aufsätze zu einer ganzheitlichen theologie

Esther Keller-Stocker

Paulus und die Frauen am Grab

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In Bearbeitung

I. Korinther 15

V. 3-5

Paulus beginnt den Brief mit:

Denn vor allen Dingen (zuerst) habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe

παρέδωκα γὰρ ὑμῖν ἐν πρώτοις, ὃ καὶ παρέλαβον

Paulus schreibt «als erstes». Da hier πρώτοις im Dativ Plural geschrieben ist und nicht im Singular wie an anderen Stellen (9), übersetzt die Zürcher Bibel 2007 „vor allen Dingen“. Paulus betont hier, dass er das Glaubensbekenntnis von anderen empfangen hatte, aber er sagt nicht, von wem und noch weniger, wer diese Botschaft als Erste verkündet hatte. Dann zitiert er die christliche Botschaft:

dass Christus gestorben ist für unsere Sünden (10).
gemäss den Schriften (V. 3b)

Paulus geht von der leiblichen Auferstehung Jesu Christi aus und bezieht sich dabei auf den Gottesknecht im 2. Teil des Jesajabuches, das ein halbes Jahrtausend früher im babylonischen Exil geschrieben wurde. Wer der Gottesknecht war, weiss man heute nicht, wohl der Prophet selber, den wir heute Deuterojesaja nennen (11). Von ihm heisst es:

weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben dafür, dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten. (Jes. 53,11f. vgl.
II. Makk. 7,37f.)

Nach den Evangelien soll sich auch Jesus selber im Lichte des Leidens des Gottesknechts gesehen haben (12). Der Gottesknecht ist eine israelitisch-jüdische Interpretation aus dem Vorstellungsbereich des sterbenden und auferstehenden Vegetationsgottes Tammuz, Dumuzi oder Telipinu.

Paulus schreibt in I. Korinther 15,4 weiter:

dass er begraben wurde, dass er am dritten Tag auferweckt worden ist gemäss den Schriften (V. 4)

Wer kann das Sterben und die Beerdigung Jesu bezeugen? Kephas (Petrus)? Jakobus? Oder die Zwölf? – Nein, die waren nicht da. Nach den Evangelien hatten sich die Jünger Jesu aus Angst vor der jüdischen und römischen Behörde verkrochen. Als Jesus am Kreuz gestorben war, war es der sonst unbekannte Josef, ein angesehener Ratsherr aus Arimathäa, der den Pilatus um den Leichnam Jesu gebeten hatte. Dann hüllte er den toten Jesus in ein frisches Leinentuch und beerdigte ihn - wohl in seinem eigenen vorgesehenen Grab (Mk. 15,43). - Als einzige Anhänger Jesu verfolgten Frauen von weitem den Kreuzestod Jesu und beobachteten auch, wo Jesus begraben wurde. Nach Wilfried Eckey gewährleisteten sie damit die Nachfolge (13).

In I. Korinther 15,5 heisst es:

„Und dass er Kephas erschien und danach den Zwölfen.

καὶ ὅτι ὤφθη Κηφᾷ εἶτα τοῖς δώδεκα·

Dem Kephas erschien der Auferstandene, dann den Zwölfen. – Hier fehlt das Wort πρῶτον „zuerst“. Paulus sagt also nicht ausdrücklich, dass Kephas (Petrus) der erste war, der den Auferstandenen gesehen hatte. Und wenn Paulus schon Kephas erwähnte, wären die anderen eigentlich nur noch 11 Jünger, ohne Judas eigentlich nur noch 10.

Viele Theologen nehmen die hier aufgeführten Jünger und Apostel (I. Kor. 15,5-7) als erste historisch belegten Zeugen der «Auferstehung». So etwa Peter Zöller-Greer (14):

Untersucht man die Frage, woher Paulus dieses Glaubensbekenntnis erhalten hat, so stellt man fest, dass er es wahrscheinlich von Petrus und Jakobus erhalten hat, als er kurz nach seiner Konvertierung (ca. 36-38 n.Ch.) Jerusalem besuchte und sich dort mit den Aposteln traf. Es handelt sich also um Augenzeugen der geschilderten Ereignisse.

Doch Paulus schreibt dies nicht! Hier übernimmt er das traditierte Glaubensbekenntnis, das ausschliesslich die männlichen Jünger als Autoritäten akzeptierte und zu denen sich Paulus anschliessen will (15).

V. 6

Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch leben, einige aber entschlafen sind“ (I. Kor. 15,5-6).

Hier geht es um Macht und Ämter (vgl. Lk. 24,9). Und wo es Ämtchen zu verteilen gibt, sind plötzlich auch noch andere Männer da, die auf einem Schlag einen Auferstandenen gesehen haben wollen - 500 Brüder! - Fünfhundert Männer, die im Neuen Testament sonst nicht belegt sind (16). Eine Massenvision? Paul Wilhelm Schmiedel weist jedenfalls darauf hin, dass es auch nach der Ermordung von Thomas Becket und der Hinrichtung Savonarolas zu solchen Massenvisionen gekommen ist (17). Oder wenn ein römischer Kaiser gestorben war, fanden sich immer Zeugen, die ihn in den Himmel aufsteigen sahen. Darauf wurde der verstorbene Kaiser für «göttlich» erklärt. So schreibt Elias Bickermann (18):

…. wandte man z.B. bei der Konsekration der römischen Kaiser an: ein Zeuge schwur, dass er den Flug des soeben bestatteten Kaisers gen Himmel beobachtet habe. Öfter erscheint aber die erste Art des Beweises; so verkündete Apollo den erfolgten „Aufgang“ des Kaiser Trajan, und ein gewisser M. Lucceius Nepos erschien selbst nach dem Tode dem trostlosen Vater und hiess ihn sich freuen: «quid o me ad sidera coeli ablatum quaereris, desine flere deum».
(S. 271)

Doch dem Paulus genügen auch die «500 Brüder» nicht und fügt nun unerwartet den Kopf der Jerusalemer-Gemeinde hinzu:

V. 7

Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.

Jakobus und alle Apostel haben den Auferstandenen gesehen. Wieso kommt ihm Jakobus, der Bruder des Herrn erst jetzt in den Sinn? – Ja, richtig! - Jakobus, der Bruder des Herrn! - Und auf keinem Fall der andere Jakobus, dessen Mutter am leeren Grab stand (Mk. 16,1).

Jakobus und alle Apostel haben den Auferstandenen gesehen. Wieso kommt ihm Jakobus, der Bruder des Herrn erst jetzt in den Sinn? – Ja, richtig! - Jakobus, der Bruder des Herrn! - Und auf keinem Fall den anderen Jakobus, dessen Mutter am leeren Grab stand (Mk. 16,1). – Denn eigenartig ist es schon, dass dem Paulus Jakobus erst im dritten Anlauf in den Sinn kommt, obwohl Jakobus der Bruder Jesu war und demnach Erbe und Verwalter des «Nachlasses» von Jesus und damit offiziell die wichtigste Person der ersten judenchristlichen Gemeinde in Jerusalem – und dies, ob er jetzt den Auferstandenen gesehen hat oder nicht!

V. 8

Um diesen Frauen auszuweichen schreibt Paulus:

Als letztem von allen wie einer Missgeburt ist er auch mir erschienen.

ἔσχατον δὲ πάντων ὡσπερεὶ τῷ ἐκτρώματι ὤφθη κἀμοί (V. 8)

Nach Christian Wolff meint Paulus mit „als letztem“, dass es nach ihm keine Erscheinung des Auferstandenen mehr gibt und sich somit auch niemand mehr „Apostel“ nennen kann (19). Es ist also ein abschliessendes Machtwort, das auch die ersten Zeugen, genauer Zeuginnen einschliesst. Denn Paulus benennt nirgends den ersten Zeugen. Das bereits erwähnte ἐν πρώτοις (V. 3) ist an die Gemeinde von Korinth gerichtet.

In V. 5-7 erwähnt Paulus dreimal ὤφθη («wurde gesehen», «erschien») für die männlichen Zeugen, die den Auferstandenen gesehen haben wollen. Als letzter fügt sich Paulus als Apostel ebenfalls hinzu. K. H. Rengstorf (20) sieht in dem viermaligen ὤφθη «erschien» den ersten Einbruch hellenistischer Vorstellungen in das Christentum. Denn für das alttestamentlich-jüdische Verständnis ist «Hören» Gottesoffenbarung:

Höre, Israel: Der HERR, unser Gott, ist der einzige HERR
(Dt. 6,4)

Sch’ma Israel: «Höre Jisrael! Adonai ist unser Gott; Adonai ist Eins» (21)

D.h. Paulus übernimmt hier ein von hellenistischen Judenchristen verfestigtes Traditionsgut mit Petrus und den 11 Jünger als apostolisch legitimierten Zeugen und ergänzt sie mit den 500 Brüdern, also "sehr vielen". Darunter fallen wohl auch die Frauen am Grab, die aber aus der Sicht des jüdisch geprägten apostolischen Kreises keinen Anspruch auf ein offizielles Zeugenamt hatten.

Missgeburt

Aber weshalb bezeichnet Paulus sich «wie einer Missgeburt»? Wie einen nicht lebensfähigen Neugeborenen» (21)? Warum schiebt sich da – hoch emotional - nach der Nennung einer Reihe Autoritäten - indirekt ein typisch weibliches Bild «Mutter» hinein, das sich wie «Gnade Gottes» am männlichen Ich orientiert «Missgeburt»? – Indirekt bricht da hoch emotional die «Mutter» aus Paulus heraus und verknüpft mit ihr auch eine gewisse Aggression, die er zunächst in der Abartigkeit der Geburt formuliert, um dann in einem weiteren Schritt mit seiner Schandtat, der Verfolgung gegen die Christen in der Vergangenheit verknüpft (V. 9).

«Geburt» ist der Anfang eines jeden Menschen. Vor der Geburt liegt der Mensch im Mutterschoss. Wenn wir nun die Ereignisse des leeren Grabes etwa bei Markus 16 mit seinem „wie einer Missgeburt“ auf der assoziativ symbolischen Ebene vergleichen, dann haben wir:

Verdrängtes Material in
I. Kor. 15,3.8.9
Zuerst
Zuletzt
Missgeburt
Anfang
Mutterschoss ist leer
Nicht würdig Apostel zu sein
Markus 16,2-6 Erste Zeugen Anfang
das Grab in der Höhle ist leer
Frauen nicht würdig, Zeugen zu sein

Die Assoziationen sieht wie folgt aus:

«Missgeburt» - «Kind» - «schwach» - «nicht lebensfähig» - «Tod» - «Grab» - «Sarg» - «Mutterschoss» - «Höhle» - «Mutter» - «Jakobus» - «Mutter des Jakobus» - «Frauen»

So sieht eine Verschiebung einer unangenehmen Realität in einen unverfänglicheren Inhalt aus, wie sie schon Sigmund Freud formuliert hatte.

Nach der jungschen Psychologie verhält sich das Unbewusste kompensatorisch zum Bewusstsein. Und so tauchen spontan immer wieder Bilder auf, die nicht in den denkerisch fixierten Inhalt passen. Dazu schreibt Erich Neumann (23).

Denn die Manifestationen des Unbewussten sind eben nicht nur Spontanausdruck unbewusster Prozesse, sondern auch Reaktionen auf die Bewusstseinssituation des Menschen, die, wie uns das vom Traum her am geläufigsten ist, kompensatorisch zum Bewusstsein verlaufen. Das heisst aber, das Erscheinen der archetypischen Bilder und Symbole wird auch durch die individuelle, typologische Struktur, durch die Situation des Einzelnen, die Haltung seines Bewusstseins, sein Alter usw. mitdeterminiert.

Im patriarchal geprägten antiken Judentum herrscht der Mann über die Familie, er ist das «Haupt der Frau», wie Paulus ja selber schreibt (I. Kor. 11). Dem Mann gegenüber sind «Kind», «Schwachsinnige» und «Frauen» untergeordnet und nicht als Zeugen zugelassen. Dies entspricht auch der allgemeinen Ansicht in der hellenistisch-römischen Zeit. So schreibt Gabrielle Sorgo (24) etwa:

Der Pater familias als unumschränkter Herrscher seiner Familie war auch Herr über Leben und Tod seiner Haushaltsmitglieder. … Da Liebe nur zwischen Gleichwertigen erlaubt war, konnte sie offiziell in idealer Form nur zwischen dem Vater und seinem erbberechtigten Sohn existieren. Die antike Gesellschaftsordnung tabuisierte eine Liebesbeziehung zwischen zwei gesellschaftlich nicht gleichrangigen Personen. Davon gab es aber in einem römischen Haushalt viele, denn er umfasste vom Herrn bis zu den Sklaven und Freigelassenen fast alle Schichten der Gesellschaft (107).

Die christliche Kirche hat diese Form übernommen. Was sich dabei ändert hatte, war das Verhältnis der Eheleute: sie schulden einander Zucht und Respekt (S. 108). Alle Erwachsene sind Kinder Gottes. Doch vertritt der Mann gegenüber der Frau den Vatergott. Die Frau bleibt im patriarchalischen Modell der Kirche immer Kind:

Das anerkannt werden will und daher gehorcht. Männer dürfen im Gegensatz zu Frauen Vertreter Gottes auf Erden sein, da ihre Identifikation mit dem Vater aufgrund ihres Geschlechts vollwertiger stattfinden kann. … Eine Frau kann aber durch ihren vorbildlichen Gehorsam der besonderen Anerkennung des Vaters würdig werden. Trotz ihres weiblichen Geschlechts kann sie von Christus dafür ausgezeichnet werden, niemals sinnliche Bande geknüpft zu haben (S. 110f.).

Auf die Assoziationen zu Missgeburt bezogen, kann man sagen: Paulus weiss ganz genau, wer die ersten Zeugen waren, nämlich die Frauen am Grab. Diese sollen aber „gemäss den Schriften“ den Männern Söhne gebären, und sicher keine neue Religion gründen. Das ist Aufgabe grosser Männer.

Das war auch die Meinung des Jakobus, des Bruders Jesu. Als pater familias war er rechtmässiger Erbe Jesu und stand der Jerusalemer Gemeinde vor. Alle hatten sich ihm unterzuordnen - auch Petrus (25). Jakobus bestimmte auch, wer in die neue Gemeinschaft aufgenommen wurde: Juden und Heiden nur, wenn sie strikt nach den Gesetzen der Tora lebten. Und die Gesetze der Tora sahen vor, dass Frauen als Zeuginnen nicht zugelassen waren. Deshalb wurden die Frauen am Grab in den Hintergrund gedrängt. Männer standen standen als Apostel und Lehrer den Gemeinden vor und verkündeten das Evangelium. Und deshalb wurden nur sie im tradierten Glaubensbekenntnis erwähnt. Dies entsprach auch dem Rechtsempfinden des Pharisäers Paulus. Er selber hat ja ein Kapitel vorher (I. Kor. 14) darauf hingewiesen:  Die Frau schweige in der Gemeinde. Wenn sie etwas wissen will, solle sie zu Hause ihren Mann fragen (26). Denn nach seinem jüdisch geprägten Verständnis ist der Mann das Haupt der Frau. So betont er in I. Korinther 11:

ICH WILL aber, dass ihr wisst, dass Christus das Haupt eines jeden Mannes ist; der Mann aber ist das Haupt der Frau; Gott aber ist das Haupt Christi (V. 3).

Θέλω δὲ ὑμᾶς εἰδέναι ὅτι παντὸς ἀνδρὸς ἡ κεφαλὴ ὁ Χριστός ἐστιν, κεφαλὴ δὲ γυναικὸς ὁ ἀνήρ, κεφαλὴ δὲ τοῦ Χριστοῦ ὁ θεός.

Taufe Lydia von Marie Ellenrieder, 1861

Die Taufe der Lydia, Gemälde von Marie Ellenrieder (1861)
Auch in diesem Gemälde aus dem 19. Jh. wird die erfolgreiche Händlerin Lydia als untertäniges Mädchen dargestellt.

V. 9-10

Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Durch Gottes Gnade aber bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben; nein, mehr als sie alle habe ich gearbeitet, doch nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist.

«Missgeburt», das in V. 8 spontan einfliesst, wird hier rational erklärt. Die kleine Missgeburt, die so gar nicht in den Text passt, rationalisiert er in V. 9, er ist der Geringste der Apostel. Doch nicht, weil er sich als Kleinkind sieht, sondern weil er in der Vergangenheit die Christengemeinde verfolgte.

Wie C. G. Jung etwa in «Symbole der Wandlung» gezeigt hatte, fliesst in persönlichen Krisenzeiten die Lebensenergie (Libido) regressiv zurück und belebt die Situation der Geburt und dringt in die pränatale Reich, d.h. ins kollektive Unbewusste ein, wo sie ewige Bilder (Seelenbilder, Symbole) belebt , die das vom aktuellen Bewusstsein angepasst wird.

Bei Paulus sieht das so aus: Er erwähnt ein fixiertes Glaubensbekenntnis, das die ersten autoritativ legitimierten Männer als Auferstehungszeugen erwähnt, nämlich die 12 Jünger. Dies entspricht aber nicht der objektiven Gegebenheiten, die Paulus sehr wohl kannte. Nun erinnert er sich auch an die «500 Brüder», unter denen wohl es auch Frauen haben könnte, aber nicht im Blick der Reflexion sind. Das irritiert Paulus, denn da wären noch die «Frauen am Grab», die im Glaubensdogma nicht erwähnt sind, aber de facto die ersten waren, die im inneren Kreis der Christengemeinde die Auferstehung Jünger verkündet haben. Die Diskrepanz irritiert ihn und erwähnt prompt Jakobus. Doch da gibt es einen Jakobus, Sohn des Zebedäus und einen Jakobus, Bruder Jesu. Paulus konnte nun in seiner Aufzählung der männlichen Zeugen in V. 5-7 beruhigt den Herrenbruder Jakobus nennen und elegant dem Jakobus des Zebedäus ausweichen, dessen Mutter am leeren Grab stand. Aber diese Verdrängung belebt eine andere Vorstellung, die spontan hervorbricht: Geburt – Mutter – Frau. Missgeburt wirkt wie ein erratischer Block, der sich in sein patriarchales Bewusstsein drängt, das sich strikt auf das Alte Testament als legitime Grundlage seines Denkens bezieht. Dort heisst es etwa:

Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. (Jes. 49,1)

Nach V. 9 hat Paulus die junge jüdische Christengemeinde verfolgt. Dabei folgt er dem Mythos vom zornigen Gott, der sein ungehorsames Eheweib Israel ständig mit Mord- und Zerstörungsphantasien eindeckt. Dieses Mythologem lebte der Pharisäer Paulus, der auf die Rechtsgläubigkeit seiner Väter pocht, aus. So schreibt er in Galater 1,13f.:

wie ich über die Maßen die Gemeinde Gottes verfolgte und sie zu zerstören suchte und übertraf im Judentum viele meiner Altersgenossen in meinem Volk weit und eiferte über die Maßen für die Überlieferungen meiner Väter.

Doch im Alten Testament hatte Jahwe, der Gott Israels mit seinem Volk erbarmen. Und so frohlockt Deuterjesama am Ende der babylonischen Gefangenschaft:

«Tröstet, tröstet mein Volk»: Spruch eures Gottes
„Rede zu Herzen Jerusalems und ruft ihr zu.
Denn vollendet ist ihr Frondienst!
Denn abgetragen ist ihre Schuld!
Denn sie musste entnehmen der Hand Jahwes
das Doppelte für all ihre Sünden. (Jes. 40,1-2)

Auch dem Paulus ist Gott erschienen in Gestalt des Auferstandenen. Dieser hat ihn auf Hebräisch angesprochen. Und von da an verstand sich Paulus als dessen irdischen Vertreter, der die Völker nicht vernichten sondern erretten will. Denn in Jesaja 41,2-5 will Jahwe die Völker vernichten: Hört mir zu, und schweigt, ihr Inseln, und die Völker werden neue Kraft empfangen! Sie sollen kommen, dann können sie reden! Miteinander wollen wir vor Gericht treten. Doch in Jes. 49,6 wird der Gottesknecht zum Licht der Völker gemacht: Zum Licht für die Nationen werde ich dich machen, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht. Denn auch die Völker sollen zum Zion ziehen. – «Zion»? Na ja, Gott hat da sicher «Rom» gemeint und nicht dieses jämmerliche Provinznest, wo verängstigte Anführer sich im Haus der Mutter des Markus sich versteckten und bei jedem Klopfen an die Tür aufschreckten. Zurück versetzt in die Zeit seiner Geburt macht er sich hier ganz klein, als Apostel ist er immer noch gering, um dann doch wieder zu seiner ganzen Grösse zurückzukommen durch die göttliche Gnade. – Doch was lehrte uns einst Professor Walter Mostert in Zürich? Nur ein moralisch integrer Mensch könne Theologe sein. - Na ja, wenn man «Paulus von Tarsus» heisst, kommt es auf ein paar Gefolterte und Tote mehr oder weniger nicht an, Hauptsache Legitimation von oben.

In V. 10. erwähnt er, wie viel Arbeit er geleistet hat und merkt, dass das jüdisch-pharisäische Leistungsprinzip, das bei ihm immer wieder durchbricht, im christlichen Glauben keine Bedeutung mehr hat, dass er vor Gott umsonst gerecht ist (Röm. 3,24).

 

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