Kommentar zu 'Symbole der Wandlung'

bearbeitet von Esther Keller-Stocker

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9. Über die Wandlung der Libido

In diesem und nächsten Abschnitt gehe ich auf das Kapitel «die Wandlung der Libido» ein. Sie finden es im Buch «Symbole der Wandlung», aus den Gesammelten Werken von C. G. Jung, Band V, 3. Auflage von 1981, Seiten 170 bis 215.

In diesem Kapitel erläutert C. G. Jung den Begriff der Libido, und wie sie in Notsituationen regrediert und Inhalte aus dem Unbewussten hervorbringt. (Vgl. Sie dazu Video 1)

Ein weiteres Thema ist die Umwandlung von Energie aus einem Trieb in Arbeitsenergie. Die Umwandlung geschieht durch Riten, wie er am Beispiel der Watschandi in Westaustralien zeigt.

 In einem dritten Anlauf kommt er auf das «Feuerreiben/-bohren» mit zwei Holzstäben sprechen. Diese Tätigkeit dürfte der Frühmensch im Ritual vollzogen haben. Eine Bestätigung seiner These findet er im indischen Rigveda. Der zu Feuer reibende Holzstab wird als Pramantha bezeichnet. Diesen Pramantha assoziiert C.G. Jung mit dem griechischen Feuerräuber Prometheus.

Im indischen Rigveda bezeichnet «manthâmi» die Tätigkeit des «Feuerreibens». Das Wort beinhaltet die Wortwurzel math oder manth. Math oder Manth kommt auch im Griechischen Wort μανθάνω vor, das «im Geiste hin- und herbewegen» bedeutet. «Im Geiste hin- und herbewegen» heisst «lernen, denken, vorsorgen». Das sind Eigenschaften, die den griechischen Gott Prometheus auszeichnen.

9.1. DER BEGRIFF DER LIBIDO

9.1.1. Die Libido als psychische Energie

  • Sexualität
  • Hunger/Durst
  • Schlaf
  • Macht
  • jeder Affekt
    wie Hass, Liebe
  • Religion

Wie wir bereits im 1. Teil dieses Kommentars gesehen haben, vertritt C. G. im Gegensatz zu Sigmund Freud die Ansicht, dass mit «Libido» die gesamte Lebensenergie gemeint ist. Sie manifestiert sich in Trieben wie Hunger, Durst, Schlaf oder Sexualität. Ein paar Seiten später fügt er noch Macht, Hass, Religion etc. hinzu (S. 175). Es sind Triebe, die sich nur mit grosser Druck kontrollieren lassen.

Sigmund Freud leitet Neurose oder Schizophrenie von einer sexuellen Störung ab, obwohl er erkannt hatte, dass auch andere Triebe an einer psychischen Störung beteiligt sein können. Dem entgegnete C. G. Jung, dass Charaktereigenschaften und soziales Umfeld die primären Gründe einer psychischen Störung sind. Er schreibt:

So hängt die neurotische Instinktverdrehtheit des jugendlichen Menschen mit einer ähnlichen Disposition seiner Eltern zusammen, und die Störung seiner Sexualsphäre ist ein sekundäres und kein primäres Phänomen (S. 178)

Dabei hält C. G. Jung fest, dass ein Neurotiker oder ein Schizophrener häufig wenig Interesse an Sexualität zeigt. Grundsätzlich interessiert ihn die äussere Wirklichkeit wenig und passt sich entsprechend nicht an. Im Gegenteil, er zieht sich zurück und belebt vergangene Kulturstufen, greift auf Aberglauben und Weltsichten, die heute keine Gültigkeit mehr haben, aber in einer früheren Kultur Realität waren. Um zu zeigen, was er meint, vergleicht er einen Mann, der mit Pfeil und Bogen hantiert, obwohl wir heute Maschinengewehre haben. Dazu würde ich sagen, eine Neurotikerin ist eine Frau, die mit dem Besen den Fussboden scheuert, obwohl sie den Staubsauger nehmen könnte.

Hexen in der Walpurgisnacht - Bildrätsel

Bildrätsel aus der Lokalzeitung Horgen, ca. 2010

Um ein weiteres Beispiel zu geben, greift er auf die Aufzeichnungen eines paranoiden Studenten und schreibt:

Ein Paranoider von guter Intelligenz, der die Kugelgestalt der Erde und ihre Rotation um die Sonne sehr wohl kennt, ersetzt in seinem System die modernen astronomischen Einsichten durch ein bis ins Detail ausgearbeiteten System, in welchem die Erde eine flache Scheibe ist, darüber die Sonne wandert. (S. 179)

C. G. Jung stellt klar: Bei den Neurosen handelt es sich nie um einen wirklichen Realitätsverlust, sondern nur um Verfälschung der Wirklichkeit. Bei der Schizophrenie ist letztere aber tatsächlich in bedeutendem Ausmass in Verlust geraten.

Weiter fügt C. G. Jung ein Beispiel an, wie es die Psychoanalytikerin Sabina Spielrein von einer Patientin notiert hatte. Diese betrachtete das Rauschgetränk Alkohol wie in archaischen Ackerkulturen als «Samenerguss». (S. 179f.)

Alkohol als Symbol des Samenergusses

aus sexualstoerung-muenchen.de

In Bezug auf Miss Miller sei daran erinnert, dass er für sie eine Schizophrenie diagnostiziert hatte: Nach der hier formulierten Definition spielt Sexualität eine untergeordnete Rolle, dafür ist die Disposition der Eltern ausserordentlich wichtig, und ich möchte da anfügen, auch die Disposition eines Patriarchats, das C. G. Jung in diesem Buch verklärt.

9.1.2. Regressiver Stillstand

Die Regression eines psychisch Kranken kommt irgendeinmal zum Stillstand. Dieser Stillstand kann auch als einen Stillstand im äusseren Leben erlebt werden, sei es im wirtschaftlichen oder sozialen Bereich. Doch Stillstand heisst nicht, dass nichts mehr passiert sondern, es ist eher «die Ruhe vor dem Sturm». Denn nun reagiert das Unbewusste und überflutet das menschliche Bewusstsein. Und dies geschieht nicht nur bei einzelnen Kranken in der psychiatrischen Klinik sondern in einem ganzen Kollektiv. Ein ganzes Volk kann also von einer psychischen Epidemie erfasst werden. C. G. Jung denkt an die Hexenjagd zu Beginn der Neuzeit oder an die zwei Weltkriege im 20. Jahrhundert.

Regression der Libido

Diagramm: Regression der Libido

Der Frühmensch oder der Primitive, wie ihn C. G. Jung mit gewissem Respekt nennt, haben uns da einiges voraus. Denn sie wissen um die Gefahr, wenn da plötzlich Geister und Dämonen auftauchen, Hexen oder Zauberer. Sie wissen, dass das gefährlich ist, während das moderne Bewusstsein solche Erscheinungen als dummen Aberglauben wegsteckt. Wenn das menschliche Bewusstsein aber keinen adäquaten Ausdruck oder keine adäquaten Bilder hat, um die Bedrohung von innen wahrzunehmen und zu gestalten, steigt der Druck und ehe man sich versieht, ist die von Menschen verursachte Katastrophe da. Dabei denkt er an den II. Weltkrieg. Heute kann man auch an die Klimakatastrophe denken, die der Mensch durch sein Verhalten hervorgebracht hatte oder an die nicht enden wollenden Syrienkriege.

Mobi Dick

Moby Dick aus pinterest

9.2. Umwandlung der Libido 

C. G. Jung erläutert nun die Umwandlung gegebener Lebensenergie, etwa die Energie des Sexualtriebes, in Arbeitsenergie: Er beschreibt, wie dies durch monotone Riten bewerkstelligt wird. Als Beispiel nimmt er Riten der Watschandi in Westaustralien (7): Da tanzen Jäger um ein nacktes Mädchen, bekommt einer der Männer ein erigiertes Glied, dann darf er nicht an der Jagd teilnehmen. C. G. Jung folgert daraus, dass die Jäger während des rituellen Tanzes sich auf ihre bevorstehende Jagd konzentrieren und dabei die aufkeimende Energie der Erregung umleiten auf das Jagdvorhaben. Die frei gewordene Energie wird dann für die Organisation und den Durchhaltewillen der Jagd benötigt. 

Libido

Diagramm: Umwandlung von sexueller Energie in Arbeitsenergie

Die Umwandlung der Libido ist zwar eine enorme Leistung, wie C. G. Jung immer wieder betont, doch ist sie genuin in den Lebewesen verankert und Bedingung der Evolution. Dies zeigt C. G. Jung anhand der Tierwelt. Er schreibt: die Fortpflanzung der Tiere in frühen Evolutionsstadien waren äusserst kompliziert. Im Laufe der Zeit vereinfachte sich die Fortpflanzung auf Eizelle und Same. Bei dieser Vereinfachung in der frühen Tierwelt wurde Energie frei, die in der Tierwelt zu einer äusserst vielfältigen Entfaltung des Balzverhaltens führte. Das vielfältige Balzverhalten, also das Paarungsvorspiel bei Tieren, nennt C. G. Jung «tierische Kunst».

Balzverhalten

Diagramm: Umwandlung der Libido in der Tierwelt

Als drittes Beispiel nimmt er das Verhalten von Nomaden, die nur wenige Kinder haben, weil die Libido zur Bewältigung äusserer Bedrohung nötig sei und vor allem für die Nahrungssuche reichen muss. Da wird sexuelle Energie zugunsten der Energie der Nahrungsbeschaffung reduziert. (S. 174)

Diagramm: Nomaden

Diagramm: Libido sexuelle Energie zur Nahrungsbeschaffung

9.3. Rhythmisches Bohren oder Reiben 

Ein grosses Thema in diesem Kapitel der Umwandlung der Libido ist der Rhythmus, der dem Menschen genuin gegeben ist. – Ich denke, der Rhythmus ist dem Menschen genuin gegeben, weil er als Fötus ständig dem Rhythmus der mütterlichen Herztöne ausgesetzt war. Als Beispiel nimmt C. G. Jung das Saugen in frühkindlicher Phase. Es ist eine rhythmische Bewegung der Nahrungsaufnahme, aber auch motorisch im lustbetonten Strampeln. Mit der Zeit führen rhythmisch lustvolle Befriedigung in der erogenen Zonen, aus der sich während der Kindheit die Sexualität herausbildet. Das heisst, Libido, die ursprünglich an die Nutritionsphase gebunden war, wird übergeleitet in Sexualität. Dabei bleibt ein Bezug von Sexualität zur Ernährung bestehen, etwa wenn Vagina mit Mund verglichen wird. Oder wenn es heisst «essen ist wie Sex».

C. G. Jung setzt nun Rhythmus mit «Bohren» und «Reiben» in Verbindung. Dabei beschreibt er eine psychisch kranke Frau, die sich in erregtem Zustand sexuellen Handlungen hingab und mit dem Zeigefinger rhythmisch an der Schläfe bohrte. Später konnte sie sich nicht mehr an ihr Handeln erinnern. Das Verhalten ist also spontan und unbewusst. C. G. Jung fragt sich nun, wie «bohren» in der Kulturgeschichte der Menschheit zu betrachten sei. Denn in ihrem Verhalten treten merkliche Symptome einer archaischen Psychologie hervor. Er schreibt:

Daraus gehen alle jene zahlreichen Berührungen mit mythologischen Produkten hervor, und was wir für originelle und individuelle Schöpfungen halten, sind sehr oft nichts anderes als Bildungen, die denen der Vorzeit zu vergleichen sind. (S. 183)

C. G. Jung geht davon aus: wenn im Erwachsenenleben Probleme auftauchen, die zur Regression zwingen, so erfolgt diese in eine frühere Entwicklungsstufe, die wiederbelebt wird. Mit der Belebung kleinkindlicher Phasen wird aber auch gleichzeitig das kollektive Unbewusste belebt und damit frühere Kulturschichten. Das heisst, in der Regression des Erwachsenen vermischen sich kleinkindliche Phasen mit wiederbelebten Spuren der Geschichte.

Regression 02

9.4. Die beiden Reibhölzer 

C. G. Jung kommt nun zum «Feuer machen» und schreibt: Die Fähigkeit «Feuer zu machen» ist eine der frühesten und revolutionärsten Taten des Menschen. «Feuer entfachen» entsteht durch Reiben zweier Hölzer. Der Frühmensch entfachte im Ritus Feuer statt sich der sexuellen Erregung hinzugeben. Eine Bestätigung findet er im indischen Rigveda: Darin sind diese «Feuer reibenden Hölzer» ein hartes und ein weiches Holz. Das harte Reibholz wird Pramantha (Pra-manth-a) genannt.

Pramantha wird dabei sexuell aufgefasst, als Phallus und Mann. Dies weist auf die verweigerte Sexualität im Ritus hin, die mitschwingt. So ist das untenliegende gebohrte Holz die Vulva oder das Weib. Das erbohrte Feuer ist das Kind, der göttliche Sohn Agni. Kultisch haben Magen-Feuer aus der Yoga-Lehredie beiden Hölzer Namen: Purûravas ist der Name des harten Holzes/indisch: Pramantha, der zugleich als Phallus und Mann aufgefasst wird. Der Name des Weibes ist Urvaçi, aus deren Genitale der Feuergott Agni geboren wird. Der Feuergott Agni erhält dabei den Beinamen Mâtariçvan «der in der Mutter Schwellende».

Magen-Feuer aus planet-ayurveda.com

9.4.1. Ein Lied der Feuererzeugung

Zum Akt der Feuererzeugung verweist C.G. Jung auf ein Lied des Rigveda (III, 29, 1-3):

Das ist das Drehholz, der Zeuger (Penis) ist bereitet,
bringt die Herrin des Stammes (8) herbei,
den Agni lasst uns quirlen nach altem Brauch.

In den beiden Hölzern liegt der Jâtavedas,
wie in den Schwangeren die wohlbewahrte Leibesfrucht;
tagtäglich ist Agni zu preisen von den sorgsamen, opfernden Menschen.

In die Dahingestreckte lass hinein (den Stab),
der du des kundig bist;
sogleich empfängt sie, hat den Befruchtenden geboren;
mit rötlicher Spitze, leuchtend seine Bahn,
ward der Ilâsohn in dem treffendem Holz geboren (9).

Feuergott Agni

Agni, 18. Jh. aus wikimedia.org

Auch in der heutigen deutschen Sprache haben wir Anklänge an die alten Symbole bewahrt: Ein Junge wird als «Bengel» bezeichnet, im Hessischen als «Stift» oder «Bolzen» (10)

Interessant ist auch die Anmerkung C. G. Jungs, den Zusammenhang der beiden deutschen Wörter «bohren» und «geboren»: Das germanische borôn ist urverwandt mit lat. forare (id.) und gr. Pharao = pflügen. Es wird eine idg. Wurzel bher mit der Bedeutung tragen vermutet, sanks. Bhar, gr. Pher, lat. fer-; daraus althd beran = gebären, engl. To bear, lat. fero und fertilis, fordus (trächtig), gr. Phoros (id.) (S. 190) (11).

9.4.2. «Feuer entfachen» bei Mircea Eliade 

Schauen wir den eben behandelten Abschnitt nochmals an: Er fängt mit der psychisch kranken Frau an, die sich ohne jede Besinnung an der Stirne bohrt, und führt dann über die zu Feuer reibenden Hölzern zum Penis, Mann und Agni. Dabei streicht C. G. Jung in seiner Erläuterung die Bedeutung von FEUER, PENIS und MANN heraus. – Zum Vergleich möchte ich nun Mircea Eliade anfügen, der zum gleichen Thema in seinem Buch «Schmiede und Alchemisten» einen anderen Blickwinkel hat. Er schreibt:

Buchtitel zu Mircea Eliade, Schmiede und Alchemisten

In Indien der Vedazeit wurde der Opferaltar (vedi) als «weiblich», das rituelle Feuer (agni) als «männlich» angesehen – und «ihre Vereinigung erzeugte die Nachkommenschaft». …. einerseits wurde die vedi mit dem Nabel (nâbhi) der Erde verglichen, der recht eigentlich das Symbol des «Mittelpunktes» ist. Die nâbhi wurde aber auch als die Matrix der Göttin angesehen

Gemälde von Diego Velàzquez,
die Schmiede des Vulkans (Ausschnitt) 1630

Andererseits wurde das Feuer selbst als Folge – als die «Nachkommenschaft» - einer sexuellen Vereinigung betrachtet. Es entstand aus dem Hin- und Herbewegen (Vergleich mit der Kopulation) eines Stabes (der das männliche Element darstellt) in einem Einschnitt, der in ein Stück Holz (weibliches Element) gemacht worden war (Rig. Veda, III, 29,2ff.; V, II, 6; VI 48,5). (S. 43).

Zu «Feuer» schreibt Mircea Eliade weiter:

Den Mythen gewisser archaischer Völker zufolge besassen die Ahnfrauen «von Natur» das Feuer in ihren Geschlechtsorganen; sie nutzten es, um ihre Nahrung zu kochen, verbargen es aber vor den Männern. Denen gelang es jedoch, sich seiner durch List zu bemächtigen . Diese Mythen widerspiegeln Erinnerungen an eine matriarchalische Ideologie, wie auch die Tatsache, dass man glaubte, das Feuer, durch Aneiananderreiben zweier Holzstücke, das heisst durch deren «sexuelle Vereinigung» erzeugt, befinde sich «von Natur» in jenem Holzstück, welches das Weibliche darstellte. Dank dieser Symbolik ist die Frau auf dieser Kulturstufe «von Natur» Zauberin. Den Männern gelang es aber, das Feuer zu «meistern», und schliesslich wurden die Zauberer mächtiger und zahlreicher als die Zauberinnen. (S. 84)

9.4.3. URVAÇI UND PURÛRAVAS

Urvashi et Pururavas gemalt von Raja Ravi Varma,

Der Name des harten Reibholzes/indisch Pramantha oben ist Purûravas, wie C. G. Jung betont, das darunter liegende weiche Holz Urvaçi (Weib). Doch zu diesem Paar gibt es in der indischen Literatur noch eine andere Geschichte: Da verbindet sich eine himmlische Frau Urvaçi mit einem irdischen Mann Purûravas und bleibt so lange, bis sie von ihm genug hat. Dann verlässt sie ihn und fliegt davon.

Urvashi et Pururavas gemalt von Raja Ravi Varma,
vor 1906 aus wikimedia.org

9.4.4. Exkurs: Illustration zu rituellem Feuermachen

Ein Ritus zum «Feuer entfachen» zeigen heute Aborigines in Cairns/Australien den Touristen:

Reiben, Foto Esther Keller-Stocker Gras mit Glut, Foto von Esther Keller-Stocker feuerR.jpg 
Zuerst bohrte ein Mann einen Stab senkrecht in die Kerbe eines anderen Stabes, über den trockenes Gras gelegt wurde. Als das Gras glimmte, hob er es in die Höhe und blies hinein, bis es Feuer gab. Fotos von mir, 2018.

9.5. Manthâmi «zu Feuer reiben»

Für seine folgenden Erläuterungen gibt C. G. Jung unter anderem folgende Literatur an: Adalbert Kuhn in «Die Herabkunft des Feuers und des Göttertrankes» (1886) und K. Bapp «Prometheus» in Roscher-Lexikon (1890-1897). Dabei geht Atlas, Typhon, Prometheus aus wikimedia.orges um eine Diskussion, bei der Adalbert Kuhn annahm, dass ein sprachlicher Zusammenhang vom indischen Pramantha (hartes Reibholz) und dem griechischen Gott Prometheus (Pro-meth-eus) besteht. Doch dies wird von K. Bapp bestritten. Offenbar ist C. G. Jung von dieser Diskussion fasziniert und will sich hier einbringen.

Atlas, Typhon und Prometheus aus wikimedia.org

Dabei geht C. G. Jung nun auf das Verb «manthâmi», das im Rigveda die Tätigkeit des Feuerreibens bezeichnet. Die Wurzel von manthâmi ist «manth» oder «math» (12) und bedeutet «schütteln, reiben, durch Reiben hervorbringen». A. Kuhn, den C. G. Jung zitiert, setzt das indische Verb manthâmi mit dem Griechischen μανθάνω gleich, was «lernen» heisst. «Lernen» im Sinne von «im Geiste hin- und herbewegen». Die Wurzel manth oder math führt von μανθάνω über προ-μηθἑομαι auf den Gott Προμηθεύς (Prometheus), der das Feuer für die Menschheit vom Himmel herunterholte. Prometheus war auch der Vordenker und Kulturbringer (13). heiliger Seher Brighu

Dann kommt C. G. Jung auf den indischen heiligen Seher und Priester Bhrgu ( Brighu) (14) zu sprechen, dessen Name in der Wortwurzel Bahr («bohren, geboren») enthalten ist.

Maharishi Bhrighuji, frühes 18. Jh.
Foto: Ranjit Studios, aus wikimedia.org

Der Priester Bhrgu (Brighu) entstand wie der Feuergott Agni-Mâtariçvan aus dem Feuer:

In der Flamme entstand Bhrgu, Bhrgu geröstet, verbrannte nicht. (unbekanntes Zitat, S. 186f.)

Von Bhrgu weist C. G. Jung jetzt auf das verwandtes Wort «bhrây», das «leuchten», lat. «fulgeo», griech. «φλεγω» bedeutet und folgert daraus, dass Bhrgu demnach als «der Leuchtende» zu verstehen sei.

Zum Stichwort «φλεγω» schreibt C. G. Jung: Prometheus gehört nach einer lokalen Tradition zum Stamm der Phlegyer. C. G. Jung assoziiert φλεγω mit dem Wort «φλεγύας», dem Adler aus brandgelber Farbe und kommt zum Schluss, dass die Phlegyer «die Feueradler» gewesen seien. Vom phrygischen Feueradler «φλεγύας» sieht C. G. Jung eine Beziehung zu pramantha, also zum harten Holz, das auf das weiche Holz reibend Feuer respektive den indischen Feuergott Agni-Mâtariçvan «der in der Mutter Schwellende» zeugt. Er schreibt, das es hier, wenn nicht sprachlich, dann doch eine archetypische Parallele gibt. (S. 187).

phlegias

Nach wikipedia ist Phlegyas der Ahnherr der Phlegyer, einem rohen Volksstamm in Böotien. Phlegyas zündete den Tempel des Apollon, weil dieser seine Tochter Koronis geschwängert hatte. Apollon tötete ihn darauf mit Pfeilen und verdammte ihn in die Unterwelt. Da muss Phlegyas zur Strafe stets einen Felsen über sich sehen, der auf herabzustürzen drohte (15).

Scenes from the «The Divine Comedy»: Dante and Virgil carried by Phlegyas on his boat, aus wikimedia.org

Literaturhinweise

  1. Vgl. Friedrich Anton Heller von Hellwald, die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwicklung, 1888, S. 85
  2. C. G. Jung, «Symbole der Wandlung», 3. Auflage, 1981, S. 190, Anm. 14: oder der Menschen überhaupt
  3. C. G. Jung, «Symbole der Wandlung», 3. Auflage, 1981, S. 190, Anm. 15: Kuhn, Herabkunft des Feuers, p. 64f. Das Holz als Symbol der Mutter. Vgl. Freud, Traumdeutung, p. 211. „Ilâsohn“: Ilâ heisst die Tochter Manus, des Einzigen, der mit Hilfe seines Fisches die Sintflut überstanden hat und dann mit seiner Tochter die Menschen wiedererzeugte.
  4. C. G. Jung, «Symbole der Wandlung», 3. Auflage, 1981, S. 190, Anm. 16: Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache, p. 348
  5. C. G. Jung, «Symbole der Wandlung», 3. Auflage, 1981, S. 189, Anm. 12
  6. C. G. Jung, «Symbole der Wandlung», 3. Auflage, 1981, S. 185 Anm. 4
  7. wikipedia «Prometheus», 24.11.2019
  8. Unter indienweb.ch «Brighu: der heilige Seher» genannt
  9. wikipedia «Phlegyas», 27.10.2019

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Text und Design: Esther Keller-Stocker (Schweiz),
erstellt am 11.01.2020