Die Göttin hinter der alttestamentlichen Bundeslade

Esther Keller-Stocker

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altorientalische Sonnengöttin sps

6. I. Samuel 4 - Gott oder Göttin?

Die Berichte im Alten Testament, wie sie uns in I. Mose bis II. Könige vorliegen, gehen auf die babylonische Exilszeit zurück. Zu einem Teil wurden sie zwischen 597 bis 539 v. Chr. niedergeschrieben, andere Teile sind später entstanden. Die Erzählungen, Namen, Berichte, Gesetze entstammen aus älterem Material und wurden nach den theologischen Einsichten, Interessen und Ideologien der alttestamentlichen Redaktoren neu interpretiert. Das ursprüngliche Material kann heute meistens nur noch aus den Texten selber und mit archäologisch zu Tage gebrachtes Bildmaterial erschlossen werden.

Didem Ercan «archaeology and prehistory» in pinterest.com

Für die Anfänge der Israeliten wird ein zwölfstämmiger Bund vorausgesetzt, der von einem tragbaren Heiligtum geeint war (um 1200 v. Chr.). Wie das Heiligtum zu jener Zeit geheissen hatte und wie es aussah, weiss man heute nicht. Aufgrund des Wortes «Aaron» und den historischen Schlüsselereignissen zwischen dem 1400 und 1100 Jahrhundert v. Chr. kommt für mich nur eine Gottheit in Frage, die hethitische Sonnengöttin von Arinna. Da sie vor allem als astrale Gottheit in Gestalt einer geflügelten Sonnenscheibe (1) verehrt wurde, dürfte sie auch bei den frühen Israeliten nicht als Kasten sondern als geflügelte Sonnenscheibe in Prozessionen mitgetragen worden sein. Sie war das zentrale Heiligtum des 12 Stämmebundes und als Führungssymbol (2) soll sie die Wanderung der Israeliten durch die Wüste von Sinai/Horeb angeführt haben. Doch wo lag der Sinai? – Nach Othmar Keel dürfte Horeb (dt. «Wüstenort») nur ein Deckname für den älteren Namen Sinai gewesen sein,

der unter der Herrschaft des babylonischen Königs Nabonid (556-539 v. Chr.), eines Verehrers des Mondgottes Šin, volketymologisch anrüchig geworden war, wie E.A. Knauf meint (3).

Das Zentrum des Mondgottes Šin lag aber nicht in Ägypten sondern im Osten, in der Stadt Ur im Süden und in Harran im Norden Mesopotamiens. Deshalb gehe ich davon aus, dass Sinai eher in Mesopotamien und Syrien zu suchen ist und erst mit den nach Babylon exilierten Priestern im 6. Jh. v. Chr. in die heute bekannte Sinai-Halbinsel lokalisiert wurde. - Harran wurde Mitte des 14. Jahrhundert v. Chr. vom hethitischen Grosskönig Šuppiluliuma I. zerstört (4).

Im Alten Ägypten hiess die Sinai-Halbinsel «Bergwerkerland» (5) Hieroglyphen für 'Sinai', ägyptisch 'Bergwerkerland'

Was die alttestamentliche Göttin betrifft, hat die heutige Fachliteratur ihren Fokus auf der Göttin Aschera gerichtet, die im Alten Testament auch offen bekämpft wird. Doch Aschera dürfte erst im 9. Jahrhundert v. Chr. durch die Königin Isebel in Israel eingeführt worden sein (I. Kön. 16) (6). Aaron/Arinna ist aber älter und gehört in die Anfängen der israelitischen Geschichten. In den alttestamentlichen Texten wird sie subtiler bekämpft als die Aschera, sie verkommt je jünger die Schriften sind zum Wohnsitz Jahwes», zur hölzerne Kiste, zum Kultmobiliar. Schon die Art, wie man Aaron/Arinna im Alten Testament «weg» haben wollte, zeigt ihre immense Bedeutung, die sie einmal hatte und von den alttestamentlichen Theologen immer mehr verdrängt wurde wie grösser der zeitliche Abstand und je dominanter der Glaube an den MANN GOTT JHWH wurde.

Im vorliegenden Text zeige ich, dass Aaron Jhwh ursprünglich eher «AARON HWJH» hiess und die «Bundeslade des Herrn»/«Aaron berith Jahwe» ursprünglich wohl auf AARON HWJH BAALA zurückgeht. – Dass diese Sicht von unserer patriarchalen Theologie und Geschichte nicht goutiert wird, ist mir natürlich schon klar. Denn hier wird alles, was weiblich ist nach Taliban-Methoden zum Verschwinden gebracht.

6.1. Übersetzung I. Samuel 4

Der Krieg der Philister gegen Israel, Nürnberger Bibel

Der Krieg der Philister gegen Israel aus der Nürnberger Bibel (Biblia Sacra Germanaica) (kolorierter Holzschnitt)

6.1.1. Der Kampf Isaels gegen die Philister

  1. Und dies war das Wort Samuels an ganz Israel: Und Israel zog aus zum Kampf gegen die Philister. Und sie lagerten bei Eben-Eser, und die Philister lagerten in Afeq.
  2. Und die Philister zogen Israel im Kampf entgegen. Und als der Kampf nachliess, war Israel vor den Philistern geschlagen. Und diese erschlugen in der Schlachtordnung (מערכה) auf dem Feld gegen viertausend Mann.
  3. Und das Volk kam ins Lager und die Ältesten Israels fragten: Warum hat Jahwe uns heute vor den Philistern geschlagen? Lasst uns die Lade des Bundes Jahwes aus Silo zu uns holen, damit er in unsere Mitte und uns rettet aus der Hand unserer Feinde.
  4. Und das Volk sandte nach Silo, und man nahm von dort die Lade des Bundes Jahwes der Heerscharen, der über den Kerubim thront. Und dort waren die beiden Söhne Elis, Ḫofni und Pinḫas, bei der Lade des Bundes Gottes.
  5. Und als die Lade (Aaron) des Bundes Jahwes ins Lager kam, brach ganz Israel in grossen Jubel aus, und die Erde bebte.
  6. Und die Philister hörten den Jubel und fragten: Was bedeutet dieser grosse Jubel im Lager der Hebräer? Und sie erkannten, dass Aaron Jahwe in das Lager gekommen war.
  7. Und die Philister fürchteten sich, denn sie dachten: Gott ist in das Lager gekommen. Und sie sprachen: Gott ist in das Lager gekommen. Und sie sprachen. Wehe uns! Denn nie zuvor ist solches geschehen.
  8. Zürcher Bibel: Wehe uns! Wer wird uns aus der Hand dieses mächtigen Gottes retten?
    Luther Bibel: Wehe uns! Wer will uns erretten aus der Hand dieser mächtigen Götter? Das sind die Götter, die Ägypter schlugen mit allerlei Plage in der Wüste.
    King James Version: Who shall deliver us out of the hand of these mighty gods?
  9. Fasst Mut und seid Männer, ihr Philister, damit ihr nicht den Hebräern dienen müsst, wie sie euch gedient haben. Seid Männer und kämpft.
  10. Und die Philister kämpften, und Israel wurde geschlagen, und jeder floh zu seinen Zelten. Und es war eine sehr grosse Niederlage, und von Israels Fussvolk fielen dreissigtausend Mann.
  11. Auch die Lade Gottes wurde genommen und die beiden Söhne Elis, Chofni und Pinechas, kamen um.

6.1.2. Elis Tod

  1. Da lief ein Mann aus Benjamin aus der Schlachtreihe fort und kam am selben Tag nach Schilo, und seine Gewänder waren zerrissen, und auf seinem Kopf war Erde.
  2. Und als er ankam, sieh, da sass Eli auf dem Stuhl am Weg und hielt Ausschau, denn sein Herz hatte Angst um die Lade Gottes. Und der Mann war gekommen, um in der Stadt Bericht zu erstatten, und die ganze Stadt schrie auf.
  3. Und Eli hörte das Geschrei und sagte: Was bedeutet dieser Lärm? Und der Mann kam eilends und erstattete Eli Bericht.
  4. Eli aber war achtundneunzig Jahre alt, und seine Augen waren starr geworden, und er konnte nicht mehr sehen.
  5. Und der Mann sagte zu Eli: Ich bin der, der aus der Schlachtreihe kommt, ich bin heute aus der Schlachtreihe geflohen. Und er sagte: Was hat sich ereignet, mein Sohn?
  6. Und der Botschafter antwortete und sagte: Israel ist vor den Philistern geflohen. Und es gab auch eine grosse Niederlage (מגפה Plage!) im Volk, und auch deine beiden Söhne, Chofni und Pinechas, sind umgekommen, und die Lade Gottes wurde genommen.
  7. Als er aber die Lade Gottes erwähnte, fiel Eli rückwärts vom Stuhl (כסא) neben das Tor, brach sich das Genick und starb, denn der Mann war alt und schwer. Und vierzig Jahre lang hatte er Israel Recht verschafft.

6.1.3. Elis Schwiegertochter

  1. Und die Schwiegertochter, die Frau des Pinhas war schwanger und die Geburt stand kurz bevor. Und sie hörte die Nachricht, dass die Lade Gottes genommen worden war und ihr Schwiegervater und ihr Mann tot waren. Da brach sie zusammen und gebar, denn die Wehen waren über sie gekommen.
  2. Und als sie im Sterben lag, sagten die Frauen, die um sie standen: «Fürchte dich nicht, denn du hast einen Sohn geboren». Sie aber antwortete nicht und nahm es nicht wahr/nahm es nicht in ihrem Herzen auf.
  3. Und sie nannte den Knaben Ikabod und sprach: «Die Herrlichtkeit ist hinweg aus Israel!» - weil die Lade Gottes genommen war, und wegen ihres Schwiegervaters und ihres Mannes.
  4. Darum sprach sie: Die Herrlichkeit ist hinweg aus Israel; denn die Lade Gottes ist weggenommen.

6.2. Zum Text I. Samuel

Der Text wird eingeleitet mit Samuel:

Und Samuels Wort erging an ganz Israel (V. 1a)

Samuel war der junge Priester im Aaron-Tempels in Silo (I. Sam. 1-3). Was er in I. Sam. 4,1a sagt, wird nicht erwähnt, und in der laufenden Erzählung kommt er nicht mehr vor. Er dient hier lediglich als Übergang der ersten 3 Kapiteln zum Krieg Israels gegen die Philister (I. Sam. 4). Nach I. Samuel 4,1b ziehen die Israeliten gegen die Philister in den Kampf. Ob Samuel dazu aufgerufen hat, wird nicht gesagt, nur dass in diesem Kampf die Israeliten die Angreifer sind.

Philister nach ägyptischer Darstellung

Ägyptische Darstellung eines Philisters (7).

Dabei stehen die Israeliten in Eben-Eser den Philistern, die in Afek aufgestellt sind, gegenüber (V. 1c). Bei diesen Ortsnamen könnte es sich aber um einen Hinweis auf den Ausgang der Schlacht handeln. Denn Eben-Eser heisst «Stein des Zurückhaltens, in Schranken halten», Eser auch Sklave, Unreiner (8), Afek «sich stark machen, sich zusammennehmen» (9). Als die Israeliten gegen die Philister vorrücken, kommen diese ihnen in geordneter Reihe (מערכה) entgegen und töten 4000 Mann. Darauf ruft das Volk Israel nach der Bundeslade Jahwes, die in Silo stand und von den Söhnen Elis bewacht wird. Auffallend ist die Bezeichnung der Lade in V. 4:

Und das Volk sandte nach Silo, und man nahm von dort die Lade des Bundes Jahwes der Heerscharen, der über den Kerubim thront. Und dort waren die beiden Söhne Elis, Ḫofni und Pinechas, bei der Lade des Bundes Gottes.

Nach Fritz Stolz setzt dieser Titel den Jerusalemer Tempel voraus, wie er in der Exilszeit im fernen Babylon entworfen wurde (10). Der Gottestitel ist also jünger als die erzählte Geschichte. Nach Jörg Jeremias gehört die Bezeichnung «die Lade des Bundes Jahwes der Heerscharen, der über den Kerubim thront» (V. 4a.) aber nach Silo, dem Zentralheiligtum der mittelpalästinischen Stämme und betont:

Dabei verbürgt die Lade wie kein anderer Kultgegenstand die Gegenwart Jahwes (11).

Nach diesem Autor ist die Bundeslade der Wohnsitz Jahwes. Dabei hatte das junge Israel aus «kanaanäischen Wohnvorstellungen verschiedensten (!) Ursprungs aufgegriffen» und miteinander verbunden. Die Bundeslade Jahwes wird in II. Samuel 6 von Baale Jehuda nach Jerusalem überführt und mit El Eljon (dem höchsten Gott) verbunden. Auch ist – so Jörg Jeremias – eine Davidstradition ohne die Lade undenkbar (12).

Im Tempel von Silo (I. Samuel 4,4) bewachten die Brüder Ḫofni und Pinḫas die «Bundeslade des Gottes». Sie sind aus den vorangehenden Kapiteln bekannt. Da betrogen sie das Volk bei den Opfergaben und schliefen mit den Frauen, die vor dem Tempel von Silo Dienst taten. Die Namen sind ägyptisch, Ḫofni bedeutet «Kaulquappe», Pinḫas «Nubier/Schwarzer». Dazu schreibt Andreas Angerstorfer:

Im Kontext der Erzählung sollen die ägyptischen Namen die beiden Brüder vielleicht von vornherein in negativem Licht erscheinen lassen (13).

Sie bringen die Bundeslade ins Heerlager der Israeliten. Als die Lade da eintrifft, jubelt das Volk so stark, dass die Erde bebt (V. 5). «Die Erde bebt» weist auf eine weibliche Gottheit, die ins Lager der Israeliten gekommen ist.

Die kultische Vorstellung der «bebenden Erde» geht wohl auf die verheerenden Erdbeben von 1225 bis 1175 v. Chr. zurück, die den östlichen Mittelmeerraum erschütterte und heute als «Erdbebensturm» bekannt ist (14). Archäologen können aus dieser Zeit Schäden von Erdbeben in diversen Städten Griechenlands nachweisen, aber auch in der Levante waren Städte wie Ugarit, Megiddo, Aschdod und Akko betroffen und auf Zypern die Stadt Enkomi (Tuzla) (15). Da sich bei Erdbeben die Erde öffnet, wurden sie in einer von Göttinnen und Göttern beherrschten Welt mit Göttinnen in Verbindung gebracht. Im Text I. Samuel 4 ist dabei nirgends die Rede, dass ein Mann Gott Jahwe die Erde beben lässt. – Ob dieser die Erde beben lässt oder nicht, spielt auch keine Rolle. Denn die Erde bebt mit oder ohne Zustimmung eines Mann-Gottes!

Nach Samuel 4,6a erschrecken die Philister über den Lärm im feindlichen Lager. Während der alttestamentliche Redaktor von «Israeliten» schreibt, bezeichnen die Philister ihre Gegner als «Hebräer» (V 6). Und sie erkennen, dass «AARON JHWH» (V. 6b) ins Lager der Hebräer gekommen ist. Denn diese waren die mächtigen Götter, die Ägypten schlugen mit allerlei Plage in der Wüste (V. 8). Aufgrund des Plurals «mächtige Götter» müssen «AARON JHWH» eigentlich zwei Namen einer weiblichen Gottheit sein. Eine weitere Ungereimtheit ist «die Plage in der Wüste». Wir wissen doch alle, dass JHWH die Ägypter am Nil mit Plagen eingedeckt hatte. Die Philister reden aber «den Ägyptern in der Wüste»!

Im Text resignieren die Philister nicht, sondern machten sich Mut und rufen erneuten zum Kampf gegen die Hebräer auf und siegen! (V. 9). Beim Sieg sterben dreissigtausend Hebräer, während die restlichen Israeliter zu ihren Zelten fliehen – ein Hinweis auf den theologischen Hintergrund des Redaktors, dass Jahwe den «Rest Israels» rettet (16). Da es für die Israeliten von vornherein eine riskante Aktion war, die strukturierte Armee der Philister anzugreifen, dürfte auch hier die alttestamentliche Vorstellung des vorsätzlichen Ungehorsams (17) Israels gegen seinen Gott mitschwingen.

Eine Schlachtordnung der Israeliten wurde erst in V. 12 wohl noch nachträglich eingefügt, als der junge Benjaminit vom Schlachtfeld nach Silo kommt und dem Priester Eli von der Niederlage erzählt. Der Bote erzählt auch, dass die Philister die Lade Gottes genommen hatten. Während sonst von männlichen Grössen die Rede ist, wird in V. 17 ausdrücklich von einer weiblichen Grösse gesprochen:

Und die Lade Gottes wurde genommen (וַאֲרֹ֥ון הָאֱלֹהִ֖ים נִלְקָֽחָה, V. 17)

Im Gegensatz zu V. 11:

Die Lade Gottes wurde genommen (נלקח אלהימ וארון) (V. 11)

«Eine weibliche Gottheit genommen» hat durchaus eine sexuelle Note, d.h. hier ist eigentlich von einer Vergewaltigung im Sinne der militärischen Überlegenheit die Rede, vgl. etwa Richter 20.

Als der unbekannte Bote die Nachricht in Silo überbrachte, sass Eli auf einem «Stuhl» und begrüsst den herankommenden Boten mit «mein Sohn» (V. 16). Dies kann als Anrede eines Älteren zu einem Jüngeren gelten. Aber bei Elis Lebenswandel als Vertreter Adonaj Jahwes (I. Sam. 1) ist er wohl eher als leiblicher Vater des benjaminitischen Läufers aufzufassen. Auf dessen Nachricht fällt Eli rücklings vom «Stuhl» (כסא). כסא (ksa) kann aber auch Thron bedeuten (18). Wenn Eli rücklings vom Thron fällt, ist er als Priesterfürst von Silo zu verstehen und mit dem Jebusiter Arawnah in Jerusalem (II. Sam. 24) vergleichbar.

Doch da ist noch die hoch schwangere Schwiegertochter Elis, die Frau seines Sohnes Pinḫas. Sie hört die Nachricht und ihre Wehen setzen ein. Bei der Geburt stirbt sie, doch davor nennt sie ihren Sohn I-Kabod «wo ist die Herrlichkeit?» Wie ich in Kapitel 2 gezeigt habe, dürfte «kabod jah»auf das hattische Wort für «Ištanu Kašbaru-jah» (die Leuchtende) zurückgehen - eine Bezeichnung, die zur Sonnengöttin von Arinna gehört. Weiter stellt sich da die Frage, weshalb bringt der alttestamentliche Redaktor hier eine hochschwangere Frau ins Spiel, deren Tod weit wichtiger scheint als die 34'003 israelitischen Männer, die im Kampf gegen die Philister umkommen? - Wo doch eine Frau nur die Hälfte eines Mannes wert ist (Lev. 27). Da müssten doch eigentlich von 68'006 Wöchnerinnen die Rede sein, um den Wert der Männer aufzuwiegen? - Die Wöchnerin ist im Text nicht namentlich genannt, sondern es wird nur auffällig betont, dass sie die Schwiegertochter Elis und Ehefrau Pinḫas sei? – Das legt doch den Verdacht nahe, dass sie vielleicht selber Pinḫasw war?

6.3. Auffälligkeiten

6.3.1. Götter oder Göttinnen?

a) Aaron Berith Jahwe:
In diesem Text fallen zunächst die unterschiedlichen Bezeichnungen für den Gott Jahwe auf, um den es dem alttestamentlichen Redaktor geht. Dazu habe ich folgende Liste zusammengestellt:

V. 3Lade (des) Bundes Jahwes יהוה ברית ארון
V. 4aLade (des) Bundes Jahwes der Heerscharen, der über die Kerubim thront.
V. 4bLade des Bundes Gottes (Ha-Elohim)
V. 5Lade des Bundes Jahwes
V. 6Aaron Jahwe
V. 8aAus der Hand dieser mächtigen Götter
V. 8bDas sind die Götter, die Ägypten schlugen.
Das sind die Götter, die Ägypter schlugen mit allerlei Plage in der Wüste.
V. 11Lade Gottes (Elohim)
V. 13Lade Gottes (Ha-Elohim)
V. 17Lade Gottes (Ha-Elohim) fem.
V. 18Lade Gottes (Ha-Elohim)
V. 19Lade Gottes אלהימ-ה ארון

Die Bezeichnung «Jahwe» und der «Gott» (Elohim) wechseln sich im Text ab. Doch eine Quellenscheidung zwischen Jahwist und Elohist macht hier wenig Sinn. Denn der Text ist aus einem Guss. Auf der einen Seite steht der alttestamentliche Redaktor, der im Sinne der Jahwe-Tradition schreibt. Dazu schaut er in alte Vorlagen, die eine Gottheit beschreiben, die der Redaktor als «Aaron Berith Jahwe» (die Bundeslade Jahwes) widergibt. Die Bundeslade Jahwes gehört zum Repertoire der alttestamentlichen Jahwe-Theologie, ebenso der Exodus, den der Redaktor im Hinterkopf hat. – Um doch in der Nähe seiner Vorlagen zu bleiben, legt er den Philister die älteren Vorstellungen in den Mund. Dazu gehören «die Hebräer», «Aaron Jahwe» oder ähnlich, «die Götter» und «die Götter, die Ägypten in der Wüste schlugen». Meines Erachtens sind das Vorstellungen aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. Der Redaktor belässt den Inhalt der vorliegenden Texte zum Teil oder ändert sie im Sinne der Jahwe-Ideologie ab.

Der Schreiber beginnt die Erzählung mit:

Da erging das Wort Samuel an ganz Israel (וַיְהִ֥י דְבַר־שְׁמוּאֵ֖, V. 1)

Eigentlich würde man da erwarten, dass das Wort Jahwes an Israel ergeht, wie dies an anderen Stellen der Fall ist:

1. Mose 15,1Das Wort Jahwes erging an Abraham
1. Samuel 15.10Das Wort Jahwes erging an Samuel
2. Samuel 7,4Das Wort Jahwes erging an Natan
1. Könige 6,11Das Wort Jahwes erging an Salomo
1. Könige 12,22das Wort Gottes erging an Schemaja

Wenn also der alttestamentliche Redaktor von «Das Wort Samuels erging an Israel» schreibt, deutet dies auf eine Unsicherheit hin. Denn er realisiert, dass in den Vorlagen nicht von Jahwe handelt. Erst in V. 3a fügt er den ihm wichtigen Gott Jahwe ein, indem er das Volk Israel fragen lässt: «warum hat Jahwe uns geschlagen vor den Philistern?» Mit diesem Satz signalisiert er den Vergleich einer Krise aus den Anfängen der israelitischen Geschichte mit einer aktuellen Situation. Welche Situation gemeint ist, kann nur ungefähr aus dem Text erschlossen werden.

Dann folgt die Aufforderung, «die Lade des Bundes Jahwes» von Silo zu holen (V. 3b). Steht in V. 3a der Gott JHWH uneingeschränkt da als alleiniger Gott Israels, ist in V. 3b von «(der) Bundeslade Jahwes» die Rede. Das irritiert nach «Spruch Samuel» (V. 1a) zum zweiten Mal: In V. 3b geht es nicht um Jahwe allein, sondern um Jahwe mit einem Attribut, nämlich mit «Aaron Berith (Lade (des) Bundes)». Dabei wechselt das Subjekt von Jahwe auf Aaron. Es gibt noch eine weitere Schwierigkeit: Aaron als «Lade» verstanden wird im Deutschen immer mit Artikel geschrieben, also «die Lade». Doch im Hebräischen hat Aaron meistens keinen Artikel, dass heisst Aaron kann rein theoretisch ein Name sein. In den Vorlagen zu I. Samuel 4 steht demnach der Name einer Gottheit, die nicht mit Jahwe identisch ist. In V. 4a betont der Redaktor aber, dass es in seinem Text um Jahwe geht:

(die) Lade (des) Bundes Jahwes der Heerscharen, der über den Kerubim thront
(part. mask. sgl., V. 4a).

Da aber Aaron das Subjekt ist, gehört der Titel eigentlich zu Aaron. Das wird deutlich in anderen Texten wie II. Samuel 6,2 par. I. Chr. 13,6 im Zusammenhang mit der Heraufführung der Bundeslade nach Jerusalem. Nach II. Samuel 6,2 wurde «(die) Lade des Gottes» (Aaron ha-Elohim) in «Baale-Jehuda» abgeholt. Mit «Baale-Jehuda» ist der Ort Kirjat-Jearim gemeint, wie I. Chr. 13,6 ausdrücklich vermerkt: Kirjat-Jearim war eine «Stadt der Hiwiter bzw. Gibeoniter» (19) an der Grenze von Juda, wo «die Lade des Herrn» nach der Auseinandersetzung mit den Philistern deponiert wurde (I. Samuel 7,1) und 20 Jahre blieb. Nach II. Samuel 6 liess David die «Lade Gottes» von dort abholen. Hier heisst der Ort nicht mehr Kirjat-Jearim sondern sondern Baale-Jehuda oder in I. Chr. 13,6 «Baalath in Jehuda». Eigentlich ist dies kein Ortsname sondern eine Gottesbezeichnung, die eng an Aaron ha-Elohim geknüpft ist, es müsste also heissen «Aaron ha-Elohim, Baalath Jehuda»/«Aaron des Gottes/der Göttin, Herrin in Jehuda».

Erasmus Gass übersetzt Kirjath-Jearim als «Stadt der Wälder» oder als «Stadt der hölzernen Kultstatue», die er mit Aschera in Verbindung bringt und weist darauf hin, dass diese am besten zu Kirjat-Baala «Stadt der Herrin» (II. Sam. 6,2) passen würde (20). - Doch schauen wir uns die beiden Stellen I. Samuel 7,1 und II. Samuel 6,2 genauer an:

I. Samuel 7,1:
Und die Männer von Kirjat-Jearim kamen, holten die Lade des HERRN (AARON JHWH) herauf und brachten sie in das Haus des Abinadab auf dem Hügel, und sie weihten Elasar, seinen Sohn, damit er die Lade des HERRN (AARON JHWH) bewache.

II. Samuel 6,1-2
Und David sammelte abermals die ganze junge Mannschaft in Israel, dreißigtausend Mann, und machte sich auf und zog mit dem ganzen Volk, das bei ihm war, nach Baale-Jehuda, um die Lade Gottes von dort heraufzuholen; diese ist genannt nach dem Namen des HERRN Zebaoth, der über den Cherubim thront. (Luther/Zürcher Bibel)

In beiden Text ist nicht von Aschera die Rede, sie wurde auch erst später in der Königszeit als Kult in Israel eingeführt. Ebenso steht hier nicht «Stadt der Herrin» sondern «Herrin von Jehuda». Und wer soll diese Herrin sein? Da der alttestamentliche Redaktor ausdrücklich die vorkönigliche Zeit im Blick hat, ist die «Herrin» mit «AARON ha-elohim» zu identifizieren.

Weiter wird in II. Samuel 6,2 Aaron ha-Elohim umständlich mit dem Namen «Jahwe Zebaoth, der über den Kerube thront» benannt.

אֵ֚ת אֲרֹ֣ון הָאֱלֹהִ֔ים אֲשֶׁר־נִקְרָ֣א שֵׁ֗ם שֵׁ֣ם יְהוָ֧ה צְבָאֹ֛ות יֹשֵׁ֥ב הַכְּרֻבִ֖ים עָלָֽיו

Zürcher Bibel übersetzt:
Und David machte sich auf, und mit allem Volk, das bei ihm war, ging er von Baale-Jehuda, um von dort die Lade Gottes heraufzubringen, über der der Name ausgerufen war, der Name des HERRN der Heerscharen, der über den Kerubim thront.
Luther Bibel übersetzt:
und machte sich auf und zog mit dem ganzen Volk, das bei ihm war, nach Baala in Juda, um die Lade Gottes von dort heraufzuholen; diese ist genannt nach dem Namen des HERRN Zebaoth, der über den Cherubim thront.

Schaut man sich in «bibelserver.com» die verschiedenen Bibelübersetzungen an, so steht etwa in «Hoffnung für Alle»:

Gemeinsam mit ihnen zog er nach Baala - gemeint ist Kirjat-Jearim - im Stammesgebiet von Juda, um die Bundeslade von dort nach Jerusalem zu bringen. Sie war dem HERRN geweiht, dem allmächtigen Gott, der über den Keruben thront. (II. Sam. 6,2)

Das ist eine freie Interpretation des hebräischen Textes. Denn «dem Herrn geweiht» und «allmächtiger Gott» steht nicht im hebräischen Text. Und meines Erachtens ist hier «Aaron ha-Elohim» identisch mit JHWH.

Die Bezeichnung «JHWH der Herrscharen, der über den Keruben thront» gehört in II. Samuel 6,2 eindeutig zu «Aaron ha-Elohim, Baala Jehuda». Diese Verbindung kommt noch deutlicher in I. Chronik 13,6 zum Ausdruck:

Die Lade Gottes: Jahwe der … אֵת֩ אֲרֹ֨ון הָאֱלֹהִ֧ים׀ יְהוָ֛ה יֹושֵׁ֥ב הַכְּרוּבִ֖ים אֲשֶׁר־נִקְרָ֥א שֵֽׁם

Zürcher Bibel übersetzt:
Und David zog mit ganz Israel hinauf nach Baala, nach Kirjat-Jearim, das zu Juda gehört, um von dort die Lade Gottes des HERRN, der über den Kerubim thront, heraufzuholen, die Lade, über der der Name ausgerufen war.
Luther Bibel übersetzt:
Und David zog hin mit ganz Israel nach Baala, das ist Kirjat-Jearim, das in Juda liegt, um von da heraufzubringen die Lade Gottes, des HERRN, der über den Cherubim thront, wo sein Name angerufen wird.

Sowohl die Zürcher Bibel als auch die Luther Bibel übersetzen «die Lade Gottes des Herrn/Jhwh (Genitiv)». Im hebräischen Text wird der Satz nach «Aaron ha-Elohim» unterbrochen, und es geht mit JHWH weiter. Meines Erachtens sind hier zwei Namen genannt «Aaron ha-elohim» und Jahwe, beide im Nominativ.

Fravahar-Relief in Persepolis, aus wikimedia.org Faravahar-Relief in Persepolis, aus wikimedia.org

Aber wie kommt der alttestamentliche Redaktor dazu, Jahwe über «die Lade» zu setzen und ihm den Namen, «Jahwe Zebaoth, der über den Keruben thront» zu geben?

539 v. Chr. eroberte der Perserkönig Kyros Babylon und erlaubte den Juden die Rückkehr nach Palästina. Dabei ist ein grosser Einfluss der persischen Religion beim Propheten Ezechiel nachzuweisen. Dieser Einfluss hat meines Erachtens auch den Titel «Jahwe Zebaoth, der über den Keruben thront» geprägt und ist meines Erachtens das Pendant des Faravahar-Symbols, das über der geflügelten Sonnenscheibe thront und den unsterblichen «menschlichen Geist» repräsentieren soll. – Der Text I. Samuel 4 dürfte daher post-exilisch sein und eine Situation beim Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels wiederspiegeln.

b) Die Erde bebt
Während in I. Samuel 4,4a von der «Lade des Bundes des Herrn der Heerscharen, der über den Kerubim thront» (Zürcher Bibel) die Rede ist, wird sie im gleichen Satz im Zusammenhang der Priester von Silo, die ihre Wächter waren, als «Bundeslade des Gottes» bezeichnet. Das heisst, der alttestamentliche Redaktor wusste genau, dass in seiner Vorlage von einer anderen Gottheit als Jahwe handelt. Da die Vorlage ein sakraler Text war, konnte er die Gottheit nicht einfach löschen, sondern höchstens auf Jahwe uminterpretieren. Peter von der Veen nennt das «modernisieren» (21). Das heisst, wenn ein Name in späteren Zeiten nicht mehr verstanden wird, wird es durch den aktuell bekannten Begriff ersetzt.

In I. Samuel 4,5 gelangt das Kultobjekt von Silo ins Lager der Israeliten. Da für den alttestamentlichen Redaktor der «Gott Israels» Jahwe ist, schreibt er hier linientreu «(die) Bundeslade Jahwes», die ins Lager der Israeliten kommt. Bei ihrer Ankunft brechen die Israeliten in einen grossen Jubel aus, sodass die Erde (ha-Aräz) bebt (V. 5). – Da stellt sich die Frage: Wie passt eine bebende Erde zu einem Gott, der ursprünglich ein Wettergott gewesen sein soll? - Zu einem Wettergott würde doch eher Blitz und Donner passen und vor allem viel Regen, der die Philister gleich einmal wegspült. Wieso bebt hier die Erde (ha-Aräz/ארץ-ה)? Da besteht ein Zusammenhang zwischen der Gottespräsenz in Gestalt der Aaron/Arinna und der Erde? Zu Ha-Aräz (die Erde) schreibt H.H. Schmid:

Das Nomen erscheint durchgehend als Feminimum konstruiert; darin dürfte sich eine Reminiszenz an die Vorstellung von der Mutter Erde erhalten haben (22).

Das heisst die Aaron ha-Elohim musste eine weibliche Gottheit gewesen sein. Auch ist die bebende Erde nicht mit Jahwe konform und gehört demnach in die Vorlage. - Interessant ist, wie die deutschen Bibeln das «und» (hebräisch w (ו) in V. 5b übersetzen (23):

Zürcher Bibel übersetzt:
Und als die Lade des Bundes des Herrn ins Lager kam, brach ganz Israel in grossem Jubel aus, und die Erde bebte (V. 5).
Luther Bibel übersetzt:
Und da die Lade des Bundes des HERRN in das Lager kam, jauchzte ganz Israel mit gewaltigem Jauchzen, dass die Erde erdröhnte. (V. 5)

Während die Zürcher Bibel «und die Erde bebt» übersetzt, gibt die Luther Bibel mit «dass die Erde erdröhnt» die Reaktion der Erde auf den Jubel der Israeliten wider. - Fazit: «die Erde bebt» gehört zu einer Erd- und Muttergöttin und hat nichts mit einem männlichen Gott zu tun.

c) Hebräer
In I. Samuel 4,6-9 beschreibt nun der alttestamentliche Redaktor die Reaktion der Philister auf den Jubel der Israeliten (V. 6a). Offensichtlich haben sie das «Beben/dröhnen der Erde» nicht mitgekriegt. Das kann man so interpretieren, dass «die Erde bebt» ein liturgisches Element war, vielleicht haben die Aaron-Priesterw/m beim Jubel der Israeliten» mit Stöcken auf den Boden geklopft. Für die Philistern gehört «die Erde bebt» jedenfalls zum jubelnden Lärm im feindlichen Lager. Dann stellen sie fest, dass «Aaron Jahwe» (V. 6b) - also ohne Berith/Bund - ins israelitische Lager gekommen ist. Interessant ist wieder die verschiedenen Übersetzungen in deutschsprachige Bibeln. Normalerweise wird «AARON JHWH» mit «Lade des Herrn» (24) oder «Lade Jahwes» (25) widergegeben. Die Bibel «Hoffnung für alle» übersetzt «die Bundeslade des Herrn», obwohl «Bund» hier nicht steht. Denn es besteht die Möglichkeit, dass «Bund» hier versehentlich weggefallen ist. Doch dann wäre sie auch an anderen Stellen weggefallen (26). Die Ambivalenz der Lade/Aaron-Bezeichnungen weist meines Erachtens darauf hin, dass Aaron Jahwe ursprünglich eine andere Gottheit war und nach I. Samuel 4,6 und II. Samuel 6,2 eindeutlich weiblich (!).

Wie bereits erwähnt, fallen in I. Samuel 4,1-5 Unsicherheiten auf, die darauf schliessen, dass dem alttestamentlichen Redaktor Notizen zur Verfügung standen, die eigentlich nicht vereinbar mit Jahwe waren:

V. 1a«Spruch Samuels» statt Spruch Jahwes oder Spruch des Gottes, das als erste Abwehr des Redaktors gegen «den Gott» gedeutet werden kann, der nicht Jahwe ist.
V. 4bder überschwengliche Titel, der auch in II. Samuel 6,2 im Zusammenhang der Lade in «Baale-Jehuda» vorkommt und sekundär mit JHWH verbunden wurde.
V. 4cWerden die Priestersöhne als Wächter der «Bundeslade des Gottes» genannt. Die Priestersöhne werden mit «dem Gott» in Verbindung gebracht, aber nicht mit Jahwe.
V. 5«die Bundeslade Jahwes» reagiert auf den Jubel der Israeliten mit «die Erde bebt», was eindeutig auf eine weibliche Göttin hinweist

Weiter nennt der alttestamentliche Redaktor die Angreifer «Israeliten», die Philister «Hebräer» (V. 6). - «Hebräer» ist das hebräische Wort für Hapiru, akkadisch ʿApiru, ägyptisch ʿpr(w) (27). Nach Peter van der Veen sind damit Söldner und Randständige gemeint (28). Meines Erachtens sind Hapirusw/m entwurzelte Menschengruppenw/m, die bereits anfangs des 2. Jahrtausend v. Chr. in den Schriften akkadischer Händler in Anatolien erwähnt (29) werden. Es handelt sich um Flüchtlingew/m aus kriegs- und krisengeschüttelten Gebieten. Es sind Opfer der mächtigen Könige und Fürsten, die ihre Grösse und Macht über Eroberungen, Ausbeutung und Niederwerfung definierten (30) und von unseren Historikern unverhohlen bewundert werden. Die Fliehendenw/m aus den Kriegsgebieten bilden die Kehrseite dieses kriegerischen Systems. Die Hapiruw/m zahlten den Preis für die Eskapaden der Eliten, ohne in unseren Geschichtsbüchern gebührend – dann meist als Kriminelle - erwähnt zu werden. Für unsere Historiker hat nur der «heldenhafte» KÖNIG Bedeutung. Denn mit ihm können sich unsere Gelehrte so schön identifizieren – und wie gewaltiger Könige wüteten, um grösser und genialer gelten sie heute. Über das Elend der betroffenen Bevölkerung wird geschwiegen.

Unter die Hapirus fallen auch die Flüchtlingew/m, die im 13. und 12. Jahrhundert v. Chr. vor der Klimakatastrophe flohen. Denn um 1250 v. Chr. änderte sich das Klima dramatisch: eisige Kälte und Dürre machten den Menschen im Mittelmeerraum und in Anatolien zu schaffen (31). In Palästina dauerte sie bis bis 1100 v. Chr. Flüchtlingsströme (32) kamen von Griechenland und Kleinasien Richtung Ägypten, wo es am ehesten zu essen gab, weil der Nil Wasser aus Afrika bezog und nicht vom vereisten Norden. Während die einen auf der Route plünderten und Orte zerstörten, kamen andere friedlich entlang der levantinischen Küste. So weist Eric H. Cline (33) darauf hin, dass im 12. Jahrhundert neben kriegerischen Gruppen meist friedliche Flüchtlinge nach Kanaan kamen und sich mit den Einheimischen vermischten. - Auch die in I. Samuel 4,6 genannten Hebräer gehen wohl auf eine solche Hapiruw/m-Gruppe zurück, die in und um Silo ansässig wurden, sich mit Einheimischen verbanden und dem Kult von Silo anschlossen.

d) AARON JHWH (34)
In I. Samuel 4,6 stellen die Philister fest, dass AARON JHWH (יהוה ארון) ins feindliche Lager gekommen sei. Da der alttestamentliche Redaktor von «Israeliten» schreibt und von Jahwe oder Aaron Berith Jahwe oder Aaron berith ha-Elohim, darf man davon ausgehen, dass «Hebräer» und «AARON-JHWH» in der Vorlage standen. Da es sich gemäss I. Samuel 4,5 ausdrücklich um eine weibliche Göttin handelt, dürfte es sich hier eher um «AARON HWWH» oder «AARON HWJH» (35) oder «Arinna Ḫepat» (36) handeln, die in II. Samuel 7,2 als «Baale Jehuda» bezeichnet wird, aus der später ein «Aaron Berith Jahweh» wurde.

Aus Vers 8 wird jedenfalls klar, dass es sich bei AARON JHWH um zwei Götterw handelt. Denn da fragen sich die Philister erschrocken, «AARON JHWH» ist ins feindliche Lager gekommen und bestätigen diese Annahme durch die Frage:

Wehe uns! Wer will uns erretten aus der Hand dieser mächtigen Götter? (V. 8; Luther Bibel)

Im hebräischen Text ist eindeutig von «diesen Göttern» die Rede, wird aber in den deutschsprachigen Bibeln unterschiedlich übersetzt:

Zürcher Bibel übersetzt:
Wehe uns! Wer wird uns aus der Hand dieses mächtigen Gottes retten? Das ist der Gott, der Ägypten geschlagen hat mit allen möglichen Plagen in der Wüste (V. 8).
Luther Bibel übersetzt:
Wehe uns! Wer will uns erretten aus der Hand dieser mächtigen Götter? Das sind die Götter, die Ägypten schlugen mit allerlei Plage in der Wüste.

Während die Zürcherbibel dem alttestamentlichen Redaktor folgt und die «mächtigen Göttern» mit «dieser mächtige Gott» interpretiert, übersetzt die Luther-Bibel wörtlich «dieser mächtigen Götter» respektive «das sind die Götter». Demzufolge wären AARON und JHWH zwei verschiedene Götter, genauer zwei Göttinnen - und mit Pinḫas wohl sogar drei Göttinnen.

Historisch gesehen, ist dies wahrscheinlich. Denn im 13. Jahrhundert v. Chr. verschmolz die hethitische Grosskönigin Puduḫepa die Sonnengöttin von Arinna und die Himmelsgöttin Ḫepat zu einer Gottheit. Sie betet:

  1. [A]n die Sonnengöttin von Arinna, meine Herrin,
    Herrin der Länder von Ḫatti, Königin über Himmel und Erde:
  2. Du, Sonnengöttin von Arinna, meine Herrin, (bist) Königin über alle Länder.
  3. Du gab[st] dir im Lande Ḫatti den Namen 'Sonnengöttin von Arinna'.
  4. Welches Land du ferner zum (Land) der Zeder machtest,
  5. (dort) gabst du dir den Namen 'Ḫepat'.
  6. ICH aber, Puduḫepa, (bin) [d]eine langjährige Dienerin,
  7. ein Kälbchenw deines Rinderstalls bin ich,
  8. ein [S]teinw aber deines Fundaments bin ich.
  9. Du, meine Herrin, nahmst mich auf (CTH 384.1) (37).

«Kalb», «Stein im Fundament» sind ja auch Motive im Alten Testament, im Gebet der Puduhepa aber auf eine weibliche Person bezogen.

e) Ḫepat

Die Ähnlichkeit von JHWH/JḪWH und ḪWWH/ḪWJH scheint den heutigen Theologen - so viel ich sehe - noch nie aufgefallen zu sein, ausser der Theologin Christa Mulack (38). Meines Erachtens wurden die Konsonanten von ḪWWH/ḪWJH zu JHWH/JḪWH genau so vertauscht, wie «Arinna» zu Ha-Aaron, Aharon oder Arawnah. Dazu hat Martin Rose (39) festgestellt, dass der Name JHWH vor der Reform des Königs Josia im 7. Jh. v. Chr. nicht nachweisbar ist. Dagegen wurde Ḫepat/Hawwah seit Jahrtausenden in Syrien und Südanatolien verehrt und mit verschiedenen Göttinnen verschmolzen (40).

Yazilikaya, Hepat Hepat als Hauptgöttin in Yazzilikaya




Um die Dimension dieser Göttin im Alten Orient zu verstehen, folgen wir Volkert Haas, wie er die Göttin Ḫebat/Ḫepat in «Geschichte der hethitischen Religion» darstellt:

  • Mit ihren Töchtern Allanzu, dem «Mädchen der Hebat» und Kunzisalli sowie mit der nicht näher spezifizierten Gottheit Hasulathi bildet sie jeweils eine Dyade (S. 387).
  • In der ältesten Form ist sie im Pantheon von Ebla als Dḫa-a-ba-du belegt. In den Hieroglyphen des 1. Jahrtausend als Dḫa-pa-tu, Dḫe-ba-tu und Dḫi-pa-tu. In lykischen Inschriften begegnet Heba(t) als ḫba-eni «Mutter Ḫeba» (S. 383f.).
  • Seit dem 2. Jahrtausend ist Heba auch als Hebath belegt, das -t gilt als semitische Femininendung, semitisch ist auch *Hawwat (S. 384).
  • Der Name dürfte auf die syrische Stadt Halab (Aleppo) zurückgehen (S. 384).
  • Ḫattušili I. (17./16. Jh. v. Chr.) raubte eine Statue der Ḫebat in Ḫaššu(wa) in Nordsyrien und übergab sie dem Tempel der Mezzulla (S. 384), der Tochter der Sonnengöttin von Arinna.
  • In den Schwurgötterlisten der Staatsverträge Suppiluliumas I. ist sie als «Königin des Himmels», «Hebat von Halab, Hebat von Uda und Hebat von Kizzuwatna» aufgeführt (S. 385).
  • Im Felsentempel Yazilikaya führt Hebat die Reihe der Göttinnen an (S. 386).
  • Ḫebat ist die «thronende Heerin in den Ländern» und als solche auf den hethitischen Felsreliefs von Fraktin mit Dḫi bezeichnet (12. Jh. v. Chr.) (S. 388).
  • Die Epitheta «Herrin des Himmels», «Königin» und «Königin des Himmels» charakterisieren sie als höchste Göttin des Kosmos (S. 388).
  • Als «Hebat (der) Könige» bzw. «Hebat König» ist sie die Bewahrerin des Königtums und der gesellschaftlichen Ordnung. Die hurritischen Epitheta Ḫebat endasse «Hebat (der) Priesterinnenschaft» und «Hebat der Herrinnenschaft» weisen sie zudem als oberste Instanz der Priesterinnen- und des Königinnentums aus (S. 388f.).

Zur Ḫepat macht Volkert Haas in «Hethitische Berggötter» eine interessante Feststellung. Er schreibt, dass sie mit dem Berggott und dem Stier jeweils ein «enges Paar» bildete. Zu ihrer Beziehung zu den beiden männlichen Göttern wurden Opferlisten im Libanon gefunden, die der Autor wie folgt kommentiert:

Sie ist aber auch die Herrin der beiden, wohl in der Gegend des Libanon gelegenen Berge Agurili und Kallistabi, die in Opferlisten für Teššub und Ḫebat nicht dem Gotte, sondern der Göttin zugeordnet sind (S. 30).

Auch ist uns aus dem 14. Jh. v. Chr. ein Fürst von Jerusalem mit dem Namen Abdi-Ḫepa überliefert. Im 1. Jahrtausend v. Chr. wurde die alte hurritische Göttin Ḫepa(t) mit der phönizischen Schlangengöttin חות gleichgesetzt, die eine Lebensgöttin war und aramäisch חויה geschrieben wird (41). Das heisst im 13. Jahrhundert v. Chr. bilden Ḫepa(t) mit der hethitischen Sonnengöttin Arinna eine Einheit, im 1. Jahrtausend Ḫepa(t) mit der phönizischen Schlangengöttin חויה (ḪWJH/ ḪWJA, deutsch: «Eva, Mutter alles Lebenden») (42). Othmar Keel schreibt zu Ḫawwa/ Ḫepa (43):

In Genesis 3,20 wird von Eva aber gesagt, dass sie die «Mutter alles Lebendigen» sei. Das ist mehr, als eine menschliche Frau leiten kann. Der Name Hawwah (hebräisch chawwa) ist ursprünglich wahrscheinlich der Name einer altorientalischen Göttin (cheba). Nur eine Göttin vom Typ «Mutter Erde» kann «Mutter alles Lebendigen» sein (44).

Nach Claus Westermann gehört I. Mose 3,20 nicht zur vorangehenden «Sündefallgeschichte» sondern stammt aus einem anderen Zusammenhang und aus einer anderen Quelle. Beim Satz

«Und der Mensch/Adam nannte seine Frau Eva, denn sie wurde die Mutter allen Lebens» (1. Mose 3,20)

gehe ich davon aus, dass es hier ursprünglich um die Anrede eines Beters zu seiner Göttin geht, die im jetzigen Text (I. Mose 3,20) despektierlich einer irdischen Frau angehängt wird, um klar zu machen: Es gibt keine Göttin, nur die Frau, die in Schmerzen gebiert, über die der Mensch herrscht (1. Mose 3,15). Diese Vorstellung steht ganz in jüdisch-israelitischen Tradition wie die Ehe zwischen Jahwe (GOTT) und Volk (Israeliten) zeigt. Dabei wird die Göttin konkretistisch auf die irdische Ebene versetzt und damit ihrer Göttlichkeit beraubt.

Aschera, 13. Jh. v. Chr. aus wikimedia.orgAschera, 13. Jh. v. Chr., wikimedia

Hawwa und «Mutter alles Lebenden» gehören auch zur Schöpfungsgeschichte in I. Mose 1. Da macht zwar Jahwe als «Ewiger Macher» die Welt. Doch seine Tätigkeit wird in V. 24 durch eine ältere Vorstellung unterbrochen:

Die Erde bringe Lebewesen hervor nach ihren Arten: Vieh, Kriechtiere und Wildtiere, je nach ihren Arten. (I. Mose 1,24) (45).

Da bereits der Ausruf Jah- /Jahu- in Palästina bekannt war, der meines Erachtens auf das hattische Wort «Kašbaru-jah» «die Leuchtende» für die hattischen Sonnengöttinnen im fernen Nordanatolien zurückgeht und hebräisch mit «Kaboth Jah(u)» übersetzt wurde, entstand aus Ḫepat/HWJH der Name JḪWH.

Wenn in der Vorlage, die der alttestamentliche Redaktor für I. Samuel 4 verwendete, die Sonnengöttin Arinna und die Himmelsgöttin Ḫepa vorkam, lässt sich auch seine überschwengliche Reaktion in V. 4a erklären. Denn, um jeden Zweifel auszuräumen, dass es hier um Jahwe (MANN-GOTT) geht – und nur um Jahwe allein (46) - formuliert er die Beziehung zwischen «Lade» und «Jahwe» als «die Lades des Bundes Jahwes der Heerscharen, der über den Keruben thront» (V. 4a).

6.3.2. Der Name Israel

Der Name «Israel» ist erstmals in der Israel-Stele erwähnt. Darauf ist eine Dankesrede des Pharaos Merenptah (1213-1204 v. Chr.) an die ägyptischen Götter eingraviert. Der Pharao handelte in seinen Kriegen (1211 v. Chr.) als Beauftragter der Götterw/m und bedankte sich bei diesen dafür, dass sie ihn im Heiligen Krieg zum Sieg verhalfen. Auf der Stele heisst es:

...Die Häuptlinge werfen sich nieder und rufen ..
Tjehenu (Tḥnw, Libyen) ist erobert.
Hatti (Ḫtṯ3) ist befriedet.
Kanaan (P3-K3nˁnˁ) ist mit allem Übel erbeutet.
Askalon (Jsq3rny) ist herbeigeführt.
Gezer (Q3ḏ3r) ist gepackt.
Jenoam (Ynwˁm3m) ist zunichtegemacht.
Israel (Jsrjr). ist verwüstet, seine Saat ist nicht mehr.
Chor (Ḫ3rw) ist zur Witwe (ḫ3rt) von Ta-meri (das Geliebte Land, d. h. Ägypten) geworden.
Alle Länder sind insgesamt in Frieden.
(Auszüge aus dem Text der Merenptah-Stele) (47)

«Israel» ist hier als Völkergruppe aufgezählt und nicht als Land. Nach allgemeinem Konsens bedeutet Isra-El «Gott streitet (für uns)» oder «Gott herrscht» oder «Gott möge herrschen» (48). Eine ganz andere Deutung stammt von Graves-Ranke. Nach ihm bedeutet Israel «Rachels Mann» (49) - ein Ansatz, den ich hier weiterverfolge. So bedeutet Raḫel «Mutterschaf». Und über sie steht in wikipedia:

Noth vermutet, dass die Kinder Rachels durch ihren Namen als Schafzüchter gekennzeichnet werden sollen (50).

Und weiter: Raḫel gilt als Stammmutter der Stämme Ephraim, Manasse und Benjamin. Das sind genau die Gebiete, in denen sich die Kultorte von AARON BERITH JHWH oder Arinna Ḫepat Baalat befanden: in Ephraim Silo und Bethel, in Manasse Sichem und in Benjamin Jerusalem. In unserem Text I. Samuel 4 fand ein Kampf zwischen Israeliten und Philister im Stammesgebiet Ephraims statt. Die Gruppe, die der Redaktor «Israeliten» nennt, dürften vor allem aus diesem Gebiet stammen. Aber es ist auch von einem namenlosen Benjaminit die Rede, der dem Priester Eli in Silo die Nachricht von der israelitischen Niederlage überbrachte. Dass er nicht der einzige Benjaminit in der Schlacht war, darf man voraussetzen. Welche Stämme sonst noch mitgekämpft haben, ist aus dem Text nicht ersichtlich.

Die Israeliten gelten allgemein als Schafhirten. Der Prophet Ezechiel gibt an:

So spricht Gott der HERR zu Jerusalem: Deiner Herkunft und Geburt nach stammst du aus dem Lande der Kanaanäer: dein Vater war ein Amoriter und deine Mutter eine Hethiterin (Ezechiel 16,3.45).

Die Amoriter stammten aus Syrien und waren Kleinviehnomaden, anfangs des 2. Jahrtausend v. Chr. gründeten sie Dynastien in Aleppo, Qatna, Mari, Babylon und Assur. Im frühen 14. Jahrhundert v. Chr. bildeten die Amurriter den Kleinstaat Amurru, der dann von einem «kriminellen Hapiru» (51) namens Abdi-Ashirta, wohl ein Hurriter, erobert wurde. – Der Prophet Ezechiel bestätigt, dass es auch in Kanaan in frühen Zeiten Hethiter und Amoriter gegeben hat. Dann beschreibt er den Zustand der «Hethiterin»:

Und was deine Geburt betrifft, so wurde dir an dem Tage, als du zur Welt kamst, weder die Nabelschnur abgeschnitten, noch wurdest du in einem Wasserbade rein gewaschen, noch mit Salz eingerieben und nicht in Windeln gewickelt; kein Auge blickte mitleidig auf dich hin, um dir irgendeinen derartigen Liebesdienst zu erweisen und sich deiner zu erbarmen; sondern du wurdest aufs freie Feld hingeworfen: so wenig machte man sich aus deinem Leben am Tage deiner Geburt (Ez. 16,4-5).

Was er hier beschreibt, dürfte das Elend der Migranten im 13. Und 12. Jh. v. Chr. widergeben, als die Schwachen und Schwächsten auf den Wegen zurückgelassen und gestorben sind. Doch nach Ezechiel hat sich Jahwe im Fall der «Hethiterin» erbarmt – also zu einer Zeit, als es noch gar keinen Jahwe gab.

Da kam ich an dir vorüber und sah dich in deinem Blut zappeln und sagte zu dir, als du in deinem Blut dalagst: Du sollst leben! Ja, ich sagte zu dir in deinem Blut: Bleibe leben und wachse heran wie die Grashalme auf der Flur! (Ez. 16,6-7).

Dieses Vorübergehen passt zu einer Sonnengottheit, wie ich es etwa auch im Aufsatz «der Schrecken der Verheissung» (I. Mose 18) beschrieben habe. Und die Sonnengottheit in der vorköniglichen Zeit war die Sonnengöttin von Arinna, die mit Ḫepat «Königin des Himmels» gleichgesetzt wurde – und kein männlicher Gott Jahwe, der erst in der Königszeit eine Rolle spielte.

Da meines Erachtens der Name Israel am ehesten auf die Stammmutter Raḫel zurückgeht, kann man sich dazu fragen, wie haben die vor Kälte und Hunger fliehenden Menschen auf ihrem Weg nach Ägypten gelebt? – Wie haben sie überlebt? Wie haben sie sich ernährt, wie gekleidet? Da gab es ja nichts, die Leute selber hatten nichts – ausser vielleicht einen Karren gezogen von einem oder zwei Ochsen. Vielleicht gab es auch Esel als Tragtiere, um Geschwächte, Kleinkinder und die wenigen Habseligkeiten zu transportieren. Um in dieser Situation zu überleben, bleiben meines Erachtens nur Schafe und Ziegen. Und dieses Kleinvieh dürfte es überall gegeben haben. Denn nehmen wir als Beispiel die Hethiter zu besseren Zeiten: Da wurden an einer Kultfeier mehrere Hundert Schafe geopfert – einige Autoren reden von tausend Schlachtopfer – D.h. da waren riesige Herden vorhanden. Nach Andreas Schachner vor allem männliche Tiere, die nach ihrem 2. Lebensjahr geschlachtet wurden. Als es im Hethiterreich aufgrund von Kälte und Dürre und daraus resultierende Hungersnot zu Aufständen kam, dürften ganze Schafherden den Besitzer (Tempel und das Königshaus) verloren haben. Sie wurden von Fliehenden eingesammelt und mitgenommen. Mit der Kleinviehherde gab es Fleisch, Milch (52) und Wolle, die Frauen zu Garn und Kleider verarbeiteten, sei es unterwegs oder an Aufenthaltsorten, wo die Leute etwas länger blieben. – Diese hypothetisch anmutende Annahme – aber dann bleibt die Frage offen: wie die Leute Kälte und Hunger überlebt haben - legt es nahe, dass sich Menschengruppen der Göttin der Schafe nahe fühlten, sie als ihre göttliche Mutter betrachten und sie entsprechend nannten etwa «Isch-Raḫel, רחל-יש, «Raḫel ist da» (53). Und da Raḫel als die Stammmutter der Stämme Ephraim, Manasse und Benjamin betrachtet wird, in denen im 13./12. Jahrhundert v. Chr. die Gottheit AARON JHWH verehrt wurde, liegt es nahe, Raḫel mit AARON JHWH zu identifizieren. So sahen sich die Menschen in der Zeit der Katastrophe nicht mehr als «Kälbchen» der Muttergöttin Arinna-Hepath, wie noch die Grosskönigin Puduḫepa, sondern als Schafherde der Muttergöttin Baalath Aaron-Hepath.

Noch etwas zum Schaf- und Ziegenfleisch. Dieses ist thermisch warm/heiss. Das heisst, solange Kälte herrscht, ist dieses Fleisch gut verträglich, doch bei wärmeren Klima kann es zu erhöhter Aggressivität führen.

Um aus רחל-יש, «Raḫel ist da» einen kriegslüsternen Gott zu machen, musste man nur aus Raḫel das het entfernen, dann hat man ein isra’el (Gott streitet). - Wie schnell das geht, zeigt das Neue Testament: die Frauen am Grab reden davon, dass Jesus auferstanden ist, während Petrus und Paulus, die beide in Mordfällen verwickelt waren (Apg. 5; I. Kor. 15,9), von Sühnetod Jesu reden und alles daran setzten, die Frauen zum Schweigen zu bringen. – Hauptsache die MÄNNER haben die MACHT, möglichst über «urbi et orbi» oder über die patriarchal geprägten Geisteswissenschaften - das nenne ich westlicher Taliban. Dahinter steht der Gott, wie ihn Salvador Dali aus tiefer jüdisch-katalanischer Seele in «weiche Konstruktion mit gekochten Bohnen» gemalt hat, dem ich aus meiner theologischen Sicht voll zustimmen kann.

6.3.3. Die Plage in der Wüste

Im Text I. Samuel 4 sagen die Philister aber noch etwas anderes:

Das sind die Götter, die Ägypten schlugen mit allerlei Plage in der Wüste. (V. 8) - אלה הם האלהים המכים

Nicht nur der alttestamentlichen Redaktor wusste sondern wir alle wissen es: Jahwe hat die Ägypter mitten in Ägypten – also am Nil - mit Plagen geschlagen. Hier (V. 8) steht aber «Wüste». Diese Wüste dürfte der Redaktor aus den Vorlagen beibehalten haben. Vielleicht dachte er, dass Ägypten vor der alljährlichen grossen Überschwemmung jeweils eine Wüste ist.

In Palästina hielt die erwähnte Klimakatastrophe bis 1100 v. Chr. an. Das heisst, Wüste war im Alten Orient überall, nur nicht in Ägypten, da der Nil das Wasser von Afrika bezog und nicht vom eisigen Norden. Was die Plagen betrifft, da dürfte in der Vorlage von einer Seuche die Rede sein, die mächtige ägyptische Götter ihren Feinden schickten, nämlich den Hethitern. Diese verschleppten im 14. Jh. v. Chr Personen aus dem Libanon nach Anatolien und damit auch die Seuche, die dieses Gebiet damals heimsuchte. Der alttestamentliche Redaktor nahm an, dass es sich hier um die Plagen handelt, die der mächtige Gott Jahwe den Ägyptern am Nil bereitet hatte, beliess aber «die Wüste» aus der Vorlage.

6.3.4. Die Philister

Das hethitische Grosskönigspaar Ḫattušili III.-Puduḫepa schlossen im Jahr 1259 v. Chr. mit dem ägyptischen Pharao Ramses II den ersten völkerrechtlichen Vertrag. Von da an gab es keinen grossen Feind mehr, die Armeen wurden verkleinert, die Söldner entlassen. Die gleichzeitig einsetzenden Kälteeperiode und die Erdbeben brachten die Grossreiche an den Rand des Ruins, Solde konnten nicht mehr bezahlt werden, sodass ganze Truppen davonliefen und sich gegen die Armeen organisierten. Die entlassene Heere der untergehenden Handelsmächten schlossen sich zu Verbänden zusammen und kamen auf Schiffen vom Meer her und überflielen und plünderten die reichen Länder und Städte entlang der Mittelmeerküste. Sie hatten Stützpunkte etwa in Kreta wie Krzysztof Nowicki (54) zeigt oder ein Hauptlager in Libanon. – Dass es sich um Söldner aus den grossen Armeen handeln, zeigen ihre Ausrüstung. Leichte Lederbekleidung mit Speere und Dolche. Der je nach Zugehörigkeit geschmückter Helm diente wohl eher als Kopfschmuck oder als Identitätszeichen und weniger zum Schutz. Begegneten sie auf feindliche Streitwagen, traffen sie mit ihre Lanzen das Pferd, der Wagen kippte und die Fahrer in ihren schweren Rüstungen mussten sich ihnen im Zweikampf stellen und waren entsprechend unterlegen (55). Zur grossen Seeschlacht kam es unter Ramses III. Er realisierte, dass die Seevölker zwar vom Meer her kamen, aber grundsätzlich nur auf dem Land kämpften. In der Seeschlacht besiegte er die Seevölker und stationierte sie entlang der levantischen Küste, um die Handelsrouten zwischen Ägypten und Syrien zu sichern.

Dass Angehörige der Seevölker nun die wichtigsten Handelsrouten zwischen Ägypten und Syrien im Interesse der Ägypter bewachten, weist darauf hin, dass man sie sehr wohl kannte und ihre militärische Erfahrungen schätzte und auf ihre Loyalität vertraute. Auch ist umstritten, ob es die Seeschlacht im Nildelta in dieser Dimension überhaupt gegeben hatte, oder bloss Propaganda des wenig beliebten Ramses III. war. Auch war es ägyptische Tradition, Kinder besiegter Fürsten nach Ägypten an den Hof zu bringen, um ihnen dort eine ägypterfreundliche Erziehung zu gewähren. Erwachsen gewordene Geissel wurden wieder in ihr Land geschickt, damit sie im Interesse Ägyptens regierten (56). Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr. kam es auch zum Austausch junger Adliger an den königlichen Höfen, so waren nach Francis Breyer ägyptische Prinzen am Hof in Ḫattuša und hethitische Prinzen an ägyptischen Höfen. Dies dürfte auch mit anderen Königshäusern gepflegt worden sein, etwa mit Kreta, von wo die Philister nach dem Propheten Amos (Am. 9,7) kamen. Von daher ist für mich verstehbar, weshalb Pharao Ramses III. Philister(fürsten) entlang der wichtigen Handelsrouten Ägypten-Syrien stationieren liess (57), um die Gegend vor Überfällen zu schützen: er kannte ihren Werdegang, und mit Verträgen und Zusicherungen konnten sich die beiden Parteien einigen.

- Fortsetzung folgt -

Literaturhinweise:

  1. Volkert Haas, «Hethiter» in «Religionen des Alten Orients», S. 227
  2. Zobel, ThWAT I, «Aaron»
  3. Othmar Keel, «Jerusalem und der eine Gott», S. 13
  4. «Harran» in wikipedia, 15.06.2021; «Sin» in wikipedia, 17.07.2019
  5. «Sinai» in wikipedia, 31.03.2021
  6. Renate Jost, «Isebel» in «bibelwissenschaft.de»
  7. Ägyptische Darstellung eines Philisters aus «bibelwissenschaft.de»
  8. Hebräisches und aramäisches Wörterbuch zum Alten Testament, Hrs. Georg Fohrer, 1971, S. 211
  9. Hebräisches und aramäisches Wörterbuch zum Alten Testament, Hrs. Georg Fohrer, 1971, S. 20
  10. Fritz Stolz, Das erste und zweite Buch Samuel, S. 214
  11. Anm. 19: Vgl. L. Rost, Die Überlieferung von der Thronnachfolge Davids (1926), Das kleine Credo (1965) 152.155ff.; G. v. Rad, Zelt und Lade (1931); Ges. St. 115.127
  12. Jörg Jeremias, «Lade und Zion» in «Probleme biblischer Theologie» (FS G. vRad), Herausgeber Hans Walter Wolff (Hg.), 1971, S. 185.183-196
  13. Andreas Angerstorfer, Hofni und Pinhas in bibelwissenschaft.de, Jan. 2007
  14. Eric H. Cline, «1177 v. Chr. – Der erste Untergang der Zivilisation», S. 202ff. Altertum, Ende der Bronzezeit, Video 10-12:16 min.
  15. Eric H. Cline, «1177 v. Chr.», S. 190.202
  16. Die Zahl 4’000 + 30’000 Tote dürfen der Phantasie des Redaktors entsprungen sein. Über die Grösse eines Heeres vgl. Francis Breyer, «Ägypten und Anatolien», S. 130
  17. Über das Strafgericht vgl. Odil Hannes Steck, «Israel und das gewaltsame Geschick der Propheten»
  18. «Fest steht dein Thron (כסא) von uran» (Psalm 93,2) in Jörg Jeremias, «Das Königtum Gottes in den Psalmen», S. 14
  19. «Kirjat-Jearim» in wikipedia, 30.03.2021
  20. Erasmus Gass, «Kirjat-Jearim» in «bibelwissenschaft.de», Oktober 2017
  21. Peter von der Veen in Video «Israel in Ägypten und Kanaan»; vgl. Peter van der Veen, Uwe Zerbst, «Volk ohne Ahnen?», S. 19: Als Beispiel nimmt der Autor eine deutsche Stadt, die die Römer «Colonia Claudia Ara Agrippinensum» nannten. Heute kennen nur wenige diesen Ort, aber wenn man «Köln» sagt, ist alles klar. Trotzdem ist das heutige Köln nicht mehr dieselbe Stadt wie zur Zeit der Römer.
  22. H. H. Schmid, «ארץ, ‘araeš, Erde, Land», THAT I, Spalte 228
  23. w (ו) deutsch «und; auch; sogar; oder» in Samuel Arnet, «Wortschatz der Hebräischen Bibel», S. 50
  24. Etwa Zürcher Bibel, Luther Bibel, Elberfelder Bibel
  25. Neue evangelische Übersetzung
  26. wie etwa I. Sam. 6,1.2.8.11.15.18.19.21; 7,1; II. Samuel 6,9.10.11.13.15.17 oder «Lade Gottes II. Sam. 6,2.3.4.6.12; I. Chronik 13,5,6.7.12.14. «Die Lade unseres Gottes» I. Chronik 13,3. «Die Lade Gottes des Herrn» I. Chronik 13,6
  27. «Hebräer» in wikipedia, 04.06.2021
  28. Peter van der Veen, «I Samuel and the Ḫabiru-Problem», 1989, aus «academia.edu»
  29. Cahit Günbatti, «assyrische Kaufleute und anatolische Fürsten» in CDOG 6, S. 128
  30. Vgl. Steven Pinker, «Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit»
  31. in Terra X, «Klima macht Geschichte», Teil 1, 38 min.; Eric H. Cline, 1177 v. Chr., S. 211
  32. Emily Teeter «Ende der Bronzezeit» aus «Terra-X, 16:59min. Dominik Fleitmann «Klima macht Geschichte» in Terra-X, 36:21 min; Mark Maslin, «Klima macht Geschichte» (1/2) in Terra-X, 39 min.
  33. Eric H. Cline, «1177 v. Chr. – Der erste Untergang der Zivilisation», S. 228f
  34. «Špš arn» ugarithisch für «Sonnengöttin von Arinna in Thomas Podella, «das Lichtkleid JHWHs», S. 153
  35. HWWH/ HAWJA in Claus Westermann, «Genesis, Kapitel 1-11», Biblischer Kommentar Altes Testament, Bd. I, S. 364f.
  36. Ḫalab heute Aleppo. «Ḫepat» oder «Ḫebat» in wikipedia, 24.06.2016
  37. Catalog der Texte der Hethiter 384.1 übersetzt von Elisabeth Rieken, in «hethport.uni-wuerzburg.de». Dieses Gebet finden Sie nicht in der Dunkelkammer des Intnernets sondern öffentlich, für alle einsehbar auf dem Hethiterportal der Universität Würzburg. Die frei zugänglichen Texte wurden von Elisabeth Rieken und Susanne Görke übersetzt.
  38. Christa Mulack, «die Weiblichkeit Gottes», S. 146
  39. Martin Rose, «Jahwe – Zum Streit um den alttestamentlichen Gottesnamen», Theologische Studien, Band 122, 1978, S. 25, S. 33.39
  40. Volkert Haas, «Geschichte der hethitischen Religion, S. 383
  41. Claus Westermann, «Genesis, Kapitel 1-11» Biblischer Kommentar Altes Testament, S. 364f
  42. Jan Heller, «Der Name Eva» in Archiv Orientalni 26, 1958
  43. Unterschiedlich geschrieben, so etwa hebath, Cheba(t), Chepa(t); über die verschiedenen Einflüsse altorientalischer Sprachen vgl. Über sprachliche Merkmale vgl. Clinton John Moyer, «Literary and Linguistic Studies in Sefer Bil’am (Number 22-24)» aus «academia.edu»
  44. Othmar Keel, «Gott weiblich?», S. 16
  45. Claus Westermann, «Genesis, Kapitel 1-11» Biblischer Kommentar Altes Testament, S. 36
  46. vgl. Psalm 93 bei Jörg Jeremias, «Das Königtum Jahwes in den Psalmen»
  47. «Israel Stele» in wikipedia, 25.06.2021
  48. «Israel (Name)» in wikipedia, 28.04.2021
  49. Robert von Ranke-Graves, «Die weisse Göttin», S. 185 Anmerkung *, 1985, Rowohlt-Tb
  50. Rachel (Bibel) in wikipedia, 27.07.2021
  51. Trevor Bryce, «The Kingdom of the Hittites»
  52. Ziegenmilch machen Kinder widerstandsfähiger als Kuhmilch
  53. יש «es ist vorhanden; es gibt» in Samuel Arnet, «Wortschatz der Hebräischen Bibel», S 72
  54. Krzysztof Nowicki, «Altertum (Ende der Bronzezeit)» in Terra-X, 5:44ff. min
  55. so wie die Schweizer im 13. Jh. nach Chr. mit ihren Hellebarden in der Schlacht von Morgarten gegen die Habsburgern und ihren Verbündeten in Eisenrüstungen auf den Pferden
  56. vgl. Film «Schlacht bei Megiddo», 43min.: Thutmose III. gegen den Fürsten von Kadeš mit seine Verbündete
  57. Heike Sternberg-El Hotabi, «Der Kampf der Seevölker gegen Pharao Ramses III.», S. 52f

Text und Design: Esther Keller-Stocker, 25.08.2021

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