AUFSÄTZE ZU EINER GANZHEITLICHEN THEOLOGIE

Esther Keller-Stocker

Krieger aus goy.de

Das Patriarchat: Alt-Anatolien

Übersicht ¦ Vorwort ¦ 1 ¦ 2 ¦

2. Die Hattier

Die Hattier, oder die Protohattier, wie sie früher genannt wurden, gehören zu den alten kleinasiatischen Völkern. Sie sind das älteste uns namentlich bekannte Volk Kleinasiens. Welcher Ethnie die Hattier angehörten ist nicht bekannt. Sie waren jedenfalls keine Indogermanen wie die Nešiter (Hethiter), Palaer und Luwier, die Ende des 3. Jt. v. Chr. nach Anatolien kamen. Das hattische Siedlungsgebiet befand sich im Kizilirmak-Becken  (1) und erstreckte sich nach Norden zum Schwarzen Meer (2). Hier war der Boden fruchtbar und geeignet für Getreideanbau und Viehzucht. Dazu fand sich viel Wald in der hügeligen Landschaft (3). Die Hattier lebten in kleinen Stadtstaaten wie Ḫattuš(a), Alaca Höyük, Tawiniya, Zippalanda, Ankuwa, Nerik, Zalpa/Zalpuwa, Šamuḫa, Kuššara. Die Fürsten stritten sich häufig untereinander um die Hegemonie (4). Viele der hattischen Städte sind heute nicht mehr und nur noch vage lokalisierbar.

Der Name Ḫatti ist uns von den Akkadern überliefert. Die Bezeichnung soll auf die Stadt Ḫattuš zurückgehen (5), was aber Jörg Klinger in Frage stellt (6). Seit der Regierungszeit Sargon I. von Akkad (2356-2300 v. Chr.) war das Land Ḫatti bekannt. In der akkadischen Dichtung «Naram-Sîn » wird ein König Pamba von Ḫatti erwähnt, der zu den Aufständischen gegen den assyrischen Grosskönig Naram-Sîn (2273-2219 v. Chr.), dem Enkel von Sargon I. gehörte. In altassyrischen Urkunden, die in Kültepe (Kaniš/Neša) gefunden wurden, werden die hattischen Städte ebenfalls erwähnt (7). Die hattische Sprache ist uns heute nur oberflächlich bekannt (8). Sie wurde von den Hethitern bis zum Ende ihres Grossreiches als kultische Sprache verwendet. Zum Teil liegen heute Übersetzungen vom Hattischen ins Hethitisch vor, die heute die Übersetzungen von hattischen Texten in unsere Sprachen unterstützen.

In Fachkreisen wird betont, dass der Einfluss der Ḫattier bei der Herausbildung des hethitischen Staates und seiner spezifischen hethitischen Kultur kaum zu überschätzen ist. Die hattische Kultur ist die Grundlage des hethitischen Reiches. Die Hethiter haben im Laufe der ersten Hälfte des 2. Jahrtausend v. Chr. das Erbe der Ḫattier angetreten: die Verwaltung der Städte, die Politik, Kultur und Religion von den Hattiern übernommen und weiterentwickelt. In der Frühzeit war das hethitische Pantheon und die Mythologie fast ausschliesslich hattisch geprägt. Ursprünglich dürfte eine starke hattische Bevölkerung vorhanden gewesen sein, die von einer hethitischen Elite nur regiert werden konnte, wenn sie die hattischen Bräuche übernahm (9). Auch zur Zeit des hethitischen Grossreiches sind hattische Namen auszumachen, wie etwa «das Gelübde der Königin Puduḫepa» zeigt (10).

Im hattischen Kult ist das Königspaar eingebunden, die Königin trug den Titel Tawananna, der König Tabarna/Labarna (11). T/Labarna war wohl der Name der ersten beiden hethitischen Könige und wurde dann zum Herrschertitel, der die patrilineare Thronfolge legitimieren soll. Anders der Titel der regierenden Königin Tawananna. Sie steht in einem innigen Verhältnis zur hattischen Sonnengöttin, wie Übersetzungen von Jörg Klinger zeigen. Da heisst es etwa (12):

  1. Und der erste Herr der Truppen verbeugt sich. Der Rezitator spricht:
  2. Erhebe dich, Adler des Himmes?. Zurück eile
  3. nach Ḫattuša, die Stadt der Götter. In Ḫattuša aber, in der Stadt der Götterw/m,
  4. sollen sie sich aufstellen. Für unsere mächtige Sonne
  5. und für die Tauananna für die Augen ? sollen sie Jahre herbeibringen.
  6. Und zwar 9mal tausend, 9mal doppelt, 9mal ? Jahre. Die gute Nachricht
  7. soll sie finden,unsere mächtige
  8. Sonne und die Tauananna auf einem Thron aus Eisen
  9. Es soll dazu kommen, dass nur Freude herrscht.» Er nimmt (es) sich.
  10. Und er geht. (Kbo 34.151)

Im 3. Jahrtausend v. Chr. hatte fast jede hattische Stadt ihre Sonnengöttin. So schreibt Volkert Haas:

Sonnengöttinnen bestanden wohl in fast allen zentralanatolischen Städten. Eine Stadtgöttin ist Urunzimu, die Sonnengöttin von Arinna, ferner Kakšazet, die Sonnengöttin in Kakšat und in Ziḫnuwa, die beide zum Kultgebiet von Zalpa (an der pontischen Küste bei Sinope) gehören, sowie Tahurpištanu, das ist «Ištanu von Taḫurpa». (Geschichte der hethitischen Religion, S. 422)

Und im Anhang 20 derselben Seite schreibt Volkert Haas weiter:

Belegt sind Sonnengöttinnen für die Ortschaften Anapi, Hurniya, Išanaša, Ištaḫara, Kakšat, Liḫzina, Šalnuša, Šapakurwanta, Ša/ipita, Šikta, Šituwa, Šuruwa, Taḫatruna, Taḫpita, Wašḫaniya und Wiyanawanta (13).

2.1. Zalpa/Zalpuwa

Ein wichtiges Kulturzentrum der Hattier lag im Mündungsgebiet des Kizil Irmal am Schwarzen Meer mit Zalpa/Zalpuwa (14). Die Stadt wurde mehrmals zerstört, etwa von Anitta von Kuššara (18. Jh. v. Chr.), der sich dort zum König krönen liess (CTH 1). Ḫattušili I. (16. Jh. v. Chr.) zerstörte die Stadt endgültig. Dazu schrieb er:

Danach aber zog ich nach Zalpa, und zerstörte es, und eine Götterbilder nahm ich mit,
und drei MADNANU-Wagen gab ich der Sonnengöttin von Arinna.
Ein Rind aus Silber, (ein Gefäss in Form) einer Faust aus Silber gab ich dem Tempel des Wettergottes.
Dieselben Götterbilder aber, die übrig waren, die gab ich dem Tempel der Mezzulla (KBo 10.1-3) (15).

Zalpa/Zalpuwa hatte zu Beginn des Hethiterreiches als Kultzentrum jedoch noch eine kultische Bedeutung, wie etwa Massimo Forlanini im Aufsatz «die Götter von Zalpa» (meistens Göttinnen) zeigt: Dies geht aus Buchstücken hervorgehen, die in den Archiven Hattusas gefunden und von heutigen Hethitologenw/m zu einem Text zusammengefügt worden sind CTH 733 . Es sind Fragmente in hattischer Sprache, zum Teil mit hethitischer Übersetzung. Einige der Fragmente sind althethitische Abschriften, andere Kopien aus der Zeit des Grossreiches. Die Ortschaften, die in den Bruchstücke erwähnt sind, heissen Zalpa (Zalpuwa), Ziḫnuwa, Mišturḫa, Taḫišama, Katašera, Ḫašḫatatta, Tanpi und Kakšat und befanden sich im Mündungsgebiet des Kizil Irmik am oder in der Nähe der pontischen Küste. Diese Region hatte die Hethitern aber früh an kaskäische Stämme verloren (16).

Die hethitischen Fragmente sind Begleittexte kultischer Prozessionen, damit die an der Prozession beteiligten Personenw/m keine der vielen Namen, Orten oder die zu zitierenden Texte, den malteššar-Rezitationen, auslassen oder vergessen. In den Texten werden die neuen Abschnitte mit «ma-a-an» (nachdem) (17) eingeleitet. Nach Birgit Christiansen (18) sind solche Anleitungen «liturgische Agenden» vergleichbar dem römisch-katholischen Messbuch «Missale Romanum» oder dem englischen «Coronation Ceremonies», mit der Queen Elisabeth gekrönt wurde. Die «Coronation Ceremonies» gehen auf das 11. Jahrhundert n. Chr. zurück, und der Text hat sich bis heute kaum verändert. Birgit Christiansen zeigt, dass man sich die hethitischen Anleitungen genau so vorstellen soll: Die hethitischen Ritualtexte werden über Jahrhunderte überliefert und zeichnen ein kultische Zeremoniel auf, das immer wieder gefeiert wurde. Dabei werden die Akteure der feier in ihrer Funktion genannt, also der König, die Königin, die Priesterw/m, Musikerw/m, Augurenw/m etc. Namen kommen normalerweise nicht vor. Im Aufsatz «die Götter von Zalpa» kommen Funktionäre wie DUMU-aš, LUGUDU (ein Beschwörungspriester) (19), LUNAR (ein Sänger), LUBELU (S. 247 ) vor. In einem Text werden auch Männer von Misturha/LÚMEŠ URUMI-IŠ-TU-UR-HA erwähnt, die drei Mädchen/DUMU.SALMEŠ ergreifen und die Männer von Zihnuwa/LUMES URUZI-IḪ-NU-UH, die in acht Orten im Lande Tarukka Mädchen einzusammeln und sie nach Urimma bringen. Dort wurden sie wohl ausgezogen und in den Fluss geworfen – der Text ist nicht ganz klar. Es folgt eine Lücke, in der ein Wettkampf beschrieben wird. Im weiteren Verlauf der Feier nehmen ein Mundschenk, ein Sänger, die Ammen und ein Verwalter von Kašdama/LUAGRIG URU[K]a-aš-da-ma teil (S. 254ff), der zur Zeit Hattusili III. auch Verwalter der Provinz Nerik war (20). - Der einzige Akteur in diesen Texten, der mit Namen erwähnt ist, ist LÚGUDU Ųaḫuttaili. Er dürfte den Text der «LÚGUDU-Fassung» geschrieben haben. In seinem Text kommen die Namen einer Reihe alter hattischer Göttinnen und Götter vor, die heute zum Teil bekannt sind, andere können aus anderen hattischen Kulttraditionen, wie die von Nerik eruiert werden, andere bleiben unbekannt (21).

Nach Massimo Forlanini muss der Text CTH 733 zusammen mit entsprechenden Fest- und Ritualbeschreibungen benutzt worden sein. So wurden auch Bruchstücke gefunden, die Kulthandlungen von Zalpa/Zalpuwa beschrieben (S. 254). Diese konnten aber wohl noch nicht ausgewertet werden.

Beispiele hethitischer Fragmente aus dem Hethitologie-Archiv/Mainzer Fotoarchiv:
NO 8769 22 b BO 527 b Bo 435d
NO8769 229/b BO527b B0435d
Die gefundenen Fragmente sind von heutigem Hethitologenw/m transkribiert, transliteriert, übersetzt
und wie Puzzle-Teile zu einem zusammenhängenden Text in CTH 733 zusammengefügt.

UrsUrsprünglich hatte das lokale hattische Herrscherpaar und ihr Kultpersonal die Prozession durchgeführt, zur althethitischen Zeit wurde die Aufgabe von einem Prinzen (DUMU-aš) aus Ḫattuša übernommen, der von Priestern und Musikern begleitet wurde. Im Text von LUGUDU Ųaḫuttaili (22) beginnt die Prozession in Zihnuwa und führte entlang des Kizil Irmak-Flusses und der pontischen Küste nach Mišturaša und Ḫašḫatatta an der Mündung des Kizil Irmak in das Schwarze Meer. Im Hain von Ḫašḫatatta fand eine kultische Feier statt. Dann zog der Tross weiter durch Taḫišama und Katašera. An den jeweiligen Kultstätten werden dem betreffenden Gott – häufig Göttin - geopfert und die in den Texten festgehaltene Liturgie (malteššar-Rezitationen) vorgetragen (23).

Das Fragment Bo 2712 (24), das nicht zu CTH 733 gehört, aber zum Vergleich herangezogen wird, ist eine junghethitischen Abschrift. Hier besucht der hethitische Prinz im Herbst Zalpa/Zalpuwa, wo er den dortigen Götternw/m folgende Opfer darbringt: ein Ferkel, sechs Fische, sechs Frösche und eine Schlange. Nach wikipedia sind dies ausser dem Ferkel höchst unübliche Opfertiere (25). Am anderen Tag begibt sich der Prinz zum Tempel der Hauptgöttin Ammamma, wo eine Anzahl Personen die kultische Feier gestalten, danach gehen sie zum Vorratshaus (I 18-27). - Nach einer Lücke folgt eine Liste von Gottheiten, die nach Ortschaften benannt sind, etwa DUTU URUZihnuua (Sonnengöttin von Ziḫnuwa), DU URUMišturaha (S[onnengöttin] von Mišturaḫa) und DU URUHašHašhattata (S[onnengöttin] von Hašḫattata) (26). Diese Sonnengöttinnen erhalten dieselben Opfergaben wie die Göttinnenw/m von Zalpa.

Im Im Text Bo 2712 ist auch Ḫatepinu (*han=-te=fin ‘des Meeres Tochter’) (27) und das Meer (aruna) genannt. Zum Thema Sonnengöttin, Ḫatepinu und das Meerm gibt es den bekannten Mythos «des verschwundenen Sonnengott» (CTH 322): Einst versteckte das Meer den «Sonnengott/Ištanu/DUTU» aus Arglist, sodass auf Erden Finsternis herrschte. Da sandte der Wettergott Tarhun(ta) seinen Sohn Telipinu, um den Sonnengott zu befreien. Dieser fegte wohl als Sturm im jugendlichen Übermut über das Meer, sodass das Meer sich derart fürchtete, dass er neben dem «Sonnengott» auch gleich seine Tochter Ḫatepinu herausrückte. Telepinu brachte die beiden zum Wettergott und erhielt Ḫatepinu zur Frau.

Der Mythos vom «verschwundenen Sonnengott» findet sich im Hethiterportal und ist von Elisabeth Rieken aus einer mittel- (KUB 33.81) und einer junghethitischen (KUB 12.60) Abschrift unter CTH 322 übersetzt – Das hethitische Wort für «Sonnengott» ist DUTU (CTH 322 exemplar). Das Akkadogramm DUTUUTU kann aber auch « Sonnengöttin» bedeuten. Nach Volkert Haas handelt es im Mythos um «Ištanu» (28), den er ebenfalls mit Sonnengott übersetzt und ihn als «Sohn des Wettergottes» vorstellt (29).  Ištanu/DUTUUTU wird in der Fachwelt (30) meistens mit «Sonnengott» übersetzen. Für die Allgemeinheit schreibt wikipedia (31) aber Ištanu/DUTU «Sonnengöttin». «Sonnengöttin» ist meines Erachtens aus folgenden Gründen hier richtig:

  1. Beim Text CTH 322 handelt es sich um einen hattischen Mythos. Volkert Haas weist darauf hin, dass die hattischen Sonnengöttinnen weiblich waren. So beschreibt er in «Geschichte der hethitischen Religion» die hattische Sonnengöttin Eštan/heth. Ištanu und Aštanu als «Sonnengöttin, Königin, Mutter, strahlendes Licht, Königin des Himmels, Königin der Länder und Herrin der Ḫatti-Länder»:

So heisst es in einer hattisch-hethitischen Bilingue: «Wenn ein Mensch am Wege vor dem Feld Wein libiert, so spricht der Beschwörungspriester: «Gnade, Sonnengöttin, bei der Menschheit (bist) du Sonnengöttin (genannt), unter den Göttern aber (bist) du das strahlende Licht (kašbaruyaḫ), Göttin, Königin, du». (S. 420f. Anm. 11)

  1. Die Sonnengöttin Ištanu/DUTUUTU wird mit der Sonnengöttin von Arinna in Verbindung gebracht. Und bei den Hethitern ist die Sonnengöttin von Arinna die Ehefrau des Wettergottes von Ḫattuša und Mutter verschiedener Wettergötter (32).
  2. 3. Im Text CTH 322 bringt Telipinu die Sonnengöttin zum Wettergott und erhält die Ḫatepinu als Braut. Das heisst doch Wettergott und Sonnengöttin bilden ein Paar und Telipinu und Ḫatepinu bilden das Nachfolgepaar. Dabei wäre Ḫatepinu als jugendliche Sonnengöttin zu betrachten, die am Morgen aus dem Meer steigt.
Sonnenaufgab am Schwarzen Meer


Sonnenaufgang (Ḫatepinu), Himmel, Wolken (Telipinu) am Schwarzen Meer,
kostenloses Foto von PxHere

So steht Ḫatepinu hier als jugendliche Sonne für alle hattischen Sonnengöttinnen. Und vielleicht repräsentieren die Mädchen/ DUMU.SALMEŠ im kultischen Geschehen in Urimma die jugendliche Sonnengöttin, die aus dem Fluss oder Meer heraussteigt.

AusAus den von Massimo Forlanini bearbeiteten Texten hat er ein Liste der Göttinnen und Götter zusammengestellt (33). Unter anderem erschreinen drei DUTU Sonnengöttinnen:

WeiWeiter ist auf dieser Liste eine sonst unbekannte Göttin Tahatenuit (-it Femininendung) (35) erwähnt, die als Gattin des Wettergottes auftritt. Dann erscheint mehrmals die Göttin Tasimmet (-et Femininendung), die mit IŠTAR gleichgesetzt wird.

Die Sonnengöttinnen Ištanu und Kaškat tragen den Beinamen Kašbarujahu resp. Lilijahu (h (hethitisch lalukkimas): Hethitisch «Laluk(ke)» bedeutet «hell werden, glänzen, leuchten» (36). «Lalukkima» «Erleuchtung , Leuchte, Glanz» (37). Mit dem hattischen Wort kašbarujah(u) w wurde die Sonnengöttin Ištanu angerufen, mit leliyaḫ=u, das ebenfalls dem hethitischen Lalukkima entspricht (38), die Sonnengöttin Kakšat. - Dieses -jah/-jahu, das nicht nur hier bei «kašbaruiah(u)» und « leliyaḫ=u» vorkommt, sondern auch in Namen wie Tudhaliya irritiert mich jedesmal! Denn der Name Gottes im Alten Testament ist Jahwe/Jahu/Jah. Zwar gilt dieser ursprünglich als Wettergott, hat aber auch solare Eigenschaften, die er wohl von der Šamaš Aaron (I. Sam. 6) übernommen hatte. «Šamaš Aaron» ist meines Erachtens gleichbedeutend mit der hattisch-hethitischen Sonnengöttin von Arinna, der [kašbaru]iah(u), die zur Zeit der israelitischen Stämme eine grosse Bedeutung hatte.

Zur erwähnten Götterw/m-Li-Liste gehören auch der Wettergott Taru (heth. Tarḫunna, luw. Tarḫunta). Er wird mit hurritischen Wettergott Teššub (39) gleichgesetzt. Taru/Tarḫunta/Teššub ist der Spender des Regens und Herr über Blitz und Donner, Gewitter und Stürme. Er ist aber auch verantwortlich für das Wachstum der Pflanzen, für das Leben von Mensch und Tier. Er wird mit Keule und Blitz dargestellt, sein Attribut ist der Stier. Ein weiterer Gott auf der Liste ist der sonst unbekannte Kahaluuzzel, weiter aruna (Meer) und Ṷašezzili, der treue Begleiter des Wettergottes mit Beinamen UR.MAḪ (der Löwe) (40).

Was mich in den von Massimo Forlanini behandelten Texten zweifeln lässt, sind die LÚ/LÚ MEŠ (Mann/Männer). Eine gewisse Unsicherheit besteht schon beim hethitische Prinz, der als DUMU-aš bezeichnet wird und nicht als DUMU LUGAR. DUMU-aš heisst «(königliches) Kind», ist «Genus commune» und kann demnach auch «Prinzessin» bedeuten. - Die Fragmente in CTH 733 sind Abschriften aus alten Texten, die ursprünglich mündlich weitergegeben worden waren. Das heisst, die Abschriften sind Hunderte Jahre jünger als ihre Originale respektive als die mündlichen Traditionen. Mir fällt auf, dass hethitische Schreiber generell die Tendenz haben, Götterw/m und Menschenw/m mi mit einem LÚ/LÚ MEŠ zu versehen, auch wenn die Geschichte dann keinen Sinn macht - wie ich noch zeigen werde. Die hethitischen Schreiber verwenden LÚ/LÚ MEŠ demnach wie das «akkadographische Possessivsuffix» ŠU (sein), das häufig das Suffix ŠA (ihr) (41) ersetzt. Dies begründen J.A. Hoffer und H. Craig Melchert (42) damit, dass es im Hethitischen keine feminine und maskuline Form gibt, sondern nur «Genus commune» (und «Genus neutrum») (43). So ist LÚ/LÚ MEŠ (Mann/Männer) nicht nur Begriff für Mann/Männer sondern auch für Berufsbezeichnungen oder für die Bevölkerung einer Stadt (LÚ MEŠ URU …), obwohl es bekanntlich in einer Stadt weibliche und männliche Bewohner gibt. Das heisst, LÚ/LÚ MEŠ ist häufig mit «Person» zu übersetzten.

Das Problem ist uns ja auch aus unseren europäischen Sprachen bestens bekannt. Im Französisch-Kurs lernten wir etwa: Bei einer Gruppe von 99 Frauen und 1 Mann ist die Gruppe als männliche Grösse aufzufassen (44). Auch unsere Berufsbezeichnungen sind normalerweise für Frauen in männlicher Form gehalten, etwa «Verwalter», «Verkäufer», «Arzt» etc. Im Englischen ist dies bekanntlich noch ausgeprägter: «my lover» ist es von einem Mann gesprochen meistens eine Frau, oder ein «needle worker» ist eine Näherin. - Deutsche Übersetzungen hethitischer Texten gehen manchmal soweit, dass auch, wenn in hethitischen Original ausdrücklich weibliche Grössen erwähnt sind, diese auf Deutsch mit der männlichen Bezeichnung übersetzt werden. Zum Beispiel begleiten auf einer Kultreise Musikerinnen «MUNUS MEŠarkarkammiyaleš» (45) (Frau + Pl. + Musiker, also Musikerinnen)» den hethitischen Grosskönig. Susanne Görke übersetzt den Begriff mit «Musiker» (46). – Manw/m kann jetzt sagen, das spiele doch keine Rolle! – Aber «Musikerinnen» in der göttlichen Kutsche des Königs provoziert ein ganz anderes Bild, als wenn Männer Begleiter des Königs sind.

Exemplarisch zeigt sich der Androzentrismus in unserer Wissenschaft etwa bei Piotr Tanach. So schreibt er in «Religions of Second Millennium Anatolia»:

Male priests predominated in the priesthood, with a strict hierarchy in force in the group.
The highest ranking priests werde the SANGA-priests (Hittite sankunni), … (p. 65)

DocDoch dann muss er eingestehen, dass es auch SANGA-Priesterinnen gab (S. 66), die nach Maciej Popko möglicherweise über den männlichen SANGA-Priester standen (47).

In den zitierten Wendungen treten die Priesterinnen an erster Stelle, vor den Priestern auf, man darf also vermuten, dass sie ein grösseres Ansehen genossen.

Oder

Im Im allgemeinen werden die SANGA-Priesterinnen in der hethitischen Literatur relativ selten angeführt; die Priesterin mit dem Titel «AMA.DINGIRLIM «Gottesmutter» war viel besser bekannt, überdies ist EREŠ DINGIR gut bezeugt. Die Anwesenheit der SANGA-Priesterinnen in Arinna ist also ein Charakteristikum des örtlichen Kultes, wobei die einzige näher identifizierte Priesterin von Arinna überraschenderweise der männlichen Gottheit diente (48).

Auch Piotr Tanach nennt weiter eine «Frau des Wettergottes» und eine EREŠ.DINGIR «die Lady of the God», die in Abwesenheit des Königs den königlichen ḫuliganni-Wagen fuhr, den der Grosskönig einst von der Throngöttin Ḫalmašuit erhalten hatte. Demnach ist EREŠ.DINGIR («die Lady of the God») dem Grosskönig gleichgestellt (p. 67). - Wenn Piotr Tanach, der häufig in wikipedia zitiert wird, zuerst von den SANGA-Priester als die wichtigsten Priester an den Anfang seiner Überlegungen stellt, dann ist das Ideologie unserer androzentristisch geprägten Wissenschaft – Für mich mutet der Satz wie ein apothropäischer Zauberspruch an: «auf das es ja so sei!» - Denn, wenn Priesterinnen explizit «selten» erwähnt sind, heisst das konkret, dass man grundsätzlich mit männlichen und weiblichen Priestern zu rechnen hat, die normalerweise unter dem «Genus commune» LÚ/LÚ MEŠ fallen wie wenn wir etwa vom (reformierten) Pfarrer reden, der dann bei der konkreten Begegnung eine Pfarrerin ist.

2.2. Lihzina

Fortsetzung folgt.....

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Literaturhinweise

  1. Der türkischer Name: Kizil Irmak heisst «Roter Fluss», mit 1355 km der längste Fluss in der Türkei,
    die Farbe wird durch eisenhaltigen Ton hervorgerufen in wikipedia. Die Griechen nannten ihn Halys und die Hethiter Maraššanta.
  2. Jörg Klinger, «Untersuchungen zur Rekonstruktion der hattischen Kultschicht», S. 81ff.
  3. Albrecht Goetze, Kulturgeschichte Kleinasiens, S. 7; Jörg Klinger, die Hethiter, S. 13
  4. Albert Goetze, Kulturgeschichte Kleinasiens, S. 84; dazu Trevor Bryce, «the Kingdom of the Hittites»
  5. Maciej Popko, «Völker und Sprachen Altanatoliens», S. 37, «Ḫatti» in wikipedia (englisch);
    Trevor Bryce, «the Kingdom of the Hittites», p. 12
  6. Jörg Klinger, «Untersuchungen zur Rekonstruktion der hattischen Kultschicht», S. 89ff.
  7. «Hattier» in wikipedia, 02.04.2020
  8. Maciej Popko, «Völker und Sprachen Altanatoliens», S. 37
  9. Jörg Klinger, «Untersuchungen zur Rekonstruktion der hattischen Kultschicht», S. 16ff.
  10. Heinrich Otten/Vladimir Souçek, «das Gelübde der Königin Puduḫepa an die Göttin Lelwani», StBoT 1
  11. Jörg Klinger, «Untersuchungen zur Rekonstruktion der hattischen Kultschicht», S. 14f.
  12. Jörg Klinger, «Untersuchungen zur Rekonstruktion der hattischen Kultschicht», S. 319
  13. Volkert Haas, Geschichte der hethitischen Religion, S. 422: KBo 20.37 Rs. 5; KUB 6.45 Vs. II 26; KUB 38,6 Vs I 34; KUB 5.1 Vs. II 106; KUB 28.75 Rs III 19; CTH 726; Kbo 12.135 Rs. VI 4’; KUB 28.6 Rs IV 8’; KUB 28.61 22; (Kbo 12.135 Rs VI 11’-12’; Kbo 2.7 Vs 16’; Kbo 2. 1 Vs II 9; Kbo 21.81 Vs 10KBo 13.235 Vs I 13; KBo 12.53 Vs 9; Kbo 2.7 Vs 18’ Rs 9
  14. Es gab zur Zeit der assyrischen Handelskolonie vier verschiedene Orte mit dem Namen Zalpa in Gojko Barjamovic, «A Historical Geography of Anatolia in the Old Assyrian Colony Period», S. 108: Zalpa/Zalpuwa in the north; Zalpa, town on the Balish is Zalpah; Zalpa, the city in the Amanus is Zalwar; Assyrian colony close to Hahhum ist simply Zalpa
  15. Maciej Popko, «Arinna – Eine heilige Stadt der Hethiter», S. 7; vgl. auch Volkert Haas, «die hethitische Literatur», S. 37
  16. Massimo Forlanini, «Die Götter von Zalpa – hethitische Götter und Städte am Schwarzen Meer», S. 251,
    aus «academia.edu»
  17. «Gelübde » Johannes Friedrich, «kurzgefasstes hethitisches Wörterbuch», S. 359:
    mahmahhan (Adv. Und Konj.) «wie, sowie, sobald, als, dann wenn, nachdem, als»
  18. Birgit Christiansen, «Liturgische Agenda», StBo 60, S. 37.50
  19. Volkert Haas, «Der Kult von Nerik», S. 28
  20. Volkert Haas, «Der Kult von Nerik», S. 21
  21. Volkert Haas, «Geschichte der hethitischen Religion», S. 607f.
  22. KUB XXVIII 77 I 1-3: Massimo Forlanini, «Die Götter von Zalpa – hethitische Götter und Städte am Schwarzen Meer», S. 247f. aus «academia.edu»
  23. «Gelübde » Johannes Friedrich, «kurzgefasstes hethitisches Wörterbuch», S. 359
  24. Massimo Forlanini, «Die Götter von Zalpa – hethitische Götter und Städte am Schwarzen Meer», S. 253f. aus «academia.edu»
  25. A-Qamar in Wikipedia « Zalpa » vom 30.01.2021
  26. Massimo Forlanini, «Die Götter von Zalpa – hethitische Götter und Städte am Schwarzen Meer», S. 254; S. 258 Anm. 61, aus «academia.edu»
  27. «Ḫatepuna/Ḫatepinu » in wikipedia, 25.04.2016
  28. Volkert Haas, «die hethitische Literatur», S. 115f.
  29. Volkert Haas, «Geschichte der hethitischen Religion», S. 420f.; Religionen des Alten Orients, S. 180
  30. Elisabeth Rieken, CTH 322; Ahmed Ünal, «hethitische Mythen und Epen», S. 811, aus LMU, Universität München; Volkert Haas, «die hethitische Literatur», S. 117
  31. «Hattische Mythologie» in wikipedia, 24.01.2021
  32. Volkert Haas, «Geschichte der hethitischen Religion», S. 423.588
  33. Massimo Forlanini, «Die Götter von Zalpa – hethitische Götter und Städte am Schwarzen Meer»,
    S. 264f. aus «academia.edu»
  34. Jörg Klinger, «Untersuchungen zur Rekonstruktion der hattischen Kultschicht», S. 171
  35. die auch Tahitanu oder Tahitanu transkribiert werden kann
  36. Johannes Friedrich, «kurzgefasstes hethitisches Wörterbuch», S. 127
  37. Jörg Klinger, «Untersuchungen Untersuchungen zur Rekonstruktion der hattischen Kultschicht», S. 171
  38. Oğuz Soysal, «Hattischer Wortschatz in hethitischer Textüberlieferung, » S. 292 aus «academia.edu»
  39. «Teššub» in wikipedia, 26.06.2019
  40. Jörg Klinger, «Untersuchungen zur Rekonstruktion der hattischen Kultschicht», S. 19.146.174
  41. Elisabeth Rieken, Einführung in die hethitische Sprache und Schrift, S. 141
  42. Harry A. Hoffner Jr./H. Craig Melchert, «A Grammar of the Hittite Language» Part 1
    «Reference Grammar», S. 437 aus «academia.edu»
  43. Elisabeth Rieken, Einführung in die hethitische Sprache und Schrift, S. 44
  44. GIŠarkammi Musikinstrumment, das geschlagen wird in Johannes Friedrich, «Kurzgefasstes Hethitisches Wörterbuch», S. 30; GIŠ Holz, Baum in Elisabeth Rieken, Einführung in die hethitische Sprache und Schrift, S. 99
  45. Susanne Görke, «hethitische Rituale im Tempel» in «Tempel im Alten Orient», CDOG 7, S. 130
  46. Maciej Popko, «Arinna – Eine heilige Stadt der Hethiter», StBoT 50, S. 59
  47. Massimo Forlanini, «die Götter von Zalpa», S. 258; Johannes Friedrich, «kurzgefasstes hethitisches Wörterbuch», S. 150
  48. Elisabeth Rieken, «Einführung in die hethitische Sprache und Schrift», S. 133; Johannes Friedrich, «kurzgefasstes hethitisches Wörterbuch», S. 25
  49. «Teššub» in wikipedia, 26.06.2019
  50. Jörg Klinger, «Untersuchungen zur Rekonstruktion der hattischen Kultschicht», S. 19.146.174
  51. Der Name setzt sich zusammen aus teli «stark», pinu «Kind», also ein Jugendlicher in Volkert Haas, Geschichte der hethitischen Religion, S. 443

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