Kommentar zu 'Symbole der Wandlung'

bearbeitet von Esther Keller-Stocker

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3. Die Sehnsucht nach dem Irdischen

In Bezug auf das Gedicht über die Abendsonne in Goethes Faust erläutert C. G. Jung die Faszination von Dr. Faust an der konkreten Natur und hält fest: Faust ist ein Universalgelehrter und ein Theoretiker durch und durch. Beim Anblick der Sonne wurde er von der Sehnsucht nach dem Irdischen erfasst. Nach C. G. Jung geht er genau den umgekehrten Weg, der einst das Christentum und die anderen bereits besprochenen Strömungen in der Antike beschritten hatten. In der Antike kehrten sich diese Gruppen ab von der Faszination des Irdischen hin zum Geistigen. Und diese Sehnsucht nach dem Geistigen erfuhren die antiken Menschen als Erlösung. Es kam zum Umschlag vom genussreichen Leben zur allgemeinen Askese und zum Klosterwesen (S. 107f.).

Kloster Fischingen

Kloster Fischingen

Nach der Lehre von C. G. Jung sucht das Unbewusste das Bewusstsein zu kompensieren. Wenn Dr. Faust also in seiner theoretischen Männerwelt lebt, drängt sich plötzlich das Unbewusste in Gestalt des Weiblichen in sein Bewusstsein. Dies erfolgt mit einer Wucht, die den Menschen in seiner unbedeutenden Winzigkeit zu vernichten droht. Dem Faust erscheint das archetypisch Weibliche als konkrete Sonne, die am Abend untergeht. Damit belebt die Abendsonne aussen das entsprechende Bild in der Seele des Fausts. Und dieses Seelenbild drängt sich zu inkarnieren, um dem Bewusstsein nahe zu sein.

Margarethe im Gefängnis

Margarethe im Gefängnis aus
'http://www.christian-von-kamp.de/Faust.html'

Das Weibliche bringt Mephisto dem Faust näher, indem er dem Faust in einer Spelunke das Bild der Helena zeigt. Auch diesmal erfasst Faust eine ungeheure Sehnsucht. Im dritten Anlauf führt Mephisto dem Faust Margarete vor, ein frommes Mädchen, ein Aspekt der Grossen Mutter zum Anfassen und Liebhaben. Doch der nicht integrierte Schatten macht die heile Welt zunichte.

Schatten Grafik

Grafik: Patriarchaler Schatten auf dem Weiblichen

3.1. Eine Männergesellschaft

Zu Faust schreibt C. G. Jung weiter für ihn ist das asketische Ideal der Antike und des europäischen Mittelalters todbringend. Er ringt nach Befreiung und gewinnt das Leben, indem er sich dem Bösen übergibt, aber dadurch wird er zum Todbringer für das, was er am meisten liebt: Margarete. Er entreisst sich danach dem Schmerze und opfert sein Leben der Arbeit, wodurch er vieler Leben rettet.

Dr. Faust war wie gesagt ein Gelehrter und unterrichtete Studenten, die zu jener Zeit ausschliesslich männlich waren. Konkrete Frauen existierten höchstens als Haushalthilfe oder als Dirnen in der Nähe der Universität. Sie hatten also keine Bedeutung. Andererseits kam weiblich auch als rein theoretische Grösse vor nämlich als «die Philosophie», «die Justitia», «die Medizin» oder «die Theologie».

Disput - Männergesellschaft

Der Disput. Bild von Domenico Ghirlandaio (1449-1494)

Dies entspricht dem archetypischen System des Grossen Vaters, den wir als archetypisches Ich in der Bibel oder im Mittelalter vorfinden, als Gott und Herrscher der Welt und der Geschichte ohne ein ernst zu nehmendes weibliches Gegenüber.

aus: 'https://thebiblemeditator.wordpress.com
/2014/03/18/a-vision-of-god

Bild: Eine Vision des Propheten Ezechiels über den Herrscher der Welt und die Nähe des Propheten zu Gott.

3.2. Patriarchale Weiblichkeit

Wenn man sich die Konstellation von Dr. Faust und Margarete anschaut, das Gefälle von oben und unten, Mann und Frau, drängt sich ein Vergleich zwischen C. G. Jung und (den Schriften von) Miss Miller auf: Eigentlich widerspiegelt sich die Konstellation von Dr. Faust zu Margarete in der Beziehung von C. G. Jung und Miss Miller. Der Unterschied liegt darin, dass Faust eine konkrete Beziehung zu einem Dorfmädchen eingeht, ja sich ihr geradezu aufdrängt, während C. G. Jung die Schriften der jungen Miss Miller als Grundlage seiner Thesen nimmt. Doch das hierarchische Gefälle ist dasselbe. C. G. Jung ebenfalls ein Universalgelehrter und Professor nimmt eine Position ein, die Miss Miller auch anfangs des 20. Jahrhundert kaum erreichen konnte. Er ist der überlegene Professor, der eine junge Studentin analysiert, ohne dass sie je Einfluss nehmen konnte – Ausser ihren Schriften als 20-Jährige bleibt sie stumm, während er Jahrzehnte lang an seinem Buch schrieb.

Die männliche Gesellschaft, bei der die Frauen entweder nicht existent oder in untergeordneter Stellung vertreten sind, gehört zur Dominanz des Grossen Vaters . Bei alttestamentlichen Propheten erscheint Jahwe und Israel als Ehepaar. Jahwe ist dabei Gott, Richter und moralische Instanz. Sein Volk Israel erscheint in Gestalt einer irdischen sündigen Frau, ist recht- und sprachlos. Da sie aber keine Sprache hat, wird sie zum Trägerin des Schattens Jahwes, sozusagen zu seiner Projektionsscheibe.

Schatten Jahwes- Grafik

Grafik: Schatten Jahwes

Weisheit als Mutter der WeisheitAndererseits erscheint die Weisheit im Alten Testament positiv als Partnerin Jahwes, als töchterlichen Verbündete Jahwes (Spr. 8,22-24) (8). Im europäischen Mittelalter galt sie als Ursprung europäischer Wissenschaft, als Mutter der Gelehrten, von deren Brüsten die Gelehrten ihr Wissen saugen (9).

aus Erich Neumann, die Grosse Mutter Tafel 174

C. G. Jung sieht in der Darstellung Fausts im Zwiespalt von Mephisto und der Sehnsucht nach dem Irdischen  eine Erklärung für die Katastrophen des 1. und 2. Weltkrieges. Für mich hat die Faszination des Irdischen durch den Europäer noch eine andere Dimension: die Zerstörung der Erde. So gehört alles Irdische, Materielle zum Archetyp der Grossen Mutter. Unsere Wahrnehmung der Welt aussen ist durch unser patriarchales Bewusstsein gesteuert, also vom Archetyp des Grossen Vaters. Und wie er projizieren wir unseren Schatten auf die Erde und zerstören sie.

die Grosse Mutter als Welt

Bhavani-Trimurti-Mutter, Indien, 19. Jh. oder früher. Aus Erich Neumann, «die Grosse Mutter», Abb. 51, S. 223

3.3. Miss Miller und ihr Animus

C. G. Jung kommt in seinem Buch «Symbole der Wandlung» auf die Liebe und die Libido zu sprechen, wobei er wieder Bezug nimmt auf das Schreiben von Miss Miller: Sie kommentiert das Gedicht von der Motte und schreibt an eine Freundin: «Dieses kleine Gedicht machte mir einen tiefen Eindruck». C. G. Jung bemerkt «Das gleiche leidenschaftliche Streben der Motte nach dem Stern ist die Sehnsucht des Menschen nach Gott» und schreibt:

Es ist, wie man will, beschämend oder empörend, dass die höhere Sehnsucht des Menschen, die ihn doch eigentlich erst wirklich zum Menschen macht, so unmittelbar neben dem Menschlich-Allzumenschlichen steht.“ Einerseits ist da ein Steuermann mit brauner Haut und schwarzem Schnurrbart und andererseits die höchste religiöse Idee in Gestalt von Schöpfer und Sonne. Er meint, beides ist eigentlich nicht miteinander vergleichbar, doch sie haben eines gemeinsam, das liebende Begehren. (S. 111f.)

Dazu meint C. G. Jung: Begehren ist wichtig, weil sie dem Gegenstand die ästhetische und moralische Eigenschaft des Schönen und Guten verleiht und damit unser Verhältnis zu Mitmenschen und Welt ausschlaggebend beeinflusst. Die Natur ist schön, weil ich sie liebe, und gut ist alles, was mein Gefühl als «gut» bezeichnet. Damit will er zeigen, dass WERTE in erster Linie aus subjektiven Reaktionen hervorgehen.

Wenn Miss Miller Gott oder die Sonne preist, so meint sie eigentlich ihre Liebe – Liebe, die auf einen im Tiefsten des menschlichen Wesens wurzelnden Trieb gründet. Da sich die Libido vom konkreten Objekt, also vom Seemann, abgewandt hat, ist ihr Objekt ein psychisches, nämlich Gott, geworden. Unter Gott versteht C. G. Jung einen Vorstellungskomplex, der sich um ein sehr starkes Gefühl gruppiert; der Gefühlston ist wesentlich und stellt eine emotionale Spannung dar. Wenn Gott, die Sonne oder das Feuer verehrt wird, so verehrt man unmittelbar die Intensität und die Kraft der seelischen Energie, der Libido. Weiter schreibt C. G. Jung: Jede Kraft und überhaupt jedes Phänomen ist eine gewisse Energieform. Form ist Bild und Erscheinungsweise. Sie drückt zweierlei Dinge aus: erstens die Energie, die in ihr Gestalt gewinnt, und zweitens das Medium, in welchem die Energie erscheint. Man kann einesteils behaupten, dass die Energie ihr eigenes Bild schaffe, anderenteils, dass der Charakter des Mediums die Energie in eine bestimmte Form hineinzwinge. (S. 113f.)

Gefühlston - Energie

Grafik: Libido und der Mensch als Medium

C. G. Jung betrachtet hier ausschliesslich die konkreten sexuellen Bedürfnisse von Miss Miller zum Seemann, die er als «menschlich-allzumenschliche Bedürfnisse» bezeichnet. Er geht hier nicht ein auf den gegengeschlechtlichen Seelenanteil von Miss Miller, auf den Animus. Denn die Faszination, die vom Seemann ausgeht, stammt eigentlich vom unbewussten Animus, den Miss Miller, auf den Seemann projiziert.

Dazu ist zu sagen, dass Miss Miller durchaus geschrieben hat, dass ihr der Marineoffizier tiefen Eindruck gemacht hatte. Warum sie ihn nicht weiter erwähnte, kann man nur spekulieren: Vielleicht holten ihn seine Frau und seine Kinder im Hafen von Catania ab. - Auf alle Fälle ist es nicht üblich, dass jeder Mann, der einer Frau über den Weg läuft, gleicht ihr Sexualpartner wird.

Grafik: Animus und seine Projektionen

Grafik: Animus und seine Projektion

Aber wieso kommt sie vom Seemann auf das Vater-Imago? Das erklärt sie selber, indem sie das Gedicht vom Schöpfer kommentiert. Sie schreibt, dass ihr, als 15-Jährige ihre Mutter einen Artikel vorgelesen hatte von der «Idee, die spontan ihr Objekt erzeugt». Sie war ob diesem Satz so erregt, dass sie nicht schlafen konnte. Dann erzählt sie weiter, dass sie im Alter von 9 bis 17 Jahren jeden Sonntag in die Presbyterianerkirche ging, an der damals ein sehr gebildeter Mann als Pfarrer amtete. Als kleines Mädchen sass sie im grossen Kirchenstuhl, beständig bemüht, nicht einzuschlafen und die für sie unverständlichen Worten des Pfarrers von «Chaos», «Kosmos» und «Gabe der Liebe» zu verstehen. (S. 70f.)

Der Seemann und der Pfarrer sind typische Projektionen des Animus. Darüber schreibt Marie-Louise von Franz (10):

Der Animus ist weniger erotisch als die Anima eines Mannes dafür eher fasziniert von '(heiligen) Ideen'.

Nach dieser Definition von Marie-Louise von Franz sehnt sich Miss Miller nach dem Geistaspekt des Männlichen. - Natürlich hat sie sexuelle Bedürfnisse, aber so wie ich ihre Schriften lese, geht es ihr eher darum, sich in der intellektuellen Männerwelt zurecht zu finden und zu behaupten. - Sie will so gebildet sein wie der Herr Pfarrer.

Grafik: Animus und seine Gestalten

Bekannte Beispiele von Animus-Figuren

Blaubart und seine Frauen

Blaubart von
Gustave Doré
aus wikimedia

Schneewitchen und<br />die sieben Zwerge

Schnettwitchen
und die 7 Zwerge

Titanic

Titanic

3.4. Die erotische Anima

Doch weshalb insistiert C. G. Jung auf die konkreten sexuellen Bedürfnisse von Miss Miller so hartnäckig? Meines Erachtens ist dies ein Hinweis, dass sich C. G. Jung nicht so sehr um die Belange von Miss Miller interessiert ist als um seine eigenen.

Die erotische Anima

Das Fixieren der sexuellen Lust bei Miss Miller hat doch eher etwas mit der Anima von C. G. Jung zu tun. Um dies zu erklären folgen wir dem Buch «Der Mensch und seine Symbole», an dem C. G. Jung und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kurz vor seinem Tod schrieben. In diesem Buch zeigt Marie-Louise von Franz (11) die verschiedene Stufen der Anima des Mannes auf. Da ist die erotische Frau, die Madonna in Rot, die den spiritualisierten Eros markiert und die Priesterin, Schamanin als Wegweiserin und die Sophia als Geistprinzip. Der negativen Aspekt ist die Hexe und Nymphe, die den Mann in den Abgrund zieht.

Grafik: Gestaltung der Anima

Grafik: Anima und ihre Gestalten

Beispiele: Anima und ihre Gestalten

Lorelei

Lorelei

Madonna in Rot

Madonna
von Jan van Eyck

die Seelenführerin

'Seelenführerin
aus Film 'She'

Die drei Bilder aus 'Symbole der Wandlung' und wikimedia.

Wenn sich C. G. Jung an der verdrängten Sexualität von Miss Frank Miller aufhält, ohne ein Wort über den weiblichen Animus zu verlieren, dann hat das mit ihm und einer Projektion seinerseits zu tun.

Wenn sich C. G. Jung an der verdrängten Sexualität von Miss Frank Miller aufhält, ohne ein Wort über den weiblichen Animus zu verlieren, dann hat das – wie gesagt - mit ihm und der Projektion seiner Anima auf Miss Miller zu tun. Dabei ist er der grosse Professor, der nun der kleinen Studentin sagt, was Intelligenz und Kultur ist – eine Machtdemonstration also. Denn während Margarete in Faust auf dem Platz bleibt, wo sie von der Gesellschaft aus hingehört, trachtet Miss Miller nach Höherem. So  erwähnt sie etwa, wie sie in der Schule auf Geometrie-Prüfungen gebüffelt hatte – eine Vorstellung, die Margarethe in Faust nie in den Sinn gekommen wäre. - Es ist doch bezeichnen, dass sie kein Französisch-Wörterbüffeln sondern Mathematik erwähnt. Damit will sie doch sagen: Was die Jungs im Gymi können, kann ich schliesslich auch.

Emma

Bild aus www.emma.de

Da C. G. Jung sie nicht persönlich sondern nur aus ihren Schriften kennt, verfällt er immer mehr der Faszination des Grossen Vaters gegenüber einer minderwertigen Grossen Mutter.

Literaturhinweise

  1. Silvia Schroer, die Weisheit hat ihr Haus gebaut
  2. Erich Neumann, die Grosse Mutter
  3. Marie-Louise von Franz in «der Mensch und seine Symbole», Autoren: C. G. Jung, Marie-Louise von Franz, Jolande Jacobi, S. 189ff.
  4. Marie-Louise von Franz in «der Mensch und seine Symbole», Autoren: C. G. Jung, Marie-Louise von Franz, Jolande Jacobi, S. 177ff.

 

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Text und Design: Esther Keller-Stocker (Schweiz)
Letzte Revision: 01.03.2020