AUFSÄTZE ZU EINER GANZHEITLICHEN THEOLOGIE

Esther Keller-Stocker

Krieger aus goy.de

Übersicht ¦ Vorwort ¦ 1 ¦ 2 ¦

Das Patriarchat

Vorwort

dargestellt anhand dreier Beispiele:

  1. Altanatolien im 2. Jahrtausend v. Chr. insbesondere die Hethiter
  2. Texte aus dem Alten Testament
  3. Texte aus dem Neuen Testament

In diesem Vorwort erhalten Sie einen kurzen Überblick a-d über die Grundlagen dieser Arbeit.

  1. Religionsgeschichtlich bezieht sich diese Arbeit auf meinen Aufsatz «Aaron – Aharon - Araunah». Hier präzisiere ich das Erbe der Sonnengöttin von Arinna in Palästina.
  2. Der Einfluss der Sonnengöttin von Arinna reicht bis ins Neuen Testament, wie ich hier anhand der Taube bei der Taufe Jesu zeige.
  3. Hier erhalten Sie eine kurze Zusammenfassung der Psychologie von C. G. Jung, wie in meinem Aufsatz «die Psychologie von C. G. Jung nach Jolande Jacobi» dargestellt. Ein ausführlicher Bericht über die praktische Anwendung seiner Theorie erhalten Sie in «kritischer Kommentar zu ‘Symbole der Wandlung von C. G. Jung’».
  4. Kurzer Überblick zu «das mentale Bewusstsein nach Jean Gebser». Die Erläuterung hier beziehen sich auf meinen Aufsatz «Mutationen des menschlichen Bewusstseins nach Jean Gebser».

a)Arinna - Aaron

In diesem Aufsatz befasse ich mich mit den Hethitern (1), ihrer Sonnengöttin Ištanu/DUTU und  ihrem Vertreter, dem hethitischen Königspaar, das sich unter anderem mit dem Majestätstitel «Meine Sonne» (DUTU, DIstanu-miš) (2) bezeichnete. DIštanu hiess eine hattische Sonnengöttin (3), die spätestens seit dem mittelhethitischen Reich als Sonnengöttin von Arinna auftritt und offiziell als die göttliche Mutter des hethitischen Königs galt. Die hethitische Grosskönigin wurde aber nach ihrem Tod zur «Sonnengöttin von Arinna» (4). - Gegen den allgemeinen Konsens gehe ich davon aus, dass der königliche Titel «DIstanu-miš» den König als Vertreter seiner göttlichem Mutter, der Sonnengöttin von Arinna, zu interpretieren ist.

Im Alten Testament ist uns die «Gotteslade» (ha-aaron elohim) bekannt. Sie hatte beim Zusammenschluss der Zwölf israelitischen Stämmen eine grosse Rolle gespielt (5). Weiter tritt die «Gotteslade» im Zusammenhang mit einer Seuche auf (I. Samuel 4-6; 24), und drittens gilt Samuel in der Bibel als ein Priester der «Bundeslade». Als solcher salbte er sowohl Saul als auch David zum israelitischen König (I. Sam. 10; 16) (6). - Nach Volkert Haas gehörte die Salbung des hethitischen Königpaares als Reinigungsritual zur Inthronisationszeremonie (7). Diese fand statt, indem sich die Königew/m auf den Schoss der Throngöttin Ḫanwašuit setzten, ähnlich wie in Ägypten der Pharao als Horus auf den Schoss der Isis. Nach Theo van den Hout (8) wurde Tudhalija IV. (ca. 1236-1215 v. Chr.) (9) in Ḫakmiš und Nerik zum Priester des Wettergottes gesalbt. Da die Interpretation des Textes unsicher ist, könnte hier die Salbung Tudhalijas IV. im Zusammenhang seiner Krönung zum Königpriester gemeint sein.

Im Alten Testament  stand Salbung und Inthronisation im engen Zusammenhang zur «Bundeslade» (Ha-Aaron). Deshalb ghe ich davon aus, dass die alttestamentliche «Gotteslade» auf die hattisch-hethitische Sonnengöttin zurückgeht. Denn, wie bereits erwähnt, galt bei den Hethitern die Sonnengöttin von Arinna als Mutter des Königs. Dieser Brauch kommt auch im alttestamentliche Hohenlied zum Ausdruck (Hl. 3,11) (10) und wird von Abdi-Hepat von Jerusalem (14. Jh. v. Chr.) bestätigt (11). Doch den alttestamentlichen Theologen aus der nachexilischen Zeit war diese Vorstellung nicht vereinbar mit dem Jahweglauben, und so führten sie anstelle der königlichen/göttlichen Mutter die Kultfigur Samuel ein.

 Doch wie kommt die Sonnengöttin von Arinna nach Palästina? Ich gehe von zwei Ereignissen aus:

a1)Der Kuruštama-Vertrag:

Im 15. Jh. v. Chr. gab es einen Vertrag zwischen den Hethitern und den Ägyptern, der die Ansprüche der Gebiete regelt und ein «Mann von Kuruštama», einer Stadt in Zentralanatolien ins ägyptisch kontrollierten Palästina deportiert werden soll. Bei den beiden Herrschern handelt es sich vermutlich auf hethitischer Seite um Tudhalija I. (1460-1420 v. Chr.), auf ägyptischer Seite um Thutmosis III. Beim «Mann von Kuruštama» dürfte es sich um den Fürsten dieses Stadtgebietes gehandelt haben, jedenfalls bedeutet in frühhethitischen Schriften «Mann von …» «Fürst» oder «König» (11). Offenbar war der «Mann von Kuruštama» dem hethitischen König Tudhaliya I. gefährlich geworden. Statt den Mann von Kuruštama meuchlings töten zu lassen, liess Tudhalija I. ihn gefangennehmen und deportieren. Auffällig im Vertrag ist, dass der Fürst von Kuruštama zwar unter dem Schutz des Wettergottes gestellt wurde. Doch die Sonnengöttin, die normalerweise in internationalen Verträgen erwähnt wurde, fehlt in diesem Abkommen - vielleicht um den Anspruch des Fürsten von Kuruštama auf den hethitischen Thron zu unterbinden.

Einen Anspruch auf das Königtum lässt sich im Alten Testament nachweisen. So beriefen sich früh- und vorisraelitische Traditionen auf die Gottheit «Aaron». Nach der Bibel ist die «Gotteslade» in Sichem, Bethel und Silo stationiert. Auch hatten sich semitische Stämme mit Hethitern verheiratet und verschwägert, was rund 1000 Jahre später etwa Autoren des 1. Buches Mose polemisierten. Dass ein Hethiter Fürst von Sichem war, geht aus dem Namen Labʾāya (Labaya, Labayu oder Lib’ayu) hevor, der just in der Zeit des Exils des Fürsten von Kuruštama in Sichem regiert haben soll. Labʾāya (Labaya, Labayu oder Lib’ayu) tönt doch nach hethitischem «T/Labarna». «Labarna» war der Name des ersten hethitischen Königs (um 1565 v. Chr.) und in Folge ein hethitischer Königstitel. – Auch für Bethel gibt es ein Indiz für die Sonnengöttin von Arinna in Palästina. So nennt der Prophet Hosea Bethel sarkastisch בֵּית אָוֶן (bêt-’āwæn) «Haus des Bösen» (12), also אָוֶן «Böse» aus אָרון «Aaron/Arinna», und für Silo kennen wir alle die Kindheitsgeschichte Samuels, der nachts bei der «Lade des Herrn» (Aaron Elohim) schlief:

und die Lampe Gottes noch nicht erloschen war und Samuel im Tempel des HERRN schlief, wo die Lade Gottes war,
da rief der HERR Samuel, und dieser sprach: Hier bin ich. (I. Sam. 3,3-4).

Bemerkung: Jahwe/Adonaj ersetzt Aaron «die Lade », die in der Nacht als «Lampe Gottes» leuchtet. So gilt die Sonnengöttin von Arinna bei den Hethitern auch als «göttliche Fackel».

Meines Erachtens berief sich der Fürst von Kuruštama in Palästina auf die Sonnengöttin von Arinna. D.h. er sah sich als legitimer hethitisch König im Exil wie später Mursili III. (Urḫi-Teššub) . Die Nachwirkung der hattisch-hethitischen Sonnengöttin als Königsmacherin sehe ich in der Salbung von Saul und David durch Samuel (13).

a2) Die Seuche in Amka

Eine zweite Hethiterwelle nach Palästina fand meines Erachtens unter Šuppiluliuma I. statt, als sein Heer aus Rache für den Tod seines Sohnes Zannanza die ägyptisch kontrollierte Amka-Ebene überfallen liess. Dort wütete eine Seuche, wohl die Beulen-Pest. Die Kriegsgefangenen, die die Hethiter in diesem Gebiet gemacht hatten, verschleppten die Epidemie nach Anatolien. Die Ereignisse schrieb Grosskönig Mursilli II. in seinen Pestgebete auf. Andererseits lagen den Verfassern der Samuelbücher offenbar hunderte Jahre später noch Unterlagen über diese Tragödie zur Verfügung, sodass sie daraus ihre Geschichten über «die Gotteslade» im Zusammenhang mit der Seuche (I. Sam. 4-6) erzählten. Interessant ist II. Samuel 24, wie David im Zusammenhang mit Volkszählung, Pest und Araunah als König von Jerusalem hervorging (14). Aus den geschichtlichen Ereignissen, die uns vom Hethiterkönig Mursili II. vorliegen und den biblischen Erzählungen kann man annehmen, dass angesichts der kranken Gefangenen einige aus der hethitischen Armee geflüchtet waren und in Jerusalem mit ägyptischer Einwilligung ein Fürstentum unter dem Schutz ihrer Sonnengöttin von Arinna errichtet hatten. - Dass die Ägypter kriegserprobte Zuwanderer und ehemalige Feinde an die Aussenposten eingesetzt hatten, ist bekannt, berühmt ist etwa der Harris-Papyrus, nach dem Philister auf Geheiss des Pharaos in Palästina angesiedelt und versorgt wurden (15).

b) Die Taufe Jesu

Der Nachhall der hattischen Sonnengöttin Ištanu (Sonnengöttin von Arinna) ist auch im Neuen Testament zu spüren. So gilt Jesus als der Christus, hebräisch Messias, deutsch der Gesalbte. In den Evangelien hielt man ihn für den Nachfolger Davids (Mk. 11,10). Doch Jesus selber verneint dies vehement (Mk. 12,35f.). Denn er ist ein von Gottm Verworfener («mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen!» Mk. 15,34) – das tönt doch eher nach Saul, den David ausdrücklich als den « Messias» bezeichnet hatte (II. Sam. 1,14.16). Denn Saul wie Jesus sind Könige der göttlichen Mutter. Das Alte Testament steht am Anfang des patriarchal-mentalen Bewusstsein, und hier wird Grosse Göttin mit aller Macht und vor allem mit alles zerstörrender Gewalt bekämpft, wie Jahwe seinem Propheten Jeremia im Gleichnis vom «Töpfer» (Jer. 18) ins Ohr geflüstert hatte (16).

Die «Aaron Elohim» erscheint im Neuen Testament als «Geist Gottes» und flog während der Taufe (Mk. 1,10 in Gestalt einer Taube auf ihn «hinein»: Das Wort «Taube» kommt im Griechischen als weibliche Grösse περιστερά als auch als männliche Grösse περιστερός vor. In Mk. 1,10 ist ausdrücklich von einer weiblichen Grösse «περιστερὰν» die Rede:

καὶ εὐθὺς ἀναβαίνων ἐκ τοῦ ὕδατος εἶδεν σχιζομένους τοὺς οὐρανοὺς
καὶ τὸ πνεῦμα ὡς περιστερὰν καταβαῖνον εἰς αὐτόν· (17)

«Per-isteran» ist ein Lehnwort aus dem Semitischen «Perach-istar» und bedeutet der «Vogel der Ištar» (18). - Ištar (sumerisch Inanna) ist die älteste schriftlich bezeugte Gottheit überhaupt. - Als nun Jesus aus dem Wasser des Jordans auftauchte, nahm er also eine Göttin wahr. Psychisch bedeutet Eintauch in Jordans Wasser Eintauchen ins kollektive Unbewusste, Eintauchen in die Weltenseele. Das Ein- und Auftauchen erfährt der Mensch als Tod- und Wiedergeburt. Das Auftauchen wird als neue Geburt, als neues Bewusstsein erfahren. Die Konsequenz ist eine «neue Sicht der Dinge». Und am Anfang ist «die Mutter». Die Taufe ist der christliche Wiedergeburtsritus, in dem die Nachfolge Christi dessen Tod und Auferstehung nachgelebt werden soll. – Doch für Paulus und in der patriarchalen Theologie existiert keine weibliche Gottheit, denn für ihn ist Gott nur als Mann existent.

c) Psychologie nach C. G. Jung

Aber warum existiert die Göttin nicht? Darauf habe ich eine Antwort in der Psychologie von C. G. Jung gefunden (19). Er geht von einem jungen Menschen aus, der ab einem gewissen Alter mit vermehrt seinem eigenen Schatten konfrontiert wird. Je nachdem, wie er den persönlichen Schatten aufarbeitet, wird dieser Teil seiner Persönlichkeit. Wenn der Schatten aber im Unbewussten bleibt, dann verbindet er sich mit der eigenen weiblichen Seelenhälfte, die zunächst mit dem Bild der Mutter verknüpft ist. – Dabei kann die konkrete Mutter noch so lieb, verständnisvoll, nachsichtig oder sonst wie positiv sein, in der Projektion des Schattenanteils des betreffenden Menschen wird sie negativ bewertet. - Häufig verharren dann die beiden Persönlichkeitsteile mehr oder weniger im Unbewussten und werden nicht als eigen erlebt. In verdrängter Form sind persönlicher Schatten und individuelle Anima im Ich-Bewusstsein nicht existent, das heisst sie werden unbewusst auf geeignete Personen oder Objekte projiziert. Ich-Mann-Gott- Eine typisch Schatten-Anima-Figur findet sich auch im Alten Testament im «Volk Israel»: da projiziert der liebe Gott seine eigene Schattenproblematik auf den Archetyp der Grosse Mutter, den er im Seelenbild «mein Volk» konkretistisch aussen wahrnimmt.

Hinter dem Schatten und der Anima-Imago kommt das Selbst zum Vorschein. In der männlichen Psyche erscheint das Selbst als Grosser Mann, als der Alte Weise, als Gott. Wenn aber der persönliche Schatten und die weibliche Seelenhälfte nicht genügend in der jeweiligen Persönlichkeit - das gilt auch kollektiv in einer Gesellschaft - integriert sind, fallen Ich und Selbst zusammen.

In der jungschen Psychologie gibt es auch eine weibliche Psychologie, die Marie-Louise von Franz beschrieben hat (20). Statt der Anima tritt in der weiblichen Psyche der Animus im Bild des Liebhabers, des Lehrers, der 7 Zwergen, Blaubart etc. ins Ich-Bewusstsein. Hinter dem Schatten und der Animusimago verbirgt sich ebenfalls das Selbst, diesmal als weibliche Grösse, als die Alte Weise, die Grosse Göttin, bei feministische Theologinnen etwa in Gestalt der hebräischen Weisheit oder dem Geist Gottes im Neuen Testament in dessen hebräisch weiblichen Form, der «Ruah Elohim».

Auch bei Frauen besteht das Bedürfnis mit dem Selbst eine Einheit zu bilden, häufig ist dies jedoch nicht eine Einheit mit dem weiblichen Selbst sondern eher eine Einheit mit dem Animus. Wie bei den Männern wird das Selbst als Projektion in die Vergangenheit auf eine Ideal-Figur oder eine Ideal-Welt projiziert. Religiös motivierte Frauen finden dies im Matriarchat, das prähistorisch existiert hatte. Heide Göttner-Abendroth (21) etwa definiert Matriarchat nach dem griechischen Wort archē, das in erster Linie «Anfang» bedeutet. Somit bedeutet Matriarchat «am Anfang die Mütter». Im Wort Patriarchat kommt dann die zweite Bedeutung von archē zum Tragen im Sinne von «Herrschaft». Patriarchat ist «Vaterherrschaft». Heide Göttner-Abendrot folgt in ihren Ansichten der Prähistorikerin Marija Gimbutas (22) und definiert «Matriarchat» als eine egalitäre Gesellschaft unter weiblicher Verwaltung. Dazu schreibt sie:

In der Frauen die lebensnotwendigen Güter wie Land, Häuser und Nahrungsmittel verwalten
und durch Verteilung ständig für ökonomischen Ausgleich sorgen.

wie «die Frau Weisheit» im Alten Testament (Sprüche 9). Weiter definiert sie «Matriarchat»:  aus religiös weltanschaulichen Sicht beruht die egalitäre Gesellschaft kulturell auf einer sakralen Kultur,

die komplexe, religiöse und weltanschaluche Systeme besitzt, wobei eine grundlegende Vorstellung von Leben auf der Erde und vom Kosmos der Wiedergeburtsglaube ist. Es gibt keine abgehobenen, abstrakten männlichen Götter, sondern das Weiblich-Göttliche in vielen Erscheinungungen prägt das Weltbild; es wird als immanent in der Welt wirkend verstanden. (S. 15f.)

Dass die alles tragende kosmische Kraft weiblich ist, ist ja wohl allen klar! Aber «Matriarchat» scheint mir eher ein Psychogramm zu sein, das in allen Gesellschaften existiert. Wenn manw/m nur an all die Mütter denkt, die ihre Kinder alleine aufziehen, oder an die von Frauen gegründeten und geführten Kinderhilfswerke. Da versuchen Frauen, eine egalitäre, gerechtere Gesellschaft ganz konkret umzusetzen: Etwa das Kinderhilfswerk NAG in Kathmandu oder das Kinderhilfswerk in Siebenbürgen, wo nicht nur Kinder betreut und geschult werden, sondern im Jahr 2020 ganze Dörfer  mit Spendengeldern durch die Corona-Pandemie gefüttert wurden. Aber da wird nicht nur Nahrungsmittel verteilt, sondern auch erbärmliche Hütten durch richtige Häuser ersetzt, für betriebstüchtige Heizungen und Holz Geld gesorgt, Batteriehühner und misshandelte Hunde gerettet etc. Über Facebook bekomme ich tagtäglich das Elend der Leute mit, die Spendenaufrufe und Erfolge.

"L’Ange Protecteur» von Niki de Saint Phalle" im Hauptbahnhof Zürich« L'Ange Protecteur» von Niki de Saint Phalle» (23)

Nach jungscher Psychologie ist es Pflicht, aber auch innerer Antrieb eines jeden Menschenw/m, seine Ganzheit anzustreben, mit dem Sein eine Einheit zu bilden. – So wie ich das verstehe, heisst das, ein Mann soll eins sein mit seinem männlichen, die Frau mit ihrem weiblichen Selbst. – Doch C. G. Jung hatte sich nie für die weibliche Psyche und ihre Ansprüche interessiert. Und dies gilt auch für viele Männer, für Wissenschafter, und in diesem speziellen Fall für viele Hethitologen. Mit dem Bedürfnis, in der wissenschaftlichen Arbeit ihre männliche Psyche zu verwirklichen, bleibt häufig die Anima auf der Strecke, wird verdrängt - existiert nicht. Diese patriarchal-mentale Sicht wird dann auch von den Frauen verlangt, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen. Eine weibliche Sicht der Dinge gilt im Patriarchat als Unsinn, denn nur die patriarchale Version vertritt die Wahrheit - Wirklichkeit ist eine Frage patriarchaler Macht.

d) Das patriarchal-mentale Bewusstsein nach Jean Gebser

Eine weitere Antwort auf das Verdrängen des Weiblichen im menschlichen Bewusstsein habe ich bei Jean Gebser in «Ursprung und Gegenwart» gefunden. Er unterscheidet zwischen dem archaischen, magischen, mythischen und mentalen Bewusstsein, die der Mensch im Laufe der Evolution durchgemacht hatte. Interessant ist der Übergang vom mythischen zum mentalen Bewusstsein. Er beschreibt es als das ewig zornige Streben des Gottes respektive des Menschen, der allbehütenden Geborgenheit der Grossen Mutter zu entrinnen. Das mentale Bewusstsein ist patriarchalisch und teilt auf zwischen Mann/Gott/Geist auf der einen und Mutter/Natur/Materie auf der anderen Seite. - In der Antike wurde die Faszination der Natur als Schöpfung der Grossen Mutter für das sich entwickelnde mentale Bewusstsein zum Problem, und so bekämpft es die Symbolik der Grossen Mutter. Der «Zorn Gottes» gegen das Weibliche, gegen die Göttin, gegen Frauen ist der Mythos, der unser mental-patriarchale Bewusstsein heute immer noch beschäftigt und zur Zerstörung unserer Resourcen führt: Denn Welt aussen ist eine Projektion der Göttin als Mutter Erde. Andererseits kommt die Faszination der Grossen Mutter heute in unserem Konsumverhalten zum Ausdruck, im Seelenbild des Paradieses, im Kaufrausch, das sich im ewigen Kaufen und Wegwerfen manifestiert. Und so gibt es in unserem Paradies keine Schlange, sondern ein immer grösser werdender Abfallberg.

Unsere Wissenschaften sind geprägt vom patriarchal-mentalen Bewusstsein und dies unabhängig vom Geschlecht des jeweiligen Wissenschaftlersw/m. So auch in der Fachliteratur zu Alt-Anatolien. Die Hethiter werden dabei als eine patriarchale Gesellschaft dargestellt. Einige reden schlicht von einer «Männergesellschaft». Nach vorliegenden hethitischen Texte kann ich dem nicht zustimmen. Aber es fällt auf, dass bereits hethitische Schreiber aus dem hethitischen Grossreich alte Schriften patriarchalisch umgedeutet hatten, was von unseren Hethitologenw/m fraglos aufgenommen wird. In heutigen Geschichtsdarstellungen kommen meist Männer vor, besonders der König und sein Wirken. Auch werden männliche Götter als dominant dargestellt, obwohl häufig Göttinnen die anstehenden Probleme tatkräftig und lösungsorientiert angehen.

e) Die Archetypen:

yin-yangIn meinen Aufsätzen folge ich dem Bewusstseinssystem, wie es Jolande Jacobi in «Einführung in die Psychologie von C. G. Jung» beschrieben hatte. In diesem Büchlein beschreibt sie das kollektive Unbewusste als Teilung in die beiden Archetypen der Grossen Mutter und des Grossen Vaters. Das älteste Symbol dafür ist das chinesische Taiji, das die Wechselbeziehung zwischen den beiden Kräften Yin und Yang darstellt, wobei das Yin das Yang enthaltet, das Yang das Yin. Taiji wird auch als «der Weg» des Menschen zwischen diesen Kräften verstanden. Und da setzt das jungsche Bewusstseinssystem ein, indem es die vier Bewusstseinsfunktionen Denken und Fühlen als wertende, Intuition und Empfindung als wahrnehmende Instanzen auf diesem Symbol verteilt (25). Wie der Mensch letztlich die Welt erkennt, hängt von den wertenden Bewusstseinsfunktionen ab, in einem Patriarchat ist Mann, männlich sowohl auf rationaler (Denken) wie auch emotionaler Ebene mit positiven Eigenschaften bewertet wie: gut, richtig, wichtig, existent während weiblich, Frau die entsprechenden negativen Werten trägt (26).

Lese ich über die Geschichte der Hethiter, so stehen deren Könige und ihre Feldzüge im Zentrum. Wenn ich da von den Feldzügen eines Muršili II. lese, so mutet dies an wie Projektion des männlichen Ich-Komplexes (27) in die Vergangenheit (29). – Und das soll Geschichte sein, wissenschaftlich fundierte Geschichte, indem man alte Berichte einfach nacherzählt? Ich denke, bei solchen Berichten müsste man sich zumindest fragen, was das kostet allein an menschlichen Ressourcen – all die Plackerei und Sterben der Soldaten, oder die Logistik: so lässt Muršili II. etwa die Ernde auf den Feldern abbrennen – eine saudumme Idee dieses «ach so grossartigen» Herrschers. Er reagierte jedenfalls wie wir heute, die wir aufgrund unserer Eigeninteressen unsere Lebensgrundlagen zerstören. Oder wer hielt während seinen Feldzügen zu Hause die Wirtschaft am Laufen – vermutlich die wenig verdienenden Frauen (29), ist natürlich keine Notiz wert, auch die ständige Bedrohung von den umliegenden Stämmen und Völker nicht. - Wichtig ist nur ER!

In meinem Aufsätzen möchte ich versuchen, die patriarchale Sicht der Geschichte aufzuschlüsseln und dabei den weiblichen Wirkkreis aufzuzeigen. Dies ist mangels historischem Material manchmal nur mit Vergleichen aus anderen Zeiten möglich, aber ich setze voraus, dass gewisse Grundstrukturen zu allen Zeiten dieselben sind, etwa wenn Mangel an Männern herrscht, müssen die Frauen zusätzlich zu ihrer gewohnten Arbeit einspringen und deren Aufgaben auch noch verrichten.

Noch eine Notiz: Da unsere Sprache die männliche Bezeichnung verwendet und dabei die Frauen mitmeint oder auch nicht, andererseits die Angabe der männlichen und weiblichen Form schwerfällig ist, verwende ich bei den jeweiligen Wörtern häufig ein w/m oder m/w. W für weiblich, m für männlich.

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Anmerkungen

  1. Vgl. meinen Aufsatz «Die Göttin hinter der alttestamentlichen Bundeslade»
  2. Francis Breyer, Ägypten und Anatolien, S. 421.455
  3. Jörg Klinger, Untersuchungen zur Rekonstruktion der hattischen Kultschicht, S. 171
  4. Volkter Haas, «Geschichte der hethitischen Religion», S. 833
  5. Martin Noth, «die Stämme Israels»
  6. Aber auch Jahwe, der Attribute von «Ha-Aaron» übernommen hatte, wies in einer Höhle im Horeb seinen Propheten an, Hasal zum König von Aram zu salben, sowie Jehu zum König über Israel und Elischa zum Propheten (I. Kön. 19).
  7. Volkert Haas, «Geschichte der hethitischen Religion», S. 191f.
  8. Theo P. J. van den Hout, «Hethitische Thronbesteigungsorakel und die Inauguration Tudhalijas IV.», S. 276 in «Zeitschrift für Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie, Band 81: Heft 1-2
  9. «Liste der hethitischen Grosskönige» in wikipedia.org
  10. Vgl. meine Interpretation zur «Die Göttin hinter der Bundeslade»
  11. Vgl. Dokument von Anitta von Kanes, der etwa den «Mann von Purushanda» erwähnt und dabei den Fürsten dieses Stadtstaates meinte.
  12. Klaus Koenen, «Bethel» in «das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet», 05.09.2019
  13. Vgl. meine Interpretation zu «Hanna – keine Tochter Belials»
  14. A. Götze in Jörg Klinger, «Unteruschungen zur Rekonstruktion der hattischen Kultschicht, 1996, S. 7
  15. Jerusalem ist meines Erachtens der hebräischer Name für Wuru(n)šemu, dem Nacht- und Unterweltsaspekt der Sonnengöttin)
  16. Heike Sterberg-el Hotabi, Der Kampf der Seevölker gegen Pharao Ramses III.
  17. Vgl. meinen Aufsatz «der Töpfer»
  18. aus bibelwissenschaft.de
  19. Dorothea Forstner, Renate Becker, Lexikon christlicher Symbole, S. 229;
    Horst Balz/Gerhard Schneider (Herausgeber) zu „peristera“, Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, III Spalte 185
  20. C. G. Jung selber interessierte sich überhaupt nicht für die weibliche Psychologie. In seinem berühmten Buch «Symbole der Wandlung» übernimmt er die Aufzeichnungen einer jungen Amerikanerin, die er Francis Miller nennt, um seine eigen Psychologie zu therapieren. Vgl. dazu meinen Kommentar zu «Symbole der Wandlung von C. G. Jung»
  21. Marie-Louise von Franz, «der Individuationsprozess», S. 160-229 in «der Mensch und seine Symbole» (1968) von C. G. Jung, Marie-Louise von Franz, Joseph L. henderson, Jolande Jacobi, Aniela Jaffé
  22. Heide Göttner-Abendroth, «Geschichte matriarchaler Gesellschaften und Entstehung des Patriarchats». Teil III., S. 11ff. (2019)
  23. Marija Gimbutas, «die Sprache der Göttin», 1996
  24. aus wikimedia.org. Dazu der Artikel: «der Engel vom Hauptbahnhof Zürich ist tot»
  25. Vgl. meinen Aufsatz «Die Psychologie von C. G. Jung»
  26. Vgl. meine Notiz «Alfred Adler»
  27. Vgl. Erich Neumann, «Ursprungsgeschichte des Bewusstseins» in DOCPLAYER
  28. Horst Klengel, «Geschichte des hethitischen Reiches», S. 178ff.
  29. Vgl. Trevor Bryce, «The role and status of women in Hittite society», S. 318 in «Women in Antiquity» edited by Stephanie Lynn Budin and Jean MacIntosh Turfa

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