AUFSÄTZE ZU EINER GANZHEITLICHEN tHEOLOGIE

Esther Keller-Stocker

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Deckenfresko in der Pfarrkirche Menzingen: Ussa stirbt Bundeslade

Symbolik der Bundeslade

In 1. Samuel 6 wird «Aaron Jahwes» auf einen Karren geladen und von zwei Mutterkühe gezogen. An der Grenze wurden diese Mutterkühe samt dem Karren der Gottheit «Aaron Jahwes» geopfert (V. 1-15). Bereits Ewald Roellenbleck wies darauf hin, dass sich kein männlicher Gott von säugenden Kühen ziehen lässt (24), also musste die Lade eine weibliche Gottheit gewesen sein. Auch Julian Morgenstern und Thomas Staubli sind der Meinung, dass Aaron auf eine weibliche Gottheit hindeutet: Sie vergleichen die Lade mit einer arabischen Qubbe. Das war ein kleines Zelt auf dem Rücken eines Kamels. Es barg zwei Steine, die die beiden Göttinnen Al-Uzza und Al Lat versinnbildlichten (25). Göttinnen

Ewald Roellenbleck weist darauf hin, dass die Gestalt der Lade als nach oben geöffneter Kasten eine stilisierte Ackerfurche darstellt, eine weibliche Vagina also, wie sie uns in zahlreichen Göttinnen-Darstellungen aus der Spätbronzezeit überliefert sind (26).

Othmar Keel, Christoph Uehlinger «Göttinnen, Götter und Gottessymbole», S. 229

In der differenzierten Darstellung des Archetyps der Grossen Mutter von Erich Neumann gehört die Lade zum "Gefässcharakter" der Grossen Mutter mit dem Motiv "Tod und Wiedergeburt" (27). Diese Symbolik umschliesst alles Raumeinschliessende, z.B. Kiste, Schiff, Stadt, Haus, Korb, aber auch Erde, Himmel, Land, Meer, Unterwelt. Die Lade repräsentiert demnach den uroborischen Urschloss, welcher die Welt gebiert und sie wieder verschlingt. Die mit dieser Symbolik gegebenen numinose Dynamik wird in den Aspekten Fruchtbarkeit und Destruktion entfaltet. Deshalb erscheinen die altorientalischen Göttinnen in Krisen- und Kriegszeiten einen ambivalenten Charakter, sind einerseits Liebes- andererseits Kriegsgöttinnen (28).

Die Symbolik der "Spalte, Furche, Vagina" wie sie die Lade repräsentiert, kommt in älteren Texten des Alten Testament häufig vor, z.B. unter dem Begriff päräz: So gebiert Thamar zuerst Perez (Riss), dann Serah (I. Mose 38,29). Da Serah «Sonnenaufgang» bedeutet, handelt es sich hier wohl um eine Geburt eines Sonnenhelden, die von den biblischen Redaktoren als Familiengeschichte dargestellt wurde.

II. Samuel 6,5-7

Eine aggressive patriarchale Note erhält der Text in II. Samuel 6,8. Da heisst es:

Und David und das ganze Haus Israel tanzten vor dem HERRN, mit verschiedenen Hölzern vom Wacholder, mit Leiern, mit Harfen und Pauken, mit Rasseln und mit Zimbeln.Dann aber kamen sie zur Tenne des Nachon, und Ussa griff nach der Lade Gottes und hielt sie fest, denn die Rinder hatten sich losgerissen. Da entbrannte der Zorn des Jahwes über Ussa, und dort schlug ihn Gott dieser Vermessenheit wegen, und er starb dort bei der Lade Gottes. Und David war zornig darüber, dass Jahwe mit dem Tod des Ussa eine Lücke gerissen hatte, und man nennt jenen Ort Perez-Ussa bis auf den heutigen Tag. Und an jenem Tag fürchtete sich David vor dem Jahwe und sagte: Wie soll die Lade des Jahwe zu mir kommen? Und David war zornig darüber, dass der Jahwe mit dem Tod des Ussa eine Lücke gerissen hatte, und man nennt jenen Ort Perez-Ussa bis auf den heutigen Tag (II. Sam. 6,5-7).

Der Tod des Ussa wird von David ausdrücklich als "Riss (prz) Jahwe" betrauert. Da hier ausdrücklich vom Zorn Jahwes die Rede ist, der eine Lücke eine Spalte, einen Riss reisst, kann dies auch auf ein kultisches Aufreissen der Erde, als kultischer Akt des Pflügens und Ussas Sterben als Opfer dieses gewaltsamen Aktes verstanden werden. Denn hier ist ausdrücklich von einer kultischen Prozession die Rede, die die Fruchtbarkeit des Ackers fördern soll. Es wird (nackt) «getanzt» mit Musik und ein Mensch geopfert (29).

Richter 19f.

Ein weiteres Opfer kommt in Richter 19 vor: In Gibea in Benjamin übernachtete ein Levit mit seiner «Nebenfrau». Da kamen «böse Männer» und forderten den Leviten heraus. Dieser weigerte sich und warf stattdessen seine «Nebenfrau» hinaus, die von den Männern zu Tode vergewaltigt wurde. Als der Levit am anderen Morgen abreisen wollte, lag sie auf der Schwelle der Tür. Er sagte:

«Steh auf, lass uns gehen. Aber niemand antwortete».

Sie war tot. «Steh auf!» gilt im Alten Testament sonst als Schlachtruf, hier macht der Satz aber einen unglaublich brutalen, verachtenden Eindruck. Als der Levit merkte, dass die Frau tot war, ging er nach Hause und teilte sie in 12 Stücke. Die zwölf Teile liess er den verbündeten Stämmen zukommen, jedem ein Stück. Die Stämme versammelten sich in Beth-El, wo die Gotteslade im Zelt stand, und zogen von da in den Krieg gegen die Benjaminiten (Ri. 20,26f.). Diese wurden vernichtend geschlagen:

Und die Männer Israels waren zurückgekehrt zu den Benjaminiten und schlugen sie mit der Schärfe des Schwertes, Menschen und Vieh, alles, was sich fand; sie setzten auch alle Städte in Brand, die sie vorfanden (Ri. 19,48).

Nur die Mädchen wurden nicht getötet, weil diese die Krieger heiraten mussten - also Folter durch Zwangsehe (Ri. 21,12).

Wie in II. Samuel 6 ist auch hier (Ri. 19f.) von einem Opfer und von der Gotteslade die Rede, aber auch von Spalten in zwölf Teile anstelle vom «Riss». Statt dem «Zorn Jahwes» (II. Sam. 6) ist hier von männlicher Sexualität die Rede, von rauschhafter Gier, der ein Opfer kostete.

Auffallend ist, dass die getötete Frau im Text durchgehend als «Nebenfrau» des Leviten bezeichnet wird und sie in zwölf Teile geschnitten wurde. - Das lässt aufhorchen: Zwölf Teile erinnern an die Sonnensymbolik der «Bundeslade», erinnert also an die «Sonnengöttin von Arinna». Andererseits werden Frauen, die den biblischen Redaktoren nicht passen, abgewertet. So nehme ich an, dass es sich bei der «Nebenfrau» und eine wichtige Persönlichkeit, etwa um eine Priesterin der Sonnengöttin handelte.

Hyam Maccobi weist darauf hin, dass der Stamm Benjamin während der babylonischen Exilszeit verschwunden war (30). Wenn man bedenkt, dass diese Geschichten genau in jener Zeit redaktionell bearbeitet wurden, dürfte hier eine ursprüngliche Geschichte in eine Ätiologie zum Verschwinden des Stammes Benjamin redaktionell umgewandelt worden sein.

Numeri 16,31ff.

Ein anderer Begriff, welcher das Motiv des "Spaltens" bezeichnet, ist baka (spalten, sich öffnen). In Num. 16,31ff. drückt baka den verschlingende Aspekt des tellurischen Weiblichen besonders deutlich aus:

Kaum hatte er alle diese Worte gesprochen, da spaltete sich der Boden unter ihnen, und die Erde tat ihren Mund auf und verschlang sie samt ihren Familien und allen Menschen, die zu Korah gehörten, und all ihrer Habe....

Hier fällt wegen der Archaik des uroborisch Weiblichen "Geschlechtsteil" und "Mund" zusammen. Dies entspricht dem Gesetz des kollektiven Unbewussten, je archaischer ein Symbol ist umso ambivalenter erscheint es: Die Öffnung der Erde ist sowohl der Mund, der die Frevler verschlingt, als auch die Vagina, aus dem das Leben geboren wird (31).

Aaron und Sexualität

Jeremia 3,16f.

Arinna

Wie bereits beschrieben, wird Aaron als Kultgegenstand beschrieben oder als Behälter der 10 Gebote oder erhält einen Deckel über die Öffnung. Dies sind alles Versuche, die Gottheit, die sich hinter der Lade verbirgt, zu entwerten. Offenbar war die Faszination für die Gottheit Aaron noch so gross, dass der Schriftprophet oder ein späterer Redaktor ausrastete und schrieb:

Und wenn ihr euch in jenen Tagen mehrt und fruchtbar werdet im Land, Spruch Jahwes, wird man nicht mehr sagen: Die Lade des Bundes Jahwes! Und sie wird niemanden in den Sinn kommen, und man wird sie nicht vermissen und sie wird nicht wieder hergestellt werden. In jener Zeit wird man Jerusalem Thron Jahwes nennen. Und dort werden sich alle Nationen versammeln, beim Namen Jahwes, und dem Starrsinn ihres bösen Herzens werden sie nicht mehr folgen (Jer 3,16f.)

Hier ist die Lade «Aaron» (immer noch) für die Fruchtbarkeit zuständig und soll nun endlich verschwinden. Denn Gott ist nur als MANN existent.

Eine Beziehung von Sexualität zur Lade ist auch im Alten Testament belegt, etwa in I. Samuel 2,22 schlafen die Söhne des Priesters Eli mit den Frauen, die vor dem „Zelt der Begegnung“ Dienst tun. Nach Mircea Eliade waren semitische Fruchtbarkeitsriten ein integraler Teil der Erneuerungs- und Neujahrskult (32). Diese Fruchtbarkeitsriten waren aber für die Redaktoren des Alten Testaments während und nach dem Exil unhaltbar. Es war böse in den Augen Jahwes.

So fragt man sich auch, welchen Dienst die Frauen in I. Samuel 2 vor dem Tempel ausübten. Oder in II. Mose 38,8 ist von den „Spiegeln der Frauen“ die Rede, die vor der Tür des Stiftszeltes Dienst tun. Nach II. Kön. 23,6f. wohnten „Geweihte“ (Qadešim) beim Tempel und Frauen woben btim (kultische Gewänder) für die Aschera. All dies liess der König Josia zerstören:

Er (Joschija) liess die Aschera aus dem Tempel JHWHs hinausschaffen und sie draussen vor Jerusalem im Kidrontal verbrennen und zu Staub zerstampfen und den Staub dann auf die Gräber der gemeinen Leute werfen.
Er riss die Wohnungen der Geweihten ein, die beim Tempel JHWHs waren, in denen die Frauen btim für die Aschera woben (33).

Thomas Staubli hält die Frauen, „die vor dem Eingang der Stiftshütte Dienst taten“ (2. Mose 38,8) für „Hofdamen“ einer ursprünglich weiblichen Gottheit vergleichbar mit den Priesterinnen am Hathor-Heiligtum in Timna. Er sieht in ihnen „Wärterinnen des Heiligtums“. Denn im Zelt stand die Lade, die er als Göttinnenschrein sieht, mit der arabischen Qubba vergleichbar, in der sich die beiden Betylen (Steine) der Göttinnen Al-Lat und Al-Ussa befanden (34):

In Ex. 38,8 ist von diensttuenden Frauen am Eingang des Begegnungszeltes die Rede. Nimmt man eine Verehrung der Lade innerhalb dieses Zeltes an, so scheinen Frauen im alttestamentlicher Zeit eine bedeutsame Rolle im Zusammenhang mit der Lade gespielt zu haben, seien es nun Musikantinnen gewesen …., Tempelprostituierte (vgl. I. Sam. 2,22 M) oder einfach «Hofdamen» einer ursprünglich weiblichen Gottheit, die im Zelt verehrt wurde (vgl. die Hathor im Timna!), beziehungsweise Wärterinnen des Heiligtums (35).

Nach einer Tradition der katholischen Kirche soll Maria „den purpurne Vorhang im Tempel gesponnen haben“. Doch Maria wob bekanntlich nicht nur kultische Tücher für den Tempel sondern wurde von „Gott“ geschwängert und zur „Gottesgebärerin“ und zur „neuen Bundeslade“ (36).

Die Qedesen

Das Allerheiligste, in der die Lade stand, heisst Kodesh Ha-Kodashim („קדש הקדשים“ „das Heilige der Heiligtümer“) (37). Und zu diesem Allerheiligsten gehörten geweihte Frauen und Männer, die mit Qedeŝen („qdŝ“ „heilig“) bezeichnet werden (38). Die Übersetzung von Qedeŝen in unseren Bibeln ist unterschiedlich. So werden Qedeŝen in I. Kön. 22,47 in der Zürcher Bibel 2007 mit „Geweihte“ widergegeben:

Auch rottete er (König Jehoschafat) den Rest der Geweihten im Land aus, der übrig geblieben war aus der Zeit Asas, seines Vaters.

Die Übersetzung ist korrekt, doch weiss man damit nicht, was genau unter „Geweihte“ gemeint ist. Die „Gute Nachricht Bibel“ übersetzt „geweihte Männer und Frauen“, denn wie in unseren westlichen Sprachen sind im Hebräischen mit der männlichen Form eines Wortes häufig Frauen mitgemeint. Im Zusammenhang mit den populären Ascheren, die es im Jerusalemer Tempel gab, gelten Qedeŝen auch als männliche «Kult-Prostituierte». So übersetzen die Luther und Elberfelder Bibeln Qedeŝen wie folgt:

Und er brachte die Aschera aus dem Hause des HERRN hinaus vor Jerusalem an den Bach Kidron und verbrannte sie am Bach Kidron, zermahlte sie zu Staub und warf ihren Staub auf die Gräber des einfachen Volks. Und er brach ab die Häuser der Tempelhurer, die an dem Hause des HERRN waren, in denen die Frauen Gewänder für die Aschera wirkten. (Luther-Bibel 2017: II. Könige 23,6 vgl. auch I. Kön. 22,47).

Auch die „English Standard Version“ übersetzt Qadešim mit „the male cult prostitutes“ und die „King James Version: „and the remnant of the sodomites“ (I. Kön. 22,46). Mit „Sodomite“ wird im Englischen „Analverkehr zwischen zwei Männern oder zwischen Mann und Frau“ bezeichnet. „Sexuelle Handlungen mit Tieren“ wird im Englischen eher das Wort „bestiality“ gebraucht (39).

Christine Stark ist dem Begriff Qadešim im Alten Testament nachgegangen und fasst ganz am Anfang des Buches zusammen:

Bei den Stellen zu den männlichen Qedeschen ist gar keine Verknüpfung zu hurerischen Handlungen gegeben. Bei den weiblichen ist zwar eine Anlagerung der Hurerei-Vorwurfs festzustellen, dieser basiert jedoch auf dem metaphorischen Vergleich von erwünschtem Glauben mit hurerischem Treuebruch gegenüber JHWH (40).

Also zum Begriff Quedesen kann für Männer keinerlei sexuelle Kultpraktiken nachgewiesen werden, für Frauen aber schon. Doch diese hängt nicht mit dem Begriff "qds" zusammen sondern mit dem Vorwurf Gottes gegen sein hurerisches Volk. D.h. Im metaphorischen Vergleich ist das Bild „Mann“ mit Gott gleichgesetzt, während „Frau“ mit Untreue und Hurerei des dem Mann oder dem Gott untergebenen Ehefrau resp. Volk gleichgesetzt. Dabei darf man nicht vergessen, dass im Vorwurf gegen Israel als hurerisches Eheweib häufig soziale Ungerechtigkeit gemeint ist, bei der die Reichen die Armen ausnutzen. Darüber hinaus werden auch die Verehrung anderer Götter und Göttinnen sexuell diffamiert (41). -  Für mich stellt sich da eine ethische Frage: Von Kind auf wurde mir eingeredet, dass sich die jüdisch(-christliche) Religion moralisch über «die anderen Religionen» erhoben habe. Wie ist aber diese moralische Überlegenheit zu vereinbaren, wenn metaphorisch, abstrakt oder sonst irgendwie der Schatten dieser Religion auf ein Frauenbild projiziert wird oder wenn andere Religionen und Völker mit den eigenen! sexuellen Phantasien diffamiert werden, „nur“ um die eigene Religion und das eigene Volk ideologisch über die anderen zu setzen?

Die sexuelle Praktiken, die es dann doch gab, ordnet Christine Stark der Volksreligion und der Hausfrömmigkeit zu. Sie sind auf Feiern beschränkt, die zu bestimmten Zeiten stattfanden, wo Tabus aufgebrochen und überschritten werden, etwa unserer Fasnacht vergleichbar. Auch gibt es Grauzonen zwischen Offizialkult und Privatfrömmigkeit, wenn private Äusserungen im öffentlichen Raum stattfinden. Als Beispiel nennt die Autorin Hannas privates Gebet im Tempel von Silo (1. Sam. 1,9f.), das eine öffentliche Kulthandlung nach sich zieht (z.B. 1. Sam. 1,24ff: Hanna löst ihr Gelübde ein) (42).

V. Mose 23,18f.

Im Alten Testament gibt es ein klares Verbot, die es den Israelitinnen und Israeliten untersagt, Qadešen zu sein (V. Mose 23,18).

Unter den Töchtern Israels soll es keine Geweihte und unter den Söhnen Israels soll es keinen Geweihten geben. V. Mose 23,18

Diesem Verbot folgt ein weiteres, das es verbietet, für ein Gelübde Dirnenlohn oder Hundegeld in den Tempel Jahwes zu bringen:

Du sollst keinen Dirnenlohn und kein Hundegeld in das Haus Jahwes, deines Gottes, bringen auf irgendein Gelübde hin, denn beides verabscheut Jahwe dein Gott. (V. 19)

V. 18 wird in 3. Person gehalten und V. 19 in 2. Person singular. Obwohl der stilistische Bruch der beiden Verse offensichtlich ist, werden die beiden Sätze zusammengelesen, d.h. die weiblichen Geweihten werden mit Dirnenlohn und die männlichen mit dem Hundegeld in Verbindung gebracht. Nach Christine Stark ist „Hundegeld“ das Geld , das für einen Sklaven oder Untergebenen an den Tempel bezahlt werden soll und zwar für ein geleistetes Gelübde. - Sie zeigt auch, dass die beiden Versen sekundär in die vorliegende Versreihe eingefügt wurde. Nach ihr bleibt die Tätigkeit der Qedeŝen unklar und folgert, es handle sich um eine dem Jahweglauben unerwünschte Arbeit (43).

Sonderbar ist aber, weshalb es ein solches Verbot überhaupt gibt, das ausdrücklich Hurerei unter Israelitinnen und «eine unerwünschte Arbeit» für die Israeliten verbietet. Ein solches Verbot wurde doch nicht einfach in den luftleeren Raum ausgesprochen, sondern muss irgendwo fassbar sein? – So gibt es alte, vorexilische Texte, die später durch die veränderten Moralvorstellungen der Autoren und Redaktoren aus dem Exil bearbeitet wurden, aber deren ursprünglichen Sinn noch zu greifen sind, so etwa II. Samuel 6, wo David praktisch nackt vor der Lade tanzt oder I. Samuel 1-3, wo Eli Hanna zu ihrem Sohn verhilft. Solche Geschichten und Predigten wurden von den aus dem Exil zurückkehrende Priestern den armen rückständigen Bevölkerung im Land erzählt, die immer noch an ihren alten Geschichten hingen.

Zu den Rückkehrern aus der babylonischen Gefangenschaft schreibt Barbara Schmitz in ihrem Buch "Geschichte Israels": Die anfangs des 6. Jahrhunderts v. Chr. verschleppten Judäern waren in Babylon dem König unterstellt und gelangten durch ihn zu grossem Wohlstand. In der Zeit des Exils befassten sie sich geistig mit der Frage, weshalb sie ihr Gott verlassen hatte. Ihre Antwort darauf, das Exil sei ein göttliches Strafgericht für das Fehlverhalten ihrer Vorfahren. Durch intensive Reflexion veränderte sich ihre Theologie, ihr Verhalten und ihre Identität. - Hans Heinrich Schmid hat das in einer Vorlesung so formuliert: «Kurz, man könnte man sagen, als Israeliten sind diese Menschen nach Babylon gelangt und als Juden wieder zurückgekehrt» -. Diejenige, die wieder zurück nach Palästina zogen, waren Exilierte in der zweiten und dritten Generation. Für sie war die neue Theologie selbstverständlich. Als sie zurückkehrten, trafen sie in Judäa auf ein rückständiges Land mit alten Bräuchen und Sitten. Die Daheimgebliebenen beteten immer noch zur „Himmelsgöttin“, so dass sich Prophet Sacharja gegen die Entfernung der Göttin einsetzen musste (Sach. 5,5-11) (44). Die jüdischen Priester und Prediger aus dem fernen Babylon mussten dem rückständigen Volk vertraute Vorstellungen durch ihre eigenen, neuen ersetzen. Das neue theologische Verständnis in bekannte Erzählungen einbauen und sie entsprechend uminterpretieren. Ein Beispiel dafür sehe ich im bereits oben erwähnten „Gelübde von Hanna“ (I. Sam. 1). In dieser Erzählung wird des männlichen Qedeŝenlohn (Hundegeld/Lohn) als Verheissung eines Sohnes erzählt. Dazu habe ich weiter unten ein eigenes Kapitel geschrieben.

Arinna

Die Himmelskönigin in Jerusalem

Eine interessante Aussage finden wir in Jeremia 7,18 und 44,19. Da backen Ehefrauen der Himmelskönigin Kuchen. Da die „Himmelskönigin“ nicht mit Namen genannt wird, wird sie Aschera oder Ištar in Verbindung gebracht. So schreibt Silvia Schoer:

Auffällig an den dtr. Meldungen ist, dass die Astralkulte in enger Verbindung mit Kulteinrichtungen von kanaanäischem Kolorit genannt werden; und auch die Austauschbarkeit der Reihung "Baal-Aschera-Himmelsheer" und "Sonne-Mond-Himmelsheer" lässt vermuten, dass Gestirnkulte in Israel und Juda bereits vor jeglichem assyrisch-babylonischen Einfluss als syrisch-kanaanäische Mitgift mindestens bekannt waren, wahrscheinlich auch praktiziert wurden (45).

Die Sonnenverehrung sei also vor dem Einfluss der Assyrer schon bekannt im Jerusalemer Tempel. Und da im Jerusalemer Tempel die «Bundeslade» Aaron (= Arinna) stand, handelt es sich hier wohl eher um die hethitische Sonnengöttin von Arinna und nicht um Aschera.

In Kanaan wurde die Sonnengöttin von Arinna aber mit dem stark erotischen Aspekt der Aschera verbunden, einen Aspekt, den sie bei den Hethitern nicht hatte. Dort war sie die eigentliche Staats- und Königsgöttin, die in Staatsverträgen zum Schwur der Einhaltung als erste oder mit anderen Göttern zu den ersten und wichtigsten Gottheiten aufgeführt wurde. So schreibt Daisuke Yoshida:

Was die beiden Sonnengottheiten (Sonnengott des Himmels, Sonnengöttin von Arinna) angeht, steht ihre Stellung an der Spitze der Schwurgötterliste ganz fest. Dabei ist der Sonnengott des Himmels fast immer vor die Sonnengöttin von Arinna gestellt (46).

Seit der mittelhethitischen Zeit (um 1500 v. Chr.) ist der Sonnengott ihr vorgestellt, was auf den Einfluss des akkadischen Šamaŝ zurückzuführen ist.

Im Alten Testament weist Ezechiel 8,16 auf eine Sonnengottheit im Jerusalemer Tempel hin:

Und er brachte mich in den inneren Vorhof des Hauses Jahwes, und sieh: Am Eingang des Tempels Jahwes, zwischen der Vorhalle und dem Altar, waren etwa fünfundzwanzig Männer, mit dem Rücken zum Tempel Jahwes und den Gesichtern nach Osten, und sie warfen sich nieder gegen Osten, vor der Sonne.

Und in III. Mose 16 ist Aaron «die Lade» in Ost-West-Richtung angeordnet, also nach dem Sonnenlauf und ebenso der ganze Tempel. So wie ich Ezechiel 8,16 lese, stand noch zur Zeit Ezechiels eine Statue der Sonnengöttin vor dem Allerheiligsten im Tempel.

Bekanntlich stammte Vorfahren der Israeliten, nämlich Sara und Abraham, aus dem Osten, aber auch Bileam, der erste Prophet in Israel (Num. 22-24). Und der Prophet Ezechiel erwähnt, dass die Bevölkerung in Jerusalem von einem Amoriter und einer Hethiterin abstammen:

und sprich: So spricht Gott der HERR zu Jerusalem: Nach deiner Herkunft und deiner Geburt kommst du aus dem Land der Kanaaniter, dein Vater ist der Amoriter und deine Mutter eine Hetiterin (Ez. 16,3).

Aus der Zeit Davids kennen wir Bathseba, die Mutter des Königs Salomo, die zuerst mit Urija verheiratet war. Urija wird ausdrücklich als Hethiter bezeichnet. Als Krieger war er den Gesetzen der «Bundeslade» («Aaron») verpflichtet (II. Sam. 11,11). - Urijas Name wird hebräisch אוּרִיָּה geschrieben und soll die Kurzform von אוּרִיָּהוּ; ’ûrijjāhû «Jahwe ist mein Licht». Doch da dieser Mann andererseits eng mit «Aaron»/«der Bundeslade» verbunden ist, gehe ich davon aus, dass אוּרִיָּה eher die Sonnengöttin von Arinna meint, zumal auch am Ende hethitischer Namen ija/iya vorkommt (48): So etwa im Namen des hethitischen Königs Tudhaliya IV. (1265-1250 v. Chr.).

Die Sonnengöttin von Arinna

Nach heutigem Konsens waren die «Hethiter» im Alten Testament ein kleiner Stamm in Palästina. Doch der Begriff «Aaron» und die Völkerwanderungen in den Wirren Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. lässt durchaus an Leute denken, die aus dem Land Hatti und aus Nordsyrien kamen und Richtung Ägypten flohen. – In das gelobte Land ihrer Vorfahren!

 Denn im hethitischen Reich lebten kaum Indogermanen, wie in der Fachwelt immer wieder behauptet wird, sondern vor allem Abkömmlinge von Kriegsgefangenen, die die hethitischen Grosskönige aus ihren Feldzügen in das chronisch unterbevölkerten Anatolien mitbrachten (49). Auch viele hethitischen Königinnen stammten aus dem benachbarten hurritischen Königshaus. Und die Sonnengöttin von Arinna war die herausragende Sonnengottheit des hethitischen Pantheons. Die Göttin des Hatti-Landes und des Königtums. So schreibt Ulrike Lorenz:

Die Sonnengöttin von Arinna ist dagegen die herausragende Sonnengottheit des hethitischen Pantheons, zu der alle hethitischen Herrscher eine besondere Beziehung hatten, da sie als Schutzgöttin des hethitischen Königtums galt.

Die Sonnengöttin von Arinna wird als geflügelte Sonnenscheibe dargestellt und als Tagessonne Ištanu bezeichnet (50):

Ihre astrale Bedeutung als Tagessonne wird durch Epitheta wie «Königin des Himmels» oder «des Hatti-Landes Fackel» deutlich.

Als Nacht- und Unterweltssonne war sie Wurusemu «Mutter des Landes und wurde als Erd- und Muttergottheit verehrt (51).

Die geflügelte Sonnenscheibe in Gold repräsentiert die Sonnengöttin von Arinna, die Sonnenscheibe aus Silber ihre Tochter Mezulla (52). So schreibt Volkert Haas in «Steindämonen»:

Ein Text, der Aussagen über den Verbleib von Kultgeräten enthält, zeigt in dem folgenden Absatz, dass der Kult der Disken auf alteinheimischen Priester(familien)-Traditionen fusst: «Folgendermassen (spricht) Hutarli, der Priester: «Mein Vater hatte eine Sonnengöttin von Arinna (in Form ) einer Scheibe aus Gold [und] eine Mezulla (in Form) einer Scheibe aus Silber. Für sie pflegte er im Tempel das Opfer darzubringen. Jetzt aber bringe ich jeweils in meinem Hause das Opfer dar». Folgendermassen (spricht) Zuwa: «Vom Vater unseres Vaters haben wir eine Sonnengöttin von Arinna (in Form) einer Scheibe aus Gold; sie pflegen sie (für sich) kultisch. Das Gold aber (ist Eigentum) der Gottheit» (Text aus KUB XXXVIII 37, Rs. 8-12).

Vertreten wurde die Sonnengöttin von Arinna von den hethitischen Königinnen. Starb eine Königin, so wurde sie zu einer geflügelten Sonnenscheibe, zur Sonnengöttin von Arinna. So beschreibt Volkert Haas ein Ritual an die verstorbenen Königinnen wie folgt:

… Man stellt die sechs Kultbilder der Sonnengöttin auf sechs Tische: Nachdem man sie gewaschen, gesalbt und wieder auf die Tische zurückgestellt hat, tritt die Königin aus dem Innengemach: Die Prinzen bringen ihr das Wasser zum Waschen der Hände, der Priester reicht ihr das Handtuch, mit dem sie sich die Hände abtrocknet. Dann verneigt sie sich vor der Sonnengöttin von Arinna und weiht ihr sieben Lämmer in der folgenden Weise: Zwei Lämmer erhielt die «Sonnengöttin von Arinna der Walani'» ein Lamm die «Sonnengöttin von Arinna der Nikka[lmadi]», ein Lamm die «Sonnengöttin von Arinna der Asm[unikkal]», ein Lamm die «Sonnengöttin von Arinna der Dud[ubeba]», ein Lamm die "Sonnengöttin von Arinna der lJenti» und ein Lamm der «Sonnengöttin von Arinna der Taw[ ananna]". Man treibt die Lämmer in die [Küche], wo man sie schlachtet und das Fleisch zerlegt. Die erste Opferrunde besteht aus den gebratenen Lebern und Herzen, die zusammen mit einem Brotgericht auf die sechs Tische gestellt werden. ….. (53) .

Doch wie ist die die Sonnengöttin von Arinna nach Palästina gekommen?

Fortsetzung folgt!

Literaturhinweise

  1. Ewald Roellenbleck, die Alma Mater und das Alte Testament, S. 100
  2. Julian Morgenstern, The Ark, the Ephod and the Tent of Meeting, p. 237ff; Er bezieht sich auf Julian Morgensterns „The Ark, the Ephod and the Tent“.
  3. Ewald Roellenbleck, Alma Mater und das Alte Testament, S. 101; Zu "die nackten Göttinnen" etwa Othmar Keel, Christoph Uehlinger, "Göttinnen, Götter und Gottessymbole"
  4. Erich Neumann, die Grosse Mutter - eine Phänomenologie der weiblichen Gestaltungen des Unbewussten, S. 56
  5. O. Keel, Göttinnen, Götter und Gottessymbole, S. 55ff.; vgl. Beispiele der fruchtbaren und furchtbaren Göttinnen in anderen Kulturen in Erich Neumann "die Grosse Mutter"
  6. Vgl. Mircea Eliade, Kosmos und Geschichte – der Mythos der ewigen Wiederkehr, S. 38f. «die Vergleichung des Geschlechtsaktes und der Feldarbeit ist in zahlreichen Kulturen sehr häufig.
  7. Hyam Maccobi, Der Mythenschmied - Paulus und
    die Erfindung des Christentums, S. 104; The Mythmaker, p. 96
  8. vgl. Otto Rank: Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung,
    S. 87f.
  9. Mircea Eliade, Kosmos und Geschichte – Der Mythos der ewigen Wiederkehr, S. 72f.
  10. Silvia Schroer, „In Israel gab es Bilder“, S. 25
  11. Thomas Staubli, Das Image der Nomaden, S. 225
  12. Thomas Staubli, das Image der Nomaden, S. 224. Er bezieht sich auf Julian Morgensterns „The Ark, the Ephod and the Tent“; vgl. Wolfgang Zwickel, Der Salomonische Tempel, S. 25
  13. Michael Hesemann, Maria von Nazareth, S. 7; 113
  14. Wikipedia „Jerusalemer Tempel“, 26.06.2018
  15. Gerhard Lisowsky, Konkordanz zum Hebräischen Alten Testament, 2. Auflage, S. 1240: I. Mose 32,21; Dtn. 23,18; I. Kön. 22,47; II. Könige 23,6f; Hose 4,14; Hiob 36,14
  16. Wikipedia „Sodomit“, 29.01.2018
  17. Christine Stark, „Kultprostitution“ im Alten Testament, Umschlag
  18. Christine Stark, «Kultprostitution» im Alten Testament, S. 49
  19. Christine Stark, „Kultprostitution“ im Alten Testament, S. 61ff.
  20. Christine Stark, „Kultprostitution“ im Alten Testament, S. 149ff.
  21. Barbara Schmitz, Geschichte Israels, 2. Auflage, S. 57f.
  22. Silvia Schroer, „In Israel gab es Bilder“, S. 259
  23. Daisuke Yoshida, Untersuchungen zu den Sonnengottheiten bei den Hethitern, S. 40, Tabelle S. 4
  24. 2. Sam. 11 in den Versen 3, 6, 17,21,24
  25. Zu Kürzungen in Gottesnamen vgl. auch Martin Rose: Jahwe, der Streit um den alttestamentlichen Gottesnamen
  26. Trevor Bryce: The Kingdom of the Hittites, p. 18. Der Hethitologe Volkert Haas weist immer wieder auf Vorstellungen im Alte Testament, die denen der Hethitern ähnlich sind, so etwa wenn die Sünden des Volkes auf einen Ziegenbock gelegt und dieser dann in die Wüste geschickt wurde – Ein Ritual, das bei den Hethitern gang und gäbe war.
  27. Daisuke Untersuchungen zu den Sonnengottheiten bei den Hethitern, S. 1
  28. Ulrike Lorenz: Uralte Götter und Unterweltsgötter. Relionsgeschichtliche Betrachtung zur «Sonnengöttin der Erde» und den «Uralten Göttern» bei den Hethitern», S. 8
  29. Volkert Haas: Hethitische Berggötter und hurritische Steindämonen, S. 20
  30. Volkert Haas, Die Geschichte der hethitischen Religion, S. 833

Bildnachweis

  • Usa stirbt, nachdem er die Bundeslade berührt hat. Deckenfresko in der Pfarrkirche Menzingen/ZG; Fotographie: Andreas Faessler vom 16.4.2018
  • Sonnengöttin nachbearbeitet aus wikipedia "Eflantun Pinar, hethitische Quellheiligtum

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