AUFSÄTZE ZU EINER GANZHEITLICHEN THEOLOGIE

Esther Keller-Stocker

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Einleitung

1. Methode

1.1. Das chinesische Symbol Yin und Yang

Die Grundlage in meinen Aufsätzen zu einer ganzheitlichen Theologie ist das chinesische Symbol Yin und Yang. Denn in diesem Symbol sind Yin und Yang absolut gleichwertig.

Yin-Yang

Normalerweise übersetzt man Yang mit männlich, Yin mit weiblich. Doch der konkrete Mensch ist immer eine Mischung von beidem. In der Traditionellen Chinesischen Medizin ist eine Frau aussen Yin, innen Yang, ein Mann umgekehrt. Von der Mitte des Lebens an sollte ein Therapeut, eine Therapeutin eine Frau eher yinnisieren, weil sonst das innere Yang überhand nimmt, einen Mann yangisieren, weil das innere Yin ihn sonst auskühlt.

Yin-Yang mit Bewusstseinssystem von C. G. Jung

Doch mit dem chinesischen Symbol Yin und Yang möchte ich versuchen, den betont männlichen Aspekt der christlichen Religion aufzubrechen und bewusst nach der an sich gleichwertigen Symbolik des Weiblichen nachfragen. Dies versuche ich mit Hilfe der jungschen Psychologie (1) und der Lehre der Mutationen, die der Mensch nach Jean Gebser (2) in seiner Evolution durchgemacht hatte.

1.2. Das Bewusstseinssystem nach C. G. Jung

In meinen Aufsätzen interpretiere ich vorwiegend biblische Texte nach ihrer Symbolik, die ich den jeweiligen Urbildern, den Archetypen zuordne. Doch zunächst kurz ein paar Worte über das menschliche Bewusstsein und wie es unbewusste Inhalte aufnimmt.

C. G. Jung unterscheidet in seinem Buch «Psychologische Typen» vier Bewusstseins-Funktionen: Denken, Fühlen, Empfindung und Intuition. Bei jedem Menschen dominiert in der ersten Lebenshälfte eine der vier Funktionen. Mit dieser Funktion richtet sich der Mensch im Leben ein. Sie wird «superiore Bewusstseinsfunktion» genannt. Diese Funktion wird unterstützt von zwei weiteren Funktionen, die mehr oder weniger bewusst sind – die auxiliären Funktionen. Die vierte Funktion befindet sich in der ersten Lebenshälfte vorwiegend im Unbewussten, die minore Funktion.

Die Psychologie von C. G. Jung geht normalerweise vom Denken als superiore Funktion aus. Dies entspricht den Anforderungen unserer patriarchal-mentalen Gesellschaft. Denken ist wertend: es wertet zwischen «richtig» und «falsch». Die in der Opposition stehende Funktion Fühlen wertet auch und zwar zwischen angenehm und unangenehm. Die beiden anderen Bewusstseinsfunktionen Empfindung und Intuition werten nicht sondern nehmen wahr. Die Empfindung (3) nimmt mit den Sinnesorganen die Welt wahr, so wie sie ist, die Intuition die verborgenen Möglichkeiten, die in den Dingen liegen.

Jolande Jacobi zeigt anhand des chinesischen Symbols Yin und Yang die Übergänge dieser vier Funktionen auf beginnend mit dem Denken als superiore Funktion. Als Hilfsfunktion, die das Denken unterstützt, scheint mir Empfindung am geeignetsten zu sein. Denn die Registrierung von Fakten hat in unserer Welt eine überragende Bedeutung.

Maria Göppert-Meyer

Demgegenüber reicht Intuition tief ins kollektive Unbewusste und nimmt spontan Lösungen zu aktuellen Problemen wahr. Als Beispiel intuitiver Möglichkeiten wird etwa die deutsch-amerikanische Physikerin Maria Göppert-Mayer erwähnt (3). Sie erfasste intuitiv das Zahlenverhältnis im Atom und nannte es die „magischen Zahlen“: 20, 28, 50, 82, 126.

C. G. Jung unterscheidet aber nicht nur unter vier Bewusstseins-Funktionen sondern auch zwischen zwei das UnbewussteBewusstseins-Einstellungen, zwischen Extraversion und Introversion. Der extravertierte Mensch orientiert sich in erster Linie an der Aussenwelt, an den äusseren Bedingungen und Normen, am Zeitgeist, an dem, was gerade "in" ist. Demgegenüber orientiert sich der introvertierte Mensch primär an seinen psychischen Bedingungen, an seiner Innenwelt und ihren Bildern und Symbolen.

Bewusstseins-Funktionen und Bewusstseins-Einstellungen ergeben eine differenzierte Klassifizierung des Bewusstseins, wobei Denken und Empfindung der Extraversion zugeordnet werden, Intuition und Fühlen der Introversion.

Hier das Besprochene nochmals im Überblick:

Denken ist nach der Theorie von C. G. Jung weitgehendst im Bewusstsein integriert und befindet sich im absoluten Yang. Es orientiert sich an allgemein gültigen Normen und urteilt zwischen wahr und nicht-wahr. Dabei kommt ihm die Empfindung zu Hilfe, die die Wirklichkeit aussen so wahr nimmt, wie sie ist. Doch in der Empfindung ist das kleine Yin, das ins Unbewusste führt. Ganz im Unbewussten befindet sich die Intuition, die unbewusste Inhalte als Bilder z.B. in Träumen wahrnimmt und damit einen Zugang zum Bewusstsein hat. Ganz im Unbewussten liegt das Fühlen.

Dieses Modell entspricht dem Ideal westlichen Bewusstseins. C. G. Jung versucht dieses Modell mit Denken als superiore Bewusstseinsfunktion in „Symbole der Wandlung“ am Beispiel einer jungen Amerikanerin zu beweisen! – Obwohl er im Buch «psychologische Typen» darauf besteht, dass nur Männer ausgesprochene Denker sein können.

1.3. Das Selbst und die Ganzheit

Christus Pantokrator

Mit der Bewusstseinsstruktur, die dem jeweiligen Menschen gegeben ist, begeht er seinen Lebensweg. Doch, wie vorhin erwähnt, herrscht auch in einer Gesellschaft eine bestimmte Bewusstseinsstruktur vor: im europäischen Mittelalter etwa mit seiner ausgeprägten Suche nach Gott dominierte ein introvertiertes Bewusstsein, in unserer Zeit mit seiner Faszination an der äusseren Welt ist das kollektive Bewusstsein extravertiert. Doch der Mensch strebt nach Ganzheit oder eher das Unbewusste zwingt uns, den Weg zur Ganzheit zu begehen. Was das Unbewusste ist, wissen wir nicht. Aber Begriffe wie «Gott» oder «Vollkommenheit» sagen uns etwas über den Anspruch des Unbewussten an uns aus.

In der jungschen Psychologie gilt Jesus Christus als Symbol psychischer Ganzheit. Diese Figur ist ein archetypisches Muster, das «das Selbst» genannt wird. Das Selbst ist unbewusst und strahlt sozusagen als Anspruch auf das menschliche Bewusstsein. Marie-Louise von Franz beschreibt diesen Prozess so:

Der Weg zum Selbst ist das Werden des persönlichen Lebensmusters, das C. G. Jung „Individuationsprozess“ nannte. Das Werden des persönlichen Lebensmusters ist für jeden einzelnen wichtig, aber auch für die Gesellschaft von grosser Bedeutung. Denn die einzelnen Lebensmuster sind Teile des grossen „Schicksalsgewebes“, das die betreffende Gesellschaft ausmacht (5).

Zum Prozess der eigenen Ganzheit gehört die Einsicht in den persönlichen Schatten. Der Schatten enthält Werte, die das Bewusstsein nicht ohne weiteres erkennt und häufig nicht ohne weiteres gelebt werden kann (6).

Anima C. G. JungEin weiteres Ziel zur persönlichen Ganzheit ist die Integration der unbewusst weiblichen Hälfte im Mann, die Anima, respektive den unbewusst männlichen Teil in der Frau, den Animus. Diese Figur taucht häufig mit oder hinter dem Schatten auf und beinhaltet neue Probleme. Marie-Louise von Franz schreibt über die weibliche Seelenhälfte des Mannes:

Die Anima verkörpert alle weiblichen Seeleneigenschaften im Mann, Stimmungen, Gefühle, Ahnungen, Empfänglichkeit für das Irrationale, persönliche Liebesfähigkeit, Natursinn und als Wichtigstes die Beziehung zum Unbewussten.

Die individuelle Erscheinungsweise der Anima im Manne ist zunächst meistens vom Charakter seiner Mutter her geprägt. Erlebte er sie als negativ, dann wirkt sich die Anima oft als depressive Laune, Reizbarkeit, ewige Unzufriedenheit und Empfindlichkeit aus (7).

Die unbewusst gegengeschlechtliche Verkörperung in der Frau ist der Animus. Er trägt ebenfalls positive wie negative Züge. Animus nach C. G. JungDer Animus ist weniger häufig erotische Phantasie oder Stimmung wie die Anima, dafür eher eine heilige Überzeugung. Marie-Louise von Franz schreibt:

Wenn sich die Frau laut und männlich energisch äussert, ist der Animus dahinter leicht zu erkennen. Der Animus kann aber auch in einer äusserlich sehr weiblich wirkenden Frau als stille, aber eisern-unerbittliche Macht auftreten (8).

Hat sich der Mensch seine Anima respektive seinen Animus im Leben integriert, tauch ein weiteres Symbol aus dem kollektiven Unbewussten auf, das Selbst. Dies tritt häufig personifiziert im eigenen Geschlecht auf, bei Frauen als Priesterin, Zauberin, Erdmutter und vor allem als die Alte Weise Frau.

Der Mann erfährt das Selbst etwa in Gestalt des Priesters, als Messias oder im Weisen Alten. Das Symbol des Selbst ist im heutigen Christentum ausschliesslich männlich, Jesus Christus, die Apostel oder Gott. Alles, was nicht männlich ist, wird von Theologen normalerweise unterschlagen, oder Frauen z.B. im Neuen Testament als Phantasiegestalten abgetan. D.h. der unbewusst weibliche Seelenanteil dieser Theologen harrt noch im Unbewussten und ist noch wenig im Bewusstsein integriert.

Jesus selber bezeichnet Gott Abba (Mt 6,9). Wie sein Verhalten gegenüber dem Satan (Lk. 4,1-12) oder gegenüber Frauen (Anima) (9) in den Evangelien zeigt, hat er sehr wohl seinen Schatten wie auch seine Anima aufgearbeitet. Was der Begriff Abba betrifft, so zeigt Ricco A. Errico in seinem Büchlein „das aramäische Vaterunser“, dass Abba sowohl Vater als auch Mutter heissen kann.

Maria MagdalenaDass Jesus Christus das Selbst darstellt, ist patriarchalisch gedacht, denn Christus (hebräisch: Messias) ist immer ein Mann. Zwar heisst es, es sei reiner Zufall, dass Jesus von Nazareth als der endzeitliche „Messias“ gesehen wurde. Doch der Messias war immer als Mann gedacht ob als „Saul“, „David“, „Kyros“, „Priester“, „Gottesknecht“ oder „Propheten“. Denn was im Patriarchat wichtig ist, muss männlich sein und dies widerspricht klar der Definition der menschlichen „Ganzheit“ als Ausdruck des unbewussten „Selbst“.

Die Ganzheit, die der einzelne Mensch erreichen kann, steht immer der Ganzheit seines gegengeschlechtlichen Partners gegenüber. Bei den Katholiken drückt sich dies im Bild der Muttergottes aus, traditionell mit Jesuskind, sie kann aber auch alleine verehrt werden (10). Der weibliche Aspekt christlicher Ganzheit wird auch in der partnerschaftlichen Beziehung Maria Magdalenas zu Jesus gesehen. Maria Muttergottes und Maria Magdalena sind zwei Beispiele unseres aktuell kollektiven Bedürfnisses nach Ganzheit.

Für die Ganzheit weist C. G. Jung auch auf das Symbol «Kreuz» hin. Dazu schreibt er unter anderem:

Das Kreuz oder was der Held immer als schwere Last trägt, ist er selber, oder, genauer gesagt, sein Selbst, seine Ganzheit, ebenso sehr Gott wie Tier, nicht nur empirischer Mensch, sondern die Fülle seines Wesens, die in der Tiernatur wurzelt und über das Nurmenschliche in  die Göttlichkeit hinaufreicht. Kreuz Seine Ganzheit bedeutet eine ungeheure Gegensätzlichkeit, die aber in sich geeint erscheint, wie das Kreuz, das hierfür trefflichstes Symbol ist (11).

1.4. Abba – ChwjhChwjh-Abba

In Anlehnung an das chinesische Symbol Yin und Yang lässt sich auch ein biblisches Symbol aus den Namen Eva und Abba darstellen. Zu Eva, Chwjh schreibt Josefine Schreier in ihrem Büchlein «Göttinnen»:

Chwjh wird in der Schöpfungsgeschichte als Frau des Adams geschildert. Doch sie ist eine Göttin wie Adam selber sagt: Und Adam nannte seine Frau Eva, darum dass sie die Mutter alles Lebens ist“ (Gen. 3,20). Josefine Schreier hat gezeigt, dass in der jüdischen Mystik der Buchstabe Ch des Worte CH-W-J-H als Mutterzeichen gilt, H als Tochterzeichen, während W – J das himmlische und das irdische Männliche symbolisieren.

Chwjh-AbbaAbba, so hat Jesus von Nazareth seinen Gott genannt. Nach Christa Mulack (12) symbolisieren die Buchstaben Alpha und Beta weibliche Zeichen. Abba bezeichnet demnach einen männlichen Gott, der seine Weiblichkeit integriert hat.

Aus den zwei Begriffen Abba – Chwjh lässt sich entsprechend dem chinesischen Yin-Yang-Symbol ein Sinnbild erstellen: Abba, das Väterliche und seine Verbindung zum Weiblichen, und Chwjh, das Mütterliche und seine Verbindung zum Väterlichen.

Anmerkungen

  1. Zu „Unbewussten“ und „Archetypen“ vgl. meine Interpretationen zu C. G. Jung, „Symbole der Wandlung“
  2. Jean Gebser, Ursprung und Gegenwart
  3. Während Denken, Fühlen und Intuition soweit verstehbar sind, scheint mir der Begriff "Empfindung" erklärungsbedürftig. Für mich hat "Empfindung" eher etwas mit Fühlen zu tun als mit "Wahrnehmen". „Wahrnehmen“ scheint mir der bessere Ausdruck zu sein, weil „Wahrnehmen“ im Gegensatz zu Intuition das „Wahrnehmen von äusseren Dingen“ meint.
  4. In „Der Mensch und seine Symbole“ von C. G. Jung, Marie-Louise von Franz, Jolande Jacobi u.a. S. 307
  5. In „Der Mensch und seine Symbole“, S. 177
  6. Helmut Barz in "Vom Wesen der Seele"
  7. Der Mensch und seine Symbole, S. 177
  8. In „Der Mensch und seine Symbole“, S. 189
  9. Z.B. Mk 5,25; 7,29; 10,6; Joh. 8,10; vgl. Hanna Wolff, Jesus der Mann, die Gestalt Jesu in tiefenpsychologischer Sicht
  10. Michael Hesemann, Maria von Nazareth, Othmar Keel, Gott weiblich
  11. C. G. Jung, Symbole der Wandlung, GW 5, S. 390
  12. Christa Mulack, „die Weiblichkeit Gottes“

Text und Design: Esther Keller, Juni 2016

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