AUFSÄTZE ZU EINER GANZHEITLICHEN THEOLOGIE

Esther Keller-Stocker

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2.3. Frau Weisheit

Anders als «Volk Israel» ist der Archetyp des Weiblichen im Alten Testament in der Figur der Weisheit (19) positiv besetzt und steht ebenfalls mit Jahwe in enger Verbindung. Im Buch der Sprüche schildert die Weisheit ihren Anspruch und Machtbereich auf Einsicht und Wissen wie folgt:

Ich, Weisheit, wohne bei der Klugheit und weiss guten Rat zu geben. Die Furcht Jahwes hasst das Arge, die Hoffart, den Hochmut und bösen Weg; und ich bin feind dem verkehrten Mund. Mein ist beides, Rat und Tat; ich habe Verstand und Macht. Durch mich regieren die Könige und setzen die Ratsherren das Recht. Durch mich herrschen die Fürsten und alle Regenten auf Erden (Sprüche 12,12-16).

Frau Weisheit

Frau Weisheit aus
Silvia Schroer,
Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, S. 39

Die Weisheit wird einerseits mit dem göttlichen Gesetz identifiziert (Dt. 4,5f; Sir. 24,23ff.), andererseits tritt sie als eigenständige Gottheit auf. Nach Sprüche 8 war sie geboren noch vor der Schöpfung. Wer sie geboren hat, bleibt offen. Nach Gottfried Schimanowski hat der Verfasser dieses Gedichts absichtlich die Schöpfung der Weisheit in einem geheimnisvollen Dunkel der Urzeit verborgen dargestellt (20).

Dazu schreibt Silvia Schroer:

Sie wird ihm (Jahwe) zugeordnet. Jede Aussage, die sich im Sinne einer klaren Unterordnung auslegen liesse, wird vermieden. Die Chokmah ist ein Gegenüber für JHWH, ein göttliches Gegenüber. Aber sie ist nicht Kind, nicht Tochter, nicht Göttin neben JHWH und auch keine vermittelnde Hypostase, die einen Aspekt dieses Gottes divinisiert. Die Chokmah ist der Gott Israels im Bild der Frau und in der Sprach der Göttinnen (21).

Diese Eigenständigkeit der Weisheit wird immer wieder unter die patriarchale Norm des Grossen Vaters gestellt. Als Beispiel gehe ich kurz ein in den berühmten Spruch von der Entstehung der Weisheit am Anfang der Schöpfung ein (Sprüche 8,22):

Jahwe hat mich schon für sich gewonnen (qnh) am Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her (Luther-Bibel, 1912)

In Sprüche 8,22 wird betont, dass die Weisheit von Anfang der Schöpfung an dabei war. Doch das Patriarchale an diesem Satz kommt im Verb qnh zum Ausdruck. Der Begriff wird normalerweise mit «erschaffen, bilden» übersetzt. Qnh bedeutet „durch Arbeit erwerben“ oder „durch Arbeit erschaffen“, kann aber auch „eine Frau erwerben“ (Ruth 4,5-10) heissen: z.B. Israel wird von Jahwe als sein Volk (als Ehefrau) erworben (II. Mose 15,1-18; Ps. 74,2) (22).

Die neue Zürcher Bibel (2007) übersetzt:

Der Herr hat mich geschaffen am Anfang seines Weges“.

Diese Übersetzung hat eine kleine Anmerkung im Anhang:

«Wörtlich: der Herr hat mich erworben»!
(Zürcher Bibel, 2007)

Das heisst die Übersetzer der Zürcher Bibel wissen zwar, dass qnh erwerben im Sinne von «eine Frau erwerben» heisst und trotzdem übersetzen sie falsch – nur um der patriarchalen Ideologie zu genügen.

Im folgenden Vers in Sprüche 8 spricht die Weisheit auch vage über ihre Eltern:

In fernster Zeit wurde ich gebildet,
am Anfang, in den Urzeiten der Erde.
Als es noch keine Fluten gab, wurde ich geboren,
als es noch keine wasserreichen Quellen gab.

Wenn aber in Sprüche 8,23 von der Zeugung und der Geburt der Weisheit die Rede ist, kann qnh in V. 22 nicht „Erschaffen der Weisheit“ meinen sondern „die Weisheit als Frau erwerben“.

Alte Frau

In Sprüche 8 ist die Weisheit Mitgestalterin der Schöpfung. Sie ist der Liebling Jahwes, tanzt vor ihm und spielt auf seinem Erdkreis und hat ihre Lust an den Söhnen Adams (Sprüche 8,30).

Die hartnäckige Übersetzung von Qnh bedeute «erschaffen» ist von der Septuaginta her beeinflusst. Dort wird Sprüche 8,22f. uminterpretiert auf das Ideal des Kyrios als den Schöpfer. So heisst es:

Der Herr hat mich erschaffen als Anfang seiner Wege auf seine Werke hin, vor der Ewigkeit hat er mich befestigt am Anfang, bevor er die Erde erschuf und bevor er die Abgründe machte. Bevor die Quellen der Wasser hervorgingen, bevor die Berge festgemacht wurden, vor allen Hügeln zeugt(e) er mich (Sprüche Salomos 8,22-25) (23).

In der Septuaginta hat die Weisheit keine Eltern mehr. Jahwe allein ist Schöpfer und wird trotz Bilderverbot Kyrios also Herr bezeichnet. Damit ist er nach alttestamentlichem Verbot eigentlich ein Götzenbild.

Ein weiteres Beispiel patriarchaler Deutung der Weisheit kommt in Jesus Sirach vor:

Alle Weisheit stammt vom Herrn, und ewig ist sie bei ihm. (Jes. Sir. 1,1, vgl. 24,3) (24)

Doch in den folgenden Sätzen schimmert ihreMaat, die Kosmosordnung ursprüngliche Eigenständigkeit durch, wie wir sie von Sprüche 8 her kennen:

Früher als sie alle ist die Weisheit erschaffen, von Ewigkeit her die verständige Einsicht. Die Wurzel der Weisheit, wem wurde sie enthüllt, ihre Pläne, wer hat sie durchschaut? (Sir. 1,4-6).

Doch darauf wird die Weisheit gleich wieder als Produkt des Herrn dargestellt:

Er hat sie geschaffen, geschaut und gezählt, sie ausgegossen über all seine Werke. (Sir. 1,9).

Im Satz Jesus Sirach 1,9 kommt die Weisheit der ägyptischen Maat nahe. Maat ist die personifizierte Kosmosordnung und überall und in allen Dingen und vielen Göttern beigeordnet. H. H. Schmid schreibt:

Wer recht lebt steht im Einklang mit der universellen Weltordnung, ist im Einklang mit Maat. Weiter betont er, dass die Kosmosordnung der Maat keine statische Grösse ist sondern sich im menschlichen Tun entfaltet. Dazu schreibt er: Es wird nicht eine ewige, ideale, metaphysische Ordnung vorausgesetzt, der sich der Mensch nur noch zu unterziehen hätte, sondern behauptet, dass durch weises Verhalten Weltordnung überhaupt konstituiert und realisiert wird. Maat, Ordnung, Kosmos, Welt gibt es nur, wenn sie verwirklicht, getan, respektive gesagt wird. So hat das menschlich-weisheitliche Verhalten kosmische Qualität: Es schafft Kosmos, es schafft und erhält die Ordnung in der Welt (25).

 

Maat schützt den PharaoDas heisst: Die Maat und ihre Kosmosordnung ist nicht an ein heiliges Ritual gebunden sondern muss von jedem im Alltag, im alltäglichen Handeln verwirklicht werden.

 

Auch in Jesus Sirach 24 kommt diese Universalität der Weisheit, wie sie der Maat eigen ist, zum Ausdruck:

Die Weisheit wird sich selbst loben, und inmitten ihres Volkes wird sie sich rühmen. In der Versammlung des Höchsten wird sie ihren Mund öffnen, und vor seinen Mächten wird sie sich rühmen: Ich ging aus dem Mund des Höchsten hervor, und wie ein Nebel bedeckte ich die Erde. Ich habe auf den Höhen mein Zelt aufgeschlagen, und mein Thron ist errichtet auf einer Wolkensäule. Den Kreis des Himmels umkreiste ich allein, und in der Tiefe der Urfluten wandelte ich umher. Auf den Wellen des Meeres und auf der ganzen Erde. Und bei jedem Volk und (jeder) Nation habe ich die Führung erlangt. (Jesus Sirach 24,1-6) (26)

In diesem Gedicht kommt die Weisheit aus dem Mund des Höchsten wie ein Atemhauch, der sich wie eine Nebeldecke über die Erde ausbreitet. Diese Vorstellung kennen wir auch aus der ersten Schöpfungsgeschichte:

Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Urflut; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser (Zürcher Bibel, 2007)

Nur ist hier nicht die Rede von der Weisheit sondern vom Geist Gottes (27). Im Neuen Testament setzte sich der Begriff «(Heiliger) Geist» durch, wohl in Opposition zu den jüdischen Lehrern, den Pharisäern und Schriftgelehrten, die sich auf die göttliche Weisheit beriefen.

2.4. Der Mensch in der Weltordnung

Der Mensch im Alten Testament lebte in der Aura der Gerechtigkeit (28), der Weltordnung, die von der Weisheit ausgeht. Diese Gerechtigkeit kann auch als «Heil» übersetzt werden. Der Gläubige ist zu einem gerechten Verhalten in seinem Alltag verpflichtet. Bei einer Feier pilgern die Gläubigen nach Jerusalem. Bevor sie in den Tempel eintraten, fragte der Priester jeden Einzelnen beim Eingang:

Jahwe, wer darf weilen in deinem Zelt?
Wer darf wohnen auf deinem heiligen Berg?

Darauf antwortete der Gläubige:

Der in Vollkommenheit seinen Weg geht und Gerechtigkeit übt, der von Herzen die Wahrheit sagt, nicht verleumdet mit seiner Zunge, der nichts Böses tut seinem Nächsten und nicht Schmach lädt auf seinen Nachbarn, der den Verworfenen verachtet und ehrt, die Jahwe fürchten, der Wort hält, auch wenn er zum eigenen Schaden geschworen hat, der sein Geld nicht um Zins gibt und nicht Bestechung annimmt gegen den Unschuldigen. Wer das tut, wird niemals wanken (Ps. 15). (29)

Nur wenn sich der Gläubige im alltäglichen Leben korrekt verhält, darf er in den Tempel eintreten. Er ist ein Gerechter, ihm wird ein gedeihliches Leben und Wohlgefallen vor Gott gewährt, während der Tor frevelt und den Tod wählt. Die Weisheit (Chokmah) ist dabei Mittlerin zwischen Gott und dem Menschen, eine Funktion, die im Alten Orient häufig der Göttin zukommt (30).

Doch mit der ZeitVanitas von Salvator Dali erhielt diese Gerechtigkeit, die dem Menschen Leben und Glück verheisst, Risse. So haderte der Gläubige Ende des 3. Jahrhunderts vor Christus in einem Gebet:

Nichtig und flüchtig, sprach Kohelet,
nichtig und flüchtig, alles ist nichtig.
Welchen Gewinn hat der Mensch von seiner ganzen Mühe und Arbeit unter der Sonne?
Ein Geschlecht geht, und ein Geschlecht kommt,
und die Erde bleibt ewig bestehen.
Und die Sonne geht auf, und die Sonne geht unter.
Und strebt nach dem Ort, wo sie aufgeht.
(Pred. 1,1-5) (31).

In Prediger ist die Weisheit kein zuverlässiger Weg mehr zu einem glücklichen Leben (32).

Maria Muttergottes mit dem Jesuskind Im 1. Jh. n. Chr. ersetzte Philo von Alexandria (15. v. – 40 n. Chr) die Weisheit durch den Logos. Für ihn ist Gott transzendent und demnach nicht sichtbar. Dafür repräsentiert der Logos den sichtbaren Teil Gottes und wird anstelle der Weisheit zum Mittler zwischen Gott und dem Menschen. Die Weisheit erhält dabei die Rolle der Mutter des Logos. Dies in Anlehnung an die ägyptische Göttin Isis und ihren Sohn Horus, ein Bild das die katholische Kirche in den Figuren Maria, die Gottesmutter und dem Jesuskind übernommen hatte (33).

Fortsetzung folgt!

Anmerkungen

  1. hebräisch Chokmah, griechisch Sophia
  2. Gottfried Schimanowski, Weisheit und Messias, S. 29
  3. Silvia Schroer, Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, S. 41
  4. W. H. Schmidt in THAT, Band 2, Spalte 653-655
  5. Übersetzung: Septuaginta Deutsch von Wolfgang Kraus und Martin Karrer, 2009
  6. Burton Lee Mack, Logos und Sophia, 1973, S. 154
  7. H. H. Schmid, Wesen und Geschichte der Weisheit, S. 19-22
  8. Septuaginta deutsch hrsg. von Wolfgang Kraus und Marin Karrer, 2009
  9. Geist Gottes, Ruach Elohim ist im Alten Testament vorwiegend weiblich
  10. ha_zädäk
  11. Zu Psalm 15 vgl. Hermann Gunkel, die Psalmen, S. 47ff.
  12. Othmar Keel, Gott weiblich, S. 44
  13. Prediger = Kohelet
  14. Zürcher Bibel, 2007, S. 895
  15. Hermann von Lips in Anfänge der Christologie, hrsg. von Cilliers Breitenbach und Henning Paulsen S. 94, Anmerkung 73

Text und Design: Esther Keller, Juni 2016

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