'Symbole der Wandlung'

von C. G. Jung, kommentiert von Esther Keller-Stocker

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2. Das Lied von der Motte

Nach der Seereise fuhr Miss Miller eines Nachts im Zug von Genf nach Paris. Um 4 Uhr morgens bemerkte sie eine Motte, die gegen das matte Licht flog, das durch die Glasscheiben schimmerte. Die junge Frau versuchte wieder zu schlafen, doch es drängte sich ihr ein Gedicht über eine Motte auf, die zur Sonne wollte. Das Gedicht lautet:

Ich sehnte mich nach dir, als ich zum ersten Male ins Bewusstsein kroch.
All meine Träume handelten von dir, als ich noch in der Puppe lag.
Oft geben Myriaden meiner Art ihr Leben auf im Anprall
gegen einen schwachen Funken, der aus dir stammt.
Nur eine Stunde noch – und mein armseliges Leben ist vorbei;
mein letztes Streben aber wie mein erster Wunsch soll sein,
zumindest in die Nähe deiner Herrlichkeit zu kommen;
dann, wenn ich einen einzigen hingerissenen Blick erhascht,
will ich zufrieden sterben, denn einmal durfte ich den Quell der Schönheit,
der Wärme und des Lebens in seiner grenzenlosen Pracht erschaun!
(S. 106/S. 568)

Motte
Kleidermotte

Bei der Motte handelt es sich um Miss Miller. Das Gedicht zeigt, in welch melancholischer Verfassung sie sich befand. C. G. Jung vergleicht dann die Motte mit der Eintagsfliege des Dr. Faust von J. W. von Goethe. Wie sie steht die Eintagsfliege alias Faust im kläglichen Gegensatz zur Ewigkeit des Gestirns und sehnt sich nach dem unvergänglichen Lichte:

Betrachte, wie in Abendsonneglut Die grünumgebnen Hütten schimmern! Sie rückt und weicht, der Tag ist überlebt, dort eilt sie hin und fördert neues Leben. O dass kein Flügel mich vom Boden hebt, Ihr nach und immer nah zu streben! Ich säh im ewgen Abendstrahl die stille Welt zu meinen Füssen.

Doch scheint die Göttin endlich wegzusinken; Allein der neue Trieb erwacht: Ich eile fort, ihr ewiges Licht zu trinken, Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht, den Himmel über mir und unter mir die Wellen. Ein schöner Traum, indessen sie entweicht. Ach, zu des Geistes Flügeln wird so leicht kein körperlicher Flügel sich gesellen.

Faust und Mephisto

Faust und Mephisto aus: Twosips Chronicles


In dieser Nacht will sich Dr. Faust das Leben nehmen, als ein Pudel auftaucht. Dieser entpuppt sich als Mephisto, den wahrhaften Teufel, der mit Faust einen Packt schliesst. Denn Dr. Faust ist in einer Lebens- und Sinnkrise, die aber nicht der von Miss Miller ähnelt, sondern der von C. G. Jung, als er ihre Schriften zu analysieren begann. Die Libido von Faust regrediert und belebt unbewusste Inhalte: seine Anima im Betrachten der Abendsonne und seinen Schatten in Gestalt des Pudels, aus dem Mephisto hervorgeht, der negative Aspekt des Selbst. – Dies ist die typische Zusammenstellung eines beginnenden Individuationsprozesses, wie ihn C. G. Jung etwa in «die Archetypen und das kollektive Unbewusste» (GW 9I) beschrieben hat.

2.1. Schuld

Nach C. G. Jung ist der Mensch in einer Lebenskrise mit seinem eigenen Schatten konfrontiert. Der eigene Schatten beinhaltet ungelebte Inhalte, die zur eigenen Persönlichkeit gehören. Das können positive Inhalte sein wie ein schöpferisches Talent, das in der ersten Lebenshälfte wegen der Anpassung an die Gesellschaft auf der Strecke blieb. Es sind aber auch negative Charakterzüge, die nicht in das Idealbild von sich passen3. So wird heutzutage etwa das eigene Ich als positiv erfährt, als zu positiv. Negative Neigungen sinken ab ins persönliche Unbewusste. Dann vergleicht er die heutige Situation mit der des frühen Christentums, als sich der Mensch seiner Schuld bewusst war und er die eigenen Sünden beichtete:

Johannes Evangelist

Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst irre, und die Wahrheit ist nicht in uns. (I. Joh. 1,8)

Brüderliche Nächstenliebe war da oberstes Gebot:

Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt,
der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm. (I. Joh. 4,16)

Tilman Riemenschneider: Johannes sinniert über seinem Evangelium

Was Sünde ist, musste man dem Christen in der Antike nicht erklären, sie war überall und wurde auch so empfunden. Mit dem Bekennen der eigenen Sünden blieben sie bewusst und sanken nicht als Schatten ab ins Unbewusste.

Der moralische Anspruch der Christen war aber auch Aufstand gegen die Verrohung in der antike Gesellschaft, ein Aufstand der Ärmsten, der Sklaven. Denn in jener Zeit waren Millionen Frauen und Männern versklavt. Ihre Besitzer konnten mit ihnen machen, was sie wollten. So wurden in den Amphitheatern Menschen für Schaulustige wilden Tieren vorgeworfen oder auf andere Weise bestialisch getötet.

Lucius in 'Metamorphose'

Lucius bei seiner Verwandlung
in einen Esel durch einen Zaubertrunk

Neben dem frühen Christentum gab es auch andere religiöse Strömungen, die moralische Massstäbe setzten, etwa der Mithraskult. Aber auch die Mysterienreligion von Isis und Serapis spielte eine grosse Rolle und leitete die Menschen in Zucht und Ordnung an. Ein berühmtes Beispiel ist der Roman «Metamorphosen oder der Goldene Esel» von Lucius Apuleius (2. Jh. n. Chr.): Der Romanheld Lucius wurde zur Strafe für seine erotische Beziehung zu einer Dienstmagd in einen Esel verwandelt4 und erlebte in dieser Gestalt ein abenteuerliches Leben. Am Ende schlief er mit einer liebestollen Frau, die seine sexuellen Künste als Esel in höchsten Tönen lobte. Darauf hätte er öffentlich mit einer Ehebrecherin schlafen sollen. Das war dem 'Esel' dann doch zu viel, und er bat die Göttin Isis, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Doch die Zeit seiner Strafe war um, und Lucius wurde wieder in einen Menschen verwandelt.

Hat Lucius – aber auch Dr. Faust - aufgrund seiner sexuellen Lust Schuld auf sich geladen, so sieht C. G. Jung die Schuld von Miss Miller in ihrer nicht gelebten Sexualität: Das nächtliche Singen des Marineoffiziers weckte ihre Bedürfnisse, die sie aber verdrängte. Darauf belebte ihre Libido archetypisches Material: den Vatergott, den Schöpfer und den jugendlichen Sonnengott.

Der Schatten ist auch ein kollektives Problem. Taucht allgemein eine Krise auf, wird der Schatten der Gesellschaft belebt. Dieser ist definiert als die Summe der unbewussten Schatten jedes einzelnen. Dabei erhält der mühsam antrainierte Deckel der Zivilisation Risse, archaische Energien werden entfesselt und überfluten das Bewusstsein. Letztlich ist da nur noch ein «Fressen und gefressen werden», oder «ein Jagen und gejagt werden». Ein archaisches Motiv für Krieg und Zerstörung, das seit Millionen von Jahren in der Natur vorherrscht, manifestierte sich im letzten Jahrhundert in den zwei Weltkriegen. In diesem Jahrhundert ist etwa Amerika bekannt, die den IS bekämpften und mehr unschuldige Zivilisten trafen. Oder der IS (dem Islamischer Staat), der nicht nur unter Muslimen Anhänger findet, sondern auch Europäer mit christlichem Hintergrund. Oder aktuell der Krieg in der Ukraine, auf beiden Seiten wird der Mythos vom «Kampf des Helden gegen das Böse» gelebt.

2.2. Anima, Animus, Gott

Hinter oder neben dem Schatten wird die gegengeschlechtliche Seelenhälfte belebt, bei einem Mann die weibliche Seelenhälfte, die Anima, bei einer Frau die männliche Seelenhälfte, der Animus. - Im Buch «Symbole der Wandlung» will C. G. Jung zwar explizit die Psychologie von Miss Frank Miller darstellen, im Grunde aber setzt er bei seinen Betrachtungen die Psychologie eines Mannes voraus und scheint sich bei der Interpretation von Dr. Faust und dem biblischen Hiob wohler zu fühlen als bei der weiblichen Psyche von Miss Miller.

Miss Miller ihrerseits erwähnt ein paar Männer, die sie imponierten, aber auch Literatur von männlichen Autoren, was eindeutig auf die Belebung des Animus hinweist. Doch was C. G. Jung in der Folge analysiert, ist Dr. Faust, der auf der Höhe seiner Karriere sich nach dem Licht der Sonne sehnt, nach der Sonne nicht als Vaterfigur, sondern als Grosse Göttin. Denn Faust vertritt als Wissenschaftler selber den archetypischen Vater auf Erden, und zwar bis zum Überdruss und jammert am Anfang seines Auftritts:

Habe nun, ach! Philosophie, Juristerey und Medicin,und leider auch Theologie!
Durchaus studirt, mit heißem Bemühn. Da steh’ ich nun, ich armer Tor!

Das Unbewusste trifft Faust angesichts der Abendsonne als Grosse Göttin mit grosser Wucht und kompensiert sein extrem einseitiges männliche Bewusstsein als Universalgelehrten. Als solcher vertritt er den Grossen Vater und hat mit seinen Studien seine theoretische Welt erschaffen. Doch auf dem Höhepunkt macht sich der Archetyp der Grossen Mutter bemerkbar, als Sehnsucht nach dem Licht, nach der Sonne und im sexuellen Begehren, das er bei Margarethe auslebt. C. G. Jung seinerseits behandelt aber Licht, Sonne immer als männliche Grösse, was sich explizit im Kapitel «Wandlung der Libido» äussert.

Der Animus der Frau ist gemäss der Lehre von C. G. Jung weniger erotisch als die Anima des Mannes5. Und was bei Miss Miller auffällt ist, wie sie mit ihren Gedichten, Fantasien und Zitate um Akzeptanz ringt, Akzeptanz ihres weiblichen Ichs. Aber dafür fehlt C. G. Jung der Blick, im Gegenteil, er misst sie knallhart an seiner patriarchalen Ideologie. Im Klartext heisst das, er versteht sie gar nicht, sie interessiert ihn gar nicht!

C. G. Jung bespricht nun das Vorspiel zu Dr. Faust: Da unterhält sich der HERR (Gott) mit Mephisto, ob Dr. Faust seine Seele an den Satan verliert.

Der HERR
Kennst Du den Faust?
Mephistopheles
Den Doktor?
Der HERR
Mein Knecht!
Mephistopheles
Was wettet Ihr?
Den sollt Ihr noch verlieren!
Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt,
Ihn meine Strasse sacht zu führen.
Der HERR
Solange er auf der Erde lebt,
So lange sei dir’s nicht verboten,
Es irrt der Mensch so lang er strebt.
Mephistopheles
Da dank ich Euch; denn mit den Toten
Hab ich mich niemals gern befangen.
Am meisten lieb ich mir die vollen, frischen Wangen.
Für einem Leichnam bin ich nicht zu Haus
Mir geht es wie der Katze mit der Maus.
Der HERR
Nun gut, es sei dir überlassen!
Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,
Und führ ihn, kannst du ihn erfassen,
Auf deinem Wege mit herab,
Und steh beschämt, wenn du bekennen musst:
Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange,
Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.

Der Deal zwischen Gott und Mephisto orientiert sich am Prolog im Buche Hiob, als Gott und Satan vereinbaren, die Treue Hiobs zu Gott auf die Probe zu stellen (Hi. 1,6-12). Hiob, der Gerechte verliert darauf plötzlich alles, seine Herde, seine Kinder und wurde zuletzt schwer krank. Er fordert Gott heraus. Was Hiob – wie Faust - nicht weiss, ist das Gespräch zwischen Gott und dem Satan in der himmlischen Ratsversammlung vor seinem Unglück.

Dr. Faust wird vom HERRN «mein Knecht» bezeichnet. «Knecht Gottes» ist im Alten Testament eine tragische Figur. Bei Deuterojesaja führt der Knecht Gottes als gebrochener, schweigender Gerechte die Völker zu Gott (Buch Jesaja 40-55). Was der «Knecht Gottes» mit Miss Miller zu tun hat, ist mir schleierhaft, da grundsätzlich nur ein Mann «Gottesknecht» sein kann, als Frau gelangt sie nie in diesen Rang – Leid hin oder her!

Der Grosse Vater gehört zur Symbolik des männlichen Selbst, das im Zusammenspiel mit dem Ich, dem Schatten und der Anima auftaucht. Doch auch andere Psychoanalytiker haben sich mit solchen Vorstellungen beschäftigt. So zeigt Alfred Adler, dass sich unser kollektives Bewusstsein am numinos patriarchalen Über-Ich, also am alttestamentlichen Gott orientiert, oder Horst E. Richter6 , wie der Mensch seit Beginn der Neuzeit sich mit dem allmächtigen Gott identifiziert.

Ich denke, es gibt grosse Gemeinsamkeiten zwischen dem alttestamentlichen Gott und dem heutigen Menschen, die zeigen, dass wir den Archetyp des Grossen Vaters nach aussen leben. Die Gemeinsamkeiten sind:

  1. Gott hat die Welt erschaffen
  2. Gott ist ständig unterwegs
  3. Gott ist ein zorniger Gott
  4. Gott droht ständig, das Land zu vernichten,
    zu verbrennen oder zu versengen
  1. Der Mensch erschafft sich die Welt
  2. Unsere Mobilität scheint grenzenlos.
  3. Der Mensch erforscht aggressiv die Welt .
  4. Die Erderwärmung durch den Menschen ist Tatsache.
    Sie zerstört die Erde.

Zur Abendsonne, die Dr. Faust so imponiert, erläutert C. G. Jung dessen Faszination an der konkreten Natur und hält fest: Faust ist ein Universalgelehrter und ein Theoretiker durch und durch. Beim Anblick der Sonne wurde er von der Sehnsucht nach dem Irdischen erfasst. Nach C. G. Jung geht Dr. Faust genau den umgekehrten Weg, der einst das Christentum und die anderen bereits besprochenen Strömungen in der Antike beschritten hatten. Diese Gruppen wandten sich ab von der Faszination des Irdischen hin zum Geistigen. Und diese Sehnsucht nach dem Geistigen erfuhr der antike Mensch als Erlösung. Es kam zum Umschlag vom genussreichen Leben zur allgemeinen Askese und zum Klosterwesen (S. 107f.). Anders bei Dr. Faust. Für ihn ist das asketische Ideal der Antike und des europäischen Mittelalters todbringend. Er ringt nach Befreiung und gewinnt das Leben, indem er sich dem Bösen übergibt, damit wird er zum Todbringer für das, was er am meisten liebt: Margarete. Doch er entreisst sich dem Schmerze über den Tod seiner Geliebten und opfert sein Leben der Arbeit, wodurch er vieler Leben rettet.

Wenn man sich die Konstellation von Dr. Faust und Margarete anschaut, ist es ein Gefälle von oben nach unten, Mann zu Frau und da drängt sich ein Vergleich zwischen C. G. Jung und Miss Miller auf. In gewisser Weise widerspiegelt sich die Beziehung von Dr. Faust zu Margarete zur Konstellation von C. G. Jung und Miss Miller. Der Unterschied liegt darin, dass Faust eine konkrete Beziehung zu einem Dorfmädchen eingeht, ja sich ihr aufdrängt, während C. G. Jung nur die Schriften von Miss Miller kennt und sie als Grundlage seiner Thesen nimmt. Doch das hierarchische Gefälle ist dasselbe. C. G. Jung ebenfalls ein Universalgelehrter und Professor nimmt eine Position ein, die Miss Miller anfangs des 20. Jahrhundert kaum erreichen konnte. Er ist der überlegene Professor, der eine junge Studentin analysiert, ohne dass sie je Einfluss darauf nehmen konnte – Ausser ihren Schriften als 20-Jährige bleibt sie stumm, während er Jahrzehnte lang an seinem Buch schrieb.

In der Männergesellschaft, die C. G. Jung hier idealisiert, sind Frauen entweder nicht existent oder in untergeordneter Stellung vertreten. Ihr Vorbild ist das Alte Testament, wo Propheten ihren Gott Jahwe als eheliche Verbindung mit dem Volk Israel beschreiben. Jahwe ist da Gott, Richter und moralische Instanz. Sein Volk Israel erscheint in Gestalt einer irdischen sündigen Frau, ist recht- und sprachlos. Da sie aber keine Sprache hat, wird sie zur Trägerin des Schatten Jahwes, sozusagen zu seiner Projektionsscheibe.

Schatten Jahwes
Der Schatten Jahwes
Weisheit als Mutter der Weisheit

Einen grossen Einfluss im positiven Sinne hat die alttestamentliche Weisheit. Sie ist Partnerin Jahwes, töchterliche Verbündete Jahwes (Spr. 8,22-24)7. Im europäischen Mittelalter galt sie als Ursprung europäischer Wissenschaft, als Mutter der Gelehrten, von deren Brüsten die Gelehrten ihr Wissen saugen 8.

Erich Neumann, die Grosse Mutter Tafel 174

Zum «Lied von der Motte» schreibt Miss Miller: «Dieses kleine Gedicht machte mir einen tiefen Eindruck» (S. 111). Dazu bemerkt C. G. Jung: «das gleiche leidenschaftliche Streben der Motte nach dem Stern ist die Sehnsucht des Menschen nach Gott» und schreibt:

Es ist, wie man will, beschämend oder empörend, dass die höhere Sehnsucht des Menschen, die ihn doch eigentlich erst wirklich zum Menschen macht, so unmittelbar neben dem Menschlich-Allzumenschlichen steht (S. 112).

Einerseits ist da ein Steuermann mit brauner Haut und schwarzem Schnurrbart und andererseits die höchste religiöse Idee in Gestalt von Schöpfer und Sonne. Beides ist eigentlich nicht miteinander vergleichbar, doch sie haben eines gemeinsam, das liebende Begehren. Begehren ist wichtig, weil sie dem Gegenstand die ästhetische und moralische Eigenschaft des Schönen und Guten verleiht und damit unser Verhältnis zu Mitmenschen und Welt ausschlaggebend beeinflusst. Die Natur ist schön, weil ich sie liebe, und gut ist alles, was mein Gefühl als «gut» bezeichnet. Damit will C. G. Jung zeigen, dass WERTE in erster Linie aus subjektiven Reaktionen hervorgehen.

Wenn Miss Miller Gott oder die Sonne preist, so meint sie eigentlich ihre Liebe – Liebe, die auf einen im Tiefsten des menschlichen Wesens wurzelnden Trieb gründet. Da sich ihre Libido vom konkreten Objekt, also vom Seemann, abgewandt hat, ist ihr Objekt ein psychisches, nämlich Gott, geworden. Unter Gott versteht C. G. Jung einen Vorstellungskomplex, der sich um ein sehr starkes Gefühl gruppiert; der Gefühlston ist wesentlich und stellt eine emotionale Spannung dar.

Wenn Gott, die Sonne oder das Feuer verehrt wird, so verehrt man unmittelbar die Intensität und die Kraft, also das Phänomen der seelischen Energie, die Libido. Jede Kraft und überhaupt jedes Phänomen ist eine gewisse Energieform. Form ist Bild und Erscheinungsweise. Sie drückt zweierlei Dinge aus: erstens die Energie, die in ihr Gestalt gewinnt, und zweitens das Medium, in welchem die Energie erscheint. Man kann einesteils behaupten, dass die Energie ihr eigenes Bild schaffe, anderenteils, dass der Charakter des Mediums die Energie in eine bestimmte Form hineinzwingt (S. 114).

Gefühlston - Energie

C. G. Jung betrachtet hier die konkreten sexuellen Bedürfnisse von Miss Miller beim nächtlichen Singen des Seemanns. Ob der Marineoffizier überhaupt ein Interesse an ihr hatte, scheint eher unwahrscheinlich. Warum Miss Miller ihn nicht mehr erwähnte, kann man nur spekulieren: Vielleicht holten ihn seine Frau und seine Kinder im Hafen von Catania ab.

Aber weshalb insistiert C. G. Jung so hartnäckig auf ihre sexuellen Bedürfnisse und bringt dann für seine Theorie fast ausschliesslich Beispiele von Männern, von Männern, die ihre Lust ausgelebt und deshalb Schuld auf sich geladen haben? – Wohl deshalb, weil er sich im Grunde nicht um ihre Belange interessiert, als viel mehr um seine eigenen. So hat das Fixieren der sexuellen Lust auf Miss Miller doch eher etwas mit seiner Anima von zu tun. Auch ist seine abwertende Haltung gegenüber Miss Miller deutlich im Sinne: er ist der grosse Professor, der nun der kleinen Studentin sagt, was Intelligenz und Kultur ist – eine Machtdemonstration also. Denn während Margarete in Faust auf dem Platz bleibt, wo sie von der Gesellschaft aus hingehört, trachtet Miss Miller nach Höherem. Sie erwähnt etwa, wie sie in der Schule auf die Geometrie-Prüfung gebüffelt hatte – eine Vorstellung, die Margarethe nie in den Sinn gekommen wäre. - Es ist doch bezeichnend, dass sie kein Französisch-Wörterlernen erwähnt, sondern Mathematik. Damit will sie doch sagen: Was die Jungs im Gymnasium können, kann ich auch. Doch das interessiert C.G. Jung nicht sondern, dass seine Thesen von den Archetypen in patriarchaler Wertung stimmt.

C. G. Jung kommt dann auf die Faszination, die von Gott ausgeht, zu sprechen: Die Libido formt im Unbewussten Bilder, die aufgrund ihrer Numinosität sich der Mensch nicht entziehen kann und deshalb als Gott erfährt. Die Gestaltwerdung Gottes geschieht im Menschen und nicht ausserhalb des Menschen und ist daher ein subjektives Phänomen. Der römische Dichter Seneca formulierte es so:

Gott ist in dir nahe, er ist bei dir, in dir!
(Seneca, Epistulae morales, XLI)

Oder im 1. Johannesbrief steht:

Denn Gott ist Liebe und wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns! (I. Joh. 4,8.12)

C. G. Jung schreibt: Die Gottwerdung stärkt natürlich das Ich und übt Macht aus. Diese Stärkung des Individuums kompensiert die eigenen Schwächen und Unsicherheiten. Doch neben diesen äusseren Aspekten spielen tiefer liegende Gefühlsvorgänge eine wesentliche Rolle. Mit der Gottwerdung introvertiert die Libido, belebt heile Welt mit den Eltern, die nun aber mit mythischem Material aus dem Unbewussten vermischt werden:

„Darauf spielt die Religion an, denn die Wohltaten der Religion entsprechen den Wirkungen der Elternobhut auf das Kind, und die mystischen Gefühle der Religion wurzeln in den unbewussten Erinnerungen, an gewisse Regungen der ersten Kindheit, an jene archetypischen Ahnungen (119).

Dabei geht C. G. Jung wie selbstverständlich von umsorgenden Eltern aus. In der Regression vemischt sich etwa der konkrete Vater mit dem Vater-Image aus dem Unbewussten. Da das Unbewusste weder Raum noch Zeit kennt, kein Aussen und Innen verknüpfen sich zum Vater Bilder wie Sonne, Feuer und Licht, auch Gold ist ein typisches Sinnbild des Göttlichen. Zu seiner Aussage fügt er eine Reihe Gotteserfahrungen von Mystikerinnen und Mystikern an.

Mechthild von Magdeburg

O Herr, minne mich gewaltig und minne mich oft und lang; je öfter du mich minnest, um so reiner werde ich; je gewaltiger du mich minnest, um so schöner werde ich; je länger du mich minnest, um so heiliger werde ich hier auf Erden.

Mechtild von Magdeburg, wikimedia.org

Gott antwortet:
Dass ich dich oft minne, das habe ich von meiner Natur, denn ich bin selber die Liebe. Dass ich dich gewaltig minne, das habe ich von meiner Begier, denn auch ich begehre, dass man mich gewaltig minne. Dass ich dich lange minne, das ist von meiner Ewigkeit, denn ich bin ohne Ende9.

Literaturhinweis

  1. Helmut Barz, ein Nachfolger von C. G. Jung formuliert das so: Wenn ich in meinem Innersten ein Mörder bin, muss ich mir das bewusst machen, darf ihn aber natürlich nicht ausleben. Das Bewusstmachen meiner eigenen Abgründe verhindert, den Mörder in mir auf einen Menschen oder eine Gruppe zu projizieren. Das heisst natürlich nicht, das ich die Tat eines Mörders nicht verurteilen soll, aber die Qualität des Urteils ist differenzierter, als wenn ich meine eigene destruktive Seite nicht kenne und als Projektion an ihn auslebe in «vom Wesen der Seele»
  2. Vgl. Marie-Louise von Franz, Die Erlösung des weiblichen im Manne. - Der goldene Esel von Apuleius in tiefenpsychologischer Sicht, 1980
  3. Marie-Louise von Franz, der Animus in «der Mensch und seine Symbole»
  4. Alfred Adler, «Über den nervösen Charakter»;
    Horst E. Richter, «der Gotteskomplex»
  5. Silvia Schroer, die Weisheit hat ihr Haus gebaut
  6. Erich Neumann, die Grosse Mutter
  7. Text aus Martin Buber, Ekstatische Konfessionen, S. 66