AUFSÄTZE ZU EINER GANZHEITLICHEN THEOLOGIE

Esther Keller-Stocker

Krieger aus goy.de

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Das Patriarchat

Vorwort

Über das Patriarchat wird anhand dreier Beispiele besprochen

  1. Altanatolien im 2. Jahrtausend v. Chr. - Über die Hethiter
  2. Texte aus dem Alten Testament
  3. Texte aus dem Neuen Testament

Inhalt des Vorwortes:

  1. Religionsgeschichtlich bezieht sich diese Arbeit auf meinen Aufsatz «Aaron – Aharon - Araunah» (1), den ich in diesem Kapitel nochmals zusammenfasse.
  2. Einfluss der Sonnengöttin von Arinna im Neuen Testament.
  3. Kurze Zusammenfassung der Psychologie von C. G. Jung, der beiden Archetypen der Grossen Mutter und des Grossen Vaters, die im kollektiven Unbewussten gleichwertig sind und im chinesischen Symbol Yin und Yang am besten um Ausdruck kommen.

a)Arinna - Aaron

Im Alten Testament ist uns die «Gotteslade» (ha-aaron elohim) bekannt. Sie hatte beim Zusammenschluss der Zwölf Stämme Israelseine grosse Rolle gespielt (2). Weiter tritt die «Gotteslade» (ha-aaron elohim) im Zusammenhang mit einer Seuche auf (I. Samuel 4-6; II. Sam.24), und drittens gilt Samuel in der Bibel als ein Priester und Prophet der «Bundeslade» und salbte Saul und David zum israelitischen König (I. Sam. 10; 16 (3). Auch König Salomo ist eng mit der Bundeslade verbunden (I. Kön. 8).  - Nach Volkert Haas gehörte die Salbung des hethitischen Königpaares als Reinigungsritual zur Inthronisationszeremonie (4). Diese fand statt, indem sich der hethitische König auf den Schoss der Throngöttin Ḫanwašuit setzte, ähnlich wie in Ägypten der Pharao als Horus auf den Schoss der Isis.

Im Alten Testament  steht Salbung und Inthronisation im engen Zusammenhang zur «Bundeslade» (Ha-Aaron). Der Brauch. Es gibt da auch Stellen wie Hohelied 3,11 und Psalm 2,6f. erwähnt, dass die Mutter den König in sein Amt einsetzt. Dieser Brauch wird vom Fürsten Abdi-Hepat von Jerusalem (14. Jh. v. Chr.) bestätigt (5). Alttestamentliche Theologen aus der nachexilischen Zeit schrieben aus ihren alten Vorlagen neue Geschichten, die mit ihrem Jahweglauben vereinbar waren. Deshalb fügten sie etwa anstelle der göttlichen Mutter die Kultfigur Samuel ein. 

Doch wie kommt die Sonnengöttin von Arinna nach Palästina? Ich gehe von zwei Ereignissen aus:

a1)Der Kuruštama-Vertrag:

Im 15. Jh. v. Chr. gab es einen Vertrag zwischen den Hethitern und den Ägyptern, der die Ansprüche ihrer Grenzgebiete regelte. Dabei sollte auch ein Mann aus der Stadt Kuruštama in Zentralanatolien ins ägyptisch kontrollierte Palästina deportiert werden. Bei den beiden Herrschern handelt es sich vermutlich um den hethitischen König Tudhalija I. (1460-1420 v. Chr.) und den PharaoThutmosis III. Beim «Mann von Kuruštama» handelt es sich um den Fürsten von Kuruštama an der Grenze zum Einflussgebiet kaskäischer Stämme (6). Der «Mann von Kuruštama» dürfte dem hethitischen König Tudhaliya I. den Thron streitig gemacht haben. Statt ihn aber meuchlings zu töten, liess Tudhalija I. ihn gefangennehmen und deportieren. Auffällig im Vertrag ist, dass der Fürst von Kuruštama unter den Schutz des Wettergottes gestellt wurde. Die Sonnengöttin, die normalerweise in internationalen Verträgen erwähnt wurde, fehlt in diesem Abkommen - wohl um den Anspruch des Fürsten von Kuruštama auf den hethitischen Thron zu unterbinden.

Die Ankunft des Fürsten von Kuruštama und seiner Männer – und da darf man sicher noch deren Frauen und Kinder dazu rechnen - in Palästina und der Anspruch des Fürsten auf das Königtum lässt sich im Alten Testament indirekt nachweisen. So ist die «Gotteslade» gemäss Altem Testament in Sichem, Bethel und Silo stationiert. Auch hatten sich semitische Stämme mit Hethitern verheiratet und verschwägert, was rund 1000 Jahre später Autoren des 1. Buches Mose polemisch interpretierten. Dass ein Hethiter Fürst von Sichem war, geht aus dem Namen Labʾāya (Labaya, Labayu oder Lib’ayu) hervor, der just in der Zeit des Exils des Fürsten von Kuruštama in Sichem regiert haben soll. Labʾāya (Labaya, Labayu oder Lib’ayu) (7) tönt nach hethitischem «T/Labarna», dem Namen der ersten hethitischen Könige (um 1565 v. Chr.) und in Folge ein hethitischer Königstitel. Auch für die Ortschaft Bethel gibt es ein Indiz für die Sonnengöttin von Arinna in Palästina: So nennt der Prophet Hosea Bethel sarkastisch בֵּית אָוֶן (bêt-’āwæn) «Haus des Bösen» (8), also אָוֶן «Böse» anstelle von אָרון «Aaron/Arinna», und für Silo kennen wir alle die Kindheitsgeschichte Samuels, der nachts bei der «Lade des Herrn» (Aaron Elohim) schlief:

und die Lampe Gottes noch nicht erloschen war und Samuel im Tempel des HERRN schlief, wo die Lade Gottes war,
da rief der HERR Samuel, und dieser sprach: Hier bin ich. (I. Sam. 3,3-4).

Bemerkung: Jahwe/Adonaj ersetzt Aaron «die Lade», die in der Nacht als «Lampe Gottes» leuchtet.
So gilt die Sonnengöttin von Arinna bei den Hethitern auch als «göttliche Fackel».

Meines Erachtens berief sich der Fürst von Kuruštama in Palästina auf die Sonnengöttin von Arinna. D.h. er sah sich als legitimer hethitisch König im Exil wie später Mursili III. (Urḫi-Teššub). Die Nachwirkung der hattisch-hethitischen Sonnengöttin als Königsmacherin sehe ich auch in der Salbung von Saul und David durch Samuel (9). Der Bau, wohl eher Renovierung des Jerusalemer Tempels für die Sonnengöttin Aaron durch den König Salomo. I. Kön. 8,12f. weist auch auf deren Unterweltsaspekt hin, auf die «Wurunšemu (Mutter der Erde)». Deshalb bin ich überzeugt, dass der Name «Jerusalem» ursprünglich auf diese Göttin zurückgeht.

Dass deportierte Menschen im fremden Lande ihre Zuflucht und ihren Trost in der eigenen Göttin respektive im eigenen Gott suchen, ist klar. A. Götze schreibt für die Hethiter folgende dazu:

Wir finden zunächst geradezu ein Chaos von Götterkulten vor. Zu einem Verständnis gelangen wir nur durch eine genetische Betrachtung. Sie wird ermöglicht durch eine Überprüfung der Namen, und noch besser durch die Eigentümlichkeit, dass die Götter des Reiches unter Verwendung ganz bestimmter verschiedener Sprachen zu verehren sind. Das ist nur so zu verstehen, dass die Götter ursprünglich verschiedenen Bevölkerungsschichten angehören. Jedes Volk, das nach Kleinasien kam, hat auch seine Kulte mitgebracht, Ein religiöser Konservatismus verlangt, dass die Kulte in den angestammten Sprachen weitergepflegt werden, auch noch in einer Zeit, als diese Sprachen schon tot waren und nur noch mit Mühe verstanden wurden. Auf den Ausweg, Götterkulte synkretistisch miteinander zu verschmelzen, ist man charakteristischer Weise nicht verfallen. ... (10).

Daher ist es auch klar, dass der Deportierten von Kuruštama ihre Göttin und ihren Kult nach Palästina brachte und hier zelebrierte.

a2) Die Seuche in Amka

Eine zweite Hethiterwelle nach Palästina fand meines Erachtens unter Šuppiluliuma I. statt, als sein Heer aus Rache für den Tod seines Sohnes Zannanza die ägyptisch kontrollierte Amka-Ebene überfallen liess. Dort schwellte eine Seuche. Die Kriegsgefangenen, die die Hethiter aus diesem Gebiet nach Anatolien verschleppten, brachten die Epidemie mit und steckten die Bevölkerung damit an, wie es Muršili II in seinen Pestgebeten geschildert hatte. - Andererseits standen den Verfassern der alttestamentlichen Samuelbücher hunderte Jahre später Unterlagen über diese Tragödie zur Verfügung, mit denen die alttestamentlichen Autoren ihre Geschichten über «die Gotteslade» und der Seuche komponierten (I. Sam. 4-6). Interessant ist II. Samuel 24, wie David nach Volkszählung, Pest und Araunah als König von Jerusalem hervorging.

Fazit: Aus den geschichtlichen Ereignissen, die uns vom Hethiterkönig Mursili II. vorliegen und den biblischen Erzählungen kann man annehmen, dass angesichts der kranken Gefangenen einige aus der hethitischen Armee geflüchtet waren und in Jerusalem mit ägyptischer Einwilligung ein Fürstentum unter dem Schutz ihrer Sonnengöttin von Arinna errichtet hatten. - Denn kriegserprobte Zuwanderer und ehemalige Feinde waren den Ägyptern willkommen. Sie wurden an den Aussenposten zur Verteidigung Ägyptens angesiedelt. Dafür gibt es verschiedene historische Belege, etwa Abdi-Ashirta in Amurru, den Trevor Bryce einen kriminellen Habiru (11) bezeichnet. Berühmt ist auch der Harris-Papyrus, nach dem Philister auf Geheiss des Pharaos entlang der Handelsrouten in Palästina angesiedelt und versorgt wurden (12).

b) Die Taufe Jesu

Der Nachhall der hattischen Sonnengöttin Ištanu (Sonnengöttin von Arinna) ist auch im Neuen Testament zu spüren. So gilt Jesus als der Christus, hebräisch Messias, deutsch der Gesalbte. In den Evangelien hielt man ihn für den Nachfolger Davids (Mk. 11,10), was Jesus vehement verneint. (Mk. 12,35f.). Denn er ist ein von GottM Verworfener («mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen!» Mk. 15,34) – das tönt nach Saul, den David ausdrücklich als den «Messias» bezeichnet  hatte (II. Sam. 1,14.16). Denn Saul wie Jesus sind Könige der göttlichen Mutter Aaron. Diese Göttin wird seit dem Alten Testament bis heute mit aller Macht und vor allem mit alles zerstörender Gewalt bekämpft, wie es Jahwe seinem Propheten Jeremia im Gleichnis vom «Töpfer» (Jer. 18) ins Ohr flüstert. doch alttestamentliche Theologen haben die Göttin mit aller Macht und vor allem mit alles zerstörenden Gewalt bekämpft, wie es Jahwe seinem Propheten Jeremia im Gleichnis vom «Töpfer» (Jer. 18) ins Ohr flüstert(13).

Die «Aaron Elohim» erscheint im Neuen Testament als «Geist Gottes» und flog während der Taufe (Mk. 1,10 in Gestalt einer Taube auf ihn «hinein»: Das Wort «Taube» kommt im Griechischen in weibliche Form περιστερά vor, aber auch als Täuberich im Begriff περιστερός. In Mk. 1,10 ist ausdrücklich von einer weiblichen Taube«περιστερὰν» die Rede:

καὶ εὐθὺς ἀναβαίνων ἐκ τοῦ ὕδατος εἶδεν σχιζομένους τοὺς οὐρανοὺς
καὶ τὸ πνεῦμα ὡς περιστερὰν καταβαῖνον εἰς αὐτόν· (14)

«Per-isteran» ist ein Lehnwort aus dem Semitischen «Perach-istar» und bedeutet der «Vogel der Ištar» (15). - Ištar (sumerisch Inanna) ist die älteste schriftlich bezeugte Gottheit überhaupt. - Als nun Jesus aus dem Wasser des Jordans auftauchte, nahm er demnacheine Göttin wahr. - Psychisch bedeutet Eintauch in Jordans Wasser Eintauchen ins kollektive Unbewusste, Eintauchen in die Weltenseele. Das Ein- und Auftauchen erfährt der Mensch als Tod- und Wiedergeburt. Das Auftauchen wird als neue Geburt, als neues Bewusstsein erfahren. Die Konsequenz ist eine «neue Sicht der Dinge». Und am Anfang ist «die Mutter». Die Taufe ist der christliche Wiedergeburtsritus, in dem die Nachfolge Christi,dessen Tod und Auferstehung nachgelebt werden soll. – Doch für Paulus und in der patriarchalen Theologie existiert keine weibliche Gottheit, denn für ihn ist Gott ein überhöhter männlicher Ich-Komplex.

c) Psychologie nach C. G. Jung

Aber warum existiert die Göttin nicht? Darauf habe ich eine Antwort in der Psychologie von C. G. Jung gefunden (16). Der Psychoanalytikergeht von einem jungen Menschen aus, der ab einem gewissen Alter vermehrt mit seinem eigenen Schatten konfrontiert wird. Je nachdem, wie er den persönlichen Schatten aufarbeitet, wird dieser Teil seiner Persönlichkeit. Wenn der Schatten aber im Unbewussten bleibt, dann verbindet er sich mit der eigenen weiblichen Seelenhälfte, die mit dem Bild der Mutter verknüpft ist. – Dabei kann die konkrete Mutter noch so lieb, verständnisvoll, nachsichtig oder sonst wie positiv sein, in der Projektion des Schattenanteils des betreffenden Menschen wird sie negativ bewertet. - Häufig verharren dann die beiden Persönlichkeitsaspekte mehr oder weniger im Unbewussten und werden nicht als zur eigenen Person gehörenderlebt. In verdrängter Form sind persönlicher Schatten und individuelle Anima im Ich-Bewusstsein nicht existent, das heisst sie werden unbewusst nach Aussenauf geeignete Personen oder Objekte projiziert. Ich-Mann-Gott- Im Alten Testament findet sich im «Volk Israel» eine typische Schatten-Anima-Figur: da projiziert der liebe Gott seine eigene Schattenproblematik auf den Archetyp der Grosse Mutter, den er im Seelenbild «mein Volk» konkretistisch aussen wahrnimmt und bekämpft.

Hinter dem Schatten und der Anima-Imago kommt das Selbst zum Vorschein. In der männlichen Psyche erscheint das Selbst als Grosser Mann, als der Alte Weise, als Gott. Wenn aber der persönliche Schatten und die weibliche Seelenhälfte nicht genügend in der jeweiligen Persönlichkeit integriert sind, fallen Ich und Selbst zusammen. Und dies gilt nicht nur für das einzelne Individum sondern für ein ganzes Kollektiv.

In der jungschen Psychologie gibt es auch eine weibliche Psychologie, wie sie etwa Marie-Louise von Franz beschrieben hat (17). Statt der Anima tritt in der weiblichen Psyche der Animus im Symboldes Vaters, des Liebhabers, des Lehrers, der 7 Zwergen, Blaubart etc. ins Bewusstsein. Hinter dem Schatten und der Animusimago verbirgt sich ebenfalls das Selbst, diesmal als weibliche Grösse, als die Alte Weise, die Grosse Göttin, bei feministische Theologinnen etwa in Gestalt der hebräischen Weisheit oder imGeist Gottes in der hebräisch weiblichen Form, der «Ruah Elohim». Bei Frauen besteht jedoch die Gefahrnicht eine Einheit mit dem weiblichen Selbst zu bilden sondern mit dem Animus.

Wie bei Männern wird das weibliche Selbst gernein die Vergangenheit auf eine Ideal-Figur oder eine Ideal-Welt projiziert. Religiös motivierte Frauen finden das weibliche Selbst etwaim Matriarchat in prähistorischer Zeit. So definiert Heide Göttner-Abendroth (18) Matriarchat nach dem griechischen Wort archē als Anfang im Sinne «am Anfang sind die Mütter». Im Wort Patriarchat kommt dagegen die zweite Bedeutung von archē zum Tragen im Sinne von «Herrschaft», also «Vaterherrschaft». Heide Göttner-Abendrot folgt in ihren Ansichten der Prähistorikerin Marija Gimbutas (19) und versteht unter «Matriarchat» eine egalitäre Gesellschaft unter weiblicher Verwaltung entsprechend der«Frau Weisheit» im Alten Testament (Sprüche 9). Dazu schreibt sie:

In der Frauen die lebensnotwendigen Güter wie Land, Häuser und Nahrungsmittel verwalten
und durch Verteilung ständig für ökonomischen Ausgleich sorgen,

 Aus religiös weltanschaulichen Sicht beruht die egalitäre Gesellschaft auf einer sakralen Kultur,

die komplexe, religiöse und weltanschaluche Systeme besitzt, wobei eine grundlegende Vorstellung von Leben auf der Erde und vom Kosmos der Wiedergeburtsglaube ist. Es gibt keine abgehobenen, abstrakten männlichen Götter, sondern das Weiblich-Göttliche in vielen Erscheinungungen prägt das Weltbild; es wird als immanent in der Welt wirkend verstanden. (S. 15f.)

Dass die alles tragende kosmische Kraft weiblich ist, ist ja wohl allen klar! Aber «Matriarchat» scheint mir eher ein Psychogramm zu sein, das in allen Gesellschaften existiert. Wenn manw/m nuran all die Mütter denkt, die ihre Kinder alleine aufziehen, oder an die von Frauen gegründeten und geführten Kinderhilfswerke überall in der Welt. Da versuchen Frauen heute eine egalitäre, gerechtere Gesellschaft ganz konkret umzusetzen: Etwa das Kinderhilfswerk NAG in Kathmandu (Nepal) oder dramatischer das Kinderhilfswerk in Siebenbürgen (EU), wo nicht nur Kinder betreut und geschult werden, sondern im Jahr 2020 ganze Dörfer mit Spendengeldern aus dem Westen durch die Corona-Pandemie gefüttert wurden. Aber nicht nur Nahrungsmittel werden verteilt, sondern auch verfallene Hütten durch richtige Häuser ersetzt, für betriebstüchtige Heizungen und Kochherde gesorgt,  Batteriehühner vor dem Verschreddern und Welpen aus Abfalleimerngerettet etc. - Über Facebook bekomme ich tagtäglich die für uns unvorstellbare Armut der Leute mit, die Spendenaufrufe und die Erfolge. – Matriarchat live! (20) Denn dort herrscht Patriarchat: Heerscharen hungernder Kindern, erschöpfte Mütter und Väter, die ihre Verantwortung im Alkohol ertränken.

"L’Ange Protecteur» von Niki de Saint Phalle" im Hauptbahnhof Zürich

L'Ange Protecteur» von Niki de Saint Phalle» (21)

Nach jungscher Psychologie ist es innerer Antrieb eines jeden Menschenw/m, seine Ganzheit anzustreben, mit dem Selbsteine Einheit zu bilden. – So wie ich das verstehe, heisst das, ein Mann soll eins sein mit seinem männlichen, die Frau mit ihrem weiblichen Selbst. – Doch C. G. Jung hatte sich nie für die weibliche Psyche und ihre Ansprüche interessiert. Und dies gilt auch für viele Männer, für Wissenschafter, und in diesem speziellen Fall für viele Hethitologen. Im Gegenteil, das Bedürfnis, in der wissenschaftlichen Arbeit ihre männliche Psyche zu verwirklichen, bleibt häufig die Anima auf der Strecke, wird verdrängt - existiert nicht!Diese patriarchal-mentale Sicht wird dann auch von den Frauen verlangt, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen. Eine weibliche Sicht der Dinge gilt im Patriarchat als Unsinn, denn nur die patriarchale Version vertritt die Wahrheit. Das heisst Wirklichkeit ist eine Frage patriarchaler Macht.

d) Das patriarchal-mentale Bewusstsein nach Jean Gebser

Eine weitere Antwort auf das Verdrängen des Weiblichen im heutigen Bewusstsein habe ich bei Jean Gebser in «Ursprung und Gegenwart» gefunden. Er unterscheidet zwischen dem archaischen, magischen, mythischen und mentalen Bewusstsein, die der Mensch im Laufe der Evolution durchgemacht hatte. Interessant ist der Übergang vom mythischen zum mentalen Bewusstsein. Er beschreibt es als das ewig zornige Streben des Gottes respektive des Menschen, der allbehütenden Geborgenheit der Grossen Mutter zu entrinnen. Das mentale Bewusstsein ist patriarchalisch und teilt auf zwischen Mann/Gott/Geist auf der einen und Mutter/Natur/Materie auf der anderen Seite. - In der Antike wurde die Faszination der Natur als Schöpfung der Grossen Mutter für das sich entwickelnde mentale Bewusstsein zum Problem, und so bekämpft es die Symbolik der Grossen Mutter. Der «Zorn Gottes» gegen das Weibliche, gegen die Göttin, gegen Frauen ist der Mythos, der unser mental-patriarchale Bewusstsein heute noch beschäftigt und zur Zerstörung unserer Resourcen führt: Denn Welt aussen ist eine Projektion der Mutter Erde. Dabei kommt die Faszination der Grossen Mutter im Seelenbildes des Paradieses zum Ausdruck: im Kaufrausch, der sich im ewigen Kaufen und Wegwerfen manifestiert. Und so gibt es in unserem Paradies keine Schlange, sondern ein immer grösser werdender Abfallberg.

e) Die Archetypen:

Nach der jungschen Psychologie (22) ist das kollektive Unbewusste aufgeteilt in einen weiblichen und einen männlichen Archetyp, dem Archetyp der Grossen Mutter und dem des Grossen Vaters. Da das kollektive Unbewusste unbewusst ist, können wir dies nur anhand von Symbole, Mythen, Geschichten oder der Träume ablesen. Dabei setzt die jungsche Psychologe auch auf die Evolution der Lebewesen: Denn alle durchschnittlichen Erfahrungen, die im Laufe der Jahrmillionen gemacht wurden, haben sich als energetischen Wert ins Unbewusste gestanzt. Da hier weder Raum noch Zeit existiert, kombinieren sich Inhalte und werden durch emotional bestimmten Bildern, durch Symbole, dem menschlichen Bewusstsein zugänglich.

yin-yang

Grundsätzlich sind die beiden Archetypen gleichwertig und im chinesischen Symbol von Yin und Yang am adäquatesten ausgedrückt. Es ist dann das menschliche Bewusstsein, die die symbolische Inhalte wertet und zwar emotional wie auch rational. - Heute ist unsere Wertung meist patriarchalisch geprägt. Wie tief diese Struktur in uns verwurzelt ist, erlebe ich immer wieder, so wenn ich etwa gefragt werde, ob ich Kinder habe. – Ich sage: «Ja, eine Tochter». Die nächste Frage: «keinen Sohn?» Oder letzthin sprach eine Nachbarin mit meinem Mann: «Ihre Enkelw/m sind aber gross geworden! Sind das die Kinder ihres Sohnes?» Obwohl der Vater der Kinder uns überhaupt nicht ähnlich sieht.  Die Nachbarin ist eine emanzipierte junge Schweizerin mit einer kleinen Tochter, auf dem Briefkasten steht ihr Name vor dem ihres Partners. – Oder wenn ich sage: Ich muss mit meinen Hundenw/m zum Tierarzt. Die betreffende Klinik beschäftigt vier Tierärzte, einer davon ist eine Tierärztin.

Lese ich wissenschaftliche Berichte über Hethiter, so stehen deren Könige und ihre Feldzüge im Zentrum. Manchmal muten diese Darstellungen wie Projektionen des männlichen Ich-Komplexes (23) in die Vergangenheit (24) an, beschreiben die Symbolik «vom Helden und sein Kampf»! Alle anderen Menschen jener Zeit verblasen neben dieser Person oder sind gar nicht existent und damit auch die Plackerei, die Gewalt, das Leid, den Hunger, die Angst, die Kälte, die solche Kriege mit sich bringen und Abertausende von Menschenw/m betrafen. – In den historischen Darstellungen ist nur ER wichtig! (25) Die heutige Wissenschaft vertritt demnach noch die gleiche Symbolik und damit die dieselben Ideale wie die hethitischen Schreiber im 14. bis 12. Jahrhundert vor Christus, sie ist wie jene androzentristisch fokusiert: nie endende Gewalt, Krieg Unterdrückung und Zerstörung mit dem einzigen Ziel der GRÖSSE und MACHT.

Heute werden die Hethiter als eine patriarchale Gesellschaft dargestellt. Einige reden schlicht von einer «Männergesellschaft». Nach vorliegenden hethitischen Texten fällt mir jedoch auf, dass Schreiber aus dem hethitischen Grossreich alte Schriften patriarchalisch umgedeutet hatten, was von unseren Hethitologenw/m übernommen wird. Auch gibt es neben den Berichten über die Könige auch Texte, die ausdrücklich von Frauen verfasst wurden, oder solche, die vom Inhalt her eher von weiblichen Schreibern, also Schreiberinnen stammen.

In dieser Arbeit möchte ich versuchen, die patriarchale Sicht der Geschichte aufzuschlüsseln und den weiblichen Wirkkreis aufzuzeigen. Dies ist mangels fehlender Literatur manchmal nur mit Vergleichen aus anderen Zeiten möglich. Da setze ich voraus, dass gewisse Grundstrukturen zu allen Zeiten dieselben sind, etwa wenn Mangel an Männern herrscht, müssen die Frauen zusätzlich zu ihrer gewohnten Arbeit einspringen und deren Aufgaben übernehmen (26).

Notiz: Da unsere Sprache die männliche Bezeichnung verwendet und dabei Frauen mit meint oder auch nicht, andererseits die Angabe der männlichen und weiblichen Form sprachlich schwerfällig ist, verwende ich bei den jeweiligen Wörtern häufig einw/m oder m/w, w für weiblich, m für männlich.

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Anmerkungen

  1. Vgl. meinen Aufsatz «Die Göttin hinter der alttestamentlichen Bundeslade»
  2. Martin Noth, «die Stämme Israels»
  3. Aber auch Jahwe, der Attribute von «Ha-Aaron» übernommen hatte, wies in einer Höhle im Horeb seinen Propheten an, Hasal zum König von Aram zu salben, sowie Jehu zum König über Israel und Elischa zum Propheten (I. Kön. 19).
  4. Volkter Haas, «Geschichte der hethitischen Religion», S. 191f.
  5. Vgl. meinen Aufsatz «Die Göttin hinter der alttestamentliche Bundeslade»
  6. jedenfalls werden in frühhethitischen Schriften Fürsten und Kleinkönige mit «Mann von …» bezeichnet, vgl. Dokument von Anitta von Kuššara, der etwa vom «Mann von Purušhanda» erwähnt und dabei den Fürsten dieses Stadtstaates meinte.
  7. Die Vorlage, die dem Autor dieser Notiz Jahrhunderte später vorlag, dürfte eine Abschrift von einem Original gewesen sein. Und da können ja schon Fehler passieren und aus Labarnu ein Libayu entstehen.
  8. Klaus Koenen, «Bethel» in «das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet», 05.09.2019
  9. Vgl. meine Interpretation zu «Hanna – keine Tochter Belials»
  10. A. Götze in Jörg Klinger, «Unteruschungen zur Rekonstruktion der hattischen Kultschicht, 1996, S. 7
  11. Trevor Bryce, «The Kingdom of the Hittites », p. 168
  12. Heike Sterberg-el Hotabi, Der Kampf der Seevölker gegen Pharao Ramses III.
  13. Vgl. meinen Aufsatz «der Töpfer». -Wenn ich an den neulich erschienenen Schweizerfilm «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» (2018) anschaue, wo ein junger Jude sich in eine Nicht-Jüdin, eine Schickse, verliebt und gegen die Widerstände seiner Familie, genauer gegen die Widerstände seiner Mutter zu kämpfen hat, während der Vater nicht viel sagt, der lebt in seiner eigenen Welt. Da kommt die ganze Struktur von dominantem Matriarchat zum Vorschein, die im Alten Testament von den früheren Vätern bekämpft wurde.
  14. aus bibelwissenschaft.de
  15. Dorothea Forstner, Renate Becker, Lexikon christlicher Symbole, S. 229;
    Horst Balz/Gerhard Schneider (Herausgeber) zu „peristera“, Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, III Spalte 185
  16. C. G. Jung selber interessierte sich überhaupt nicht für die weibliche Psychologie. In seinem berühmten Buch «Symbole der Wandlung» übernimmt er die Aufzeichnungen einer jungen Amerikanerin, die er Francis Miller nennt, um seine eigen Psychologie zu therapieren. Vgl. dazu meinen Kommentar zu «Symbole der Wandlung von C. G. Jung»
  17. Marie-Louise von Franz, «der Individuationsprozess», S. 160-229 in «der Mensch und seine Symbole» (1968) von C. G. Jung, Marie-Louise von Franz, Joseph L. henderson, Jolande Jacobi, Aniela Jaffé
  18. Heide Göttner-Abendroth, «Geschichte matriarchaler Gesellschaften und Entstehung des Patriarchats». Teil III., S. 11ff. (2019)
  19. Marija Gimbutas, «die Sprache der Göttin», 1996
  20. Offenbar tut sich auch etwas in streng patriarchalen Gesellschaften wie die Schrift «Befreiung des Lebens:
    Die Revolution der Frau» von Abdullah Öcalan, 2014 zeigt.
  21. aus wikimedia.org. Dazu der Artikel: «der Engel vom Hauptbahnhof Zürich ist tot»
  22. Vgl. meinen Aufsatz «Die Psychologie von C. G. Jung»
  23. Vgl. Erich Neumann, «Ursprungsgeschichte des Bewusstseins» in DOCPLAYER
  24. Horst Klengel, «Geschichte des hethitischen Reiches», S. 178ff.
  25. Lutz Jäncke, «Ist das Hirn vernünftig?», S. 9 (2016) schreibt: «Bis heute werden Alexander der Grosse, Friedrich II. von Preussen oder Napoleon von vielen Menschen verehrt, sie sind historische Ikonen und dienen gelegentlich sogar als nationale Symbole. Bei genauer Betrachtung handelten sie zumindest ansatzweise menschenverachtend, nicht selten brutal, oft hart ihren Untertanen gegenüber und eben kriegerisch, ja aggressiv. Eigentlich keine Eigenschaften, die man als erstrebenswert für eine humanistische Ausbildung erachten würde!»
  26. Vgl. Trevor Bryce, «The role and status of women in Hittite society», S. 318 in «Women in Antiquity» edited by Stephanie Lynn Budin and Jean MacIntosh Turfa

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