von ESTHER KELLER-STOCKER
Ibscha Relief Chnumhotep II. (6th Year of Sesostris II)
Und Jahwe erschien ihm bei der Terebinthe Mamre, während er am Eingang seines Zeltes sass, als der Tag am heissesten war. 2. Wie er nun seine Augen erhob und sich umschaute, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Sobald er sie sah, eilte er ihnen vom Eingang seines Zeltes entgegen, verneigte sich zur Erde 3. und sprach: Mein Herr, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so gehe doch nicht an deinem Knechte vorüber. 4. Man soll ein wenig Wasser bringen, dass ihr euch die Füsse waschet, dann lagert euch unter dem Baume, 5. und ich will einen Bissen Brot holen, dass ihr euch erlabet; darnach mögt ihr weiterziehen. Ihr seid nun einmal bei eurem Knecht vorbeigekommen. Sie sprachen: Du magst tun, wie du gesagt hast. 6. Nun eilte Abraham ins Zelt zu Sara und sprach: Nimm schnell drei Mass Mehl! Knete es und backe Kuchen! 7. Auch zu den Rindern lief Abraham, holte ein zartes, schönes Kalb und gab es dem Knechte; der rüstete es eilends zu. 8. Dann nahm er Sauermilch und frische Milch und das Kalb, das er gerüstet hatte, und setzte es ihnen vor; er selbst aber wartete ihnen auf unter dem Baume, und sie assen.
9. Da sprachen sie zu ihm: Wo ist dein Weib Sara? Er antwortete: Da drinnen
im Zelte. 10. Da sprach er: Ich werde wieder zu dir kommen übers Jahr um
diese Zeit; dann hat dein Weib Sara einen Sohn. Sara aber hörte zu am
Eingang des Zeltes hinter ihm (1). 
Erste Mose 18,1-9
Der Text beginnt mit dem Hinweis, dass Jahwe ihm bei den Terebinthen von Mamre erschien. Wem Gott erschien, wird nicht gesagt. Aus dem vorigen Kapitel darf man annehmen, dass es sich um Abraham handelt, der dösend in glühender Mittagshitze vor seinem Zelt sass. In diesem Dämmerzustand schaute er auf, und siehe da! Da kommen drei Männer auf ihn zu. Die arabische Gastfreundschaft gebot ihm, die Fremden zu bewirten (2). Und so eilte er ihnen entgegen, warf sich auf den Boden und begrüßte sie mit „Adonaj”, also mit „meine Herren”, „meine Gebieter” (2). Mit der Anrede „Adonaj” werden die drei Fremden benannt, die in ihrer Dreiheit Jahwe (V. 1) verkörpern. Abraham sagt:
Mein Herr (Adonaj, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so gehe doch nicht an deinem Knechte vorüber.
(V. 2b.3)
Die Formulierun könnte eine einladende Begrüssung gegenüber den Fremden handelt. Doch die mittägliche Gluthitze gibt zu denken. Wer ist zu dieser Zeit überhaupt unterwegs? Heutzutage Touristen, damals Götter, laut Vers 1 Jahwe, der sich in Gestalt dreier Männer offenbart.
Im Alten Orient gilt die Mittagszeit als Kulminationspunkt einer kosmischen Krise, in der auch die Sonne gefährdet ist. Die Gefahr, die die gesamte Seins-Dimension des Lebens betrifft, wird als Hungersnot, Seuche, Krankheit, Schlangenbiss, Aufruhr oder Krieg erlebt (3). Ein bekanntes Beispiel hierfür findet sich in I. Könige 18,21-40: Prophet Elia stand zur Mittagszeit auf dem Berg Karmel 450 Baalspropheten gegenüber. Zuerst sollen die Baalspropheten ihren Gott bitten, die geschlachteten Stiere zu verspeisen. Doch nichts geschah. Da liess Elija einen Graben um den Altar ausgraben, dann den Stier in Stücken zerlegen (wohl in 12 Stücken entsprechend der israelitischen Stämmen) und auf das aufgeschichtete Holz legen. Dann wurde der Altar unter Wasser gesetzt und Elia rief Jahwe an:
Erhöre mich, Jahwe, erhöre mich, damit dies Volk erkennt, dass du, Jahwe, Gott bist und ihr Herz wieder zu dir kehrst!
Und Jahwe antwortete:
Da fiel das Feuer Jahwe herab und fraß Brandopfer, Holz, Steine und Erde und leckte das Wasser im Graben auf.
Doch es blieb nicht bei dem Stieropfer:
Und Elia sagte zu ihnen: Packt die Propheten des Baal, keiner von ihnen soll entkommen! Und sie packten sie. Und Elia führte sie hinab an den Bach Kischon und schlachtete sie dort. (I. Könige 18,37-40, ELB).
Abraham sagte zu den Männern: „Habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so gehe doch nicht an deinem Knechte vorüber.“ Denn, wenn Gott an jemanden vorübergeht (עבר)), bedeutet dies tödliche Gefahr. In II. Mose 15 zum Beispiel heisst es:
Da erschraken die Fürsten Edoms, Zittern kam die Gewaltigen Moabs an, alle Bewohner Kanaans wurden feig. Es fiel auf sie Erschrecken und Furcht; vor deinem mächtigen Arm erstarrten sie wie die Steine, bis dein Volk, Jahwe, hindurchzog, bis das Volk hindurchzog, das du erworben hast (II. Mose 15,15-16)
Im Deuteronomium kommt "vorüberziehen" (עבר) gehäuft vor (5): So wird berichtet, wie die Israeliten zunächst friedlich durch fremdes Gebiet zog. Als sie das Gebiet der Amoriter durchqueren wollte, schickte Mose Gesandte an den König:
Da sandte ich Boten aus der Wüste Kedemot an Sihon, den König von Heschbon, mit friedlicher Botschaft und ließ ihm sagen: Ich will durch dein Land ziehen. Nur wo die Straße geht, will ich gehen; ich will weder zur Rechten noch zur Linken vom Weg abweichen. Speise sollst du mir für Geld verkaufen, damit ich zu essen habe, und Wasser sollst du mir für Geld geben, damit ich zu trinken habe. Ich will nur hindurchziehen - wie mir die Söhne Esau gestattet haben, die auf dem Gebirge Seïr wohnen, und die Moabiter, die zu Ar wohnen -, bis ich über den Jordan komme in das Land, das uns Jahwe, unser Gott, geben wird. (Dt 2,26-29; vgl. Num 21,21-35)
Es war ein vernünftiger Vorschlag. Doch Sihon traute ihm nicht. Im vorliegenden Text begründet ein alttestamentlichen Erzählers das Misstrauen des Königs:
Denn Jahwe verhärtete seinen Sinn und verstockte ihm sein Herz, um ihn in deine Hände zu geben, so wie es heute ist. (Dt 2,30)
Dann folgt die Katastrophe, wie es Sihon vorausgeahnt hatte. Vom alttestamentlichen Theologen wird sie wie folgt beschrieben:
Und Jahwe sprach zu mir: Siehe, ich habe angefangen, Sihon mit seinem Lande vor deinen Augen dahinzugeben; fangt ihr an, sein Land in Besitz zu nehmen. Und Sihon zog aus uns entgegen mit seinem ganzen Kriegsvolk zum Kampf nach Jahaz. Aber Jahwe, unser Gott, gab ihn vor unseren Augen dahin, dass wir ihn schlugen mit seinen Söhnen und seinem ganzen Kriegsvolk. In jener Zeit nahmen wir alle seine Städte ein, und wir vollstreckten den Bann an jeder Stadt, an Männern, Frauen und Kindern; und ließen keinen übrig. (Dt 2,31-3)
Doch, was war das Ziel des Massakers?
Nur das Vieh raubten wir für uns und die Beute aus den Städten, die wir eingenommen hatten. Von Aroër an, das am Ufer des Arnon liegt, und von der Stadt im Bachtal bis nach Gilead war keine Stadt, die sich vor uns schützen konnte; Jahwe, unser Gott, gab alles vor unsern Augen dahin. (V. Mo 2,26-36).
Abraham zeigt mit seiner Begrüssung, dass er sehr wohl von der Gefahr wusste, die von den Fremden und deren Gottheit ausging. Dass die Gefahr real war, zeigte sich bald: Da heisst es:
[nach dem Mahl] erhoben sich die Männer und gingen von dannen. Und schon schauten (שׁקף) sie hinab auf das Antlitz von Sodom, während Abraham noch mit ihnen ging, um ihnen das Geleit zu geben (I. Mose 18,16).
Die Sonne wandert weiter und die Männer brechen auf und sahen auf Sodom. Es ist mythisches Denken, die Männer verkörpern die Gottheit, die vom Himmel hinabschaut und gleichzeitig sind sie die Gäste Abrahams (6).
Die Bewohner von Sodom und Gomorrha wurden bekanntlich am anderen Morgen bei Sonnenaufgang vernichtet. Die Vernichtung wird über Nacht vorbereitet und erfolgt mit dem ersten Sonnenstrahl:
Und eben, als die Sonne über der Erde aufgegangen war, kam Lot nach Zoar. Der Herr aber liess Schwefel und Feuer auf Sodom und Gomorrha regnen, von dem Herrn vom Himmel herab, und vernichtete so die Städte und den ganzen Umkreis und alle Bewohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war. (I. Mose 19,23-25)
Man mag nun einwenden, die Bewohner Sodoms und Gomorrha waren sündige Menschen! Alle Bewohner? Darüber diskutierte am Vorabend Abraham mit Gott. Er fragte:
Willst du wirklich den Gerechten mit dem Gottlosen wegraffen? Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte innerhalb der Stadt. Willst du sie denn wegraffen und dem Ort nicht vergeben wegen der fünfzig Gerechten, die darin sind? (Gen 18,23)
Schließlich einigten sich Abraham und Jahwe darauf, die Bevölkerung zu schonen, wenn sich unter den Bewohnern zehn Gerechte befanden.
Ein weiteres Indiz für die Gefahr, der Abraham zur Mittagszeit ausgesetzt war, ist die Eile, mit der er seine Gäste bewirtet. Denn „eilen” (mhr/רץ), impliziert wie „vorübergehen” höchste Gefahr. So drängten die Ägypter die Israeliten, schnell (מהר) aus dem Land zu gehen mit der Begründung: „Sonst sind wir alle des Todes” (II. Mo 12,33). Sie fürchteten die Bestrafung Jahwes, der in dieser Nacht die Erstgeburt der Ägypter tötete, während die Israeliten verschont blieben. In II. Mose 32 befahl Jahwe Mose, eilends (מהר) den Berg hinunterzugehen, um sich die Bosheit des Volkes anzusehen (V. 7). Ähnlich wie die drei Männer Sodom und Gomorra betrachteten, sah Mose das unmoralische Treiben des Volkes und geriet in glühenden Zorn (V. 10). Wie Abraham in 1. Mose 18,16 ff. bat Mose Gott um Erbarmen für das Volk (2. Mose 32,11).
In V. Buch Mose wird "eilen" (מהר) im Zusammenhang mit Jahwe destruktiv verwendet im Sinne von "Jahwe der schnelle Vertilger seines halsstarrigen Volkes Israel" (V. Mose 4,26), so wenn es heisst:
"und ihr (die Israeliten) waret schnell abgewichen von dem Wege, den euch Jahwe geboten hatte" (V. Mose 9,16; Richter 2,17).
In einem anderem Beispiel werden die Nationen als Strafe gegen Israel nicht schnell (מהר) aus dem Land verwiesen.
So verschonte JHWH diese Nationen; er vertrieb sie nicht sogleich (mhr) und gab sie nicht in die Hand Josuas. (Ri. 2.23).
Jahwe bestraft auch andere Völker. So prophezeit Prophet Jeremia über Moab:
Wie könnt ihr sagen: Wir sind Helden und rechte Kriegsleute? Moab wird verwüstet, und seine Städte werden erstiegen, und seine beste Mannschaft muss hinab zur Schlachtbank, spricht der König, welcher heisst Jahwe Zebaoth. Denn der Untergang Moabs wird bald kommen (מהר), und sein Unglück eilt herbei. Habt doch Mitleid mit ihnen, alle, die ihr um sie her wohnt und ihren Namen kennt, und sprecht: "Wie ist das starke Zepter und der herrliche Stab so zerbrochen!" Herunter von der Herrlichkeit, du Tochter Dibon, und setz dich in den Staub! Denn der Verwüster Moabs wird zu dir hinaufkommen und deine Bollwerke zerstören (Jeremia 48,14-17)
Hier wird um Mitleid mit dem sterbenden Volk Moab gefleht. Doch der göttliche Verwüster kennt kein Erbarmen:
Der Verwüster kommt über jegliche Stadt, und keine wird gerettet; die Täler werden verheert, und die Felder werden verwüstet, wie Jahwe gerdet hat. Gebt Moab Flügel, dass es auf und davon fliege! Seine Städte werden zur Einöde, niemand wohnt mehr darin. Verflucht, wer das Werk Jahwes lässig treibt! und verflucht, wer sein Schwert vom Blute zurückhält! (Jeremia 48,8-10)
Mit der gleichen Grausamkeit werden Ägypten (Jer 46) und die Philister (Jer 47) bestraft.
In diesen Erzählungen wird der göttliche Destruktionswille glorifiziert. Diese Glorifizierung stellt eine Verrohung dar, eine Inflation des Ich, die sich im Symbol des kriegerischen Sonnengottes äußert. Im Alten Testament ist diese Gestalt „entmythologisiert” und wird als Gott Israels dargestellt, der im glühenden Zorn wie ein Racheengel durch die Lüfte fegt.
Nirgends aber kommt "eilen" so häufig vor wie in I. Mose 18.
Es ist die Angst, die Abraham umtreibt. Und in dieser bedrohlichen Lage fragten die drei Fremden: "Wo ist dein Weib Sara?"
Erste Mose 18,9-16a
Die Autoren der Bücher I.–IV. Mose gehören zur theologischen Schule, die heute kurz „der Jahwist“ genannt wird. Sie lebten vermutlich in der Exilszeit, einige Forscher datieren sie jedoch in die hasmonäische Zeit. Der Jahwist kannte die Theologie der vorexilischen Propheten und gilt heute als Nachfolgeschule der deuteronomisch-deuteronomistischen Tradition. Auf diese Tradition gehen das 5. Buch Mose sowie das Geschichtswerk von Josua bis 2 Könige zurück. Die Deuteronomisten verstanden die Zerstörung des Ersten Jerusalemer Tempels als Endgericht Jahwes und begründeten dies in ihren Werken. Der Jahwist seinerseits entfaltete die beim Deuteronomisten keimende Hoffnung auf einen Neubeginn des Volkes Israel nach der Zerstörung Jerusalems. Er gestaltete das Motiv des Neubeginns mit der Verheißung eines Sohnes, aus dem ein großes Volk entstehen solle, wobei er auf Jesaja und dessen Spruch zurückgriff:
Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft kommt auf seine Schulter, und er wird genannt: Wunderrat, starker Gott, Ewigvater, Friedensfürst (Jes. 9.6)
Dies ist die Absicht der Erzählung in 1. Mose 18: Sara soll Abraham trotz ihres hohen Alters einen Sohn gebären. So fragten die drei Fremden, nachdem sie unter dem Baum gegessen und getrunken hatten, während Abraham vor Furcht auf dem Boden kriecht, nach seiner Frau (V. 9). Wie ist diese Frage zu verstehen? Man muss schon recht naiv oder vom religiösen Eifer verblendet sein, um das Begehren des Fragenden nicht zu erkennen.
Zwar will der Autor uns Leserinnen und Leser hier eine heilvolle Verheissungserzählung verkaufen, doch gibt es verschiedene Indizien, die an einen Überfall denken lassen, etwa wenn die Folge dieses Besuches in Kapitel 21 kommentiert wird:
Und JHWH suchte Sara heim, wie er gesagt hatte. Und JHWH tat an Sara, wie er geredet hatte. Und Sara wurde schwanger und gebar dem Abraham einen Sohn in seinem Alter, zu der bestimmten Zeit, die Gott ihm gesagt hatte.
(1. Mo 21,1f.)
„JHWH suchte Sara heim“ und „ JHWH tat an Sara, wie er geredet hatte“ heisst doch JHWH ist der Erzeuger und nicht. Dies wird bestätigt, wenn Sara sagt:
Und Sara sagte: Gott hat mir ein Lachen bereitet (jzq/zhq); jeder, der es hört, wird mir zulachen. (1. Mo 21,6)
Lachen wird im Hebräischen mit Zhq ausgedrückt. Zhq kommt an unserer Stelle I. Mose 18,12-15 und I. Mose 21,6-9 gehäuft vor. In I. Mose 26 erwischt der Philisterkönig Abimelech Isaak und Rebekka beim „Zhq“. Die Züricher Bibel übersetzt die Handlung der beiden als "kosen". Diese Geschichte zeigt deutlich, in welch tödlicher Bedrohung der Ehemann einer begehrten Frau ausgesetzt war. Da steht:
Als er nun eine Zeitlang da war, sah Abimelech, der König der Philister, durchs Fenster und wurde gewahr, dass Isaak scherzte mit Rebekka, seiner Frau. Da rief Abimelech den Isaak und sprach: Siehe, es ist deine Frau. Wie hast du dann gesagt: sie ist meine Schwester? Isaak antwortete ihm: Ich dachte, ich würde vielleicht sterben müssen um ihretwillen. Abimelech sprach: Warum hast du uns das angetan? Es wäre leicht geschehen, dass jemand vom Volk sich zu deiner Frau gelegt hätte, und du hättest so eine Schuld auf uns gebracht. Da gebot Abimelech allem Volk und sprach: Wer diesen Mann oder seine Frau antastet, der soll des Todes sterben. (1. Mo 26,8-11, LUT)
Die beiden Motive "kosen" und "zu jemanden liegen" kommt dann explizit in I. Mose 39,14-17 vor. Da hielt die Frau des Potifars das Kleid Josefs in der Hand und rief:
Seht, da hat er uns einen Hebräer ins Haus gebracht, dass der seinen Mutwillen mit uns treibe (zdq). Er kam zu mir herein, um sich zu mir zu legen; aber ich schrie laut. Und als er hörte, dass ich ein Geschrei erhob und rief, liess er sein Kleid neben mir und floh und lief zum Hause hinaus.
Ambivalent wird zdq in II. Mose 32,6 gebraucht:
Als Aaron das sah, baute er einen Altar vor demselben und liess ausrufen: Morgen ist ein Fest für Jahwe. Und am andern Morgen in der Frühe opferten sie Brandopfer und brachten Heilsopfer dar; darnach setzte sich das Volk nieder, zu essen und zu trinken, und dann erhoben sie sich, um sich zu belustigen (Zhq; V. 5-6).
Die Züricher Bibel übersetzt zhq mit "belustigen", die Luther-Bibel 1984:
Danach setzte sich das Volk, um zu essen und zu trinken, und sie standen auf, um ihre Lust zu treiben.
II. Mose 32 ist das Kapitel vom Goldene Kalb, das bei Amos im Zusammenhang einer sexuellen Orgie angeprangert wird. (vgl. Amos 3,14-15).
Fazit: aus diesen Stellen ergibt es sich, dass mit zhq, "mit jemanden Geschlechtsverkehr haben" gemeint ist. So auch in I. Mose 21,7 "Da sprach Sara: (Sexuelle) Lust hat mir Gott bereitet!" Dieser Eindruck wird bestärkt durch einen weiteren Begriff, pqd (פקך), der in I. Mose 21,1 vorkommt. So wird die Geburt Isaaks mit „Jahwe nimmt sich Sara an“ (פקך) eingeführt. Die Bedeutung von pqd ist umstritten, sie kreist um die Vorstellung von „vermissen“, „sich kümmern“ oder „mit Sorge bzw. Interesse auf/nach etwas/jemanden schauen“. Im Alten Testament wird der Begriff pqd vor allem im negativen Sinne von „heimsuchen“ verwendet: Strafe Gottes aufgrund der Verfehlungen des Menschen. So etwa finden wir bei Hosea eine Stelle, in der pqd im Sinne von "heimsuchen" genau dieselbe Situation wie in unserem Text, I. Mose 18,9-16a, beschreibt, allerdings im negativen Sinne:
Sie werden essen und nicht satt werden; sie werden Unzucht treiben und sich doch nicht vermehren; denn sie haben Jahwe verlassen, um festzuhalten an der Unzucht, Wein und Most benimmt dein Verstand. Mein Volk befragt seinen Baum, und sein Stab soll ihm Kunde geben; denn der Geist der Unzucht hat sie verführt, und sie sind ihrem Gott untreu geworden. Auf den Höhen der Berge opfern sie, und auf den Hügeln räuchern sie unter Eiche, Pappel und Terebinthe - ihr Schatten ist ja so lieblich. Darum, ob auch eure Töchter Unzucht treiben und eure jungen Frauen die Ehe brechen, ich werde es nicht heimsuchen (pqd) an euren Töchtern, dass sie Unzucht treiben, und an euren jungen Frauen, dass sie die Ehe brechen. Denn sie selbst gehen beiseite mit den Dirnen und opfern mit den geweihten Buhlen, und das unverständige Volk kommt zu Fall. (Hos. 4,10-14; vgl. Jer. 3,6; 2,20ff.)
Auffälliger kann die Ähnlichkeit der beiden Texte nicht sein. Hoseas Polemik richtet sich gegen das Volk, dass unter jedem Baum essend und trinkend Unzucht treibt. Demgegenüber beschreibt der Jahwist ein scheinbar heilvolles Ereignis: Drei Fremde sitzen schmausend unter einem Baum und fragen nach der Frau. Hosea 4,10-14 erscheint wie die Vorlage zu I. Mose 18,9-16a mit gegensätzlicher Pointe: Laut Hosea vermehrt sich das Volk trotz sexueller Vereinigung nicht. Bei Sara ist es gerade umgekehrt, bis zu dieser Offenbarung unter der Terebinthe ist sie nie schwanger geworden. Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Texten ist, dass sich Jahwe in I. Mose 21,1 persönlich der Sara annimmt, während nach Hosea nicht die buhlenden Frauen und Mädchen „heimgesucht” (= „bestraft”) werden, sondern die verantwortlichen Männer. Pqd als heilvolle Zuwendung kommt z.B. in Jer. 29,10 vor:
Denn so spricht JHWH: Erst wenn siebzig Jahre für Babel um sind, will ich nach euch sehen. Dann will ich meine Verheissung an euch erfüllen und euch wieder an diesen Ort bringen. Denn ich weiss, was für Gedanken ich über euch hege, spricht JHWH, Gedanken zum Heil und nicht zum Unheil, euch eine Zukunft und Hoffnung zu gewähren. Wenn ihr mich ruft, so will ich euch antworten; wenn ihr zu mir betet, will ich auf euch hören.(Jeremia 29,10-12)
Die Vorstellung, dass Jahwe dem Volk Israel nach 70 Jahren Gefangenschaft im Exil Heil schafft, dürfte redaktionell eingefügt sein. Der Jahwist seinerseits griff das Ende der 70-jährigen babylonischen Gefangenschaft auf, um seine Verheißungs- und Landgeschichte zu erzählen. Dabei stehen das hohe Alter von Sara und Abraham für die 70 Jahre Gefangenschaft und die Ankündigung eines Sohnes für den Neuanfang.
Das beduinische Zelt im assyrisch-arabischen Raum war ein Spitzzelt, das aus einer Stange in der Mitte bestand. Um diese Stange herum hingen Decken aus schwarzem Ziegenhaar. Diese Zeltdecken wurden von den Beduinenfrauen gefertigt und sie waren auch die Besitzerinnen der Zelte. Munir D. Ahmed schreibt:
Die beduinische Frau besaß aus der Zeit des Matriarchats das bekanntlich unter den Beduinen der arabischen Halbinsel nie ganz überwunden werden konnte, gewisse Rechte. Zu diesen zählten der Besitz des Zeltes und das Recht auf die freie Entscheidung bei der Partnerwahl sowie die Scheidungsgewalt. Der Beduine zog in das Zelt seiner Braut ein und konnte so lange darin wohnen, wie dies von der Zeltherrin, sprich Ehefrau, erlaubt wurde. Wenn er z.B. bei Rückkehr von seinen Wanderungen den Zelteingang verändert, d. h. in eine andere Himmelsrichtung zeigend, vorfand, wusste er, dass die Zeltherrin sich von ihm getrennt hatte. Er war sozusagen verstoßen worden und durfte nicht mehr zu seiner Frau zurückkehren. Der Mann galt in der matriarchalischen Familie ohnehin als Fremdkörper, der mit den Kindern, die aus seiner Verbindung mit der Kindermutter hervorgegangen waren, nicht als verwandt angesehen wurde. Das arabische Wort für das Leben (hayat) ist vom haya' (Scham, Vagina) abgeleitet worden, weil man lange Zeit geglaubt hatte, dass allein die Mutter dem Kind das Leben schenkte. Die Frau war wichtiger für das Kind und für die Familie und stand dementsprechend auch im Mittelpunkt des rituellen Zeremoniells. Daran erinnert z.B. heute noch der Grundsatz der jüdischen Religion, wonach jemand Jude ist, wenn er von einer Jüdin geboren wurde.
Ähnlich schreibt Leo Frobenius über die Beduinen:
Als Schmuck erscheint der Mann im matriarchalen Clan aber auch in Bezug auf seine Arbeitsleistung. denn: die Frau verarbeitet die Häute zu Leder; sie hütet und melkt das Vieh, sie errichtet im Nomadenleben Zelt und Hütte; sie näht, flickt, spinnt, webt; dabei verrichtet sie noch die ganze Küchenarbeit vom Wasserholen bis zur Speisevorlage. Der Mann aber ist nur Krieger und Jäger. Im übrigen spielt er, besonders wenn er irgendwo versagt, eine recht kümmerliche Rolle und wird von den Bedjafrauen am Roten Meer ebenso wenig geachtet und dem eigenen Bruder in allen Ausdrücken der Zutunlichkeit und Fürsorge des Herzens untergeordnet wie bei den primitiven Berbern der westlichen Hamiten.
Auch im Alten Testament ist das Zelt der Besitz der Frauen, wie I. Mose 24,67; 31,33 und Richter 4,17 belegt. Doch versuchte der Jahwist die Zelte als Besitz von Männern darzustellen, etwa 1. Mose 31,33, wo es heisst:
Da ging Laban in das Zelt Jakobs und in das Zelt Leas und in das Zelt der beiden Mägde und fand nichts; und er kam aus Leas Zelt und ging in das Zelt Rahels.
Eigentlich gehörte das Zelt Jakobs seiner Frau. Doch selbst renommierte Alttestamentler interpretieren patriarchalisch. So heißt es in 1. Mose 24,67:
Da führte Isaak Rebekka ins Zelt seiner Mutter Sara hinein
Da schimmert die matrilineare Erbfolge durch. Gerhard von Rad jedoch schreibt dazu:
Nun ist wieder eine Ahnfrau da für den Samen Abrahams. Gerade um diesen Zielgedankens willen ist die Erwähnung des Zeltes der Sara benannt.
In der christlichen Theologie wird eine matrilineare Erbfolge nicht anerkannt. In einem Fall wie diesen liegt die Betonung auf dem Mann und seiner Reproduktionsfähigkeit.
Im Alten Testament wird ein einziger Zeltweber erwähnt. Er heißt Oholiab. Er soll als Schmied, Zimmermann und Bundweber tätig gewesen sein (2. Mose 38,23). Exegeten zufolge wurde er vom priesterlichen Redaktor sekundär eingefügt. Auffällig ist die Ähnlichkeit des Namens Oholiab mit dem Namen Oholiaba. Oholiba ist der Name, den der Prophet Ezechiel der Stadt Jerusalem gab.
Ein weiterer Name, der auf die Wurzel „oholi...” zurückgeht, ist „Oholibama”. Er bedeutet „mein Zelt ist (auf der) Höhe“ und taucht im Priesterkodex 1. Mose 36,1-14.25 auf. Darin ist Oholibama die Stammmutter der Edomiter. Die Liste ist zwar sehr alt, wurde aber von den Priestern patrilinear überarbeitet. Das heißt, sie gaben ihr Esau als Ehemann, der so zum Stammvater der Edomiter wurde. Doch Oholibama wird ein paar Verse vorher unabhängig von einem Mann als Stammmutter der Edomiter erwähnt (1. Mose 36,14). Robert von Ranke und Raphael Patai schreiben dazu:
In Gen. 36,10-14 werden die Söhne Esaus - ebenso wie in Gen. 35,23-6 die Söhne Jaakobs - mit ihrer matrilinearen Abstammung aufgezählt. Jakobs Söhne hatten vier Stammmütter, nämlich Leah, Rachel, Bilhah und Silpah. Vielleicht weil Esau nur drei hatte, fügte der Chronist eine weitere hinzu - Timnah, die Schwester von Lotan (Lot) -, um eine Parallele herauszustreichen. Die früheren Konföderationen scheinen den zwölf Zeichen des Tierkreises entsprochen zu haben.
Auch die Namen Oholiba und Ohola, die Ezechiel den Städten Jerusalem und Samaria gab, sind interessant. Sie bedeuten „Mein Zelt ist in ihr” bzw. „Ihr gehört ein Zelt”. Laut dem hebräischen Schulbuch von Hollenberg-Budde ist bei Oholiba das b als b pretii zu lesen, wodurch der Name „Das Zelt für sie” bedeuten würde. Um aktuelle soziale Missstände in Jerusalem und Samaria anzuprangern, ließ der Prophet mit der Erwähnung dieser Namen patriarchale Vorstellungen über vergangene israelitische Stämme anklingen, deren matrilineare Struktur für ihn an sich schon ein Gräuel war.
Ezechiel stellt Ohola und Oholiba als Königinnen dar (Ez. 16,13). Sie erinnern an die Herrscherinnen aus den Anfängen des arabischen Reiches. Qedar, der wichtige Stamm im ismaelitischen Stämmebund wurde im 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. von Königinnen regiert. Eine Königsliste aus den assyrischen Annalen:
| Zabibe, Königin von Qedar und Arabien | um 738 v. Chr. |
| Samsi, Königin von Arabien | 733/716 v.Chr. |
| Yatt'e, Königin von Arabien | 703/702 v.Chr. |
| Te'elhunu, Königin von Arabien | vor 681 v.Chr. |
| Adiye, Königin von Arabien | 668-631 v. Chr |
Einen Eindruck assyrischer Grausamkeit gibt die Annalen von Assurbanipal, der im Namen der Götter, vor allem Assurs und Istar, in die Schlachten zog. Einmal liess er bei der Gefangennahme des Königs von Aribi und seiner Familie, deren Füsse einschlagen. Ein schlimmes Schicksal erfuhr König Uaite von Aribi. In den Annalen Assurbanipal steht:
Unter Erhebung meiner Hände, die ich zur Besiegung meiner Feinde empfangen hatte, durchbohrte ich auf Befehl Assurs und der Ninlil mit meinem schneidenden Handmesser (?) seinen Kinnbacken, durch den Kiefer seines Antlitzes (?) zog ich einen Strick, legte ihm eine Hundekette an und liess ihn am Osttore in Niniveh, welches "nirib masnakti adnate" genannt wird, den Käfig bewachen. Um der Erhabenheit Assurs und der Istar und der grossen Götter, meiner Herren, meine Ehrfurcht zu zollen, erbarmte ich mich seiner und liess ihn am Leben.
Gegen Beduinenfrauen gingen die Assyrer gnadenlos vor. Ihre Gewalttaten meißelten sie in ihre Reliefs.
Othmar Keel kommentiert:
die die Eroberung von Städten zeigen, sehen wir nie assyrische Soldaten gegen Frauen dieser Art tätlich wurden. Nomadenfrauen hingegen hat man anscheinend nicht nur hemmungslos umgebracht, sondern hat dieses brutale Vorgehen auch noch in Stein gehauen
Die Gewalt gegen Beduinenfrauen dürfte Ausdruck der Verachtung der Assyrer gegenüber deren Gesellschaftsstruktur gewesen sein, in der Männer weniger dominant waren.
Ezechiel 16.....
Das Alten Testaments schildert die Anpassung der matriarchal geprägten israelitischen Stammesverbandes an die patriarchale Norm der Kulturländer. Diese Anpassung begann am Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. Zu dieser Zeit wurde das gemeinsame Heiligtum ARN wichtig, das von Stadt zu Stadt wanderte. Dabei handelte es sich um die Sonnengöttin von Arinna. Sie wurde wohl von Beduinen, die dem hethitischen Heer als Söldner dienten, übernommen und wachte als stämmeübergreifende Göttin über den Stämmebund, den wir als israelitischen Stämmebund kennen. Um die Jahrtausendwende holte David sie Standarte der ARN, wohl eine geflügelte Sonnenscheibe, nach Jerusalem, um damit die israelitischen Stämme an sich zu binden. Im babylonischen Exil verwandelten die Priester aus Jerusalem sie in eine Truhe und die Deuteronomisten machten sie, passend zu ihrer Bundestheologie, zur Bundeslade. Als solche wurde sie auch zum Thron beziehungsweise zum Fußschemel Jhwhs interpretiert.
Gleich geht's weiter!
Text 5.9.1998 / 06.02.05 / 14.04.2012; In Bearbeitung: 14.06.2026
Text und Design: Esther Keller, Email