Kommentar zu 'Symbole der Wandlung'

bearbeitet von Esther Keller-Stocker

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1.2. Zwei Arten des Denkens

1.2.1. Objektives Denken

In diesem Zusammenhang unterscheidet C. G. Jung zwei Arten von Denken, das «objektive Denken» und das «subjektive Denken».

Das «objektive» Denken ist anstrengend und orientiert sich an den äusseren Begebenheiten, die der Mensch wahrnimmt und denkerisch verarbeitet, um so auf die entsprechende Situation zu reagieren.

C. G. Jung überlegt sich im Buch, wie das objektive Denken entstanden sein kann und stellt sich vor, wie die Urmenschen sich in Gruppen mit Lauten unterhalten hatten. Ihre Laute hatten sie aus der Umwelt übernommen. So brüllte der Urmensch wie der Donner oder wie der Löwe, schnalzte mit der Zunge, turtelte mit seiner Angebeteten usw. - Der Urmensch ahmte also Naturlauten nach, um sich bemerkbar zu machen und auf seine Umwelt reagieren zu können. C. G. Jung untermauert seine These mit einem Text von Anatole France. Dieser schreibt:

Und was ist Denken? Und wie denkt man? Wir denken in Wörtern; das allein ist sinnenhaft und führt zur Natur zurück. Man bedenke, ein Metaphysiker hat zur Erstellung des Weltsystems nur den perfektionierten Schrei der Affen und der Hunde. Was er tiefsinnige Ergründung und transzendente Methode nennt, besteht darin, Stück um Stück, in willkürlicher Anordnung, die Laute aneinanderzureihen, die in den Urwäldern Hunger, Angst und Liebe hinausschreien und mit denen sich allmählich Sinngehalte verknüpfen, die man für abstrakt hält, wo doch nur die Verbindung erschlafft ist. – Man befürchte nicht, dass diese Folge gedämpfter, abgeschwächter kleiner Schreie, die ein philosophisches Werk ausmachen, uns zuviel Wissen über das Universum vermittle, so das wir darin nicht mehr leben könnten.

Neandertaler-Familie

Neandertaler-Familie. Naturkundemuseum Coburg

Die Naturlaute entwickelten sich zu Sprachen und abstrakten Denkmodellen, die nach langer Entwicklung und Tradition zur heutigen Wissenschaft und Technik führten. C. G. Jung nennt dieses Denken objektiv, weil der Mensch sich mit diesem Denken in der Sprache ausdrückt, mit anderen kommuniziert und sich mit diesem Denken den Bedingungen der Aussenwelt stellt. Dieses objektive Denken, das heute vorherrscht, und uns ungeahnte Erfolge etwa in technischer Hinsicht gebracht hatte, ist ein neues Massenphänomen.

Fabrik am Fluss

1.2.2. Das subjektive Denken

C. G. Jung vergleicht diese moderne Entwicklung aufgrund des objektiven Denkens mit dem Denken in der Antike, das er subjektives Denken nennt und heute in Träumen, Tagträumen, aber auch in der Kunst sich äussert:

Die Antike war trotz der Anfänge der Naturwissenschaften eingehüllt in mythischen Gedanken. Die Menschen beschäftigten sich mit Göttern und Dämonen. Auch die Natur hatte magische Wirkung auf den Menschen, die Haine, Meere, Flüsse, Berge waren voll von Geistern und Feen.

Seengeheuer Ketos von Piero di Cosimos

Das Seeungeheuer Ketos von
Piero di Cosimos, um 1515

Nach C. G. Jung isolierte das geistige Training in den europäischen Schulen den Menschen von der numinosen Macht der Natur und den Geistern und ermöglichte das objektive Denken.

Doch das objektive Denken hat tiefe Wurzeln in unseren vorgängigen Kulturen, so sind die Gründung altorientalischer Staaten, die Bewässerungstechniken, Erfindung von Kalender und Schrift Zeugnisse objektiven Denkens. Auch die Gebote Mose, die die Juden im Alltag beachten und umsetzen mussten, trainierten den Geist.

Als weiteres Beispiel objektiven Denkens sind die Naturphilosophen im Alten Griechenland zu nennen. Sie formulierten die Grundlagen unserer Naturwissenschaften.

die Zehn Gebote

      die 10 Gebote

pythagoras

Pythagoras

1.3. Das Unbewusste

1.3.1 Die Libido, die Lebensenergie

Was ist «psychische Energie»? Sigmund Freud nennt das sexuelle Verlangen «Libido». Dazu meint C. G. Jung, Sexualität ist zwar ein sehr starker Trieb, aber es gibt auch andere starke Triebe wie Hunger, Durst, Macht etc. Deshalb kann man nicht alle psychische Probleme auf den Sexualtrieb reduzieren. Die Libido definiert er folglich als «gesamte psychische Energie».

Libido =
Psychische Energie




Sexualität
Hunger
Durst
Erhaltungstrieb
Brutinstinkt

1.3.2. Das Unbewusste

Unter «dem Unbewussten» versteht C. G. Jung unsere Instinktwelt. Das Unbewusste ist wie das Wort sagt nicht-bewusst, wir wissen also nicht, was das Unbewusste ist. C. G. Jung gibt verschiedene mögliche Definitionen, was das Unbewusste sein könnte.

  • Das „Unbewusste“ ist die Summe aller durchschnittlichen Erfahrungswerte der Welt in all ihrer Entwicklungsstufen.
  • C. G. Jung bezeichnet das Unbewusste auch als den Geist, der durch all die Entwicklungen der Welt, der Erde, der Lebewesen und der Menschen hindurchgeht. Und sich auch in diesen Entwicklungen manifestiert.
  • Das Unbewusste ist Energie, die als Disposition allen Menschen gleichermassen zur Verfügung steht und sich spontan in ähnlichen Seelenbildern ausdrückt. Ein Beispiel, das auf der ganzen Welt spontan immer wieder auftaucht ist die Mutter und das Kind.

C. G. Jung meint, so wie wir an unserem Knochengerüst Überbleibsel von den ältesten Tieren der Erde haben, so bewahrt das Unbewusste uralte Verhaltensstrukturen aus jener Zeit.

Evolutionsphasen

1.3.3. Regression

Tritt der Mensch in eine Krise, regrediert die dadurch blockierte Libido in die Vergangenheit. Die Richtung ist immer rückwärts in die Vergangenheit. Die blockierte Libido belebt die eigene Vergangenheit, die Zeit der Kindheit, in der die Eltern eine wichtige Rolle spielten.

Andererseits drängen unbewusste Inhalte ins Bewusstsein. Anhand bestimmter Seelenbilder kann man auf Komplexe schliessen, die sich im Unbewussten gebildet haben. C. G. Jung nennt solche unbewusste Komplexe «Archetypen».

Diese Archetypen manifestieren sich in Seelenbildern, die uns einerseits aus der konkreten Umwelt vertraut sind, andererseits aus der Phantasie stammen.

Im Folgenden habe ich eine Grafik erstellt: Oben sehen Sie das Bewusstsein, die Regression der Libido die zurück in die Vergangenheit führt, zu unseren Eltern in unserer Kindheit. Gleichzeitig schiebt sich unbewusster Inhalt eines Archetyps in unser Bewusstsein. Bei Miss Miller sind das Symbole des Grossen Vaters, während die Grosse Mutter vorerst im Hintergrund bleibt.

Unbewusste

1.3.4. Seelenbilder

Die Symbole aus dem Unbewussten werden miteinander verbunden, im Fall von Miss Miller wird Vater assoziiert mit dem Schöpfergott, mit Licht respektive mit der Sonne. Eine Vorstellung, die uns aus dem alten Ägypten aber auch in unserem Christentum bekannt ist. - Seelenbilder sind in menschlichen Kulturen die einigende seelische Basis und werden als Gottheiten dargestellt. Als Beispiel nimmt C. G. Jung den aztekischen Kriegs- und Sonnengott:

Huitzilopochtli - aztekischer Kriegs- und Sonnengott

aus dem Codex Telleriano-Remensis

Dargestellt wird dieser Gott als Mann, hat aber einen Jaguarkopf und Hörner und ist mit einem Federbusch geschmückt. In der linken Hand hält das Gottwesen einen Schild und einen Lorbeerzweig und in der anderen Hand einen Stab. Die Füße haben gespaltene Klauen, den Ziegenfüßen ähnlich. Auf dem Rücken sind so etwas wie Fledermausflügeln zu sehen und bauchseitig ein hässliches Gesicht mit aufgerissenem Rachen, das scharfe Zähne zeigt.

Um zu zeigen, wie das Unbewusste sich spontan in Seelenbildern manifestiert, unabhängig von Bildungs- und Kulturhintergrund kommt C. G. Jung auf das Bild «die Sonne mit der Röhre» zu sprechen: Die Röhre der Sonne ist ein erigierender Sonnenpenis und Ursprungsort des Windes, ein Befruchter und Schöpfer der Welt. Ein Geisteskranker in der Psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich sprach immer wieder von «der Röhre an der Sonne». Dann traf C. G. Jung einen schwarzen Kranken, der aus einem völlig anderen Kulturkreis stammte und dieser erwähnte ebenfalls „die Röhre an der Sonne“. C. G. Jung betont, dass seine Patienten ihre Vorstellung spontan und ohne religionsgeschichtlichen Kenntnissen hervorbrachten. Das heisst, es muss aus einer dem Menschen gemeinsamen Ursprung, nämlich dem Unbewussten stammen (S. 131ff.).

Sonnenwind, NASA

Bild von der NASA, Weltraumforschung

Für seine These fand C. G. Jung einen antiken Text aus dem Mithraskult. Da heisst es:

Ähnlicher Weise wird sichtbar sein auch die sogenannte Röhre, der Ursprung des diensttuenden Windes. Denn du wirst von der Sonnenscheibe wie eine herabhängende Röhre sein.

Mithras und Apollo

Im Original:

ὅμοίως δἐ καὶ ὁ καλούμενος αὐλὀς, ἡ αρχἡ τοῦ λειτουργοῦντος ἀνεμου, ὂψει γἁρ ἀπὁ τοῦ δίακου ὡς αὐλὸν κρεμάμενον (S. 132) (1).

Aber nicht nur in der Psychiatrie des 20. Jahrhunderts und in der Antike kommt dieses Bild vor sondern auch auf einem Bild aus dem 15. Jahrhundert. Es zeigt den Heiligen Geist als Taube. Und ein Schlauch aus dem Himmel befruchtet die Mutter Gottes (S. 134). Daraus folgert C. G. Jung: Ob in der Antike, im Mittelalter oder in der Neuzeit, das Bild vom Sonnenpenis taucht in bestimmten Situationen spontan aus dem Unbewussten auf.

Obumbratio Mariae

Obumbratio Mariae. Rheinischer Wirkteppich
(Ende 15. Jh.)

1.3.5. Aussen - Innen

Kehren wir zurück zu Miss Miller. C. G. Jung bezeichnet den psychischen Zustand von Miss Miller als introvertiert. Sie ist demnach weniger an der äusseren Welt interessiert als vielmehr an ihrer inneren: Miss Miller macht eine Europareise und fährt mit dem Zug, dann mit dem Schiff. Es ist ein Weg, den sie zwar ganz konkret macht, andererseits ist es eine innere Reise, so dass zu den äusseren Ereignissen mythische Bilder, Seelenbilder auftauchen (2).

Im Unbewussten ist, wie bereits gesagt, das ganze Potenzial, das die Welt erlebt hatte, als Energie gespeichert. Zwischen unserem Bewusstsein und dem Unbewussten findet ein ständiger Austausch statt. Demzufolge projizieren wir auch Seelenbilder und ihre Wertung aus unserem Inneren nach aussen, d.h. wir nehmen sie als äussere Gegebenheiten wahr.

Welt aussen

Geist
durch
alle
Entwicklungs-
stadien
Menschheits
geschichte

Tierwelt

Erde

Weltall

Mensch

Tiere

Sonne, Wind
 

Was Miss Miller betrifft, belebte die konkrete Reise, die sie gemacht hatte, das Unbewusste. So sind Meer und Nacht zwar aussen sichtbar, sind andererseits auch typische Symbole für das Unbewusste. Und da singt ein attraktiver italienischer Seemann in der Nacht! Im Unbewussten wird er zur unerreichbaren Animus- und Gottes-Figur, wie sie ihn dann in ihrem Gedicht beschrieb. «Meer» und «Nacht» findet sich im Gedicht von Miss Miller übersteigert als «unendlicher Raum» mit Myriaden von «Ohren» und «Augen» wieder. Das ein solch schwarzes Universum depressiv macht, ist verständlich. Diese innere Situation weist aber auch auf ihre ausweglose Situation hin, auf ihre Sehnsucht nach trauter Zweisamkeit mit und erfüllter Liebe.

Literaturhinweise:

  1. Übersetzung von Albrecht Dieterich,
    «eine Mithrasliturgie», 1910
  2. Erich Neumann, ein Anhänger von C. G. Jung, nennt diesen Weg einen «archetypischen Mysterienweg»

 

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Text und Design: Esther Keller-Stocker (Schweiz), 2015
Letzte Revision am 28.02.2020