AUFSÄTZE ZU EINER GANZHEITLICHEN THEOLOGIE

Esther Keller-Stocker

Die Göttin hinter der
biblischen Bundeslade

Kapitel 1

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Die Bundeslade, Gebr. von Limburg, Jean Colombe

1. Die Bundeslade

1.1. Begriffe im Vergleich

Ha-Aaron ist ein Begriff, der im Alten Testament immer wieder vorkommt. Übersetzt wird ha-aaron mit „die Lade“. Ha-Aaron wird auch als «Lade Jahwes» bezeichnet (1), als «Lade Gottes» (2), «Lade des Bundes» (3), «Lade des Bundes Jahwes (4) /Gottes» usw. (5).

Andererseits hat Ha-Aaron grosse Ähnlichkeiten mit dem Namen des ersten Hohepriesters und Bruders Mose Aharon (II. Mose 4,14), aber ebenso mit dem Namen des Jebusiters, der David das Land verkauft hatte, auf dem später König Salomo den Tempel für Jahwe bauen liess (II. Chr. 3,1). Dieser Jebusiter soll Araunah/Arawnah geheissen haben (II. Sam. 24,18-24).

Hebräischen wurde ursprünglich nur die Konsonanten geschrieben. Und da fällt die Ähnlichkeit der drei Wörter noch mehr auf:

  1. Aaron im Sinne von Lade heisst auf Hebräisch h-a-r-w-n,
    hebräische Schreibweise ה-א ר ו ן
  2. Aharon im Sinne des Hohepriesters A-h-r-w-n,
    hebräische Schreibweise א ה ר ו ן
  3. Arauna im Sinne des Hohepriesters A-r- w- n - h,
    hebräische Schreibweise א ר ו נ ה

Bei der Auflistung von Ha-Aaron, Aharon und Araunah sehen wir, dass die Konsonanten bei allen drei Namen dieselben sind und bloss das He ה bei jedem Begriff vertauscht ist.

  1. In Ha-Aaron wird das He ה zum Artikel also „die Lade“.
  2. In Aharon schiebt sich das He ה hinter das Alef also Aharon, Bruder Mose
  3. In Araunah steht das He ה am Ende des Wortes, Araunah, der Jebusiterpriester
  4. In I. Chronik 21,15 heisst die Tenne Arnan oder Ornan (6)

Deshalb gehe ich davon aus, dass die Bezeichnung der Lade wie auch die beiden Namen den gleichen Ursprung haben. Und dieser Ursprung sehe ich in der hethitischen Sonnengöttin von Arinna.

1.2. Bedeutung von Aaron

1.2.1. Allgemein

Nach alttestamentlichen Wörterbüchern ist die Bedeutung von Aaron unbekannt (7): Bauer-Leander (8) leiten ha-Aaron oder Aron vom Syrischen ‚arona und spätbabylonisch arânu „Truhe“ ab, das aramäisch ‚irân ‚Bahre‘ bedeutet. Im Alten Testament ist Aaron normalerweise der Begriff für die "Gotteslade", einmal wird Aaron als Sarg (Josephs) verwendet (I. Mose 50,26) (9) und einmal als Geldkästchen im Jerusalemer Tempel (II. Kön. 12). Aaron ist normalerweise männlich gedacht wie die deutschen Wörter der «Sarg», «der Kasten», «der Behälter», an drei Stellen ist Aaron auch weiblich (I. Sam. 4,17; II. Chr. 8,11, Ps. 132,6).

Aus dem Alten Testament kennen wir den Begriff Aaron vor allem als Kultobjekt, das in enger Beziehung zu Jahwe und seinem Bund mit Israel steht. Spät kommt die Idee dazu, dass Mose die Zehn Gebote in die oder neben die Lade legt (II Mose 25,21; V. Mose 31,9). Bundeslade, print: Philip Medhurst Collection of Bible Illustration

A print from the Phillip Medhurst Collection of Bible Illustrations in the possession of Revd. Philip De Vere at St. George’s Court, Kidderminster, England. 01.01.1970, aus wikimedia

Einige wenige Stellen im Alten Testament berichten von der Lade als göttliche Wegweiserin, so in II. Mose 40. Dabei repräsentiert sie «die Gegenwart Gottes» (10):

Und wenn sich die Wolke von der Wohnung erhob, brachen die Israeliten auf, solange ihre Wanderung dauerte. Wenn die Wolke sich aber nicht erhob, brachen sie nicht auf bis zu Tag, an dem sie sich erhob. (II. Mose 40,36f. vgl. Num. 10,33).

Die Lade wird ebenfalls als Kriegsheiligtum eingesetzt:

Und die Wolke Jahwes war über ihnen bei Tag, wenn sie aus dem Lager aufbrachen. Wenn aber die Lade aufbrach, sprach Mose: Steht auf, Jahwe, dass deine Feine zerstieben und die, dich hassen, vor dir fliehen. Und wenn sie Halt machte, sprach er: Kehre wieder, Jahwe, zu den zehntausend mal Tausenden Israels.
(IV. Mose 10,33-36, vgl. Ps. 68,2 und das Deborahlied)

Die Lade «Aaron» wird an manchen Stellen im Alten Testament von den Begriffen «Wolke» und «Herrlichkeit» Jahwes ersetzt. Diese Wörter stehen mit der Lade für ein Gottesbild, das von den exilisch-nachexilischen Priestern ersetzt worden war. Peter Porzig schreibt:

In dem Moment, in dem die Lade im Tempel steht, zieht Jahwe – in Form der Wolke – in sein Heiligtum ein. Die Lade symbolisiert die Gottheit, die in der Wolke anwesend vorgestellt ist: Im Grunde erfüllt hier wie dort die Lade die Funktion eines Götterbildes, das es verständlicherweise für die exilisch-nachexilische Theologie nicht gegeben haben darf (11).

Nach Peter Porzig sind all die Notizen und Erzählungen über die Lade Gottes während der Exils- und Nachexilszeit entstanden (ab 6 Jh. vor Chr.). Die jüngsten Eintragungen reichen bis in die Makkabäerzeit (2. Jh. v. Chr.) In der Anfangszeit der Geschichte Israels (um 1200 v. Chr.) spielte die Gottheit «Aaron» eine herausragende Rolle, wie Martin Noth gezeigt hat. Unter dem Schutz dieser Gottheit vereinigten sich die zwölf Stämme Israels. - Die Zahl Zwölf ist typisch für die Sonnensymbolik, und deshalb musste die Gottheit Aaron eine Sonnengottheit gewesen sein. In den Anfängen Israels zog Aaron von Stadt zu Stadt, blieb eine Weile am selben Ort um dann zum nächsten zu ziehen. - Diese Gottheit hatte nun im reinen Jahweglauben keinen Platz mehr, d.h. die «Lade muss weg!» (Jer. 3,16; vgl. Röm. 3,25).

Mit viel emotionalem Aufwand wurde die Bedeutung von Ha-Aron im Laufe der Zeit verdrängt, indem man aus ihr im fernen Exil einen Behälter, eine Lade machte  oder zum "Fuss-Schemel Gottes, wie es in Psalm 132 heisst:

Lasst uns einziehen in seine Wohnung, uns niederwerfen vor dem Schemel seiner Füssen. Steh auf, Jahwe, von deiner Ruhestatt, du und deine machtvolle Lade. (Ps. 132,7-8).

Mit „Schemel deiner Füsse“ ist zwar die Lade nicht expressis verbis genannt, aber sie dürfte doch gemeint sein. Denn auch in I. Chr. 28,2 heisst es:

Und David, der König, stellte sich hin, und sprach: Hört mich, meine Brüder und mein Volk! Es liegt mir am Herzen, ein Haus der Ruhe zu bauen für die Lade des Bundes Jahwes und für den Schemel der Füsse unseres Gottes, und ich habe Vorbereitungen getroffen für den Bau (12).

1.2.2. Die Gestalt der Lade

Die Gestalt von Aron als «Truhe» oder «Kasten», wie sie uns überliefert ist, entsprang der Fantasie der Jerusalemer Priester, die im 6. Jh. v. Chr. im babylonischen Exil weilten. Sie beschreiben die Lade wie folgt:

Und sie sollen eine Lade machen aus Akazienholz, zweieinhalb Ellen lang, anderthalb Ellen breit und anderthalb Ellen hoch. Dann überziehe sie mit reinem Gold, innen und aussen sollst du sie überziehen, und bringe ringsum eine goldene Leiste an. Und giess vier goldene Ringe, und befestige sie an ihren vier Füssen, zwei Ringe an der einen Seite und zwei Ringe an der anderen Seite. Und mache Stangen aus Akazienholz und überziehe sie mit Gold. Dann führe die Stangen durch die Ringe an den Seiten der Lade, so dass man mit ihnen die Lade tragen kann. (II. Mose 25,10-14).

In II. Mose 25ff. entwarfen diese Priester einen Tempel nach dem Vorbild des salomonischen Tempels, den man durch die Wüste transportieren konnte, also ein heiliges Zelt mitsamt den Kultgegenständen. Diese Kultobjekte projizierten sie in eine fiktive Vorzeit, in der die Israeliten 40 Jahre lang durch die Wüste gezogen seien.

Tabernakel

Gezeichnetes Tabernakel mit Brandopfer (Vordergrund) und der Schechina (Weisheit) Gottes als Wolke über der Mischkan (Wohnstätte) mit der Bundeslade im Innern, 19. Jh.
aus wikimedia

Die Situation im babylonischen Exil (6. Jh. v. Chr.) wurde von den damaligen Theologen in die Anfangszeit der Israeliten Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. projiziert. - Dasselbe taten die antiken Juden nach der Zerstörung des 2. Jerusalemer Tempels (70 n. Chr.), indem sie das Imperium Romanum zurück in die babylonische Zeit projizierten. So schreibt IV. Esra Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus:

Im dreißigsten Jahre nach dem Untergange der Stadt verweilte ich Salathiel (der auch Esra heißt) in Babel, und als ich einmal auf meinem Bette lag, geriet ich in Bestürzung, und meine Gedanken gingen mir zu Herzen, weil ich Zion verwüstet, Babels Bewohner aber im Überfluss sah. Da ward mein Gemüt heftig erregt, und in meiner Angst begann ich, zum Höchsten zu reden. (IV. Esra 3,1-3).

An den Wassern Babylons

«An den Wassern Babylons», von Gebhard Fugel (1863-1939), Diözesanmuseum Freising aus wikimedia

Im Alten Testament hatte bereits Hosea (8. Jh. v. Chr.) eine Wüstenerzählung von Jahwe und seinem Volk entworfen (Hos. 2,16; 5,9; 13,5.15) und dabei auf überliefertes Wissen von Dürre und Hungersnöten zurückgegriffen. Nach heutigen Konsens gab es von 1250 bis 1100 v. Chr. eine Kälte- und Dürreperiode um das ganze östliche Mittelmeerbecken. Damals wanderten Massen von Menschen Richtung Ägypten, wo reiche Ernten vorhanden waren (13). Denn der Nil führte Wasser von Zentralafrika und war nicht abhängig von den Regenfällen am Mittelmeer.

1.2.3. Die Deckplatte (Kapporeth)

Im 6. Jahrhundert v. Chr. beschrieben die deportierten Priester in Babylon Aaron als nach oben offene Lade. Um sie zu schliessen, legten sie eine Deckplatte, die Kapporeth, darüber. Mit der Einführung der Deckplatte verschob sich der Kult der Lade auf diese Deckplatte (Kapporeth). So befahl Jahwe dem Mose in III. Mose 16:

Und der HERR sprach zu Mose: Sage deinem Bruder Aaron, dass er nicht zu jeder Zeit in das Heiligtum gehen darf, hinter den Vorhang vor die Deckplatte auf der Lade. Sonst muss er sterben. Denn ich erscheine in der Wolke über der Deckplatte. (V. 2)

In V. 2 wird die Lade noch erwähnt, kommt aber im ganzen Kapitel nicht mehr vor. Der Blick ist auf die Deckplatte gerichtet, an der die Sühne der Priester und des ganzen Volkes vollzogen wird:

Dann soll er den Bock schlachten, der als Sündopfer für das Volk bestimmt ist, und sein Blut hinter den Vorhang bringen. Und mit seinem Blut soll er genauso verfahren wie mit dem Blut des Jungstiers, und er soll es an die Deckplatte sprengen und vor der Deckplatte versprengen. (V. 15f.)

Dann folgt die Anweisung eines Sühnerituals, das bei den Hethitern üblich war (14):

Und wenn er die Sühne für das Heiligtum, das Zelt der Begegnung und den Altar beendet hat, soll er den lebenden Bock herbeibringen. Und Aaron soll beide Hände auf den Kopf des lebenden Bocks legen und über ihm alle Schuld der Israeliten und all ihre Vergehen bekennen, mit denen sie sich versündigt haben. Und er soll sie auf den Kopf des Bocks legen und ihn durch einen Mann, der bereitsteht, in die Wüste treiben lassen. (III. Mose 16,20f.).

Dieses Ritual steht im engen Zusammenhang mit dem Hohepriester Aharon, der als Bruder Mose spät in das Alte Testament eingefügt wurde. Über ihn gibt es – wie auch für Mose – keine historischen Überlieferungen (14). Heinrich Valentin schreibt in «Aaron - Eine Studie zur vorpriesterlichen Aaron-Überlieferung»:

«dass wesentliche Teile der «Aaron-Überlieferung» unterdrückt worden seien, und provoziert die Frage, aus welchem Grund solches geschehen sein könnte» (S. 414).

Weiter schreibt der Autor:

Wohl steht hinter dem Namen Aaron in Ex. 17,*8-13 mit hoher Wahrscheinlichkeit eine historische Persönlichkeit. Aber was sich über diese aussagen lässt, ist sehr wenig.

Meines Erachtens ersetzt der Hohepriester Aharon wie die Lade (Ha-Aaron) die ursprüngliche Gottheit. Dabei musste es sich um eine überragende Gottheit handeln mit ähnlichem Namen, die hethitische Sonnengöttin von Arinna.

1.2.4. Die Keruben

Bei der fiktiven Gestaltung des Tempels für Jahwe, - der 1. Tempel in Jerusalem wurde 587 v. Chr. vollständig zerstört. - war den Priestern im fernen Exils die beiden Keruben auf der Lade wichtig. Diese wurden aus reinem Gold angefertigt und auf der Deckplatte befestigt:

Dann mache zwei goldene Kerubim. Als getriebene Arbeit sollst du sie machen, an den beiden Enden der Deckplatte: Den einen Kerub mache am einen Ende und den anderen Kerub am anderen Ende. Aus der Deckplatte sollt ihr die Kerubim herausarbeiten, an ihren beiden Enden. Und die Kerubim sollen Flügel nach oben ausbreiten und mit ihren Flügeln die Deckplatte beschirmen. Und ihre Gesichter sollen einander zugewandt sein. (II. Mose 25,18-20).

Die Keruben erinnern stark an die Sonnengöttin von Arinna, die von den Hethitern in erster Linie in Gestalt einer geflügelten Sonnenscheibe als astrale Gottheit verehrt worden war (15). Daisuke Yoshida schreibt:

Ihre astrale Bedeutung als Tagessonne wird durch Epitheta wie «Königin des Himmels» oder «des Hatti-Landes Fackel» deutlich (16).

hethitische Flügelsonne

Von den hethitischen Priestern der Sonnengöttin von Arinna schreibt Volkert Haas (17):

Ein Text, der Aussagen über den Verbleib von Kultgeräten enthält, zeigt in dem folgenden Absatz, dass der Kult der Disken auf alteinheimischen Priester(familien)-Traditionen fusst: «Folgendermassen (spricht) Hutarli, der Priester: «Mein Vater hatte eine Sonnengöttin von Arinna (in Form ) einer Scheibe aus Gold [und] eine Mezulla (in Form) einer Scheibe aus Silber. Für sie pflegte er im Tempel das Opfer darzubringen. Jetzt aber bringe ich jeweils in meinem Hause das Opfer dar». Folgendermassen (spricht) Zuwa: «Vom Vater unseres Vaters haben wir eine Sonnengöttin von Arinna (in Form) einer Scheibe aus Gold; sie pflegen sie (für sich) kultisch. Das Gold aber (ist Eigentum) der Gottheit» (Text aus KUB XXXVIII 37, Rs. 8-12).

Auch in Palästina hat man Darstellungen von geflügelten Sonnenscheiben gefunden. Eine kommt auf der «Taanach cult stand» vor. Theodore J. Lewis ordnet die Stele der Göttin Aschera zu (18). Zur kulturellen Zuordnung der Stele schreibt Pirhiya Beck:Taanach cult stand

According to her the stands are «local works stemming from Anatolian (Hittite) and north Syrian (Neo-Hittite) traditions, combined with Canaanite-Phoenician concepts» (19).

 

Und Brian R. Doak betont, dass es auf dieser Stele keine männlichen Götter gibt:

If there is no male deity in tier IV, and if no one lurks in teir IV empty space, then there is no male deity on the stand at all (20).

Da ich keine Abbildung der Göttin Aschera in dieser Form kenne, gehe ich davon aus, dass es sich hier um die Sonnengöttin von Arinna handelt.

Stempelsiegelamueltt mit Capriden und geflügelte SonnenscheibeInteressant sind die verschiedenen Stempel, die man bei den Ausgrabungen in Jerusalem gefunden hatte (21). Ein ganz schönes Exemplar zeigt uns Thomas Staubli. Auf dem Siegel ist die kanaanäische Vegetations- und Stadtgöttin als stilisierter Baum zu sehen mit ihren Begleittieren, den Capriden. Über dem Baum befindet sich die geflügelte Sonnnscheibe, die der Autor als ägyptisches Motiv des Amun-Re deutet.

Bild: Abdruck eines Stempelsiegelamuletts aus "Die kanaanäische Vegetationsfrömmigkeit" von Thomas Staubli, S. 88

Das Siegel gehörte einem judäischen Königs. Und normalerweise stützt sich ein König auf alte Traditionen des Landes. Und da ist uns die Übergabe vom Jebusiterkönig Araunah an König David überliefert (II. Sam. 24). Fritz Stolz und andere nehmen an, dass mit Araunah eine "indogermanische/hethitische Gottheit gemeint sei. Meines Erachtens handelt es sich aber nicht um eine indogermanische Gottheit sondern um die genuin hattisch/hethitische Hauptgottheit, um die Sonnengöttin von Arinna. - Doch davon später.

1.3. Der Behälter der Zehn Gebote

Mose und die Gesetzestafeln

Ha-Aaron als Gottesbild war im 6. Jh. bei der Bevölkerung, die während des babylonischen Exils im Lande geblieben waren, noch immer verankert. In Palästina hatte sich zu dieser Zeit ein Theologengremium gebildet, das man heute "den Deuteronomisten" nennt. Diese übernahmen von ihren Priesterkollegen in Babylon die Idee der Lade und interpretierten sie als Behälter der zwei Gesetzestafeln, die Mose von Jahwe auf dem Berg Horeb erhalten hatte (V. Mose 10,8f.) (22).

«Mose empfängt die Gesetzestafeln»
von Domenico Beccafumi (1486-1551)
aus wikimedia

Der Deuteronomist sieht Gott weder in der «Bundeslade», noch in der Wolke noch in der Herrlichkeit Gottes, sondern allein in den Zehn Geboten, der Tora. Und so lautet sein Credo: «Wer Gottes Willen erkennen will, muss im Gesetz forschen und es auslegen» (23).

Mit der Lade als Behälter der Zehn Gebote fängt die Beziehung zwischen Aaron und Chokmah (Weisheit) an: Die Weisheit vertritt die Gebote Gottes, während Aaron der Behälter der Gebote darstellt. Die Weisheit vertritt aber nicht nur die Gebote auf den steinernen Tafeln, sondern füllt die göttlichen Gebote mit numinoser Grösse, ist die geordnete Welt, der Kosmos schlechthin (24). Dabei wird die Weisheit zur Trägerin der ursprünglichen Sonnengöttin von Arinna.

1.4. Josefs Grab - Osiris - Jahwe

Josephs GrabI. Mose 50,26 hat Aaron eine andere Bedeutung: Hier wird Josef in Ägypten einbalsamiert und in einen «Sarg» (Ha-Aaron) gelegt. Die Notiz ist spät und dürfte ein Versuch sein, die Tradition von der Lade zu ersetzen.

«Josefs Grab in Sichem» von David Roberts, 1839, aus wikimedia»

In den beiden weiteren Stellen (Ex. 13,19; Jos. 24,32) ist nur noch von den «Gebeine Josefs» die Rede. Sie begleiteten das Volk durch die Wüste nach Sichem. In Sichem wurde die «Gebeine Josefs» bei «seinen Vätern» beizusetzen. - Josef wurde in Ägypten also nach dem dort gängigen Totenkult mumifiziert und damit dem Gott Osiris gleichgesetzt (25).

Osiris

Hugo Gressmann sieht eine enge ideologische Verbindung zwischen dem Ahnenkult um Josef und Jahwe in der Lade (26). In dieser Vorstellung ist Jahwe eins mit Osiris (27) im dunklen Grab, aus dem er das Getreide spriessen lässt.

aus wikimedia: Osiris Philae aus «The Egyptian Religion of the Resurrection», E.A. Wallis Budge (1857-1937), 31.08.2017

In diese Richtung wird auch Jahwe bei der Einweihung des 1. Tempels in Jerusalem von den Theologen der Exilzeit vorgestellt:

Damals sprach Salomo: Jahwe hat gesagt,
dass er im Dunkel wohnen will (I. Könige 8,12).

Göttin Nut

Ägyptisch können in diesem Vorstellungsraum die Keruben auf der Lade interpretiert werden. Sie sind die Schwestern des Osiris, Isis und Nephthys, die den Sarg beschützen (28). Die Lade wurde wie der Sarg Osiris als Prozessionsheiligtum getragen (29). In Ägypten war der Sarg eine Manifestation der Himmelsgöttin Nuth, die abends den Sonnengott Amun-Re aufnimmt. Um Mitternacht sind Amun-Re und Osiris eins, und am Morgen wurde Horus geboren.

aus wikimedia: Nut als Sarg (30)

1.5. Thronbesteigung

Thron der Isis

Nach ägyptischer Vorstellung ist Isis der Thron und auf ihrem Schoss sass Horus, der Pharao.

 

aus wikipedia: «Isis in Hieroglyphen», 11.06.2019

Im Alten Testament wird der König inthronisiert inmitten tobender Feinde. Psalm 2 beginnt:

Warum toben die Völker,
und sinnen die Nationen Nichtiges? (V. 1f.)
.....

Ich selbst aber „bin“ als „sein“ König eingesetzt
auf Zion, meinem (28) heiligen Berge.

Dann folgt ein verderbter Satz (V. 6f.), der unterschiedlich übersetzt wird:

Zürcher Bibel Hermann Gunkel «die Psalmen»
Kundtun will ich den Beschluss des HERRN: Er sprach zu mir: Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeugt. (V. 6f.) Er sprach zu mir: «Ich nehme dich auf meinen Schoss». Ich habe dich heute gezeugt (V. 6f.) (29).

Darauf verkündet der König das göttliche Orakel, nach dem Gott ihn zum Weltenherrscher erkoren hat (30):

Bitte von mir, so geb ich dir Völker zum Erbe,
zum Besitz die Enden der Welt!
Du magst sie mit eisernem Szepter zerschmettern,
wie Töpfergeschirr sie zertrümmern!“ (V. 8f.)

Nach Hermann Gunkel (34) ist der Text verderbt und statt «kundtun will ich die Satzung» (אספרה אל חק) müsste hier «ich werde dich auf meinen Schoss setzen (אל חֵיקי אאספר) heissen. Entsprechend übersetzt Hermann Gunkel in «die Psalmen»:

Er sprach zu mir: Ich nehme dich auf meinen Schoss,
ich selbst habe dich heute gezeugt (S. 5).

Hermann Gunkel schreibt: «Ich habe dich gezeugt» erinnert an das ägyptische «ich bin dein Vater, der dich unter den Göttern erzeugte». Doch das «heute» irritiert und zeigt, dass der Dichter etwas ganz Anderes im Sinne hat und entsprechend geändert. Es wird bedeuten, dass bis jetzt ein Mensch dem König Vater war, von heute an ist es Jahwe.

Doch diese Lösung ist nicht das Gelbe vom Ei und so schreibt der Autor weiter:

Schliesslich ist zu bemerken, dass die besprochenen Gottesworte am besten in den Mund einer weiblichen Gottheit passen würden; das würde darauf deuten, dass solche Sätze zuerst zur Verherrlichung heidnischer Könige ausgesprochen und von israelitischen Dichtern nicht erfunden, sondern nur nachgeahmt worden sind (S. 7).

Im Vergleich: Die hethitische Grosskönige wurden von der Sonnengöttin von Arinna und dem Wettergott zum König eingesetzt. In einem Gebet von Ḫattušili I. (1565-1540 v. Chr.) sind Thronbesteigung und Kampf auch eng beieinander:

Der Grosskönig Tabarna, der Liebling der Sonnengöttin von Arinna bin ich, und mich setzte die Sonnengöttin von Arinna auf ihren Schoss, und sie nahm mich bei der Hand und lief mir im Kampf voran (35).

Oder ein anderes Gebet aus althethitischer Zeit lautet:

Sie (die Sonnengöttin) gab ihnen einen nach vorn gerichteten siegreichen Speer (mit dem Auftrag): «Die umliegenden Feindesländer sollen durch die Hand des Labarna (des Königs) umkommen. Besitz aber, Silber, Gold soll man hinein nach Ḫattuša (und) Arinna, den Städten der Götter entrichten!» (KUB 57.63 ii 4-14) (36).

 

Literaturhinweise:

Arinna
  1. Jos. 6,6.8.12.13; I. Sam. 5,10; 2. Sam. 6,4.12; 6,1; 7,1; II. Sam. 6,9 etc.
  2. I. Sam. 4,11.22; 5,1; 14,18; II. Sam. 7,2; 1. Chr. 13,5; 15,2.24 etc.
  3. 5. Mose 31,9; Jos. 3,6; Jos. 6,6 etc.
  4. Num. 14,44; Jos. 4,7; I. Sam. 4,4; I. Kön. 6,19; I. Chr. 16,37; 28,18 etc.
  5. I. Sam. 4,4; 5,8; I. Chr. 16,6
  6. „Ornan“ in der Luther Bibel und in der Zürcher Bibel: Ein gedehntes A ergibt ein O, deutsch z.B. „ja“ gedehnt gibt ein „jo“ im Basler Dialekt
  7. Hans-Jürgen Zobel in ThWbAT I, Spalte 393
  8. Hans Bauer und Pontius Leander, Historische Grammatik der hebräischen Sprache, S. 82f. vgl. Wilhelm Gesenius „Hebräisches und aramäisches Wörterbuch über das Alte Testament, Band 1, S. 96f.
  9. Hans-Jürgen Zobel, Aron in ‚Forschung zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments‘, Spalte 393f. ; Peter Porzig, Die Lade Jahwes, S. 1ff.
  10. Peter Porzig, Die Lade Jahwes, 224
  11. Peter Porzig, Die Lade Jahwes im Alten Testament und in den Texten vom Toten Meer, S. 27. Für den Autor war die Lade nie ein Götterbild, S. 300
  12. Peter Porzig, die Lade im Alten Testament, S. 232f.
  13. Heike Sterberg/el Hotabi, der Kampf der Seevölker gegen Pharao Ramses III, S. 21; Eric H. Cline, 1177 v. Chr., S. 211; Video von Terra-X: «Klima macht Geschichte», Teil 1, 38 min.
  14. Birgit Christiansen, «Reinheitsvorstellungen und Entsühnungsriten der Hethiter und ihr möglicher Einfluss auf die biblische Überlieferung», S. 142f. in BN: Biblische Notizen, Nr. 156 Jahr: 2013
  15. Volkert Haas, Geschichte der hethitischen Religion, S. 424
  16. Daisuke Yoshida, Untersuchungen zu den Sonnengottheiten bei den Hethitern, S. 1
  17. Volkert Haas, Hethitische Berggötter und hurritische Steindämonen, S. 20
  18. Theodore J. Lewis, «Syro-Palestinian Iconography and Divine Images» in academia.edu
  19. Pirhiya Beck in Amir Gilan, «Iconography in Palestine», S. 46 in academia.edu
  20. Brian R. Doak, A Reevaluation of the Iconographic Motifs of the Taanach Cult Stand”, S. 5 in «academia.edu»
  21. Siegel des Königs Hiskia (726-697 v. Chr.) in «Neuer Fund aus König Hiskias Palastarchiv in Jerusalem» von Andreas Späth und Peter van der Veen, in academia.edu
  22. Peter Porzig, Die Lade Jahwes im Alten Testament, 54
  23. Peter Porzig, Die Lade Jahwes im Alten Testament, 292
  24. Hans Heinrich Schmid, Gerechtigkeit als Weltordnung
  25. z.B. Albert Champdor, Das ägyptische Totenbuch in Bild und Deutung
  26. Hugo Gressmann, Die Lade Jahves, und das Allerheiligste des Salomonischen Tempels, 37ff.
  27. vgl. Hugo Gressmann, Die Lade Jahves, S. 10ff.; Otto Eissfeldt hält die Lade für ein Heiligtum der Joseph-Gruppe in «Lade und Stierbild» S. 199
  28. Erich Neumann, die Grosse Mutter; wikipedia «Nut» (ägyptische Mythologie), 08.08.2019
  29. vgl. O. Keel, Jahwe Visionen und Siegelkunst, S. 180
  30. Aus wikimedia: Cercueil de'Isetemkheb, fille d'Ankhsyeniset et de Roriou, sacrificateur du domaine d'Amon Thèbes-Ouest (?) Début de l'époque saïte, XXVIe dynastie, vers 664-500 avant J.-C. Bois entoilé, stuqué et peint L. 176 ; l. 48 ; P. 43 cm Dépôt de l'Etat Inv. 1969-197 dépôt du musée du Louvre
  31. nach Gunkel „seinem heiligen Berg“
  32. jld: gebären, zeugen. Normalerweise mit „gezeugt“ übersetzt
  33. Hermann Gunkel, die Psalmen, S. 6
  34. Hermann Gunkel, die Psalmen, S. 11
  35. Volkert Haas, «die hethitische Literatur», S. 35; «Die Geschichte der hethitischen Religion», S. 190
  36. Amir Gilan, «Ist denn der Sinn von Menschen und Göttern irgendwie verschieden?» - Zur Ökonomie, Religion (und) Herrschaft) im hethitischen Anatolien, S. 59

Bildnachweis

  • Titelbild: aus Wikimedia: «Die Bundeslade wird in den Tempel getragen» von Gebrüder von Limburg und Jean Colombe (1412–1416)
  • Sonnengöttin aus wikipedia «Eflantun Pinar, hethitische Quellheiligtum», bearbeitet von mir.

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Text und Design: Esther Keller-Stocker, Schweiz, 07.09.2019