen Halbrund der Höhle entgegen. Die Höhle erscheint als eine in sich geschlossene, dunkle, verborgene Welt. Das Bild erinnert an die Höhlenmalereien im franko-kantabrischen Raum aus vorgeschichtlicher Zeit.

Symbolisch stellt die Höhle den Mutterleib dar [4]. und ist seit jeher der Rückzugsort des Bewusstseins: Aus dem Berg im Sinnbild des mütterlichen Urschosses wird uns das göttliche Licht geboren.

Das Dreieck ist Zeichen der christlichen Trinität. Doch in diesem Bild erfährt es eine andere Aussage: Das Dreieck symbolisiert die Geburt des Göttlichen, aber nicht als Geburt eines Kindes sondern als Geburt einer Idee. Die Idee wird durch den Auferstandenen dargestellt. Die Idee selber kommt von Maria Magdalena. Es ist ihre Idee. Dabei sind ihre Augen in die Tiefe gerichtet, in die abgründige Finsternis, aus der ihr die Idee vom Auferstandenen aufsteigt.

Auge im Trinität

Das Dreieck der christlichen Trinität hat häufig ein göttliches Auge. In unserem Bild ist es Maria Magdalena, die das Göttliche in der Tiefe des Sarges sieht und den auferstandenen Jesus verkündet. Die Verkündigung erzählt von einer neuen Schöpfung der Grossen Mutter, die ewige Wiedergeburt aus dem Tode, das Ewig Wahre.

Das Bild erinnert auch an den Prolog des Johannes. Dort steht:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Alles ist durch Ihn entstanden, und ohne Ihn entstanden ist nichts von dem, was besteht. In Ihm war das Leben, und das Leben war der Menschen Licht. Und das Licht scheint in der Finsternis, doch die Finsternis hat es nicht angenommen. (Johannes 1,1-5)

Der Prolog orientiert sich an der Idee von "Licht und Finsternis", das im Alten Orient von der persischen Religion übernommen wurde. Dem Licht ist das Gute zugeordnet, der Finsternis das Böse. Beato Angelico gestaltet im späten europäischen Mittelalter Licht und Finsternis in ihrer urtümlichen Art, nämlich das Licht ist aus der Finsternis geboren, aus dem Urschoss der Mutter. Im Gegensatz zum Johannesprolog entspringt hier der lichte Logos dem mütterlichen Urschoss.

Der Auferstandene als Logos ist aber nicht allein. Denn ohne den menschlichen Geist kann er nicht wahrgenommen werden genauso wenig wie die Schöpfung. Und so wird er begleitet von den vier Frauen und dem Engel.

Der Auferstandene erscheint im lichten Gewand wie der Engel. Die Farbe ihrer Gewänder bilden mit der Farbe des Sarges eine Einheit - eine Dreiheit von Mutter und ihren beiden himmlischen Söhnen, dem Auferstandenen und dem Engel. Der Sarg symbolisiert wie die Höhle den verschlingenden und wiedergebärenden Aspekt der Grossen Mutter. Maria Magdalena, die über dem Sarg steht, repräsentiert den menschlichen Aspekt der Grossen Mutter. Maria Magdalena vertritt auch den Geist-Aspekt dieses Archetyps. Sie ist die Inkarnation der Sophia.

Kreuzigung

Doch diese Frau hat in einem patriarchalem System keinen Platz und wird zum Stein des Anstosses, auch für den Künstler, der in seiner Gesinnung patriarchalisch bleibt. So ist die Höhle nicht Offenbarungsort für Maria Magdalena sondern für Petrus, der am Rande des Bildes kniet. Denn Petrus wird in den Bildern vom Künstler stets ausgezeichnet durch den Stern in seiner Aureole. So schreiben Jutta Held/Norbert Schneider zum Bild „Kreuzigung“:

Bei der Verspottung Christi ist der still in sich gekehrte heilige Dominikus Träger der Vision; dies wird durch einen Stern an seiner Gloriole angedeutet, der ein Zeichen seiner Erleuchtung ist, die er bei seiner Lektüre erfährt[5].

Mit dem Stern in der Aureole bezeichnet der Künstler den Petrus als den Erleuchteten, von dessen Zeugnis das Christentum abhängt. Das Gewand Petri ist die Tracht des Dominikanermönchs. Damit sucht der Künstler Petrus mit dem Ordensgründer Dominikus in Verbindung zu setzen. Letztlich finden wir in Petrus den Künstler selber wieder, der die Vision in seinem Bild wiedergibt. Gegenüber Petrus tritt Maria Magdalena als Seelenbild auf, durch das Petrus zu seiner Erkenntnis kommt. Dabei erscheint sie nach dem platonischen Ideal als die Reine und Schöne, deren Verklärtheit wir sonst in den Marienbildern von Fra Beato Angelico finden.

Trotz der patriarchalen Umdeutung bleibt Maria Magdalena die Trägerin der Gottesidee. In allen Evangelien des Neuen Testaments begegnet sie als erste den Auferstandenen. Der Bibelwissenschaftler Charles Dodd kommentierte anhand Matthäus 28,1-10 das Ereignis wie folgt:

Hier findet sich nichts Naives, vielmehr eine reflektierte, subtile, höchst feinfühlige Annäherung an die Tiefen menschlicher Erfahrung. Diese Geschichte ist nie aus einem gemeinsamen Traditionsbestand hervorgegangen, sie besitzt eine packende Individualität. Anscheinend haben wir nur zwei Alternativen: entweder es handelt sich um eine freie einfallsreiche Komposition, die sich auf die blosse Tradition einer Erscheinung vor Maria Magdalena stützt und die mit der in Mt. 28,9-10 dargestellt verwandt ist, oder aber die Geschichte kam auf höchst eigentümlichem Weg direkt von der Quelle, und der Erzähler stand dieser nah genug, um die Nuancen des ursprünglichen Erlebnisses zu erfassen. es wäre gefährlich, hier dogmatisch zu werden. Die Fähigkeit, psychologische Vorgänge einfallsreich und mit überzeugendem Einblick darzustellen, kann man einem Autor nicht absprechen, dem wir die meisterhaften Charakterrollen von Pontius Pilatus und der Frau aus Samaria verdanken. Ich muss gestehen, dass ich mich auf die Dauer des Gefühls nicht erwehren kann (es kann mehr als ein Gefühl sein), dass diese Perikope auf undefinierbare Weise etwas wie aus erster Hand an sich hat. Sie steht jedenfalls für sich. In den Evangelien gibt es nichts Vergleichbares. Gibt es irgend etwas Vergleichbares in der gesamten antiken Literatur [6]?

Charles Dodd war einer der wenigen Theologen, die im Osterbericht ein historisches Ereignis sieht. Andere Theologen erfahren die Begebenheit als nachträglich arrangierte mythische Erzählung. Doch wer sollte später bei zunehmender Patriarchalisierung der Christengemeinde ein Interesse an einer solchen Nacherzählung gehabt haben?

Auch die Evangelisten bekunden Mühe mit der Tatsache, dass Maria Magdalena als Erste dem Auferstandenen begegnete und geben Petrus den Vorzug. Eine Frau ist für den Mann auch eine Projektion seiner unbewussten Seelenhälfte [7]. Die Frage ist nun, wieweit ein Mann seine weibliche Seelenhälfte in sein Ich-Bewusstsein integriert hat. Je grösser das Gefälle zwischen seinem männlichen Ich und der unbewussten weiblichen Seelenhälfte ist, umso mehr erhält die Frau mythische Züge. Fra Beato Angelico zeigt mit seinem Bild eine differenzierte Darstellung der Frauen.

Der Sarg als Symbol der Grossen Mutter steht auf der Grundlinie des Dreiecks und ist die Bedingung der Auferstehung. Nicht Gott ist es, der Jesus zur Auferstehung verhilft, sondern die Grosse Mutter - Ohne Sarg keine Auferstehung. Nur wer sich dem mütterlichen Todesaspekt aussetzt, wird wiedergeboren [8]. In unserem Bild ist es einzig Maria Magdalena, die in die gähnende Leere schaut, in die unendliche Finsternis des Todes des mütterlichen Urschosses. Im Bild wird ihre Bedeutung unterstrichen, indem sie die Hauptachse zwischen Himmel und Erde darstellt.

Sie steht vor dem Sarg. Man möchte meinen, ihr Gesicht müsse sich verdunkeln. Doch im Gegenteil erstrahlt ihr Antlitz im Licht. Und ihr schneeweisses Kopftuch wird zum leuchtenden Gegenpol der abgründigen Schwärze der Tiefe. Das reine Licht in Weiss wirkt wie ein Prisma, aus dem sich die Gestalt des Auferstandenen erhebt und als Geist über dem Haupte der Maria schwebt. Zusammen bilden der Auferstandenen im Himmel, dem Sarg als Unterwelt und Maria Magdalena den Weltenbaum.

Der Auferstandene gehört zum Sarg wie das Kind zu seiner Mutter. Doch vertritt er auch Gott, der nach judenchristlicher Tradition im Himmel wohnt. Der Himmel ist hier die obere Seite der Höhle, die obere Hälfte des mütterlichen Urschosses. Im Bild ist also nicht im Wahne des Patriarchats die Materie abhängig vom Geist sondern umgekehrt, der Geist von der Materie, der Mutter.

Maria Magdalena und der Auferstandene stellen ein Paar dar, das Urpaar in seiner ewig göttlichen Umarmung. Die Umarmung wird nur sachte durch die Schleifen ihrer Kleider angedeutet. Als Ritus finden wir die Vorstellung von der göttlichen Vereinigung mit den Menschen überall auf der Welt. In altägyptischen Texten wird die rituelle Vereinigung des Gottes Amun mit der Königin zur Zeugung des Pharaos beschrieben [9]. Im Alten Testament wird die Vereinigung von himmlischen Wesen mit einer irdischen Frau zwar negativ beurteilt, doch gibt es auch Erzählungen, wonach Jahwe sich selber mit einer irdischen Frau verbindet und mit ihr den lang ersehnten Auserwählten zeugt [10].Auch im Neuen Testament wird die göttliche Zeugung des Jesuskindes erwähnt [11]. Das Bild von Fra Beato Angelico erzählt uns aber von einer Kopfgeburt - Eine Kopfgeburt, die ganz anders verläuft, als uns etwa von Athene und Ares bekannt ist. Athene und Ares sind nämlich widernatürlich aus dem Kopf des Zeus entsprungen sind. Doch Zeus musste zuerst die Mutter der Kinder, die Göttin Metis, verschlingen, um die Kinder dann aus dem eigenen Kopf zu lassen. Zur gegebenen Zeit musste Zeus sich mit Hilfe Hephaistos den Kopf mit der Axt spalten lassen, damit die Kinder geboren werden konnten. Neben der Gewalt an Metis musste Zeus sich also selber Gewalt antun. Ganz anders in unserem Bild, nicht durch Gewalt und Verbrechen wird der neue Gott geboren, sondern durch die Hingabe eines weiblichen Menschen. In ihrer Hingabe überwindet sie das Grauen des Todes und wird belohnt durch einen neuen göttlichen Inhalt. Dies ereignet sich, wie oft Göttergeburten in der Höhle, im Urschoss der Mutter.

Paulus von Tarsus, der uns die ältesten Schriften des Neuen Testaments lieferte, verdrängte Maria Magdalena als erste Zeugin der Auferstehung ganz bewusst [12], dies, weil in seiner patriarchalen Logik Frauen nicht als Zeugen auftreten können. Bei den Evangelisten Matthäus und Lukas tritt anstelle der Kopfgeburt die Geburt des Jesuskindes. Die Mutter Jesu ersetzt damit die Leistung von Maria Magdalena und verweist die Frauen auf ihren Platz, auf den Platz der Mutter und Gebärerin.

2. ZAHLEN

Die Frauen sind im Bild links angeordnet. Links signalisiert die unbewussten Seite, die unbekannte Seite des Patriarchats. Das Patriarchat orientiert sich an der rechten Seite, an der Petrus kniet. Er ist der einzige, der im Patriarchat als Zeuge gilt. Links, lateinisch sinister, ist gleichbedeutend mit dunkel, unheimlich. Links ist der dunkle Fleck im patriarchalen Bewusstsein, ein Tabu. Doch wie es Sigmund Freud ausdrückt, ist tabu immer auch heilig [13]. Andererseits vertreten die Frauen Menschen - Menschen, die man überall trifft. Sie sind zu viert. Vier ist die Zahl der Ganzheit aber auch die Zahl des kollektiven Unbewussten. Es ist ein anderes Symbol für das Grosse Runde, das sie einerseits in ihrer Gebährfähigkeit biologisch vertreten, andererseits stellen sie die weibliche Ganzheit dar, die als dunkler Bereich aus dem kollektiven Bewusstsein verschwindet [14].

Von der oberen Mitte des Bildes nach rechts sind die drei männlichen Figuren in einer Gerade angeordnet. Im Gegensatz zu den vier Frauen sind zwei der männlichen Figuren Geistgestalten. Die Dreizahl im Bild erinnert an die christliche Trinität von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. Doch auch diese Vorstellung ist hier abgewandelt als Gott, himmlischer Bote und irdischer Zeuge. Die Köpfe der männlichen Gestalten erscheinen als Punkte einer Geraden. Sie symbolisiert die patriarchale Sukzession vom Höchsten zum Tiefsten, vom Auferstandenen über den Engel zu Petrus. Da aber der Höchste aus dem Kopf der Maria Magdalena entspringt, nimmt sie unter den Menschen den höchsten Platz ein.

Wie erwähnt kennzeichnet die Zahl Drei auch die Längsachse in der Mitte des Bildes durch den Sarg, Maria Magdalena und dem Auferstandenen. Die Säule in der Mitte stellt die Weltachse dar, das Zentrum der Welt. Es wurde normalerweise durch einen heiligen Baum dargestellt. In diesem Bild stehen der Auferstandene, Maria Magdalena und der Sarg für den Weltenbaum und sind die eigentliche Trinität [15].

Auf menschlicher Ebene ist Maria Magdalena die Hauptperson. Durch sie erfährt Petrus die Auferstehung. Er schaut auch nur auf sie und ebenso geht eine subtil angeordnete Gerade durch den Körper Maria Magdalenas, den Engel und Petrus. Da diese Gerade durch die Körper geht, repräsentiert sie die Gefühlsebene. Gefühl und Frau bedeutet für den patriarchalen Mann einmal Sexualität, Konflikt und Strafe, andererseits verkörpert die Frau die visionär begabte weibliche Seelenhälfte des Mannes und berührt ihn aus ihrer Sicht. So standen prophetisch begabte Frauen schon immer am Anfang einer Neuorientierung an der Spitze der Bewegung.

Doch die Zahl Drei kommt im Bild auch in anderer Kombination vor. So ist die Gesamtheit des lichten Teiles des Bildes als Dreieck angeordnet. Das Dreieck repräsentiert die Offenbarung der Grossen Mutter und die Geburt ihres Sohnes. In diesem Sinne erinnert das Bild an das Fruchtbarkeitssymbol der altorientalischer Muttergottheit.

Amulette der Grossen MutterDie beiden im neben stehenden Bild angefügten Amulette zeigen die Fruchtbarkeitssymbole, in denen die Aspekte der Grossen Mutter, Gesicht, Brüste und Scham eingeritzt sind.
Aus Othmar Keel, Christoph Uelinger: Göttinnen, Götter und Gottessymbole, S. 63, Abb. 48, 49.

Das Dreieck im Bild von Fra Giovanni ist weit differenzierter als die altorientalischen Abbildungen. Im Zentrum steht der Geistaspekt der Grossen Mutter. Dieser ist auch in den Amuletten wahrnehmbar durch den Kopf der Aschera, aber die Betonung liegt in der primären Fruchtbarkeitssymbolik. Im Bild von Fra Beato Angelico ist die primäre Fruchtbarkeit der Frauen zwar auch offensichtlich, aber der Geistaspekt wird betont, in seiner höchsten Vollendung durch Maria Magdalena in der Vereinigung mit dem Auferstandenen und durch die drei Frauen und ihren Bezug zum Engel, ihrem Animus, von dem sie die Botschaft erhalten. Die Teilhabe der drei Frauen kann so verstanden werden, dass alle Menschen auf ihre Weise von der Frohen Botschaft erfahren.

Alle weiblichen und männlichen Gestalten zusammengezählt, ergibt die Zahl 7. Die Zahl Sieben hat eine Sonderstellung: Die sieben Zwerge hinter den sieben Bergen bei Schnweewitchen, die sieben Weltwunder, die sieben Tage einer Woche, die Erschaffung der Welt in sieben Tagen im biblischen Schöpfungsbericht und ein Geheimnis hat 7 Siegel (Offenb. 5,5) usw. Drei steht für Geist und Seele, vier für Körper, der nach antiker Anschauung aus der Kombination der vier Elemente hervorgeht: Erde, Wasser, Feuer und Luft. Nach Augustinus stand die Zahl der Totalität, für universitas (Gesamtheit, Weltall) und perfectio (Vollkommenheit). Diese Totalität liegt hier in der Höhle, im göttlichen Mutterschoss begründet[16].Erich Neumann bringt die Zahl Sieben in Verbindung mit dem Mondhelden. Osiris war ursprünglich ein Mondheld und in der Unterwelt eng mit der Grossen Mutter verbunden [17].

3. WENN HÄNDE SPRECHEN

Betrachtet man die Hände der einzelnen Figuren, so fällt auf, dass die drei Frauen neben Maria Magdalena ihre Kleider oder das Salböl festhalten. Ganz anders Maria Magdalena: Um den toten Jesus zu finden, überwindet sie Angst und Schrecken und berührt mit der einen Hand den Sarg, die andere Hand hält sie an die Stirn. Man weiss nicht, will sie die tiefsten Winkel ergründen oder sich des ihr entgegenschlagenden Lichtes erwehren. Auf alle Fälle sind ihre Hände frei. Die Situation der abgebildeten Frauen erinnert an das Gleichnis der zehn weisen und törichten Jungfrauen, die dem Bräutigam nachts entgegenkommen:

Dann wird das Reich der Himmel zehn Jungfrauen gleich sein, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen. Fünf aber von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nämlich nahmen ihre Lampen und nahmen kein Öl mit sich. Die klugen dagegen nahmen ausser ihren Lampen Öl in ihren Gefässen mit. Doch als der Bräutigam ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Mitten in der Nacht aber erscholl ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam! Gehet hinaus ihm entgegen! Da erwachten alle jene Jungfrauen und schmückten ihre Lampen. Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebet uns von eurem Öl, denn unsere Lampen verlöschen! Da antworteten die klugen: Es möchte für uns und für euch nicht reichen; gehet vielmehr zu den Krämern und kaufet euch! Während sie aber hingingen, um zu kaufen, kam der Bräutigam; und die welche bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Türe wurde verschlossen. Später kamen dann auch die übrigen Jungfrauen und sagten: Herr, Herr, öffne uns! Er aber antwortete und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde. (Matt. 25,1-13)

Unser Bild scheint diesem Gleichnis eine neue Interpretation zu geben. So stellt die Grabeshöhle das Himmelreich dar. Die bei Matthäus erwähnten weisen Jungfrauen werden hier im Bild zu törichten, weil sie pflichtbewusst die vollen Öldosen bei sich tragen, um sich an ihnen festzuhalten, während Maria Magdalena diese Pflicht vergass? Und trotz oder gerade wegen diesem Mangel ist sie als einzige dem himmlischen Bräutigam nahe. Nichts in den Händen hat auch der Mönch. Demütig kniet er am Boden, die Hände über die Brust gelegt und schaut auf Maria Magdalena. Seine Hände sind genauso gefaltet wie es der Künstler in einem anderen Bild, dem Bild „die Verkündigung“ anbringt. Dort faltet Maria die Mutter Gottes als Zeichen des Gehorsams und der Demut genauso ergeben die Hande vor der Brust.

Die Verkündigung

Im Bild "die Verkündigung" empfängt die Mutter Gottes wie die drei Frauen am Grab vom göttlichen Boten die frohe Botschaft ihrer Empfängnis. Ganz anders Petrus, er erhält die Botschaft nicht von einem göttlichen Gesandten und auch nicht vom Auferstandenen selber, sondern von Maria Magdalena.

Petrus kniet da in seiner Mönchstracht, aussen der schwarze Mantel, darunter das helles Hemd. Das Hemd erinnert an das Gewand der zwei himmlischen Gestalten. Die Hemden der Geistgestalten erscheinen wie aus Marmor gemeisselt, aus Marmor wie der Sarg.

Marmor entsteht durch metamorphe Umwandlung von Kalksteinen, Dolomiten und anderen carbonatreichen Gesteinen unter Einfluss von hohen Druck und hoher Temperatur infolge hoher Sedimentsauflast und/oder tecktonischer Versenkung oder durch Aufzeitung im Kontakt mit Gesteinsschmelze [18].

Marmor steht für Alter, Schönheit und Dauerhaftigkeit. Die Entstehung des Marmors weist auf Kampf und harte Arbeit. Marmor ist Stein, kalt und hart. Als Symbol ist es ewig und weckt im Menschen starke Gefühle, die in Liebe oder im Krieg ausgetragen werden. Der Weg der Erkenntnis ist steinig, das Erbe reich. Marmor steht auch für Sturheit und für falsche Meinung. Man wähnt sich am Ziel, doch der Weg ist hart und weit [19].

Petrus

Das Hellste im ganzen Bild ist wie gesagt das Kopftuch der Maria Magdalena. Es ist die eigentliche Provokation des Bildes, denn Maria Magdalena ist hier das eigentliche Oberhaupt der Kirche. Das hell marmor wirkende Gewand unter dem Mantel Petri widerspiegelt dagegen die traditionelle Kirche, die patriarchalen Prinzipien, die Dogmen und den Tod.

 

engelNun zum göttlichen Boten: Der Engel sitzt im theatralischen Gehabe auf dem Sarg und doziert den Frauen durch seiner Hände unterstützt das grosse Ereignis. Seine Haltung, seine Flügel verkünden Dynamik. Doch in seiner marmorn hellen Gestalt sieht er dem Sarg ähnlich, ist Stein - uralt, kalt und beständig, ein ewiges Symbol. Er ist eine typische Animusfigur. Als solcher verkörpert er die patriarchale Realität der Frauen, aber auch ihre geheimsten Wünschen. Jung, hübsch und akademisch gelehrt ist er. Seine Erotik verhüllt er im reichen Gewand, nur eine Spitze seines Fusses lugt hervor. Seine Füsschen sind in rote Pantöffelchen gehüllt, sie haben etwas Schlangenhaftes. Denkt man an die Schlange, die Eva im Paradies begegnete, so ist hier das Schlangenhafte zurückgebildet. Es ist ein Signal des Verbotenen und Sündhaften.  So bekommen die Frauen das Füsschen gar nicht zu sehen. Und so sitzt er da reich verhüllt wie die Frauen und verkündet in überlegenen Gestik den Frauen das, was Maria Magdalena unmittelbar neben ihnen erfährt.

Auferstandene Im Gegensatz zur weiblichen Weichheit der Engelsgestalt ist der Auferstandene ein Mann. Sein Körper ist natürlich ebenfalls verhüllt, doch sein Leib ist betont hingebungsvoll den Frauen zugewandt. Ein züngelnder Fuss unter dem Gewand hat er gar nicht nötig. Hingabe ist die Botschaft, die er den Frauen verkündet, aber nicht durch Dozieren sondern durch seine leibliche Zuwendung. In der rechten Hand hält er den Hirtenstab als Zeichen der Macht. Einer Macht, die den Schwachen vor dem Starken schützt.

MaatIn der linken Hand hält er die grüne Feder, die Feder der Maat, der altägyptischen Weisheits- und Gerechtigkeitsgöttin. Einst war sie die mächtige Göttin der kosmischen Weltordnung, zu dessen Träger der Auferstandene nun geworden ist. Die grüne Farbe der Feder lässt aber auch an Osiris denken, dem grünen Gott, in dessen Tod Leben und Fruchtbarkeit entsteht. Die grüne Farbe findet sich wieder in den Kleidern der Frauen und signalisiert ihre fruchtbare Verbindung zum ewigen Gott.

Angaben

  1. Erich Neumann, die Grosse Mutter, S.56f.; Vgl. auch Marija Gimbutas, die Sprache der Göttin, S. 99ff.; Barbara G. Walker, "Das geheime Wissen der Frauen" unter "Höhle" -↑ zurück
  2. Vgl. Jutta Held/Norbert Schneider, Sozialgeschichte der Malerei vom Spätmittelalter bis ins 20. Jahrhundert, S. 148. -↑ zurück
  3. Charles H. Dodd, Die Erscheinungen des auferstandenen Christus, 1957, aus "Zur neutestamentlichen Überlieferung von der Auferstehung Jesu", hrsg. von Paul Hoffmann, S. 297ff. -↑ zurück
  4. Marie-Theres von Franz in „der Mensch und seine Symbole“, S. 177f. -↑ zurück
  5. Erich Neumann, die Grosse Mutter, S. 161 -↑ zurück
  6. Zur Zeugung und Geburt des ägyptischen Pharao "Die Geburt des Gottkönigs" - Studien zur Überlieferung eines altägyptischen Mythos", bearbeitet und kommentiert von Helmut Brunner, 1964 -↑ zurück
  7. Negativ: I. Mose 6,1-4. Positiv: I. Mose 18; Richter 13; I. Samuel 1, vgl. meine Interpretationen zu I. Mose 18 und II. Mose 3 -↑ zurück
  8. Matth. 1,18; Luk. 1,26ff. -↑ zurück
  9. Vgl. meinen Aufsatz „Römer 3,24-26“ -↑ zurück
  10. Sigmund Freud, Traumdeutung, S. 13-↑ zurück
  11. Erich Neumann, die Grosse Mutter, S. 211 -↑ zurück
  12. Mircea Eliade, Die Religionen und das Heilige, S. 431f. -↑ zurück
  13. Manfred Lurker, Die Botschaft der Symbole, S. 308, Wikipedia: Sieben -↑ zurück
  14. Erich Neumann, die Grosse Mutter, S. 177 -↑ zurück
  15. Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Marmor -↑ zurück
  16. Nach Traumdeutung -↑ zurück

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Esther Keller-Stocker, E-Mail
Letzte Revision im Juni 2014