aufsätze zu einer ganzheitlichen theologie

Esther Keller-Stocker

Paulus und
die Frauen am leeren Grab

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Zur Zeit in Bearbeitung

I. Korinther 14,1-8

Im folgenden möchte ich den Gedankengang Paulus in I. Korinther 15 in Kapitel 14 und 11 zurückverfolgen:

In I. Korinther 14 behandelt Paulus das Thema Reden in Zungen und prophetisches Rede: Wer in Zungen redet, spricht nicht zu Menschen sondern zu Gott und dient der eigenen Erbauung. Anders das prophetische Reden, sie spricht zu Menschen, erbaut sie, fördert ihre Einsicht, Wissen und den Glauben (V. 1-6). Apollo Kitharoidos- Dann macht Paulus einen Vergleich mit Musikinstrumenten:

Wenn die leblosen Instrumente, sei es eine Flöte oder eine Leier, wenn die Unterscheidung von Tönen nicht geben ist, wie soll dann erkannt werden, was auf der Flöte oder auf der Leier gespielt wird? (V. 7).

«Flöte» und «Leier» sind hier wohl Metapher für männliche und weibliche Gemeindemitglieder. In den heidnisch-christlichen Gemeinde beteten Frauen und Männer nebeneinander, prophezeien und reden in Zungen.

Aus wikipedia: Apollo Kitharoidos, 2. Jh. n. Chr., um 1766 von Bartolomeo Cavaceppi restauriert, danach durch Agenten von Friedrichs des Grossen erworben.

«Flöte» und «Laier» waren aber auch bekannte Musikinstrumente in den Mysterienkulten, die zu jener Zeit allgegenwärtig waren. Und in den meisten Mysterienkulten waren Frauen den Männern gleichberechtigt. So schreibt Marion Giebel (48):

Die meisten Mysterienkulte zeichneten sich gerade dadurch aus, dass sie keine Schranken des Ranges und Standes, der Abstammung und des Geschlechtes kannten. Freie und Sklaven, Reiche und Arme, Männer und Frauen hatten Zutritt zu ihnen.

Diese Freiheit und Gleichheit kommt auch im Korintherbrief zum Ausdruck. Das heisst aber nicht, dass Paulus sie gutheisst, denn die Gleichheit zwischen den Geschlechtern war für Juden ein Gräuel. Doch als Heidenapostel musste sich Paulus den üblichen Gepflogenheiten anpassen, um die Menschen für sein Evangelium zu gewinnen. Und da waren noch die zahlreichen Frauen, die ihn mit all ihrer ganzen Kraft und Möglichkeiten unterstützten, und auf die er angewiesen war. So verfasste er diesen Brief ja auch wegen «den (Leuten) der Chloë» (I. Kor. 1,11), die ihm Nachricht über die Missstände in Korinth überbracht hatten.

Doch nach «Flöte» und «Laier» in I. Korinther 14,7 kommt ein Satz, der mir zu denen gibt. Da steht:

Und wenn die Posaune ein undeutliches Signal gibt, wer wird dann in den Kampf ziehen? (V. 8)

καὶ γὰρ ἐὰν ἄδηλον σάλπιγξ φωνὴν δῷ, τίς παρασκευάσεται εἰς πόλεμον;

Wieso «in den Kampf ziehen»? – Woher kommt plötzlich diese Aggression? Nachdem er vorher doch versucht hatte, der Gemeinde einfühlsam klar zu machen, sich vor der Gemeindeversammlung verständlich auszudrücken. Und vor dieser Anweisung hat er das «Hohelied der Liebe» (I. Kor. 13) aufgeschrieben, wo es unter anderem heisst:

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles (I. Kor. 13,3-7).

Weshalb also nach «Flöte» (αὐλὸς) und Leier (κιθάρα) (I. Kor. 14,7) plötzlich der Aufruf zum Kampf (V. 8), wenn man doch langmütig und geduldig sein soll – alles weibliche Tugenden. Ich denke, das ist sein Anspruch an die Gemeinde, sie sollen sich so verhalten. Ganz anders Paulus, seine grosse Liebe ist «der Wille zur Macht», der er alles unterordnet.

Was das «Hohelied der Liebe» (I. Kor. 13) betrifft, hat da nicht einmal C. G. Jung geschrieben: «Wer von Liebe spricht, da wird’s gefährlich!» - So ist das Christentum zwar ideologisch die Religion der Liebe, konkret kann sie aber sehr blutrünstig und zerstörerisch sein: wenn man nur an all die Millionen von Schwarzen, Aborigines, Indianer und Juden denkt, die das Christentum auf dem Gewissen hat. Oder die Zerstörung unserer Umwelt, an denen christlich geprägte Staaten massgeblich beteiligt sind. Und jetzt wieder das neue Wettrüsten zwischen Ost und West, zwischen Russland und USA. - Und hier in I. Korinther 14,8 bricht unvermittelt, spontan diese christliche Aggression und Zerstörungswut kurz hervor, die kompensatorisch zum Aufruf von Liebe, Eintracht und Verständigung aus dem Unbewussten hervorbricht. «Zerstören» oder archaisch «fressen» und «gefressen werden» sind im kollektiven Unbewussten genauso verankert wie die «Nächstenliebe», archaisch: Brutinstinkt und elterliche Fürsorge (49). - Und wenn das Christentum ideologisch die Religion der Liebe sein will, dann müsste sie mit diesem Problem adäquat zurechtkommen (50).

«Zur Posaune, die das Signal zum Kampf gibt» (I. Kor. 14,8) muss ich mich fragen: «gegen wen zieht Paulus in den Kampf? In die Schlacht?» - Geht es hier um die Korinther, die sagen:

Wenn aber verkündigt wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige unter euch sagen, es gebe keine Auferstehung der Toten? (I. Kor. 15,12; II. Tim. 2,18)

Da «die Postaune» aber nach der "Harfe" (V. 7) erscheint, dürfte er eher gegen die Frauen gerichtet sein, die in den Versammlungen öffentlich auftreten. Eine versteckte Aggression gegen sie, wie wir sie bei der «Missgeburt» (I. Kor. 15,8) gesehen haben.

Exkurs: Mysterienkulte als Grundlage des Christentums

Ich habe mich immer wieder gefragt, warum die Verkündigung der Auferstehung unter den antiken Menschen einen solchen Zulauf hatte? Es ist so, als ob ein ordentlicher Teil von Griechen wie selbstverständlich das Christentum angenommen hatte. Und für eine solch rasante Entwicklung braucht es eine psychische Grundlage in den Seelen der Menschen. – Antworten fand ich bei Altphilologen, die zeigen, wie das Christentum von den alten griechisch Mysterienkulte stark beeinflusst wurden. So fragte sich schon Richard A. Reitzenstein , ob die Sprache des Neuen Testaments ohne die Mysteriensprache überhaupt zu verstehen sei. Seine Antwort war: Nein und kommentiert:

Eine Entlehnung kultischer Worte aus dem Christentum ins Heidentum sei schwerer denkbar; die Beweislast falle hier allemal dem zu, der die Priorität des Christentums behaupte. ..... Ich füge zur Begründung nur bei, dass wohl die meisten christlichen Schriftsteller etwas von heidnischer Literatur kennen, nur sehr wenig heidnische etwas von christlicher, und dass der Übergang vom Heidentum zum Christentum im allgemeinen häufiger gewesen ist als der vom Christentum zum Heidentum. Bis mir dies als Irrtum erwiesen ist, werde ich kaum von jenen Richtlinien abgehen können und muss die Beweise für die Beeinflussung der heidnischen Mysterien durch das Christentum erwarten (S. 132f.).

Und Frank Teichmann (30) schrieb zum Einfluss der Mysterienkulte:

Die Mysterien gehören zu den vorchristlichen Kulturen wie das Zentrum zur Peripherie, von ihnen strahlte aus, was an Geistigkeit in einer Kultur lebte. Sie wirken gerade noch in die Zeit des frühen Christentums hinein, um auch dort ein erstes Verständnis für den grössten Umschwung aller irdischen Kultur zu erwecken, der durch Christus eingeleitet wurde. Die griechischen Mysterien haben von diesem Ereignis gewusst, sie haben es erwartet, sich darauf vorbereitet und all die geistigen Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, mit denen diejenigen, die eingeweiht waren, das Christus-Ereignis wenigstens ahnungsweise verstehen konnten. Ein Gott, der Mensch ward, kann nur dann verstanden werden, wenn zu dem Erleben des Christus, das viele hatten, auch noch die innere Begrifflichkeit hinzukam, mit der man zu wahren Erkenntnissen gelangen konnte. Und diese hatte die Mysterien in ihrer eigenen Entwicklung nach und nach ausgebildet. - So mündet die Mysteriengeschichte in die christliche Entwicklung ein und ermöglichte den an ihr beteiligten Menschen, ihre eigene Entwicklung allmählich immer besser zu verstehen (S. 25).

Exkurs: Beispiel von «Tibetischem Buddhismus»

Bezüglich hellenistische Vorbedingungen zum Christentum möchte ich versuchen, Ihnen diese psychische Grundlage anhand eines heutigen Beispiels zu erklären. Es geht dabei um die Faszination, die der (tibetische) Buddhismus auf heutige Europäer ausüben kann:

Mein Lehrer in traditioneller chinesischer Medizin hatte ein buddhistisches Zentrum in der Dordogne (Frankreich). Bei der Einweihung des Zentrums 2002 konnten wir an einer 10-tägigen Sterbemeditation teilnehmen. Wir waren etwa 200 Personen, darunter viele Ostdeutsche und Polen. Es war ein Zeremoniell mit Trommeln und viel Gesang, gesungen wurde auf Tibetisch . Damit wir überhaupt wussten, was wir da sangen, war der tibetische Text mit der Übersetzung in der jeweiligen Muttersprache, also Deutsch, Englisch oder Französisch, versehen. Ein Rinpoche lehrte uns über «unser Verhalten im Sterben», also wie wir unser Sterben täglich bewusst sein und üben und uns in der Zeit unseres Ablebens verhalten sollen. Das Ganze war sehr eindrücklich und zum Schluss kam auch noch der Bürgermeister des Ortes samt seiner Familie um zu schnuppern.

Für mich war diese Veranstaltung zwar eindrücklich, doch bin ich wohl zu sehr in unseren europäischen Wurzeln verankert, als das ich etwas mit Buddhismus anfangen kann. Für uns ist es eine fremde, geheimnisvolle Religion mit Trommeln und einer seltenen Sprache, die niemand von uns versteht. Doch irgendwie erinnert die ganze Liturgie an die der katholischen Kirche, und so waren vor allem Ostdeutsche und Polen total begeistert von diesen Zeremonien. Es ist, als ob da verschüttete religiöse Bedürfnisse hochkommen. Doch hier ist nicht mehr von Sünden die Rede sondern von innerer Freiheit, die das Christentum mit seinem Sündenverständnis für viele Teilnehmende nicht zu geben vermag. – Zum christlichen Sündenverständnis: da geht es nicht darum, dass sich die Teilnehmer nicht hinterfragen oder ihre Fehler nicht zugeben könnten – das waren reife erwachsene Menschen, darunter auch Ärztinnen und Ärzte – aber Sünde als kirchliches Machtinstrument lehnen ab. Bei meinen Nachfragen spürte ich, wie tief das Sündenverständnis in den Seelen der Teilnehmenden verankert war – trotz Kommunismus - und ebenso ihren Widerwillen dagegen, der aus tiefstem Herzen kam. - Für Reformierte ist das Thema «Sünde» eigentlich bereits seit der Reformation abgehakt: Jede und Jeder ist sich selber Priester und nur Gott verantwortlich! - also keiner Kirche und deren Kultpersonal.

Zu Beginn der Veranstaltung erhielten wir eine Karte mit dem Bildnis «der Männer fressenden Kali» unten und den «erleuchteten Buddha in himmlischen Gefilden oben». - Für mich stellte diese Karte eine Art Glaubensbekenntnis des tibetischen Buddhismus dar, das uns der Rinpoche vermitteln wollte. Ich interpretierte nach meinem kulturellen Hintergrund: «Weib - Verderben - unten - Tod» - «MANN - heil - Geist - oben - Licht», eigentlich «Mann – oben – abgehoben im Sinne: er hat den Boden unter den Füssen verloren». Für mich geht das gar nicht! Und so habe ich wieder zu Hause dem Lehrer eine Kopie von Beato Angelicos "die Auferstehung" geschickt: Dasselbe Bild, aber völlig anders interpretiert.

Zwei Jahre später ging ich wieder hin, weil mich das Thema «Medizin-Buddha» interessierte. Der Anlass dauerte eine Woche, ein tibetischer Abt hielt uns Vorträge. Na ja! Verstanden habe ich nicht viel. Während einige im Schneidersitz am Boden sassen und selig ihre Gebetskette drehten, befragten andere den tibetischen Abt. – Die Antworten waren für mich schleierhaft. Und so fragte ich mich, ob wohl der kulturelle Unterschied viel zu gross ist, um sich gegenseitig zu verstehen? – Ob die westlichen Sprachen (Deutsch und Französisch, dem Abt wurde auf Englisch übersetzt) geeignet sind, damit sich der Abt richtig ausdrücken konnte. – Auf alle Fälle fehlte mir der geistige, kulturelle Hintergrund, um ihn überhaupt zu verstehen.

 

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