Der brennende Dornbusch

von Esther Keller-Stocker

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2. Besondere Wörter im Text

Was mir in II. Mose 3,1-5 besonders auffällt, sind

  • das Verb sur, vom Weg abbiegen (V. 3.4)
  • der Bote Jahwes
  • der brennende Dornbusch (V. 2)
  • der heiliger Boden (V. 5)
da sprach Mose

2.1.A Vom Weg abbiegen (sur)

Die Übersetzung lautet:

Da sagte sich Mose: "Ich will doch vom Wege abgehen und mir diese gewaltige Erscheinung anschauen, warum der Dornbusch nicht verbrennt. Jahwe sah, dass er vom Wege abging, ....(V. 3.4)

Mose will vom Weg abgehen und Jahwe sieht zu, wie er vom Weg abgeht. In der Bibel eine einmalige Situation. Normalerweise wird „vom Weg abwenden“ im Alten Testament negativ verwendet. In V. Mose 2 zum Beispiel hat „vom Weg abweichen“ zunächst einen positiven Wert. Mose verspricht dem König Sihon, wenn er mit Israel durch sein Land zieht, werden sie nicht vom Weg abweichen:

Ich möchte durch dein Land ziehen. Nur wo die Strasse geht, will ich gehen; weder zur Rechten noch zur Linken will ich davon abweichen. Speise sollst du mir um Geld verkaufen, dass ich zu essen habe, und Wasser sollst du mir um Geld geben, dass ich zu trinken habe; nur durchziehen möchte ich (V. Mose 2,26-28).

Was zunächst als anständiges Angebot an den König klingt, wird durch Jahwe zunichte gemacht. Denn Jahwe selber verhärtet den Sinn des Königs Sihon, sodass der König zum Angebot Mose Nein sagt. Statt sich weiter friedfertig zu verhalten, schlugen sich die Israeliten nun durch das betreffende Gebiet und vollzogen den Bann Jahwes an allen Männern, Frauen und Kindern (V. 34), d.h. sie töteten die ganze Bevölkerung im Namen Gottes. Dann fährt der Text fort:

Nur das Vieh behielten wir für uns als Beute und Raub aus den Städten, die wir eingenommen haben (V. 35).

Völkermord und Habgier ist hier theologisches Programm.

„Sich vom Weg abwenden“ wird im AT normalerweise im Sinne von „von Jahwe abfallen“, "vom Wege abweichen, den Jahwe geboten hat" verwendet, zum Beispiel in der Geschichte vom "goldenen Kalb": Aharon liess auf Druck des Volkes am Fusse des Berges Sinai ein goldenes Kalb anfertigen. Das Kalb wird vom Volk gehuldigt, während Mose von Gott auf dem Berge Sinai die 10 Gebote erhielt:

Da sprach Jahwe zu Mose: Geh, steige hinab; denn dein Volk, das du aus dem Lande Ägypten heraufgeführt hast, frevelt. Gar bald sind sie vom Weg abgewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht, haben es angebetet und ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus dem Lande Ägypten herausgeführt hat. (II. Mose 32,7f.)

Zur Strafe liess Jahwe durch seine Priester tausende Israeliten hinschlachten (II. Mose 33,25ff.).

Das goldene Kalb wie die Schlange gehörten vor der Zerstörung von Samaria (722 v. Chr.) und Jerusalem (584 v. Chr.) zum israelitisch-judäischen Kult. Der Erzähler vom "Goldenen Kalb" stellt das Kalb als Götze hin, während die Schlange eine ambivalente Grösse ist: Im Garten Eden ist sie der Verführer und wird von Jahwe bestraft. In II. Mose 4 ist sie Attribut Jahwes, mit der er seine Macht beweist.

In der Erzählung vom brennenden Dornbusch ist der gefährliche Aspekt Jahwes nicht einfach weg, sondern zeigt sich in  II. Mose 4,6ff. Hier demonstriert Jahwe seinen ambivalenten Charakter, indem er Mose aussätzig macht und wieder heilt.
(II. Mose, 4,6-7)

Und Jahwe sprach weiter zu ihm: Strecke deine Hand in die Falten deines Gewandes. Und er steckte seine Hand in sein Gewand und zog sie wieder heraus; Und siehe, seine Hand war von Aussatz wie Schnee. Und er sprach: Stecke deine Hand noch einmal in dein Gewand. Und er steckte seine Hand wieder in sein Gewand und zog sie aus seinem Gewand, und siehe, da war sie wieder wie sein anderes Fleisch.

Die Ambivalenz Jahwes lässt sich am Vergleich der beiden grossen biblischen Gestalten Mose und David in II. Mose 3 und II. Samuel 24 zeigen:

II. Mose 3 II. Samuel 24
Gott führt Mose mit der Erscheinung in die Versuchung Jahwe ist zornig über das Volk Israel und verlangt von David eine Volkszählung
Mose wendet sich vom Weg ab David setzt diese Volkszählung trotz Einwand seiner Getreuen durch, weil er unbedingt den Befehl Jahwes ausführen will, sich aber gleichzeitig gegen eine andere Vorschrift Jahwes vergeht.
Jahwe schaut zu ohne ihm ein Leid anzutun. Im Gegenteil, Mose wird zum Anführer Israels und führt das Volk aus Ägypten an die Grenze des gelobten Landes. Jahwe will dafür das Volk mit der Pest bestrafen. David kauft das Land des Arunas und baut dort einen Altar für Jahwe und kann Jahwe so beschwichtigen.
spruch

2.1.B Theologischer Hintergrund von sur

Die Wendung "vom Weg abbiegen" (sur) hat eine lange Tradition im Alten Testament. Normalerweise ist damit der Ungehorsam Israels gegenüber Jahwe gemeint. So beschreibt etwa der Prophet Hosea (8. Jh. v. Chr.) das Verhältnis Jahwe und Israel als Ehe. Nach Meinung des Propheten oder eines Redaktors sollen Jahwe und Israel ihre glücklichste Zeit in der Wüste verbracht haben (15). Sobald aber Israel den Fuss auf das Kulturland setzte, war sie dem Betrug, dem Götterkult und der Untreue gegenüber Jahwe verfallen (Hosea 9,10) (16). Nach Propheten Hose oder einem späteren Redaktor wird Jahwe Israel wieder in die Wüste locken, um den Ehe-Bund zu erneuern und damit eine neue Heilszeit zu schaffen.

Prophet Hosea empfing von Jahwe die Ankündigung der Verwerfung Israels, deren Aussage der Prophet als Namen seiner Kinder geben soll. So hiess der erste Sohn "Jesreel" und meint die göttliche Ankündigung des Unterganges des Königshauses (17). Das zweite Kind, eine Tochter, hiess "Lo-Ruchama" ("ich werde mich des Hauses Israel nicht mehr erbarmen und ihnen nicht vergeben") und das dritte Kind, ein Sohn, hiess "Lo-Ammi" ("Nicht mein Volk") mit der Begründung "Ihr seid nicht mein Volk, und ich gehöre nicht zu euch!" (Hosea 1). Die Namen wurden von den Anhängern des Propheten Hoseas aufgegriffen und weiterentwickelt.

Es entstand eine theologische Schule, die man heute „Deuteronom“ nennt. Die Gelehrten dieser Schule entwickelten die Bundesformel, eine Sammlung von Geboten, "die Israel halten soll von ganzem Herzen und ganzer Seele“. Beim Untergang Israels (722 v. Chr.) flüchteten die Bewohner nach Juda und vor allem nach Jerusalem, wo sie vom König Hiskia grosszügig aufgenommen wurden und eine neue Bleibe fanden. Jahre später reformierte König Josia den israelitischen Glauben und fand in den alten Gemäuern des Tempels „das Gesetztesbuch“, dem Grundbestand vom 5. Buches Mose. Es war von nun an die Grundlage des Glaubens an Jahwe. Die Zerstörung Jerusalems und des Jerusalemer Tempels (586 v. Chr.) begründet die neue Generation der theologischen Schule, der Deuteronomist, als endgültige Strafgericht für den fortwährenden Abfall Israels und Judas von Jahwe interpretierte (18), den er in den Geschichtsbüchern V. Mose bis II. Könige darstellte.

Im babylonischen Exil wurde der Gedanke der Umkehr und der neuen Zuwendung Jahwes zu Israel laut. Der Deuteronomist war ein grosser Verfechter der Umkehr. Ein schönes Beispiel ist das Gebet Salomons an Jahwe. Der Deuteronomist hat dem König Salomon als Vertreter seines Volkes die Worte der Reue und den Wunsch nach Umkehr in den Mund gelegt:

Wir haben gesündigt und übel getan und sind gottlos gewesen und bekehren sich also zu dir von ganzem Herzen und von ganzer Seele in ihrer Feinde Land, die sie weggeführt haben, und beten zu dir nach ihrem Lande hin, das du ihren Vätern gegeben hast, nach der Stadt hin, die du erwählt hast, und nach dem Hause, das ich deinem Namen gebaut habe: so wollest du ihr Gebet und Flehen hören im Himmel, vom Sitz deiner Wohnung, und Recht schaffen und deinem Volk gnädig sein, das an dir gesündigt hat, und allen ihren Übertretungen, da sie wider dich übertreten haben, und Barmherzigkeit geben vor denen, die sie gefangen halten, dass sie sich ihrer erbarmen; denn sie sind dein Volk und dein Erbe, die du aus Ägypten, aus dem eisernen Ofen, geführt hast. Lass deine Augen offen sein auf das Flehen deines Knechtes und deines Volkes Israel, dass du sie hörest in allem, darum sie dich anrufen; denn du hast sie dir abgesondert zum Erbe aus allen Völkern auf Erden, wie du geredet hast durch Mose, deinen Knecht, da du unsre Väter aus Ägypten führtest, Herr, Jahwe! ( I. Könige 8,47-53)

Die Erwähnung von "Mose, deinen Knecht, da du unsre Väter aus Ägypten führtest, Herr, Jahwe!" im salomonischen Gebet zeigt, dass es hier um einen späten Text handelt. Der Prophet Sacharja (6. Jh. v. Chr.) forderte ebenfalls wie der Deuteronomist die Umkehr von den bösen Wegen (19):

Und sprich zu ihnen: So spricht Jahwe Zebaoth: Kehret euch zu mir, spricht Jahwe Zebaoth, so will ich mich zu euch kehren, spricht Jahwe Zebaoth. Seid nicht wie eure Väter, welchen die vorigen Propheten gepredigten und sprachen: So spricht Jahwe Zebaoth: Kehret euch von euren bösen Wegen und von eurem bösen Tun! Aber sie gehorchten nicht und achteten nicht auf mich, spricht Jahwe. Wo sind nun eure Väter? Und die Propheten, leben sie auch noch? Ist's aber nicht also, dass meine Worte und meine Rechte, die ich durch meine Knechte, die Propheten, gebot, haben eure Väter nicht erreicht? Sie sind zurückgekehrt und haben gesagt: Wie Jahwe Zebaoth geplant hatte, an uns zu handeln, unseren Wegen und unseren Taten entsprechend, so ist er mit uns verfahren. (Sacharja 1,3-6)

2.2. Der Bote Jahwes/Der Bote Gottes

Und der Bote Jahwes erschien ihm in einer Feuerflamme mitten aus dem Dornbusch. Und er schaute und siehe da, der Dornbusch stand in Flammen, aber der Dornbusch wurde nicht aufgezehrt.  (II. Mose 3,2)

Das Einsetzen eines Boten Jahwes anstelle der Erscheinung Jahwes ist in den alttestamentlichen Schriften spät anzusetzen, denn es bezeugt eine gewisse Scheu vor der Nennung des Gottes. "Bote Jahwes" und "Jahwe" kombiniert ist typisch für den Jahwisten (20). Der Bote Jahwe kommt vor allem im 1. Buch Mose, Richter und beim Propheten Sacharja vor. In Richter 6,22 zum Beispiel will Gideon sicher sein, dass er von Gott zum Anführer Israels gegen die Midianiter auserwählt ist. Wie in II. Mose 3 wechseln hier die Benennung, einmal ist es Jahwe, der mit Gideon redet, dann der Bote Gottes respektive der Bote Jahwes und später wieder Jahwe. Als Zeichen für seine Berufung verlangt Gideon mehrere Wundertaten. Das Einsetzen eines Boten Jahwes anstelle der Erscheinung Jahwes ist in den alttestamentlichen Schriften spät anzusetzen, denn es bezeugt eine gewisse Scheu vor der Nennung des Gottes. "Bote Jahwes" und "Jahwe" kombiniert ist typisch für den Jahwisten. Der Bote Jahwe kommt vor allem im 1. Buch Mose, Richter und beim Propheten Sacharja vor. In Richter 6,22 zum Beispiel will Gideon sicher sein, dass er von Gott zum Anführer Israels gegen die Midianiter auserwählt ist. Wie in II. Mose 3 wechseln hier die Benennung, einmal ist es Jahwe, der mit Gideon redet, dann der Bote Gottes respektive der Bote Jahwes und später wieder Jahwe. Als Zeichen für seine Berufung verlangt Gideon mehrere Wundertaten (21).

Und Jahwe sprach zum ihm: Wenn ich mit dir bin, wirst du Midian schlagen wie einen einzigen Mann. Er aber sprach zu ihm: Wenn ich Gnade gefunden habe in deinen Augen, gib mir ein Zeichen, dass du es bist, der mit mir spricht. Geh nicht weg von hier, bis ich zu dir zurückkomme und meine Gabe herausbringe und sie vor dir niederlege. Und er sprach: Ich werde bleiben, bis du zurückkommst. Und Gideon ging hinein und bereitete ein Ziegenböcklein zu und ungesäuerte Brote aus einem Efa Mehl. Das Fleisch hatte er in einen Korb gelegt und die Brühe in einen Topf gegossen, und er brachte es zu ihm hinaus unter die Terebinthe und trat hinzu. Und der Bote Gottes sprach zu ihm: Nimm das Fleisch und die ungesäuerten Brote und lege es auf diesen Felsen und giesse die Brühe aus. Und so machte er es. Und der Bote Jahwes streckte den Stab aus, den er in der Hand hatte, und berührte mit der Spitze das Fleisch und die ungesäuerten Brote. Da schlug das Feuer aus dem Felsblock und verzehrte das Fleisch und die ungesäuerten Brote. Der Bote Jahwes aber war seinen Augen entschwunden. Und Gideon sah, dass es der Bote Jahwes gewesen war. Und Gideon sprach: Wehe, Herr, Jahwe, denn ich habe den Boten Jahwes gesehen, von Angesicht zu Angesicht. Aber Jahwe sprach zu ihm: Friede sei mit dir! Fürchte dich nicht, du musst nicht sterben. Und Gideon baute Jahwe dort einen Altar und nannte ihn: Jahwe ist Friede. Er ist dort geblieben bis auf den heutigen Tag, im abi-esritischen Ofra. (Richter 6,16-24).

Vergleichen wir einmal die Szenen von Gideon und Mose:

Gideon Mose
Gideon verlangt ausdrücklich ein Zeichen von Gott für seine Erwählung Jahwe setzt von sich aus ein Zeichen zur Beglaubigung Mose
Gideon opfert Jahwe Brot und  ein Ziegenböcklein Das Tieropfer, das im Alten Testament auch sonst bei der Begegnung mit Gott üblich ist, fehlt bei Mose gänzlich.
Gideon opfert unter einem Pistazienbaum Bei Mose steht ein Dornbusch im Zentrum der Erzählung
Der Bote Jahwes berührte das Opfer mit einem Stab, Jahwe vollzieht am Stab Mose seine Zeichen
da schlug Feuer aus dem Felsblock und verzehrte das Fleisch und das ungesäuerte Brot Der Dornbusch brannte ohne zu verzehren.
Der Bote Jahwes verschwindet und Gideon fürchtet sich Mose verhüllt sein Angesicht, weil er sich fürchtet, Gott anzuschauen.
Gideon baut Jahwe einen Altar und gibt Gott den Namen "Jahwe ist Friede". Mose verlangt von Gott Auskunft, wer er sei.

Sowohl Gideon als auch Mose erleben ihre Begegnung mit Gott bei einem Baum. Feuer spielt bei beiden eine Rolle. Im Gegensatz zu Gideon bringt Mose nicht einmal mehr die sonst üblichen Opfergaben dar und baut ihm auch keinen Altar. Der Grund dafür geht wohl auf die Kritik alttestamentlicher Propheten zurück, dass Gott nicht auf das Opfer schaut sondern auf die innere Einstellung des Menschen.

Denn ich habe Lust an der Liebe, und nicht am Opfer, und an der Erkenntnis Gottes, und nicht am Brandopfer. (Hosea 6.6 vgl. Ps. 51,17-19)

Im Text II. Mose 3 hat Mose ein anderes Gottesverständnis als die alttestamentlichen Propheten, die vor und während dem Fall Jerusalems auftraten. So klagt Mose nicht wie Jeremia darüber, wieso seine Mutter ihn ausgetragen habe (Jer. 15,10), sondern findet andere Einwände, um seinem Auftrag zu entgehen: Einmal fragte Mose Gott „wer bin ich, dass ich zu Pharao gehe und führe die Kinder Israel aus Ägypten?“ (V. 11) oder mit welchem Namen soll Mose den Gott vor den Ältesten Israels vorstellen?“ (V. 13). Und in II. Mose 4 hindert Mose seine mangelnde Sprachgewandtheit vor seiner Aufgabe (V. 10).


Text und Gestaltung revidiert im Mai 2015
Esther Keller-Stocker, Uttwil (Schweiz), Email

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