Römer 3,24-26


von Esther Keller-Stocker

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4.Römer 3,25

4.1. Sühnedeckel und Lade

Hilasterion bezieht sich auf den Kult des Jom Kippur (Versöhnungstag), dessen Ritual in III. Mose 16 beschrieben wird: Jedes Jahr tritt der Hohepriester in das Allerheiligste, um Opfer darzubringen: Ein Stieropfer für seine eigenen Sünden und für die seines Hauses, ein Ziegenbockopfer für das Volk (16):

So schaffe er Sühne für das Heiligtum wegen der Unreinheiten der Israeliten und wegen all der Übertretungen, mit denen sie sich versündigt haben, und dasselbe tue er für das heilige Zelt, das bei ihnen weilt inmitten ihrer Unreinheiten

Der Jerusalemer Tempel ist infolge der Versündigung des Volkes in die Sphäre von Schuld und Unheil gekommen und muss jährlich von dieser unheilvollen Sphäre durch ein stellvertretendes Opfer gesühnt werden. Mit ihm werden Hohepriester und die ganze Priesterkaste gesühnt. Da nach der priesterlichen Auffassung Israel ein Volk von Priestern sein soll, ist letztlich auch das ganze Volk in dieser Sühnetat mit einbezogen.

Die Lade gilt allgemein als truhenartiges (17) Kultgerät, als Behälter der Gesetzestafeln oder als Kultsarg. Nach Jesaja 6 hat die Lade die Funktion des göttlichen Fussschemels. Genaue Angaben über die Lade und dem Sühnedeckel sind uns aus II. Mose 25,10-20 bekannt. Den Autoren dieser Beschreibung war die ursprüngliche Form der Lade im 1. Jerusalemer Tempel noch gekannt. Sie hatten sie bei der Beschreibung wohl noch ausgeschmückt (18). Ursprünglich gehörten Lade (Aaron) und Sühnedeckel (Kapporeth, Hilasterion) aber nicht zusammen.

In der jetzigen Version stehen zwei Keruben mit ausgebreiteten Flügeln bei oder auf der Lade. Jahwe soll sich am Versöhnungstag (Jom Kippur) auf den Sühnedeckel oder zwischen die Flügel der Keruben gesetzt (19) und zum Hohenpriester, als Vertreter des Volkes Israel, gesprochen haben (20). Die Lade wird im Alten Testament auch "die Lade Jahwes der Heerscharfen, der über den Keruben thront" genannt (21). Einige Exegeten nehmen an, dass die Lade seit der Salononischen Zeit der Thronsessel Jahwes gewesen sei (22). Gegen diese Ansicht schreibt Hugo Gressmann:

.... man muss sich nur vor dem Irrtum hüten, als ob die Kapporeth oder gar der Kasten als Thron aufgefasst worden sei. Ein Sessel ist nicht vorhanden, und auf dem Kasten zwischen den nach oben ausgebreiteten Flügeln der Kerube hätte die leibhaftige Gottheit nur stehen oder höchstens hocken können" (23).

Andere Exegeten gehen davon aus, dass der Titel "die Lade Jahwes der Heerscharen, der über den Keruben thront" recht kompliziert und deshalb spät eingefügt worden sei (24).

Die Lade wird im Alten Testament durchwegs "Aaron" bezeichnet. Die Herkunft des Begriffes "Aaron" sei etymologisch unbekannt. Demgegenüber gehe ich davon aus, dass Aaron auf die hethitische Staatsgöttin, auf die Sonnengöttin von Aruna (oder Arauna) zurückgeht. Denn im Laufe des 2. Jahrtausends vor Chr. beherrschen die Hethiter von Anatolien aus Syrien und Palästina. Der Begriff der Lade Aaron geht auf den Ortsnamen Aruna zurück, wo der Tempel der hethitischen Sonnengöttin stand. Die Lade, Aaron, vertritt also eine selbständige Gottheit, die sekundär mit Jahwe identifiziert und damit verdrängt wurde.

Nach einer anderen Überlieferung wurde Josef in Ägypten einbalsamiert und in einem Sarg, Aaron genannt, von den Israeliten durch die Wüste nach Sichem gebracht (25). Hugo Gressmann sieht eine enge ideologische Verbindung zwischen dem Ahnenkult um Josef und Jahwe in der Lade (26). Da Josef als Mumie nach dem ägyptischen Totenkult mit Osiris identisch ist (27), kann auch Jahwe in der Lade aus dem ägyptischen Osiriskult gedeutet werden (28). Darauf weist auch, dass die Lade bei hohen Festtagen wie ein ägyptisches Prozessionsheiligtum durch das Land Israel getragen wurde(29). Der Sarg des Osiris ist Manifestation der Himmelsgöttin Nuth, die abends den Sonnengott Amun-Re aufnimmt und am Morgen wieder gebiert. In der Nacht ist Amun-Re identisch mit Osiris. Osiris waltete als Totengott in der Unterwelt. Auch Jahwe war ursprünglich ein Gott des Tode, da er mit der Lade in den Krieg zog (I. Sam. 4-6).

Autoren gehen davon aus, dass die Kerubim auf der Lade aus dem mesopotamischen Kulturbereich stammen. Wenn die Keruben aber tatsächlich bereits seit Salomon auf der Lade im Jerusalemer Tempel befanden, handelte es sich hier nicht um mesopotamische Mischwesen sondern um die beiden göttlichen Schwestern Isis und Nephthis, die mit ihren Flügeln Osiris auf dem Thron beschützten (30). Erst im Laufe des 8. Jahrhunderts vor Christus ist der Einfluss der Assyrer gross genug, um die Bräuche in Palästina zu verändern und die beiden Göttinnen durch ihre eigenen Mischwesen zu ersetzen (31).

Die Redaktoren der Königsbücher stellten die Lade wie folgt dar:

Da brachten die Priester die Bundeslade an ihren Ort, in den Hinterraum des Tempels, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Keruben. Die Keruben nämlich breiteten die Flügel über den Ort, wo die Lade stand, und bedeckte die Lade und ihre Stangen von oben her. (I. Könige 8,6ff.).

Die Lade war nach oben offen. Und beide Keruben breiteten ihre Flügel schützend über dem offenen Sarg aus.

In Ägypten stand der Sonnengott Re in enger Beziehung zu Osiris: Nacht für Nacht wurde er zu Osiris, um sich am anderen Morgen wieder von ihm zu trennen. Diese Vorstellung wurde von den syrisch-kanaanäischen Stadtstaaten übernommen, denn in diesem Gebiet war der kulturelle Einfluss Ägyptens gross. Auch Jahwe als Gott Israels und Judäa erhielt in Anlehnung an den ägyptischen Re solare Züge (32).

J. Morgenstern vergleicht die Lade mit Kultgegenständen vorislamischer Beduinen. Es sind heilige Behälter oder kleine Zelte auf dem Rücken von Kamelen. In Schlachten sass eine junge Frau meist leicht bekleidet oder nackt in einem solchen Behälter und feuerte die Krieger gegen die Feinde an. Es war ein absolutes Tabu, das Mädchen zu berühren. Der Ursprung dieser Behälter sieht J. Morgenstern in Ägypten: Bei der Feier der Göttin Bastet sass in vorislamischer Zeit eine alte, nackte Frau mit vielen Katzen in einem Kasten und wurde engel rechtsdurch die Strassen gezogen. Im Islam wurde die Frau durch einen alten Mann ersetzt (33).  

4.2. Sühne im AT

Der Sühnegedanken im Alten Testament kommt bei Propheten wie Hosea (6,2 LXX) vor und ist eng mit der Auferstehung verbunden:

Kommt, lasst uns umkehren zu Jahwe;
denn er hat zerrissen, er wird uns heilen;
er hat geschlagen, er wird uns verbinden.
Nach zwei Tagen wird er uns neu beleben,
am dritten Tag uns wieder aufrichten

Bei Deuterojesaja bewirkt der Gottesknecht durch sein Leiden und Sterben den stellvertretenden Sühnetod für die Welt. Von ihm heisst es:

Darum werde ich ihm Anteil geben bei den Vielen,
und mit Starken wird er Beute teilen.
(Jesaja 53,12, Züricher Bibel)

Zu Beginn des Makkbäerkrieges starben der Priester Eleazar und eine Mutter mit ihren sieben Söhnen für den rechten Gottesglauben. Dieser Märtyrertod wurde als Sühneopfer für das Volk verstanden (34):

Durch das Blut jener Frommen
und ihren zur Sühne dienenden Tod
hat die göttliche Vorsehung das
vorher schlimm bedrängte Israel gerettet.
(IV. Makkabäer 17,22)

Diese Ereignisse werden im vierten Makkabäerbuch geschildert. Dieses Buch entstand zur Zeit der frühen Christen. Vielleicht bestand eine Beziehung zwischen diesem Text und dem Hymnus im Römerbrief, zumal der makkabäische Textengel rechts grosse Ähnlichkeit mit unserem Hymnusfragment zeigt so wird Blut der Opfer ebenfalls als "tou hilasteriou" bezeichnet.

4.3. Die Frauen am Grab

Das Hymnusfragment in Römer 3,25.26a wurde von hellenistischen Judenchristen gedichtet. Denn nur sie hatten die nötige Distanz, um die Liturgie zum Jom Kippur auf das Kreuzesgeschehen Jesu hin abzuändern.

Hilasterion als Ausdruck des Kreuzesgeschehens, passt das überhaupt zusammen? Das Hilasterion befand sich ja im Allerheiligsten, zu dem nur der Hohepriester Zugang hatte. Hilasterion im Hymnusfragment erinnert daher eher an die Grabesgruft, wo die Frauen das leere Grab vorfanden. Die Verschiebung von der Höhle, in die man den Leichnam Jesu gelegt hatte, zum Kreuz soll auch den Gedanke an die Frauen am leeren Grab verdrängen.

Nach der patriarchalen Norm der Antiken und besonders des antiken Judentums waren die Frauen am Grab weder als Zeuginnen noch als Autoritätspersonen akzeptiert. Und die konkrete Ausgrenzung der Frauen im öffentlichen Leben bedingt auch eine rigorose Verdrängung der Frauen auf der psychischen Ebene der Männer. Traten nun die Frauen am Grab als Verkünderinnen des Auferstandenen auf, gerieten sie automatisch in den patriarchalen Schatten jener Gesellschaft. So begannen die Jünger sowohl auf eigenen inneren als auch auf sozialen Druck hin die Frauen auszuschalten und für sich selber die Autorität zur Verkündung zu beanspruchen. Das leere Grab wurde als Ausgangspunkt beibehalten. Durch die Verdrängung der Frauen verband das kollektive Unbewusste das "leere Grab" mit einer ähnlichen Vorstellung, die kollektiv akzeptiert ist, nämlich mit der Bundeslade im Allerheiligsten des Jerusalemer Tempels (35). Damit sind die konkreten Zeuginnen ausgeschaltet, an ihrer Stelle tritt die Grosse Mutter im Symbol der Bundeslade. Die Bundeslade ihrerseits wurde spätestens mit dem vonengel rechts Paulus, auch Einschub "im Glauben" verdrängt. Die Grosse Mutter ist im Text nur noch durch den "Sühnedeckel" sichtbar.

4.4.Das Urelternmotiv

Das einmalige Sühneopfer Jesu Christi wird in unserem Hymnusfragment (Römer 3,25.26b) mit dem alttestamentlichen Treuebund zwischen Jahwe und seinem Volk Israel in Verbindung gebracht. Im alttestamentlichen Treuebund wird Jahwe symbolisch als Ehemann, das Volk Israel als Ehefrau vorgestellt. Dieses Motiv entspricht dem Archetyp der Ur-Eltern, wie ihn Erich Neumann in "Ursprungsgeschichte des Bewusstseins" beschrieben hat. Auf der archaischsten Stufe ist der Archetyp der Ur-Eltern ungeschieden. Erst im Ich-Bewusstsein fällt dieser Archetyp in zwei Teile auseinander. Die urtümlichste Teilung ist die Unterscheidung in hell und dunkel. Hell und dunkel wird mit Mutter und Vater assoziiert. In prähistorischer Zeit wurde zumindest in der westlichen Hemisphäre "hell" in ihrer Manifestation als "Sonne" und "Feuer" mit der Grossen Mutter, "Dunkelheit" als Bär und Menschenschädel mit "männlich" assoziiert. Seit Beginn der historischen Zeit, seit ca. 3000 vor Chr. hat sich diese Zuordnung gewandelt: Männlich wurde in Gestalt von Sonnen- und Gewittergöttern mit hell assoziiert, weiblich rückte immer mehr ins Dunkle, Abgründige, Unheimliche ab. Der lichte Gott ist das numinose Vorbild, mit dem sich das kollektive Ich identifiziert. Was das kollektive Ich auch immer übernimmt, die Schattenproblematik seines numinosen Vorbildes schlägt er auch mit sich. Da diese Schattenproblematik meist unbewusst ist, wird sie auf das verdrängte Weibliche projiziert.

Im Alten Testament ist die Grosse Mutter ihrer numinosen Grösse beraubt und in der Vorstellung des Volkes Israel auf die menschliche Ebene beschränkt. Im typischen Muster von Gott - Volk, oben - unten, Recht - Unrecht wird nun das Volk Israel zur Projektionsscheibe des negativen Aspektes seines Gottes. Es wird zur Ursache des Scheiterns an einer gedeihlichen Beziehung und niemand soll merken, dass Gott mit pompösen, allmächtigen Getue seine Ängste, seine Muttergebundenheit und die Verdrängung seiner Sexualität kaschiert. Doch die Verdrängung kann er nur in seinem wilden Eifer durchsetzen. Durch Feuer und Brand gerät die Welt ausser den Fugen, Schuld daran hat das treulose Volk, obwohl der Verursacher Gott ist, Gott als Manifestation des nachzuahmenden numinosen Überichs - und es ist nicht von Ungefähr, dass heute die Welt durch die von der westlichen Zivilisation entfesselte Energie aus den Fugen gerät.

Nach Römer 3,25.26a ist das Verhältnis von Gott und seinem Volk durch das Opfer Jesu Christi "stabilisiert". Bei Paulus ist durch das Opfer Jesu Christi das Verhältnis der ganzen Menschheit auf einen neuen göttlichen Schöpfungsakt gestellt. Die unter dem "Sühnedeckel" verborgeneengel rechts Lade weist aber darauf hin, dass der neue Schöpfungsakt nur mit der Integration der Grossen Mutter im Ich-Bewusstsein möglich ist.

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Interpretation von Esther Keller
Letzte Revision im März 2013

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