Kommentar zu 'Symbole der Wandlung'

bearbeitet von Esther Keller-Stocker

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9. Die Wandlung der Libido

In diesem Kapitel 9 beschreibt C. G. Jung den Begriff der Libido, und wie sie in kritischen Lebenssituationen regrediert und Inhalte aus dem Unbewussten hervorbringt. Dann beschreibt er, wie er sich die Umwandlung von Energie aus einem Trieb, etwa dem Sexualtrieb, in Arbeitsenergie vorstellt. In einem dritten Teil kommt C. G. Jung auf das «Feuerreiben/-bohren» mit zwei Holzstäben zu sprechen, ein Ritual, zu dem er Beispiele aus der indischen Rigveda nimmt. Aufgrund der indogermanischen Wortwurzel math oder manth, die einerseits im indischen Verb manthâmi (Feuerreiben) als auch im Griechischen μανθάνω (im Geiste hin- und herbewegen) vorkommt, sieht er eine Kontinuität von Feuer reiben zum Denken und Vorsorgen.

9.1. Der Begriff der Libido

Wie wir bereits im 1. Kapitel dieses Kommentars beschrieben haben, vertritt C. G. Jung im Gegensatz zu Sigmund Freud die Ansicht, dass die «Libido» die gesamte Lebensenergie meint. Sie manifestiert sich in Trieben wie Hunger, Durst, Schlaf oder Sexualität. Ein paar Seiten später fügt er noch Macht, Hass, Religion etc. hinzu (S. 175). Es sind Triebe, die sich nur mit grosser Druck kontrollieren lassen.

Die primäre Ursache zur Entstehung von Neurosen sieht C. G. Jung in Charaktereigenschaften des Patienten und dessen sozialem Umfeld. Er schreibt:

So hängt die neurotische Instinktverdrehtheit des jugendlichen Menschen mit einer ähnlichen Disposition seiner Eltern zusammen, und die Störung seiner Sexualsphäre ist ein sekundäres und kein primäres Phänomen (S. 178)

Dabei hält C. G. Jung fest, dass ein Neurotiker oder ein Schizophrener häufig wenig Interesse an Sexualität zeigt. Grundsätzlich interessiert dem Patienten die äussere Wirklichkeit wenig und passt sich auch nicht sonderlich an. Im Gegenteil, er zieht sich zurück und belebt vergangene Kulturstufen, greift auf Aberglauben und Weltsichten, die heute keine Gültigkeit mehr haben, aber in einer früheren Kultur Realität waren. Um zu zeigen, was er meint, vergleicht C. G. Jung einen Mann, der mit Pfeil und Bogen hantiert, obwohl er das Maschinengewehr nehmen könnte. – Würde man diesen Vergleich auf eine Frau übertragen, hiesse das wohl: eine Neurotikerin reinigt den Fussboden mit dem Besen, obwohl sie den Staubsauger nehmen könnte.

Hexen in der Walpurgisnacht - Bildrätsel
Bildrätsel aus der Lokalzeitung Horgen, ca. 2010

Als Beispiel nennt er einen intelligenten Studenten, der zwar genau weiss, dass die Erde rund ist und um die Sonne kreist, aber sich die Erde flach ausdenkt, über die die Sonne wandert. Oder die Patientin, die Alkohol wie in archaischen Ackerkulturen als «Samenerguss» betrachtete. (S. 179f.). Bei den Neurosen handelt es sich aber nie um wirklichen Realitätsverlust, sondern nur um Verfälschung der Wirklichkeit. Bei der Schizophrenie ist letztere aber tatsächlich in bedeutendem Ausmass in Verlust geraten.

Merkwürdig finde ich nach diesem Statement, wie er Miss Miller behandelt. C. G. Jung diagnostizierte bei ihr eine Schizophrenie, d.h. sie hat wenig Interesse an Sexualität und trotzdem sieht er diese als Ursache ihrer Krankheit. Nach seiner Definition müsste die Disposition der Eltern und ihr soziales Umfeld eine wichtige Rolle spielen. Doch dieses kennt C. G. Jung nicht, aber es interessiert ihn auch nicht.

In einer Krisensituation kommt die Lebensenergie zu einem Stillstand, regrediert dann und belebt unbewusste Inhalte. Das gilt nicht nur für den Einzelnen sondern auch für ein Kollektiv. Es ist eine psychische Epidemie, wie es sich etwa während der Hexenjagd zu Beginn der Neuzeit zeigte oder in den zwei Weltkriegen im 20. Jahrhundert. C. G. Jung vergleicht nun den modernen Menschen mit dem Primitiven. Er meint – etwas gar idealisierend – der Frühmensch oder der Primitive haben in Krisenzeiten dem modernen Menschen einiges voraus. Denn sie wissen um die Gefahr, wenn da plötzlich Geister und Dämonen auftauchen, Hexen oder Zauberer. Sie wissen, dass das gefährlich ist, während das moderne Bewusstsein solche Erscheinungen als dummen Aberglauben wegsteckt. Wenn das menschliche Bewusstsein aber keinen adäquaten Ausdruck oder keine adäquaten Bilder hat, um die Bedrohung von innen wahrzunehmen und zu gestalten, steigt der psychische Druck und ehe man sich versieht, ist die von Menschen verursachte Katastrophe da. – Aktuell sehe ich eine solche Katastrophe in der bedrohlichen Klimaerwärmung aufgrund unserer patriarchalen Weltordnung, die C. G. Jung in diesem Buch glorifiziert.

9.2. Wandlung der Libido

C. G. Jung erläutert nun, wie er die Umwandlung des Sexualtriebes in Arbeitsenergie vorstellt: Dies geschieht durch monotone Riten. Als Beispiel nimmt er Jagdriten der Watschandi in Westaustralien : Da tanzen Jäger um ein nacktes Mädchen, bekommt einer der Männer ein erigiertes Glied, darf er nicht an der Jagd (Arbeit) teilnehmen. C. G. Jung folgert daraus, dass die Jäger während des rituellen Tanzes sich auf ihre bevorstehende Jagd konzentrieren und dabei die aufkeimende Energie der Erregung umleiten auf das Jagdvorhaben. Die frei gewordene psychische Energie wird für die Organisation und den Durchhaltewillen der Jagd benötigt. Als weiteres Beispiel nimmt er das Verhalten von Nomaden, die nur wenige Kinder haben, weil die Libido zur Bewältigung äusserer Bedrohung nötig wird und vor allem für die Nahrungssuche reichen muss. (S. 174).

Libido
Diagramm:
Umwandlung von sexueller Energie in Arbeitsenergie
Balzverhalten
Diagramm: Umwandlung der Libido in der Tierwelt

Als weiteres Beispiel nimmt er das Verhalten von Nomaden, die nur wenige Kinder haben, weil die Libido zur Bewältigung äusserer Bedrohung nötig sei und vor allem für die Nahrungssuche reichen muss. Da wird sexuelle Energie zugunsten der Energie der Nahrungsbeschaffung reduziert. (S. 174)

9.3. Rhythmisches Bohren oder Reiben

Ein grosses Thema in seinem Buch ist der Rhythmus, der dem Menschen genuin gegeben ist. – Ich denke, das hat damit zu tun, weil der Mensch als Fötus ständig dem Rhythmus der mütterlichen Herztöne ausgesetzt war. - C. G. Jung weist auf das rhythmische Saugen in frühkindlicher Phase und auf das rhythmisch lustvollen Strampeln hin. Mit der Zeit gehen diese lustvollen Äusserungen in sexuelle Bewegungen über. Das heisst, Libido, die ursprünglich an die Nahrungsaufnahme gebunden war, wird jetzt in sexuelle geleitet. Dabei bleibt ein ursprünglicher Bezug von Essen zu Sexualität bestehen, d.h. etwa Vagina mit Mund verglichen wird, oder wenn es heisst «essen ist wie Sex».

C. G. setzt nun Rhythmus mit «Bohren» und «Reiben» in Verbindung. Dabei beschreibt er eine psychisch kranke Frau, die sich in erregtem Zustand sexuellen Handlungen hingab und mit dem Zeigefinger rhythmisch an der Schläfe bohrte. Später konnte sie sich nicht mehr an ihr Handeln erinnern. Das Verhalten ist also spontan und unbewusst. C. G. Jung fragt sich nun, wie «bohren» in der Kulturgeschichte der Menschheit zu betrachten sei. Denn im Verhalten der Frau treten merkliche Symptome einer archaischen Psychologie hervor. Er schreibt:

Daraus gehen alle jene zahlreichen Berührungen mit mythologischen Produkten hervor, und was wir für originelle und individuelle Schöpfungen halten, sind sehr oft nichts anderes als Bildungen, die denen der Vorzeit zu vergleichen sind. (S. 183)

Wenn also im Erwachsenenleben Probleme auftauchen, die zur Regression zwingen, so erfolgt diese in eine frühere Entwicklungsstufe, die wiederbelebt wird. Mit der Belebung kleinkindlicher Phasen wird aber auch das kollektive Unbewusste belebt und damit frühere Kulturschichten. Das heisst, in der Regression des Erwachsenen vermischen sich kleinkindliche Phasen mit wiederbelebten Spuren der Geschichte.

 Regression

Daraus gehen alle jene zahlreichen Berührungen mit mythologischen Produkten hervor, und was wir für originelle und individuelle Schöpfungen halten, sind sehr oft nichts anderes als Bildungen, die denen der Vorzeit zu vergleichen sind. (S. 183)

C. G. Jung geht davon aus: wenn im Erwachsenenleben Probleme auftauchen, die zur Regression zwingen, so erfolgt diese in eine frühere Entwicklungsstufe, die wiederbelebt wird. Mit der Belebung kleinkindlicher Phasen wird aber auch das kollektive Unbewusste belebt und damit frühere Kulturschichten. Das heisst, in der Regression des Erwachsenen vermischen sich kleinkindliche Phasen mit wiederbelebten Spuren der Geschichte.

9.4. Die beiden Reibhölzer

Die historischen Spuren, die sich im Unbewussten finden, führen zum «Feuer machen». Er schreibt: Die Fähigkeit «Feuer zu machen» ist eine der frühesten und revolutionärsten Taten des Menschen. «Feuer entfachen» entsteht durch Reiben und Bohren zweier Hölzer. Der Frühmensch entfachte im Ritus Feuer statt sich der sexuellen Erregung hinzugeben. Eine Bestätigung findet er im indischen Rigveda: Darin werden die «Feuer reibenden Hölzer» als ein hartes und ein weiches Holz beschrieben. Das harte Reibholz wird Pramantha (Pra-manth-a) genannt.

Pramantha wird sexuell aufgefasst, als Phallus und Mann. Dies weist auf die verweigerte Sexualität im Feuerritus hin. So ist das unten liegende Holz, das vom oberen gebort wird, die Vulva oder das Weib. Das erbohrte Feuer ist das Kind, der göttliche Sohn Agni. Kultisch haben die beiden Hölzer Namen: Purûravas ist der Name des harten Holzes (indisch: Pramantha). Der Name des weiblichen Holzes ist Urvaçi, aus deren Genitale der Feuergott Agni geboren wird. Der Feuergott Agni erhält dabei den Beinamen Mâtariçvan «der in der Mutter Schwellende».

Zum Akt der Feuererzeugung verweist C.G. Jung auf ein Lied des Rigveda (III, 29, 1-3):

Das ist das Drehholz, der Zeuger (Penis) ist bereitet,
bringt die Herrin des Stammes (28) herbei,
den Agni lasst uns quirlen nach altem Brauch.

In den beiden Hölzern liegt der Jâtavedas,
wie in den Schwangeren die wohlbewahrte Leibesfrucht;
tagtäglich ist Agni zu preisen von den sorgsamen, opfernden Menschen.

In die Dahingestreckte lass hinein (den Stab),
der du des kundig bist;
sogleich empfängt sie, hat den Befruchtenden geboren;
mit rötlicher Spitze, leuchtend seine Bahn,
ward der Ilâsohn in dem treffendem Holz geboren (29).

Feuergott Agni

Agni, 18. Jh. aus wikimedia.org


Hier ist der Penis (indisch Pramantha) zugleich der indische Feuergott Agni, der erzeugte Sohn: der Phallus ist der Sohn und der Sohn ist der Phallus». Zu «Penis» und «Sohn» erklärt C. G. Jung weiter:

Auch in der heutigen deutschen Sprache haben wir Anklänge an die alten Symbole bewahrt: Ein Junge wird als «Bengel» bezeichnet, im Hessischen als «Stift» oder «Bolzen» (30). (S. 190)

Interessant ist auch die Anmerkung C. G. Jungs, den Zusammenhang der beiden deutschen Wörter «bohren» und «geboren»:

Das germanische borôn ist urverwandt mit lat. forare (id.) und gr. Pharao = pflügen. Es wird eine idg. Wurzel bher mit der Bedeutung tragen vermutet, sanks. Bhar, gr. Pher, lat. fer-; daraus althd beran = gebären, engl. To bear, lat. fero und fertilis, fordus (trächtig), gr. Phoros (id.) (S. 190) (31).

C. G. Jung schwelgt in diesem Abschnitt seiner phallisch-patriarchalen Ideologie. Dies fängt mit der psychisch kranken Frau an, die sich ohne jede Besinnung an der Stirne bohrt. Von da leitet C. G. Jung über zum «Feuer reiben/bohren» als revolutionäre Erfindungen des Menschen, genauer als «revolutionäre Leistung der Männer», wie er es zwar nicht direkt sagt, aber in der folgenden Erläuterung liegt der Fokus seiner Betrachtungen auf FEUER, PENIS, MANN, SOHN UND AGNI. Der Purûravas ist das OBEN befindliche harte Holz, das darunter liegende weichen Holz das Weib Urvaçi. – Die Frau und das weiche Holz unten machen dabei einen sichtlich abwertenden Eindruck.

Urvashi et Pururavas gemalt von Raja Ravi Varma

Urvashi et Pururavas gemalt
von Raja Ravi Varma, vor 1906
aus wikimedia.org

Doch zu diesem Paar gibt es in der indischen Literatur auch eine Geschichte: Da verbindet sich die himmlische Frau Urvaçi mit dem irdischen Mann Purûravas und bleibt so lange bei ihm, bis sie genug hatte. Dann verlässt sie ihn und fliegt davon.

Im Vergleich zu C. G. Jung hat Mircea Eliade in seinem Buch «Schmiede und Alchemisten» zum gleichen Thema einen anderen Blickwinkel. Er schreibt:

In Indien der Vedazeit wurde der Opferaltar (vedi) als «weiblich», das rituelle Feuer (agni) als «männlich» angesehen – und «ihre Vereinigung erzeugte die Nachkommenschaft». …. einerseits wurde die vedi mit dem Nabel (nâbhi) der Erde verglichen, der recht eigentlich das Symbol des «Mittelpunktes» ist. Die nâbhi wurde aber auch als die Matrix der Göttin angesehen.

Andererseits wurde das Feuer selbst als Folge – als die «Nachkommenschaft» - einer sexuellen Vereinigung betrachtet. Es entstand aus dem Hin- und Herbewegen (Vergleich mit der Kopulation) eines Stabes (der das männliche Element darstellt) in einem Einschnitt, der in ein Stück Holz (weibliches Element) gemacht worden war (Rig. Veda, III, 29,2ff.; V, II, 6; VI 48,5; S. 43).

Zu «Feuer» schreibt Mircea Eliade weiter:

Den Mythen gewisser archaischer Völker zufolge besassen die Ahnfrauen «von Natur» das Feuer in ihren Geschlechtsorganen; sie nutzten es, um ihre Nahrung zu kochen, verbargen es aber vor den Männern. Denen gelang es jedoch, sich seiner durch List zu bemächtigen . Diese Mythen widerspiegeln Erinnerungen an eine matriarchalische Ideologie, wie auch die Tatsache, dass man glaubte, das Feuer, durch Aneiananderreiben zweier Holzstücke, das heisst durch deren «sexuelle Vereinigung» erzeugt, befinde sich «von Natur» in jenem Holzstück, welches das Weibliche darstellte. Dank dieser Symbolik ist die Frau auf dieser Kulturstufe «von Natur» Zauberin. Den Männern gelang es aber, das Feuer zu «meistern», und schliesslich wurden die Zauberer mächtiger und zahlreicher als die Zauberinnen. (S. 84)

9.5. Manthâmi «zu Feuer reiben»

Für die weiteren Erläuterungen gibt C. G. Jung unter anderem folgende Literatur an: Adalbert Kuhn in «Die Herabkunft des Feuers und des Göttertrankes» (1886) und K. Bapp «Prometheus» in Roscher-Lexikon (1890-1897). Dabei geht es um eine Diskussion, bei der Adalbert Kuhn annahm, dass ein sprachlicher Zusammenhang vom indischen Pramantha (hartes Reibholz) und dem griechischen Gott Prometheus (Pro-meth-eus) besteht. Dies wird von K. Bapp bestritten.

Die Wurzel von manthâmi ist «manth» oder «math» (32) und bedeutet «schütteln, reiben, durch Reiben hervorbringen». A. Kuhn, den C. G. Jung zitiert, setzt das indische Verb manthâmi mit dem Griechischen μανθάνω gleich, was «lernen» heisst. «Lernen» im Sinne von «im Geiste hin- und herbewegen». Die Wurzel manth oder math führt von μανθάνω über προ-μηθἑομαι auf den Gott Προμηθεύς (Prometheus), der das Feuer für die Menschheit vom Himmel herunterholte. Er war auch der Vordenker und Kulturbringer (33).

Maharishi Bhrighuji

Maharishi Bhrighuji, frühes 18. Jh. Foto: Ranjit Studios, aus wikimedia.org

Dann kommt C. G. Jung auf den indischen Seher und Priester Bhrgu (Brighu) (34) zu sprechen, dessen Name in der Wortwurzel Bahr («bohren, geboren») enthalten ist.

Der Priester Bhrgu (Brighu) entstand wie der Feuergott Agni-Mâtariçvan aus dem Feuer:

In der Flamme entstand Bhrgu, Bhrgu geröstet, verbrannte nicht. (unbekanntes inter, S. 186f.)

Von Bhrgu gibt es das das verwandtes Wort «bhrây», das «leuchten», lat. «fulgeo», griech. «φλεγω» bedeutet. Demnach müsse Bhrgu als «der Leuchtende» zu verstehen sein.

Zum Stichwort «φλεγω» schreibt C. G. Jung: Prometheus gehört nach einer lokalen Tradition zum Stamm der Phlegyer. C. G. Jung assoziiert φλεγω mit dem Wort «φλεγύας», dem Adler aus brandgelber Farbe und kommt zum Schluss, dass die Phlegyer «die Feueradler» gewesen seien. Vom phrygischen Feueradler «φλεγύας» sieht C. G. Jung eine Beziehung zu pramantha, also zum harten Holz, das auf das weiche Holz reibend Feuer respektive den indischen Feuergott Agni-Mâtariçvan «der in der Mutter Schwellende» zeugt. Er schreibt, das es hier, wenn nicht sprachlich, dann doch eine archetypische Parallele gibt. (S. 187).

Nach wikipedia ist Phlegyas der Ahnherr der Phlegyer, einem rohen Volksstamm in Böotien. Phlegyas zündete den Tempel des Apollon, weil dieser seine Tochter Koronis geschwängert hatte. Apollon tötete ihn darauf mit Pfeilen und verdammte ihn in die Unterwelt. Da muss Phlegyas zur Strafe stets einen Felsen über sich sehen, der auf herabzustürzen drohte (35).

9.6. Inzest

Sigmund Freud geht davon aus, dass sexueller Triebverzicht entsteht, wenn in archaischen Gesellschaften das übermächtig ältere Männchen die jüngeren nicht an die Weibchen lässt. C. G. Jung ergänzt wohl etwas spöttisch: für die Weibchen sei es die Matronne, die über die Töchter wacht (S. 194).

C. G. Jung zweifelt an dieser These und schreibt: die energetische Spannung innerhalb einer primitiven Gruppe darf nie grösser sein als der Kampf ums Dasein, sonst würde die Gruppe unverzüglich untergehen. So sieht er den Triebverzicht weniger innerhalb der Gruppe als vielmehr in der Aussenwelt. Denn der Frühmensch ist ständig auf Nahrungssuche oder feindlichen Gruppen ausgeliefert: Um den Hunger zu stillen und den Proteinmangel zu beheben, muss der Frühmensch und der Primitive auf die Jagd. Zur Jagd benötigt er Wille, Entschlossenheit und Ausdauer. Das heisst, er benötigt psychische Energie. Und diese Energie erhält er aus dem Sexualtrieb, der ihm stets zur Verfügung steht. Als Beispiel nimmt C. G. Jung wieder den Aborigines-Stamm an der Westküste und zitiert Friedrich von Hellwald

Lightning Feather Spirit Family

«Lightning Feather Spirit Family», aus pinterest.ch

Einzelne Stämme, wie die Watschandi am Murchisonstrome in Westaustralien, feiern dann ein grosses Fest, das «Kaoro», das in Orgien ausartet. Die Männer umtanzen höchst unflätig eine Grube, die Gebüsch umgiebt, springen mit geschwungenen Speeren und wilden, leidenschaftlichen Gebärden, welche ihre erregte Sinnlichkeit verraten, umher und stossen die Speere in die Grube unter Absingung des Liedes:

Pulli nira, pulli nira, Pulli nira, wataka
Anm. 261 : Non fossa, non fossa, Non fossa, sed cunnus
Nicht ein Graben, kein Graben, ist ein Graben nicht, aber die Vulva.

Im Ritus gelangt die Regression der Libido in die frühkindliche Phase, die geprägt ist von der Abhängigkeit der Mutter. Der einzelne Jäger wird damit mit der eigenen Mutter konfrontiert und gleichzeitig mit dem Tabu des Inzests. Um dem Stau dieser inzestuösen Situation zu entweichen, wird sie im besten Falle als psychische Energie gegen alle Mühen und Hindernisse des Jagens eingesetzt. - Mit der Wandlung von einer Energieform in die andere, bleibt aber der Charakter der ursprünglichen Energie an der neuen haften. So erinnert der Tanz der Aborigines an einen Sexualakt, ist aber eine magische Handlung (S. 201f.).

Beim rituell hergestellten sexuellen Triebverzicht handelt es sich um das Verbot des Inzests. Um dieser Schranke zu entgehen, ist beim Frühmenschen und Primitiven die Kusin-Kusine-Heirat weit verbreitet. Die Gruppe gewinnt (dadurch) innere Verfestigung, Ausbreitungsmöglichkeit und damit grössere Sicherheit. (S. 194)

Beim rituell hergestellten sexuellen Triebverzicht handelt es sich um das Verbot des Inzests. Stattdessen ist beim Frühmenschen und Primitiven die Kusin-Kusine-Heirat weit verbreitet.

Regression in frühkindlicher Phase

Die Gruppe gewinnt (dadurch) innere Verfestigung, Ausbreitungsmöglichkeit und damit grössere Sicherheit.
(S. 194)

Doch es sind nicht nur die äusseren Gefahren des Daseins, die den Primitiven in Angst und Schrecken versetzen, sondern noch viel mehr die innere Wirklichkeit. Dazu schreibt C. G. Jung:

das heisst die Welt der Träume, Totengeister, Dämonen, Götter und last but not least der Zauberer und die Hexen, obschon unser Rationalismus diese Angstquelle dadurch zu verstopfen glaubt, dass er auf deren Unwirklichkeit hinweist. Es handelt sich aber um innere psychische Wirklichkeiten, deren irrationaler Natur mit Vernunftsgründen nicht beizukommen ist.

Aborigines

Australische Eingeborene, die durch Kontakt mit der Zivilisation ihren religiösen Glauben verloren. Dieser Stamm zählt nur noch ein paar hundert Menschen, Bild aus «der Mensch und seine Symbole», S. 95

So kann der westliche Mensch zwar versuchen, die Eingeborenen in die Moderne zu führen. Doch die allgegenwärtige Trinksucht, die moralische Verlotterung und die Hoffnunslosigkeit, der die Aborigines im 20. Jahrhundert ausgesetzt waren, zeigen, dass die westliche Sicht der Dinge nicht den psychischen Realitäten der Einheimischen entspricht.

Und folgert daraus:

Es ist eine psychische Wirklichkeit, genau so unerbittlich und so unüberwindlich wie die Aussenwelt, auch ebenso nützlich und hilfreich wie erstere, wenn man die Mittel und Wege kennt, die Gefahren zu vermeiden und die Schätze zu heben. (S. 198f.)

9.7. Sprache, Feuer, Götter

Im frühkindlichen Stadium ist der Mund eines Kleinkindes nicht nur Ort der Nahrungsaufnahme sondern auch der Sprache. So zitiert C. G. Jung zu «Mund und Sprache» einen entsprechenden Text aus der indischen Aitareya Upanishad:

Ei und Schlange

Da holte er (Atman) aus den Wassern einen Purusha (Mann, Urseele hervor und formte ihn. Den bebrütete er; da er ihn bebrütete, spaltete sich sein Mund wie ein Ei, aus dem Mund entsprang die Rede, aus der Rede Agni». (S. 205)

Welt-Ei-Brahman von Jacob Bryant, 1774 aus wikimedia

Zu «Mund und Sprache» gibt es auch alttestamentliche Belege. Dazu zitiert er aus der Dankesrede Davids im Alten Testament. Hier wird Jahwes Mund als «verzehrendes Feuer» bezeichnet:

Da wankte und schwankte die Erde, und die Grundfesten des Himmels erbebten; sie wankten, denn er war zornentbrannt. Rauch stieg auf in seiner Nase, Feuer frass aus seinem Mund, Kohlen brannten aus ihm heraus. Er neigte den Himmel und fuhr herab, Wolkendunkel unter seinen Füssen. (II. Sam. 22,8f.) (S. 205).

Und betont:

Immer wieder wird das Feuer «verzehrend, «fressend» genannt, was auf die Funktion des Mundes hinweist.

Und zitiert Jesaja:

Durch den Grimm des Herrn der Heerscharen wurde das Land verbrannt, und das Volk ward wie vom Frass des Feuers» (Jes. 9,19) (S. 206).

Als positiven Beleg für «Feuer und Sprache» fügt er aus dem Neuen Testament das Pfingstereignis aus der Apostelgeschichte an:

Und es erschienen ihnen Zungen, die sich zerteilten, wie von Feuer … Und sie wurden alle mit dem heiligen Geist erfüllt und fingen an, in anderen Zungen zu reden. (Apg. 2,3ff.)

Oder im neutestamentlichen Jakobusbrief heisst es dann wieder im zerstörerischen Sinne:

Auch die Zunge ist ein Feuer. Als die Welt der Ungerechtigkeit erweist sich die Zunge unter unsern Gliedern, sie, die den ganzen Leib befleckt und den Kreis des Lebens in Brand steckt und von der Hölle in Brand gesteckt wird (Jak. 3,6).

In der indischen Literatur ist das Feuer auch der Götterbote und ähnliches wird im alten Testament im Buche Daniels über die drei Männer im Feuerofen berichtet:

Da sprang der König Nebukadnezar entsetzt auf, hob an und sprach zu seinen Räten: haben wir nicht drei Männer gebunden ins Feuer geworfen? Sie antworteten und sprachen zum König: Gewiss, o König! Er erwiderte und sprach: Ich sehe aber vier Männer ohne Fesseln und unversehrt im Feuer umhergehen, und der vierte sieht aus wie ein himmlisches Wesen. (Dan. 3,24f.; S. 210)

Der Vierte im Feuerofen erscheint als Gottessohn, als Manifestation Jahwes als Feuer. In der Biblia pauperum von 1471 ist es dann Christus der, die Rolle des Feuer-Jünglings übernimmt. So heisst es:

Man liest in dem propheten Daniel am III c., dass nabucholodonosor der kunig zu babilon liess setzten III kind in ain gluenden ofen und da der kunig kam zu dem ofen und sach hinein da sach er bei den III den vierden der was gleich dem sun gotz. Die drey bedeuten uns die heiligen drivaltigkeit in den person und der viert ainigkeit des wesen. Also Christus in seiner erclarung bezaichnet er die Drivaltigkeit der person und die ainigkeit des wesen. [Tafel XII.]

C. G. Jung zeigt auf mehreren Seiten, wie «Feuer» in den verschiedensten neuen und alten Sprachen mit Inhalten wie «Sprache, Schönheit, Zeugungskraft, Geist, Magie» etc. in engen Zusammenhang gebracht wird (S. 206ff.) und kommt dann wieder auf den indischen Gott Agni zu sprechen:

Das Sanskritwort für Feuer ist agnis (das lateinische Ignis), das personifizierte Feuer ist der Gott Agni, der göttliche Mittler, dessen Symbol gewisse Berührungen mit christlichen Vorstellungen hat (S. 209).

Dazu zitiert er Max Müller, «Einleitung in die vergleichende Religionswissenschaft»:

Es war eine dem Inder geläufige Vorstellung, das Feuer auf dem Altare zugleich als Subject und Object des Opfers zu fassen. Das Feuer verbrannte das Opfer und war somit gleichsam der Priester, das Feuer trug das Opfer zu den Göttern, und war somit Vermittler zwischen Menschen und Göttern; das Feuer stellte aber auch selbst etwas Göttliches, einen Gott vor, und wenn diesem Gotte Ehre erzeugt werden sollte, so war das Feuer sowohl Subject als Object des Opfers. Daher die erste Vorstellung, dass Agni sich selbst opfert, das heisst dass er sein eigenes Opfer für sich selbst darbringt, …. (S. 206)

Subjekt und Objekt, Opferer und Opfer kennt auch das Christentum mit der Passion Jesu. Nach weiteren Beispielen kommt C. G. Jung auf das erlösende Blut Christi (S. 212 Anm. 54) und parallel dazu auf Agnis heiligen Trank der Unsterblichkeit (Soma) zu sprechen: Gleich wie Christus sein erlösendes Blut als ein Unsterblichkeitsmittel im Weine hinterliess, so ist Agni der Soma, der heilige Begeisterungstrank der Unsterblichkeit, das die indischen Götter quirlen wie das Feuer. Oder das Quirlen des Milchozeans, aus dem die Schöpfung entsteht.

9.8. Feuer als Raub der Götter

In alten Erzählungen wird Feuerentfachen immer als einen Raub betrachtet. «Raub» ist ein verbreitetes Motiv, eine schwer erreichende Kostbarkeit zu gewinnen. Vielerorts ist die Feuerbereitung etwas Verbotenes, Usurpiertes oder Strafwürdiges, das meistens nur durch List erreicht werden kann. Um die magische Wirksamkeit des Feuers zu erhalten, mussten früher die Regeln der rituellen Handlungen peinlichst genau beobachtet werden. So hatte der Ritus des Feuerentfachens meist schützende, apotropäische Bedeutung. Mit der Sprache und dem Feuerentfachen hat der Mensch das tierische Unbewusste überwunden und durch Riten gesichert. Doch nicht autorisiertes Ausüben oder nicht konzentriertes Anwenden der Riten konnten zur Gefahr werden, regressiv in die tierische Unbewusstheit zurückzufallen. Dabei vermehrt die Rückstauung der Libido die Triebhaftigkeit und belebt Neigungen zu Exzessen und Abirrungen. Als Beispiel beschreibt er einen Brandstifter, der beim Brand grosse sexuelle Lust empfindet.

9.9. Patriarchale Werte

C. G. Jung verwendet hier Zitate aus den Aitareya Upanishad oder der Bibel, die menschheitsgeschichtlich gesehen sehr jung sind. Überdies fallen sie in die betont patriarchale Zeit, die nach der Eiszeit um 10’000 v. Chr. begann . So entstanden die Upanishaden zwischen 1’000 und 500 v. Chr., das Alte Testament in der 2. Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. und das Neue Testament bekanntlich im 1. Jahrtausend nach Chr. Das Problem ist, kommen durch die Regression des Ichs historische Fragmente aus dem kollektiven Unbewussten ins menschliche Bewusstsein, so hängt die Wertung dieser Inhalte vom aktuellen Ichbewusstsein ab. D.h. in einer patriarchal geprägten Gesellschaft werden historische Fragmente aus dem kollektiven Unbewussten automatisch patriarchal gedeutet. Und das gilt im besonderen für die von C. G. Jung zitierten Texten.

Als Beispiel nehmen wir den hier zitierten indischen Vers von Atman (Selbst, Lebenshauch), der einen Purusha (Mann, Person, Urseele) aus dem Wasser hervorholt und ihn formt. Mit «formen» ist die Tätigkeit des Grossen Vaters als «Ewiger Macher» gemeint. Doch Purusha muss noch bebrütet werden. «Bebrüten» steht aber für das Mütterliche. Purusha soll von der Grossen Mutter in Gestalt eines Vogels bebrütet werden. Doch die «Geburt» des Eis resp. des Kindes findet im Text nicht aus dem mütterlichen Unterleib statt sondern «oben» im Gesicht des Atmans (Lebenshauch). Er spaltet den Mund, aus dem die Rede wie ein Ei geboren wird. Und durch die Rede der Sohn Agni.

In einer systematischen Darstellung sieht das wie folgt aus:

Symbolik der Grossen MutterSymbolik des Grossen Vaters
Bebrütet das EiBebrütet den bereits geformten Purusha
Die Vagina öffnet sichUmdeutungDer Mund spaltet sich
Heraus kommt das Ei resp. das Kind (Agni)Aus dem Mund entsprang die Rede, aus der Rede Agni

10.3.2. Jahwe als numinoses Über-Ich

Aus den erwähnten biblischen Texten zitiert C. G. Jung den zerstörischen Aspekt von «Feuer, Mund, Jahwe». Wie Horst E. Richter und Alfred Adler (39) gezeigt haben, repräsentiert der biblische Gott das numinose Über-Ich des westlichen Menschen, der Feuer speiende zerstörerische Aspekt dieses Gottes zeigt demnach das zerstörerische Potential unseres kollektiven Ich-Komplexes, der die Erde zerstört. Dabei ist «die Erde» in unserer Psychologie symbolisch als Mutter Erde erfahren. Eine konkrete reale Folge ist der durch unsere energiegeladene Unruhe entstandenen Klimawandel: Wenn ich an Australien denke, wo ich mit meinem Mann 2018 war, da gab es riesige Urwälder:

Cairns Urwald, 2018, Bild ek Cairns 2018,
Bild ek
Brisbane, 2018, Bild ek Brisbane, 2018,
Bild ek
Blue Mountains, 2018, Bild ek Blue Mountains, Sidney, 2018,
Bild ek
Brand in Australien Folge der Klimaerwärmung in Australien 2019/20

Literaturhinweise

  1. Vgl. Friedrich Anton Heller von Hellwald, die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwicklung, 1888, S. 85
  2. C. G. Jung, «Symbole der Wandlung», 3. Auflage, 1981,
    S. 190, Anm. 14: oder der Menschen überhaupt
  3. C. G. Jung, «Symbole der Wandlung», 3. Auflage, 1981,
    S. 190, Anm. 15
  4. C. G. Jung, «Symbole der Wandlung», 3. Auflage, 1981,
    S. 190, Anm. 16
  5. C. G. Jung, «Symbole der Wandlung», 3. Auflage, 1981,
    S. 189, Anm. 12
  6. C. G. Jung, «Symbole der Wandlung», 3. Auflage, 1981,
    S. 185 Anm. 4
  7. wikipedia «Prometheus», 24.11.2019
  8. Unter indienweb.ch «Brighu: der heilige Seher» genannt
  9. wikipedia «Phlegyas», 27.10.2019
  10. Friedrich von Hellwald, Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Einwicklung, 1889, S. 85, aus gutenberg.org
  11. Vgl. «Mächtige Männer – ohnmächtige Frauen?» aus Terra-X
  12. Vgl. wiki-yoga.de
  13. Horst E. Richter, «der Gotteskomplex»; Alfred Adler, «Über den nervösen Charakter»

Text und Design: Esther Keller-Stocker, 11.01.2020
Revision: 07.05.2022

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