Aufsätze zu einer ganzheitlichen Theologie

von Esther Keller-Stocker

MARIE E. P. KÖNIG

II. Kapitel: Die geistige
Ordnung des Raumes

Die Idee der Welt dargestellt im
Sphäroid und in der Halbierung

Im Gegensatz zur Naturwelt ist die Kulturwelt eine Schöpfung des menschlichen Geistes. Sie ist eine Idee, und als solche begann ihre Entwicklung mit einem universalen Begriff. Er wurde im Sphäroid objektiviert. Der Fortschritt brachte die steigende Prägnanz, d.h. die genauere Gliederung des Bekannten. Man fand, dass das All aus einem oberen und einem unteren Teil bestand, aus den zwei antithetischen "Schalen". Vom Himmel ausgehend war es möglich, zur Beobachtung der Gestirne fortzuschreiten. Sie vermittelten ein festes Ordnungssystem, das durch Punkte und Linien fixiert wurde. Damit waren zugleich Kommunikationsmittel gefunden, die es ermöglichten, weitere Erkenntnisse festzuhalten. Es muss ein Grundplan bestanden haben, sonst hätte es keine Entwicklung geben können. Sinnlosigkeit bringt nichts hervor. Mit unserer Arbeit müssen wir dort beginnen, wo der Weltplan noch in seiner Struktur sichtbar geblieben ist, wo die Phantasie ihn nicht mit symbolischen Bildern gefüllt hat. Das gilt für die Kulthöhlen der Ile-de-France. Hier liegen im graphischen Ausdruck die Grundprinzipien. Alle Kulturen lassen sich darauf zurückführen. Sie differenzierten erst später. Wie verlief diese Entwicklung? Morphologisch-typologisch gesehen gleicht das Kind der Mutter. Dagegen entdeckt die psychogenetische Betrachtungsweise immer wieder neue Formen, ohne dass das ältere überholt wäre. Der Zusammenhang kann deshalb meist nicht äusserlich gesehen, sondern muss verstanden werden (S. 75-77).

Die Höhlen in der Ile-de-France sind sowohl der Grösse als auch der Anlage nach verschieden, aber die in diesen Räumen angebrachten Inzisionen zeigen übereinstimmende Merkmale, sie sind aus geraden Linien oder Schälchen zusammengesetzt.

Höhle Malesherbes

Eingetiefte Schale, ausgemeisselte Erhebungen
Höhle Malesherbes

Das deutet darauf hin, dass in allen Höhlen der gleiche Gedanke in vielfältiger Form zum Ausdruck gebracht wurde. Eine grössere Höhle liegt bei Malesherbes, Dép. Le Loiret, am Abhang des Tales der Essonne. Ihre Deckplatte ist nicht abgebrochen, eine alte vordere Verwitterungskante blieb erhalten. Dieser Raum war ringsherum mit Zeichen bedeckt. In der Mitte des Höhlenbodens befindet sich eine rundliche Erhebung, die wie ein kleiner Hügel aussieht.

Malesherbes Bild 2

Kulthöhle Malesherbes, Dép. Loiret,
die sich über dem Tal öffnet

Ein tiefer, künstlich hergestellter Einschnitt überquert die Wölbung und teilt sie in Hälften. Auf der einen Seite befindet sich eine ungefähr 10 cm breite, sorgfältig eingeschliffene Schale, auf der anderen wurde der Fels so abgetragen, dass ein runder Buckel stehen blieb, der in den Dimensionen mit der Schale übereinstimmt. Leider war dieser der Zerstörung mehr ausgesetzt als die eingetiefte Schale. Es ist festzustellen, dass hier die konkave und die konvexe Wölbung in ihrer Polarität einander bewusst gegenüber gestellt wurden. Dem Sinne nach müssten sie beide zusammengehören, die "Oberwelt" über die "Unterwelt". (S. 78-82)

Auch in den neolithischen Tempeln von Malta sind viele Schalen in den Boden gehauen worden. Manche mögen praktischen Zwecken gedient haben, aber gewiss nicht alle. Zu den symbolischen Schalen, der Abseite der Welt, gehörte die Wölbung der Oberseite, des Himmels. Diese wurde in Malta nicht aus dem gleichen Fels herausgehauen, sie wurde einzeln hergestellt und damit beweglich gemacht. Dann konnte man sie wie einen Deckel auf die Schale legen. Solche Halbkugeln wurden in den Tempelruinen verstreut gefunden und befinden sich jetzt im Museum. Ihre Bedeutung könnten wir nicht erklären, wenn nicht zum Glück in einem Fall die alte Anordnung erhalten geblieben wäre. Im Jahre 1901 wurde ein grosser unterirdischer Tempel ausgegraben, das Hypogäum von Hal Saflieni, das ungefähr um 2000 v. Chr. angelegt wurde. Dieses Heiligtum erstreckt sich in drei Etagen bis in eine Tiefe von neun Metern. Es war durch spätere Bestattungen vollkommen zugeschüttet und deshalb nicht zerstört worden. Im letzten, untersten Geschoss, dem sogenannten Allerheiligsten, war nach J.D. Evans eine Schale in den Boden vertieft worden, auf der noch immer wie ein Deckel die Halbkugel ruhte.

Die beiden spiegelgleichen Welthälften erforderten die Übereinstimmung von oben und unten. In Malta hatte deshalb der Tempel über der Erde sein Gegenstück im unterirdischen Heiligtum. Das ging so weit, dass die Architektur der oberirdischen Megalithfassaden der Tempel ihr Gleichnis in der Scheinarchitektur unter der Erde hatte, obwohl diese nicht gebaut, sondern aus dem Felsen herausgepickelt wurde. In diesen Tempeln sind erstaunlich viele Kugeln gefunden worden. Sie zeigen die Rundform, der auch der Plan der Tempelräume entspricht. Sie sind rund angelegt und bilden mit lagenweise nach innen vorgeschobenen Steinen die untersten Schichten für den Bau der Wölbung.

Marie E. P. König vertieft die Beweise mit weiteren Beispielen (S. 78-83).

2. Die Weltordnung im Linienkreuz und Netz

Das Kreuz als Weltachse bildet das geistige Gerüst, von dem die Ordnung im Raum ausgegangen ist. Ihre grundlegende Bedeutung lässt sich noch von den Inzisionen auf dem Boden der Höhle Villetard, Dép. Seine-et-Marne, ablesen. Dort sind zwei gerundete Zeichen eingeschliffen, und ein besonders tief eingeschliffenes Kreuz teilt die Fläche in Viertel. Diese Gliederung hatte dem Menschen, der die genauere Ordnung suchte, nicht mehr genügt. Neben die alten Weltachsen setzte er weitere Ordnungslinien.

Höhle Villetard

Inzisionen auf der Bodenplatte in der Höhle Villetard

Wir erkennen sie auf dem linken Ideogramm. Gerade Linien folgen in regelmässigen Abständen der senkrecht stehenden Achse, und auch der waagrechten Achse wurden gleichlaufende Linien beigeordnet. Die Rundung wurde dadurch gitterförmig gegliedert, man könnte eine Art von Koordinatensystem darin erblicken, das nun die Welt überzog.

Schalenhöhle

Inzisionen auf einem Block in der
zusammengebrochenen Schalenhöhle

Dieses Ordnungssystem ist in vielen Höhlen zu finden, z.B. in der "Schalenhöhle" im Felsmassiv der "Dame Jouanne", Dép. Seine-et-Marne. Hier ist es auf eine waagrechte Gerade bezogen. Der Block mit den Schleifspuren liegt tief im Inneren der zusammengebrochenen Höhle, und doch sind alle Kanten abgerundet. Wie alt mögen sie sein?

Wie sich beim Kreuz die beiden Achsen im rechten Winkel schneiden, so sind auch Liniengruppen oft gegeneinander um 90 Grad gedreht. Dadurch entstand ein System von rechten Winkeln, Vierecken wie die schon oben erwähnten Gitter oder Netze.

Da die himmlische Ordnung die irdische bestimmte, sehen wir im "Netz" eine grundlegende Vorschrift für den Aufbau der Kulturwelt. Dieses Netz bleibt bindendes Gebot durch alle Zeiten. Vielleicht glaubte man, dass diese himmlische Ordnung die Präsenz des Ordners beinhaltete und gab diesem im Netz Ausdruck. Viele solcher Netze bedecken den Boden der Schalenhöhle.

Schalenhöhle 2

Ein Teil der Bodenplatte in der Schalenhöhle

Solche netzförmige Ideogramme sind in den Kulthöhlen besonders zahlreich. In der Höhle Buthiers, Dép. Seine-et-Marne, überziehen sie die Höhlendecke.(S. 83-103).

3. Der Umlaufgedanke

Zur sichtbaren Gestirnbahn am Himmel gehörte die spiegelgleiche Bewegung, die die Gestirne vom Westen, wo sie versanken, zum Osten, wo sie wieder erschienen, zurückführte. Wie der Weg vom Werden zum Vergehen, so gab es die Rückkehr vom Vergehen zur Erneuerung. Dieser wichtige Gedanke, der die Lebenserneuerung beinhaltete, war schon im Linienkreuz als Anlage vorhanden und wurde mit der steigenden Prägnanz des Denkens genauer ausgedrückt. Da aber die Kommunikationsmittel beschränkt waren, musste mit Hilfe der geraden Linien die ganze Problematik von Tod und Leben festgehalten werden. Man wird sich schon sehr früh darum bemüht haben, einen graphischen Ausdruck zu finden, aber es ist für uns sehr schwierig den wenigen Linien die tiefe Bedeutung zu entnehmen.

Münze keltisch 1

Keltische Münze: Die Kelten kannten noch die Sinnzeichen ihrer Vorfahren.

Als Beispiel seien hier zwei Elektrum-Stater des keltischen Stammes der Osismi angeführt, die in der Bretagne gefunden wurden. Vor der Brust der anthropomorphen Figur auf der ersten Münze steht das Linienkreuz mit den fünf Kardinalpunkten. Jede Achse dieses Kreuzes ist eine der nicht anschaulichen Weltachsen. Der sichtbare Weg der Gestirne verlief dagegen im Bogen. Er ist hier als Ergänzung dem Kreuz beigegeben. Dieser Bogen ist auf einer anderen Elektrum-Münze des gleichen Stammes genauer bezeichnet. Ihm sind kurze Nebenlinien beigegeben, die schräg zur Hauptlinie stehen und sich dort ungefähr im rechten Winkel treffen. So entsteht das so genannte Fischgrätenmuster.

Keltische Münze: Die Kelten kannten noch die Sinnzeichen ihrer Vorfahren.

Diese Winkel zeigen alle in die gleiche Richtung, werden aber durch die Form des Bogens abgelenkt. Im aufsteigenden Teil zeigen die Spitzen der Winkel nach oben, im abfallenden Bogenende zeigen sie nach unten. Da aber das Aufsteigen der Gestirne mit dem Gedanken an das sich entfaltende Leben verbunden war, sind wahrscheinlich die nach oben weisenden "Fischgeräten" Ausdruck der Lebenserwartung gewesen, und der absteigende Ast mit den nach unten zeigenden Scheiteln das Ideogramm des Sterbens.

Elektrum aus dem Stamm der Osismi

Elektrum-Stater des keltischen
Stammes der Osismi, Bretagne

Der gleiche Gedanke ist viel früher auch in den Höhlen der Ile-de-France wiedergegeben worden. Hier fehlte als Ausdruck der Bogen, man musste sich auf gerade Linien beschränken. Die Bewältigung dieser Aufgabe sehen wir auf dem grossen Härtling, dem "Kopf" in der Kopfhöhle im Felsmassiv der "Dame Jouanne" bei Larchant. Es sind dort vier untereinander ähnliche Ideogramme. Das erste geht auch hier vom Linienkreuz aus. Die senkrecht stehende Achse ist nach oben verlängert und mit kurzen Seitenlinien besetzt. Sie bilden Winkel, deren Scheitel in die gleiche Richtung nach oben weisen. Der Vergleich mit der keltischen Münze lehrt, dass mit diesem Zeichen der Sieg des Lebens gemeint war.

Inzision aus dem Felsmassiv der Dame Jouanne

Inzision aus dem Felsmassiv der "Dame Jouanne"

Dem Aufstieg musste aber unweigerlich der Abstieg folgen, beides ist nicht zu trennen, sie bilden das Gesetz des Lebens. Diese Verbindung der auf- und absteigenden Äste zur Einheit gibt ein anderes Ideogramm auf dem gleichen Kopf wieder. Es besteht aus zwei parallel laufenden Geraden, die mit Schräglinien besetzt sind. Auf der einen Seite zeigen die Scheitelpunkte nach oben, auf der anderen nach unten. Aber beide Teile gehören zusammen, denn die mittleren Schräglinien haben sie gemeinsam. Der abfallende Ast endet in einer Schale.

Marie E. P. König zeigt anhand weiterer Beispielen wie das Aufsteigen und Absteigen des Lebens in parallelen Pfeilen dargestellt wird. Daraus folgert sie: Solche Zeichen, die den Umlaufgedanken als Weltordnungssymbol mit dem Viereck umschliessen, gibt es häufig in den Megalithbauten. Im Dolmen auf der Insel Gavrinis steigen die mit Schrägstreifen besetzten Linien auf und ab. Sie weisen dort am Ort der Bestattung auf die kontinuierliche Folge von Tod und Leben. (S. 103-111)

4. Der Weltplan als Viereck mit den vier Kardinalpunkten

Das Linienkreuz war der graphische Ausdruck für ein allgemeines Orientierungsgesetz. Mit ihm hatte die Menschheit die wichtigste Entdeckung ihrer geistigen Existenz gemacht: Sie hatte den festen Punkt im All gefunden, den Schnittpunkt der Achsen, den Mittelpunkt des Kosmos, den Zentralpunkt der Kulturwelt. Von diesem Punkt ausgehend trennen sich die vier Richtungen. Sie markieren die vier Hauptgegenden des Horizontes, die vier Kardinalpunkte, die Vier. Dadurch hat die als Sphäroid noch diffus gedachte Welt eine steigende Gliederung erfahren.

Durch das Gewicht der vier Kardinalpunkte entwickelte sich ganz langsam ein neues Ordnungsschema parallel zu den Netzen und Kreuzen. Man konnte in jedem der vier Punkte eine "Weltecke" sehen, und es ergab sich daraus das Modell der viereckig gedachten Kulturwelt. Dieser Begriff konnte mit dem Ausdrucksmittel der Frühzeit, der Linie, auch graphisch dargestellt werden. Indem man die vier Ecken, die vier Enden der Kreuzarme, durch gerade Linien verband, wurde das Ideogramm des Vierecks entwickelt.

Viereck mit vier Schalen an den Ecken

Viereck mit vier Schalen an den Ecken
in der Höhle Marie König bei Milly-la-Fôret

Der bis dahin im Bewusstsein des Menschen unendliche Raum gewann zunehmend Mass und Grenze. Es waren aber nicht die Hochkulturen, denn wir diese Einsicht verdanken, auch dieser Plan stammt schon aus dem Paläolithikum. Wir finden ihn in vielen Kulthöhlen der Jungpaläolithiker, z. B. in der Kulthöhle "Marie König" bei Milly-la-Fôret in der Ile-de-France wurde ein Viereck in den Felsen geschlagen, und seine vier Ecken sind durch vier Schalen vertieft.

Marie E. P. König bringt weitere eindrückliche Beispiele. Dazu schreibt sie: Die meisten Netze in den Höhlen der Ile-de-France sind viereckig; und Vierecke spielen auch ohne die innere Gliederung eine grosse Rolle.

Sie stammen aus vielen Zeiten, und man kann nicht sagen, wann das erste Viereck hier eingeschliffen wurde. Jedenfalls muss es sehr alt sein, denn es ist noch unter stark verwitterten Schichten zu erkennen.

Die Beobachtung lehrt, dass allen das alte Ordnungsprinzip der Vier zugrunde liegt: Vier Kreuzarme, vier Richtungen, vier Kardinalpunkte, vier Ecken der Welt, vier Seiten im Viereck, und viele Viererwerte im Netz. Die Vier ist der Nenner, das Ordnungsprinzip, das hier bei den meisten Ideogrammen zu finden ist. (S. 111-128).

Viereck mit Diagonalkreuz

Viereck mit Diagonalkreuz in der Ginsterhöhle am Haute Pierre, Dep. Seine-et-Oise.

5. Die Differenzierung des Weltplans und der fünfte Kardinalpunkt

Altorientalische Könige nannten sich "Herrscher der vier Weltgegenden". Damit drückten sie ihre Machtfülle über den Kosmos aus. Die Idee ist aber bereits im europäischen Paläolithikum entwickelt worden. Aber auch eine andere Vorstellung stammt aus dieser Zeit. Bedenkt man dass zum senkrecht stehenden Kreuz, das das Viereck in vier untergliedert, gliedert das Schrägkreuz die gleiche Fläche in vier Dreiecke. Dieses Ideogramm fand weite Verbreitung und als Inzision aus dem Felsmassiv der "Dame Jouanne" bei Larchant. geistiges Erbe aus dem Paläolithikum ist es in allen späteren Kulturprovinzen zu finden. Als Heilszeichen wird das das Schrägkreuz im Quadrat mit dem Mondzyklus in Zusammenhang gebracht. Die vier Dreiecke im Quadrat sind Kalender der Zeitordnung, einer neuen Weltordnung.

Marie E. P. König zeigt an zahlreichen Münzen, wie die Kelten dieses Sinnbild übernahmen und in ihrer Symbolik eingliederten. Wie schon erwähnt, wird man mit einer Weltachse begonnen haben, der dann die Prägnanz durch die Kreuzung folgte. Diese führte zur Erkenntnis der Weltmitte, dem Schnittpunkt der Achsen. Genauer gesehen gab es auch einen Mittelpunkt des Himmels, den Zenit, und seine Abseite, den Nadir. Die Verbindung dieses höchsten Punktes mit dem tiefsten konnte man sich auch als eine gerade Linie denken und graphisch darstellen. Daraus ergab sich die dritte Weltachse, die Verbindungslinie der beiden Pole, die auch den zentralen Mittelpunkt schnitt. Sie stand senkrecht im Raum. Damit entstand ein weiteres Sinnzeichen. Das Ideogramm der drei sich schneidenden Geraden finden wir oft in den Höhlen. Besonders tief eingeschliffen zeigt es sich auf einem der Felsblöcke in der zusammengebrochenen "Schalenhöhle", das bereits im Jungpaläolithikum bekannt war.

die drei sich schneidenden Gerade

Ideogramm der drei sich schneidenden Geraden.

Mit der Zeit kam noch ein Kreis darum herum und hat im "Rad" die Zeit überdauert.

 Inzwischen hat der Kosmos, wie wir sahen, aber auch "Ecken" bekommen. Dreidimensional dargestellt wurde die "Kugel" zum "Würfel". Diese Idee konnte gleichfalls als Naturform gefunden werden, verlangte die Denkform jener Zeit doch noch nicht die Prägnanz unseres heutigen Würfels. Unter den Kieseln von Mas d'Azil blieb ein ungefähr achteckiger Stein erhalten, der an einen Würfel erinnert. Es ist ebenfalls eine einheitliche Gestalt, aber die Ordnung im Kosmos war fortgeschritten. Man hatte die vier Kardinalpunkte gefunden und den Schnittpunkt der Weltachsen, den Mittelpunkt im All. Daraus ergaben sich fünf Kardinalpunkte, die hier in roter Farbe in der klassischen Anordnung auf eine Seite des Würfels gezeichnet sind. Die Entwicklung des Weltbildes vom Sphäroid bis zum Würfel setzte die geistigen Bemühungen vieler Generationen voraus. Aber der Weltplan des Würfels war nur möglich, weil in nebelhafter Frühe ein schöpferischer Geist das All als Kugel begriffen hatte.

Würfel

Runder und würfelförmiger Kiesel aus der
Höhle Mas d'Azil, Dép. Ariège

Wenn wir die Entwicklung der Kultur verfolgen wollen, so müssen wir in weiten zeitlichen Dimensionen denken. Die Höhlen in der Ile-de-France bieten uns die Möglichkeit, Einblicke in diese geistige Bewegung zu gewinnen. (S. 128-145)

Letzte Revision im Juli 2014
Bearbeitet von Esther Keller, Uttwil (Schweiz)

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