Der brennende Dornbusch

von Esther Keller-Stocker

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4. Die Errettung des Volkes

In unserem Text II. Mose 3,6-11 wird das Volk Israel als leidendes, Errettung bedürftiges Volk dargestellt.

  • Das Elend meines Volkes (V. 7)
  • um es aus der Hand der Ägypter zu erretten (V. 8)
  • Nun sind die Schreie der Söhne Israels zu mir gedrungen (V. 9.10.11)

4.1.Israel

Das Volk Israel in Ägypten ist nach unserer biblischer Überlieferung die Nachfahren Jakobs. Die Fachwelt geht davon aus, dass die Israeliten in Ägypten nur eine kleine Gruppe der ganzen Bevölkerung war, die in Palästina unter dem Namen Israel lebte (57). G. Gerlemann betont, dass Israel ursprünglich ein sakraler Stämmebund war und sekundär mit Jakob verbunden wurde (58).

Der Stammvater Jakob soll wie erwähnt von Gott den Namen Israel erhalten haben. Anders sahen es die Propheten im Alten Testament. Sie behandeln Israel häufig als Frau, als Tochter und/oder Ehefrau Jahwes. Zum Verhältnis Jahwe zu Israel schreibt J. Wellhausen in „Israelitische und Jüdische Geschichte“:

Jahwe der Gott Israels, Israel das Volk Jahwes: das ist der Anfang und das bleibende Prinzip der folgenden politisch-religiösen Geschichte. Ehe Israel war, war Jahve nicht; auf der anderen Seite haben die Propheten das Recht zu sagen, dass Jahve es gewesen sei, der Israel gezeugt und geboren habe. Unzertrennlich wie Seele und Leib waren beide mit einander verbunden. Israels Leben war Jahwes Leben (59).

Vom innigen Verhältnis zwischen Jahwe als väterlicher Ehemann und Israel als töchterliche Ehefrau, sucht sich die deuteronomisch-deuteronomistische Schule zur Zeit des babylonischen Exils zu distanzieren und verwendet statt Israel „Söhne Israels“. Für mich bleibt die Frage, weshalb werden die Söhne nach "Israel" benannt, die nach matrilokaler Vorstellung der Familie vorstand, und nicht nach Gott, dem Vater? Wieso wird das Volk also nicht als Volk Jahwes bezeichnet? Schimmert hier die matrilokale Sozialkultur hervor?

Es gibt auch Stellen im Alten Testament, da ist Israel nicht eng mit Jahwe verbunden sondern mit Jakob, der wie Aaron auf eine andere Struktur als die im Text vertretene hinweist. Dazu einige Stellen:

Im dritten Monat nach dem Ausgang der Kinder Israel aus Ägyptenland kamen sie dieses Tages in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Raphidim und wollten in die Wüste Sinai und lagerten sich in der Wüste daselbst gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und Jahwe rief ihm vom Berge und sprach: So sollst du sagen dem Hause Jakob und verkündigen den Kindern Israel (II. Mose 19,3).

Oder im ersten Spruch Bileams:

Da hob er an seinen Spruch und sprach: Aus Syrien hat mich Balak, der Moabiter König, holen lassen von dem Gebirge gegen Aufgang: Komm, verfluche mir Jakob! komm schilt Israel! (Num. 23,7).

Aufschlussreich sind die Segenssprüche Jakobs:

Verflucht sei ihr Zorn, dass er so heftig ist und ihr Grimm, dass er so störrig ist. Ich will sie zerteilen in Jakob und zerstreuen in Israel. Juda, du bist‘s; dich werden deine Brüder loben. Deine Hand wird deinen Feinden auf dem Halse sein; vor dir werden deines Vaters Kinder sich neigen. Juda ist ein junger Löwe. Du bist hoch gekommen, mein Sohn, durch grosse Siege. Er ist niedergekniet und hat sich gelagert wie ein Löwe und wie eine Löwin; wer will sich wider ihn auflehnen? Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch der Stab des Herrschers von seinen Füßen, bis dass der Held komme; und demselben werden die Völker anhangen (Gen. 49,7-10).

Judas ist der junge Löwe und hat sich "gelagert wie ein Löwe und wie eine Löwin" (V. 9). Da wird auf die Abstammung des jungen Löwen hingewiesen. Davor werden Jakob und Israel namentlich genannt. Sie erscheinen wie die Eltern, als Löwe und Löwin, des Judas. Dazu ist V. 2 auffällig, dort heisst es, die Söhne Jakobs sollen hören: "Ihr Söhne Jakobs, und höret eurem Vater Israel". Sonst ist im Alten Testament von den "Söhnen Israels" die Rede und Jakob gilt als "Vater" seiner Söhne, also gerade umgekehrt. In V. 2 wurde also die Zuordnung vertauscht. Von V. 2 haben wir nun aber das Stichwort "Vater", der Gedanke wird in V. 9 weitergeführt, "ein junger Löwe" und wer sind seine Eltern? Ein Löwe und eine Löwin. Da schon in V. 2 eine Umkehrung der Attribute Jakobs und Israels stattgefunden hat, kann man auch bei "gelagert wie ein Löwe und wie eine Löwin" eine Verschiebung der ursprünglichen Aussage nach der Herkunft annehmen: Jakob lagert wie ein Löwe, Israel wie eine Löwin.

In V. 2 wurde also die Zuordnung vertauscht. Von V. 2 haben wir nun aber das Stichwort "Vater", der Gedanke wird in V. 9 weitergeführt, "ein junger Löwe" und wer sind seine Eltern? Ein Löwe und eine Löwin. Da schon in V. 2 eine Umkehrung der Attribute Jakobs und Israels stattgefunden hat, kann man auch bei "gelagert wie ein Löwe und wie eine Löwin" eine Verschiebung der ursprünglichen Aussage nach der Herkunft annehmen: Jakob lagert wie ein Löwe, Israel wie eine Löwin.

Doch lesen wir weiter:

Doch fest blieb sein Bogen, flink waren seine Arme und Hände durch die Hände des Starken Jakobs, durch den Namen des Hirten, der Stein Israels.
Durch den Gott deines Vaters, der dir helfe, durch Schaddai, der dich segne
mit Segensfülle des Himmels droben,
mit Segensfülle der Flut, die tief unten lagert, mit Segensfülle aus Brüsten (schaddejm) und Mutterschoss. (Genesis 49,24-25).

Albrecht Alt weist in seinem Aufsatz "der Gott der Väter" (60) nach, dass es in Syrien-Palästina eine nomadische Tradition gab, bei dem der Gott an den Namen des Individuums geknüpft ist. Allerdings sind diese Quellen nicht vor der hellenistischen Zeit belegt und reichen bis ins 4. Jahrhundert nach Christus, bis das Christentum diesem "Gott deines/eures Vater" ein Ende bereitet hatte.

Im Josephspruch des Jakobssegen fällt A. Alt auf, dass der Name Jahwe geflissentlich gemieden wird. Der Spruch ist bewusst in einer  archaisierender Reihe gehalten. Dabei steht der "Starke (Gott)" Jakobs in der Parallele zu "durch den Namen des Hirten". "Der Stein Israels" ist dann angefügt. Zum "Stein" heisst es bei Jeremia:

..., die zum Holz sagen, du bist mein Vater, und zum Stein: Du hast mich geboren (Jer. 2,27).

Der Stein kann also in I. Mose 49,24 eine Göttin gemeint sein. Im Jakobssegen ist zwar vom "Starken" die Rede und nicht vom Holz, Der "Starke/Hirten" und der "Stein Israels" sind die göttlichen Eltern Josephs. In Vers 25 wird nachgedoppelt: "Gott deines Vaters", der hilft und "Schaddaj", die segnet. A. Alt weist darauf hin, dass in der Priesterschrift (El) "Schaddaj" als Sammelbegriff für verschiedene Vätergötter eingeführt wurde. El Schaddaj dürfte aber eher einen Sammelbegriff für die verschiedenen Formen der altorientalischen Göttin gewesen sein, die vom patriarchalen „Gott der Väter“ aufgesogen wurde.

4.2. Erbarmen Jahwes

Und Jahwe sprach: Ich habe gesehen das Elend meines Volkes in Ägypten und habe ihr Geschrei gehört über die, so sie drängen; Ich habe ihr Leid erkannt und bin herniedergefahren, dass ich sie errette von der Ägypter Hand und sie ausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land darin Milch und Honig fliesst…. (II. Mose 3,7-9)

Jahwe erbarmt sich seinem Volk und will ihm helfen ohne Bedingungen seitens Israel. Geht man davon aus, dass der Jahwist ein Nachfolger des Deuteronomisten ist, ist hier ein gewaltiger Fortschritt zu erkennen. Im Deuteronomium finden wir die Bundesformel, die besagt: Die unergründliche Liebe Jahwes zu Israel soll diese im Gehorchen der göttlichen Gebote und Rechte beantworten. Das Halten der göttlichen Gebote und Rechte soll die Liebesbezeugung Israels sein (V. Mose 26,16-19) (61).

Hosea aus dem Nordreich war der erste Prophet, der den Gott, der Israel aus Ägypten führte, thematisierte. Der frühere Prophet Amos hat noch keine Ahnung von der Auszugsgeschichte. Im Buch des Hoseas heisst es

Ich bin Jahwe dein Gott vom Lande Ägypten her

zweimal feierlich (Hosea 12,10; 13,4). Ob dieser Satz direkt von Hosea stammt, wird bezweifelt. Er dürfte von einem Nachkommen seiner Schule geschrieben worden sein. Doch Hosea begreift auch an anderen Stellen den Bund Jahwes mit Israel als Ehebund, der mit dem Auszug begonnen hatte.

Da will ich ihr geben ihre Weinberge aus demselben Ort und das Tal Achor zum Tor der Hoffnung. Und daselbst wird sie singen wie zur Zeit ihrer Jugend, da sie aus Ägyptenland zog. (Hosea 2,17, vgl. Hosea 8,13; 9,3; 11,1: hier nicht als Ehefrau sondern Sohn; 12,10.14; 13,4)

Hosea wirft Israel vor, nachdem es das gelobte Land betreten hat, von Jahwe, seinem Gott abgefallen zu sein, anderen Göttern zu dienen und Hurerei zu betreiben. Nun müssen ihre Sünden durch das göttliche Strafgericht geahndet werden (62).

Bei diesen Texten steht die Frage im Raum, wieweit sie von Hosea direkt oder von einer späteren Schule geschrieben wurden. Und an welches historische Ereignis mag der Prophet oder der spätere Redaktor gedacht haben? Hosea wirkte von 750 bis 725 v. Chr. unter König Jerobeam II., dem letzten bedeuteten König des Nordreiches (781 bis 742 v. Chr.). Dieser König trug denselben Namen wie der Gründer des Nordreiches, Jerobeam I. Jerobeam I. regierte von 926 bis ca. 907 v. Chr. Seine Werdegang begann damit, dass er als Jüngling dem König Salomo auffiel. Salomo setzte Jerobeam als Fronvogt über das Haus Joseph (I. Kön. 11,28). Doch Jerobeam rebellierte gegen Salomon und musste nach Ägypten fliehen. Bevor Jerobeam jedoch nach Ägypten floh, prophezeite ihm der Prophet Ahia von Silo, dass Jahwe ihm 10 Teile des davidischen Reiches geben werde (I. Könige 11,31). Nach dem Tod Salomos kam dessen Sohn Rehabeam auf den Thron. Rehabeam berief die Ältesten in Sichem zusammen um zu wissen, wie er das Volk regieren soll. Die alten Getreuen Salomons rieten ihm, das Volk milde zu regieren, die jungen Spielgenossen des neuen Königs verlangten jedoch ein härteres Durchgreifen gegenüber das Volk als vor ihm durch Salomon (I. Könige 12,7-11).

König Rehabeam entschied sich für den Rat der Jungen. Die Israeliten erhoben sich gegen den König und dieser floh nach Jerusalem. Jerobeam I. war unterdessen von Ägypten zurückgekehrt und wurde zum König von Israel ausgerufen, wie der Prophet Ahia von Silo ihm vorausgesagt hatte. Der Sohn Salomos regierte nur noch über die Stämme Juda und Benjamin. Das vom davidischen Reich abgespaltene Israel hatte nun aber ein Problem, denn das Heiligtum des alten Stämmebundes, die Bundeslade (aaron berith), stand in Jerusalem. Um ein eigenes heiliges Zentrum zu haben, ordnete Jerobeam nach der Krönung an, in Bethel und Dan je ein goldenes Kalb aufzustellen. Die zwei goldenen Kälber seien die Götter, die „die Israel aus Ägypten hinausführten“:

Jerobeam aber gedachte in seinem Herzen: Das Königreich wird nun wieder zum Hause David fallen. Wenn dies Volk soll hinaufgehen, Opfer zu tun in des Jahwes Hause zu Jerusalem, so wird sich das Herz dieses Volkes wenden zu ihrem Herrn Rehabeam, dem König Judas, und sie werden mich erwürgen und wieder zu Rehabeam, dem König Judas, fallen. Und der König hielt einen Rat und machte zwei goldenen Kälber und sprach zu ihnen: es ist euch zuviel, hinauf nach Jerusalem zu gehen; siehe, da sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben. Und er setzte eins zu Beth-El, und das andere tat er gen Dan. Und das geriet zur Sünde; denn das Volk ging hin vor das eine bis gen Dan. Er machte auch ein Haus der Höhen und machte Priester aus allem Volk, die nicht von den Kindern Levi waren. Und er machte ein Fest am fünfzehnten Tage des achten Monats wie das Fest in Juda und opferte auf dem Altar. So tat er zu Beth-El, dass man den Kälbern opferte, die er gemacht hatte, und stiftete zu Beth-El die Priester der Höhen, die er gemacht hatte, und opferte auf dem Altar, den er gemacht hatte zu Beth-El, am fünfzehnten Tage des achten Monats, welchen er aus seinem Herzen erdacht hatte, und machte den Kindern Israel ein Fest und opferte auf dem Altar und räucherte. (I. Könige 12,26-33)

Wieso Kälber? In I. Samuel 6 wird die Lade (Aaron) von zwei jungen säugenden Kühen gezogen. Da zwei Kühe und nicht zwei Stiere die Lade zogen, ist es eher wahrscheinlich, dass Jerobeam I. goldene Kühe im Heiligtum von Dan und Bethel aufstellen liess. Erst später haben Autoren entsprechend der patriarchalen Ideologie aus Kühen Kälber gemacht. Auch die Aussage, die beiden Kälber hätten Israel aus Ägypten geführt, ist sekundär und polemisch gegen Jerobeam I. gerichtet.

Ca. 180 Jahre nach Jerobeam I. kam Jerobeam II. auf den Thron von Israel. Normalerweise knüpft ein regierender König mit seinem Namen an einen grossen Vorgänger an. Dies dürfte auch Jerobeam II. getan haben, in dem er seine Macht und sein Selbstverständig bewusst an den König von Israel knüpfte, der Jerobeam hiess. In der Zeit Jerobeams II. lebte auch die Geschichte von der Unterdrückung Salomos wieder auf, von der Flucht Jerobeams I. nach Ägypten und seine Rückkehr nach Israel. Diese Geschichte griff der Prophet Hosea und seine Anhänger auf, um ihre Kritik mit dem Auszug aus Ägypten zu verbinden. Nun sind es nicht mehr Einzelne sondern das ganzes Volk Israel, das Ägypten verlässt.

II. Mose 3,12-14

5. 'Ich bin, der ich bin'

Die Übersetzung lautet:

Mose aber sagte zu Gott: wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten herausführen könnte? Da sprach er: Ich werde mit dir sein, und dies sei dir das Zeichen, dass ich dich gesandt habe: Wenn du das Volk aus Ägypten herausgeführt hast, werdet ihr an diesem Berg Gott dienen.

Mose aber sagte zu Gott: Wenn ich zu den Israeliten und ihnen sage: Der Gott eurer Vorfahren hat mich zu euch gesandt, und sie sagen zu mir: Was ist sein Name? was soll ich ihnen dann sagen? Da sprach Gott zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und er sprach: So sollst du zu den Israeliten sprechen: Ich-werde-sein hat mich zu euch gesandt.

Der ganze Text ist aufgebaut in direkten Reden:

Mose Jahwe
V. 3: Ich will hingehen (asurah-nah)  
V. 5: Hier bin ich (hinneni) V. 6 Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs
  V 7: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen.... und ihr Schreien über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne seine Schmerzen.
V. 8: So bin ich herabgestiegen, um es aus der Hand Ägyptens zu erretten und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes und weites Land, ...
V. 9: Sieh, das Schreien der Israeliten ist zu mir gedrungen, und ich habe auch gesehen, wie die Ägypter sie quälen.
10. Und nun geh, ich sende dich zum Pharao.
V. 11: ... Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten herausführen könnte? V. 12: Da sprach er: Ich werde mit dir sein, und dies sei dir das Zeichen, dass ich dich gesandt habe: ...
V. 13: Mose aber sagte zu Gott: Wenn ich zu den Israeliten komme und ihnen sage: Der Gott eurer Vorfahren, hat mich zu euch geschickt, und sie sagen zu mir: Was ist sein Name?, was soll ich ihnen dann sagen V. 14: Und er sprach zu Mose: ich werde sein, der ich sein werde. Und er sprach: So sollst du zu den Israeliten sprechen: Ich-werde-sein hat mich zu euch gesandt.
  V. 15: Und weiter sprach Gott zu Mose: So sollst du zu den Israeliten sprechen: Jahwe, der Gott seiner Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für Immer, und so soll man mich anrufen von Generation zu Generation

In der Selbstvorstellung definiert sich Gott als Jahwe, der Gott der Väter und andererseits in seinem Verhältnis zu seinem Volk. Er erbarmt sich seines Volkes und steigt hinab in das Reich des Elends, wie ein Sonnengott am Abend in die Nachtbarke steigt und durch die Unterwelt von Klagen und Weinen verfolgt wird  (63). Doch diesem Mythos ist der Autor von II. Mose 3 entwachsen. Statt der Unterwelt entwirft der Autor historisierend eine Gegend "jenseits der Wüste".

Da die Väter ursprünglich ausdrücklich El Schaddaj angebetet hatten, wirkt der Text wie die Metamorphose, eine Wandlung durch das Feuer: Eine alte Gottheit nimmt eine neue Gestalt an, nicht mehr El Schaddaj heisst sie sondern Jahwe Gott, der die Israeliten aus Ägypten führt.

Demgegenüber windet sich Mose vor dem göttlichen Auftrag. Er sitzt in der Falle. Nicht ungestraft hat er den Weg verlassen. Nun wird ihm eine Bürde aufgelastet, die ihn aus dem beschaulichen Leben eines Hirten und Schwiegersohns eines reichen Priesters herausreisst.

"Ich bin, der ich bin" in "der brennende Dornbusch"

Vers 14: "Ich bin, der ich bin", wirkt wie ein Einschub. "Ich bin, der ich bin" fasst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen, "ich war", "ich bin" und "ich werde sein". Nach Werner H. Schmidt  (65) ist hjh als Sein zu verstehen, das im Verhältnis zu jemand anderem steht, im Sinne von "dasein für". Da II. Mose 3 Befreiung aus der Not verheisst und göttlichen Beistands zusichert, ist ähiäh futurisch zu übersetzen, "ich werde sein, der ich sein werde".

Was mir auffällt, ist die Ähnlichkeit des Namens JHWH und HWJH.

JHWH   und Hawjah in "der brennende Dornbusch"

Jörg Sieger schreibt in seinem Aufsatz "Jahweh" (66):

Die ursprüngliche Lesart "Jahwe" lässt sich aus dem alten hebräischen Verb "hajah" bzw. "hawah" zweifelsfrei erschliessen.

Hajah bedeutet "sein", "dasein" und hawah "Leben schenken". In I. Mose 3,20 wird die erste Frau von ihrem Mann "Hawjah (deutsch: Eva) genannt mit der Begründung "denn sie wurde die Mutter alles Leben".

Und Adam nannte seine Frau Hawjah (Eva), denn sie war die Mutter allen Lebens.

Doch "Mutter alles Leben" kann kein Mensch sein, schon gar nicht ein Mensch, der aus der Rippe eines anderen gebastelt worden ist. Bei "Mutter alles Leben" kann es sich nur um eine Göttin handeln, die Leben erschafft. Bei Eva handelt es sich also um die Muttergöttin, die hier im Text zur Ehefrau und dem Manne Untertan mutierte.

Im Zweiten Buch Mose 3,14 nennt sich Gott Jahwe. Das Wort besteht aus denselben Konsonanten wie Hawjah. In II. Mose 3,14 nennt sich Jahwe auch "ich bin, der ich bin" (ähiäh aschär ähiäh). Die Formel ist selbstbezogen und männlich, während Hawjah aufs Leben also Du-bezogen ist und weiblich. Eva ist all ihrer göttlichen Funktionen enthoben und dem Manne untertan wie Israel Jahwe untergeordnet ist. In II. Mose 3 hört Jahwe das Jammern und Klagen und will helfen. Doch wie sieht seine Hilfe aus? Eine Inflation von Gewalt und Terror: So verhärtet Jahweh selber das Herz des Pharaos, um ihn und dessen Volk mit Seuchen und Plage zu strafen. Nachdem der Pharao samt seinem Heer letztlich ertranken, meint man, dem Gott Jahweh sei Genüge getan. Doch die Furcht vor diesem Gott breitet sich berechtigterweise über die Nachbarvölker aus (II. Mose 15). Auch Israel leidet unter Hunger und Durst (II. Mose 16), doch jedes Aufbegehren wird mit Rache und Tod bestraft. Auch kann die positive Verheissung, wonach Israel in ein Land kommen soll, wo Milch und Honig fliesst, nur mit gnadenloser Gewalt erobert werden, wie die Landnahmeerzählungen zeigen. 


Text und Gestaltung revidiert im Mai 2015
Esther Keller-Stocker, Uttwil (Schweiz), Email

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