AUFSÄTZE ZU EINER GANZHEITLICHEN THEOLOGIE

Esther Keller-Stocker

Die Göttin hinter der
biblischen Bundeslande

Kapitel 4 - in Bearbeitung

¦ << < 1 2 3 4 5 > >> ¦

Die Pest von Arnold Böcklin

4. Erster Samuel 4-6

Die Berichte im Alten Testament, wie sie uns in I. Mose bis II. Könige vorliegen, gehen auf die babylonische Exilszeit zurück, sie sind also zwischen 597 bis 539 v. Chr niedergeschrieben worden. Teile davon sogar noch später. In diesen Berichten sind Namen, Erzählungen und Chronologien aus früheren Zeiten enthalten. Aber was historisch in der Vergangenheit war, wurde durch die zahlreichen exilischen Redaktoren neu geschrieben und ist heute nicht ohne weiteres auszumachen. Denn die Autoren des 6. bis 2. Jh. v. Chr. gestalteten alte Erzählungen nach eigenen Interessen und Ideologien um.

Heute wird für die Anfänge der Israeliten ein zwölfstämmiger Bund vorausgesetzt, der von einem tragbaren Heiligtum geeint war (um 1100 v. Chr.). Im uns vorliegenden Text heisst dieses tragbare Heiligtum «Aaron» (Lade). Wie das Heiligtum damals ausgesehen hat, weiss man heute nicht. Aufgrund des Wortes «Aaron» und den historischen Schlüsselereignissen zwischen dem 1400 und 1100 Jahrhundert v. Chr. kommt für mich nur eine Gottheit in Frage, die hethitische Sonnengöttin von Arinna. Sie dürfte als Standarte einer geflügelten Sonnenscheibe in Prozessionen mitgetragen worden sein.

4.1. Erster Samuel 4

4.1. Erster Samuel 4,1-11

Der Text wird eingeleitet mit:

Und Samuels Wort erging an ganz Israel (V. 1)

Samuel war der junge Priester im Aaron-Tempels in Silo (I. Sam. 1-3). Was er hier sagte, wird nicht erwähnt, und in der laufenden Erzählung kommt er nicht mehr vor. Er dürfte hier den Übergang der ersten 3 Kapiteln zum Krieg Israels gegen die Philister darstellen.

In I. Samuel 4,1-11 rücken die Israeliten gegen die Philister vor.

philister

Diese kamen ihnen in Schlachtordnungen aufgestellt entgegen und töteten 4000 Mann. Da die Israeliten zu verlieren drohten, holten sie «die Lade des Bundes» aus Silo, damit die Gottheit unter ihnen ist:

Und das Volk sandte nach Schilo, und man nahm von dort die Lade des Bundes des HERRN der Heerscharen, der über den Kerubim thront. (V. 4a).

Ägyptische Darstellung eines Philisters (1)

Während in V. 3 noch von der «Lade des Bundes» die Rede ist, wird sie hier als «Lade des Bundes Jahwes der Heerscharen, der über den Kerubim thront» bezeichnet. Der Titel wurde von einem späteren Priester eingefügt (2).

Die Lade in Silo wird von den Söhnen Elis, Chofni und Pinechas, bewacht. Die beiden Brüder sind schon aus den vorangehenden Kapiteln bekannt. Da betrogen sie das Volk bei den Opfergaben und schliefen mit den Frauen, die vor dem Tempel von Silo Dienst taten. Die Namen der beiden sind ägyptisch: Hophni bedeutet «Kaulquappe» und Pinhas «Nubier/Schwarzer». Andreas Angerstofer schreibt dazu:

Im Kontext der Erzählung sollen die ägyptischen Namen die beiden Brüder vielleicht von vornherein in negativem Licht erscheinen lassen. (3)

Offenbar brachten sie die Lade auf den Kampfplatz. Als die Lade im Kriegslager der Hebräer eintraf, jubelte das Volk so stark, dass die Erde bebte, und die Philister erfuhren entsetzt, dass «Gott in das Lager (der Israeliten) gekommen ist». - Trotz der Gegenwart der «Lade Gottes» (Aaron Elohim) verloren die Hebräer den Krieg. Es starben dreissig tausend Mann, darunter auch die Priester Hofni und Pinhas. Und die Lade Gottes (Aaron Elohim) nahmen die Philister als Beute mit.

Auffällig in diesem Text ist die Bezeichnungen von Aaron und den Göttern. Machen wir eine Auflistung:

Vers Gottesbezeichnung
 3a Jahwe
3b die Lade des Bundes Jahewes
4a die Lade des Bundes Jahwes der Heerscharen, der über den Kerubim thront
 4b die Lade des Bundes Gottes
 5 die Lade des Bundes Jahewes
 6 die Lade Jahewes
 7 Gott/Elohim ist gekommen (Sg.)
 8 Diese mächtigen Götter
 9 Das sind die Götter/Elohim (Plural)
11 Die Lade Gottes/Elohim (Singular)

In V. 7 wird Elohim (אלהים) singular als Gott verstanden. Doch dann heisst es in V. 8:

Wehe uns! Wer will uns erretten aus der Hand dieser mächtigen Götter?
מי יצילנו מיד האלהים האדירים האלה

Das sind die Götter, die Ägypten schlugen mit allerlei Plage in der Wüste.
אלה הם האלהים המכים

Im hebräischen Text sowie in der Übersetzung der Luther Bibel, 2017 ist von «mächtigen Göttern» (plural) die Rede und nicht von einem Gott. Demgegenüber übersetzt die Zürcher Bibel 2007 V. 8 mit «der mächtige Gott» und «der Gott, der Ägypten schlug», also im Singular, obwohl im hebräischen Original ausdrücklich von mehreren Göttern die Rede ist.

Das Motiv vom verlorenen Krieg ist für das babylonische Exil (6. Jh. v. Chr.) relevant: Die Israeliten hatten den Kampf gegen die Assyrer und die Neu-Babyloniern verloren. Doch Jahwe wird letztlich siegen, denn er ist Gott. In «die Lade des Bundes Jahwes der Heerscharen, der über den Kerubim thront» ist Gott nicht allein, sondern wird von seiner himmlischen Heerscharen begleitet. Dabei wird das Augenmerk von der Lade weg auf die Keruben gerichtet: Der Gott Jahwe thront über den Keruben. Er lässt also die Keruben und die Lade unter sich. - Aber trotz dem pompösen Titel Jahwes steht Aaron am Anfang, Aaron ist das Nomen, Jahwe ist bloss Genitivattribut, eigentlich bloss das Genitiv des Genitivs:

ארון ברית־יהוה צבאות ישב הכרבים

Die Lade des Bundes Jahwes der Heerscharen

Ketzerinnen mögen sich nun fragen, wer genau thront über den Keruben? Aaron oder Jahwe? Denn das Partizip ישב richtet sich normalerweise am Nomen, also an Aaron. Und gehören die Heerscharen (Zebaoth) nicht ebenfalls zum Nomen, zu Aaron? – Am Anfang Aaron oder die «Arinna» und dann folgen die anderen Götter wie im hethitisch-hurritischen Vertrag, den wir im letzten Kapitel behandelt haben. - Im Verständnis Jahwe treuen Theologen soll der pompöse Titel jedoch jeden Zweifel an ihren Gott vom Tisch fegen.

4.1.2. Erster Samuel 4,12-22

In diesem Abschnitt kam ein Mann aus Benjamin von der Schlacht nach Schilo, um die schreckliche Botschaft von der Niederlage Israels zu überbringen. Das Volk schrie auf. In dieser Zeit sass der uralte Priester Eli auf dem Stuhl und hielt Ausschau auf den Weg, denn sein Herz war voll Angst um die Lade. Als er die Nachricht erfuhr, auch dass seine Söhne getötet und die Lade geraubt wurde, fiel der 98-jährige rücklings vom Stuhl und starb. Die schwangere Schwiegertochter erlitt eine Fehlgeburt und nannte den Knaben I-Kabod («die Herrlichkeit ist weggeführt aus Israel»). Dies begründet sie:

Und sie sprach: Die Herrlichkeit wurde weggeführt aus Israel, denn die Lade Gottes ist genommen worden. (V. 22)

Was mir auffallen bei diesem Text auffällt, sind drei Dinge:

Erstens: Die Lade wird in diesem Abschnitt stets als Aaron Elohim bezeichnet. Der Name Jahwe kommt nicht vor, und der Begriff Elohim hat es in sich. Elohim wird im Alten Testament normalerweise als «Gott» übersetzt, etwa «Jahwe Elohim» in der Vorstellung, dass Jahwe die früheren Götter vereint. Ganz besonders kommt die Idee in II. Mose 3 zum Ausdruck:

Dann sprach er: Ich bin der Gott deines Vaters,
der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs (V. 6)

Der Gott dieser drei Erzväter war El und noch mehr «El Schaddaj» «Gott der Mutterbrüste». - Darüber später ein eigener Artikel

In I. Sam. 4,7-8 wird - Wie wir gesehen haben, - «Elohim» ausdrücklich als «Götter» verstanden. Und in I. Sam. 4-12-22 ist der Name Jahwe ganz ausgelassen, so dass Aaron enger an die von den Philistern gefürchteten Götter rückt.

Elohim (אֱלֹהִים) an sich ist ein sehr umstrittener Begriff. Er ist die Pluralform von Eloah (אֱלוֹהַּ, אֱלֹהַּ) und erscheint – wie dem Autor in wikipedia schreibt - in der Bibel meistens im Singular im Sinne von «Gott», nur wenn von (anderen) Göttern die Rede ist, im Plural. Mir scheint aber, das Eloah die weibliche Form von Gott sein müsste und demnach Eloah-im, Eloah mit männlicher Plural-Endung, auf eine weibliche Gottheit zurückgeht, die sekundär zu männlichen Göttern wurde. Dies bestätigt W. H. Schmidt (4), wenn er im Kleingedruckten in Erwägung zieht:

Zur Stütze kann man – wegen der unsicheren Textlage nur mit Vorbehalt – auf das Ug. verweisen, in dem der Plur. von ilt «Göttin» ilht zu sein scheint und sich neben dem Plur. masc. Ilm möglicherweise auch ilhm findet

Der Autor geht davon aus, das Eloah eine spätere Wurzelerweiterung von El ist.

... gleich geht's weiter! ....

I. Samuel 5

Die Philister nahmen die Lade als Beute mit nach Aschdod (I. Sam. 5), und stellte sie im Tempel neben Gott Dagon. Am anderen Morgen lag Dagon mit seinem Gesicht auf der Erde vor Aaron. Die Philister stellten die beiden Gottheiten wieder nebeneinander, doch am anderen Morgen lag Dagon mit abgeschlagenem Kopf und ohne Händen auf der unteren Schwelle. Nun brach auch in der Stadt und der Umgebung eine Seuche aus. Unter Beratung der Fürsten brachten sie Aaron nach Gat. Aber auch hier brach die Pest aus und wollten Aaron nach Ekron bringen. Doch die Leute dort weigerten sich und schlugen vor, sie zurück zu den Israeliten zu schicken. Trotzdem blieben sie von der Hand Gottes nicht

Pentapolis der Philister

Pentapolis der Philister aus wikimedia.org

In I. Samuel 6 rieten die Priester und Wahrsager:

Da sagten sie: Wenn ihr die Lade des Gottes Israels wegschickt, so schickt sie nicht leer, denn ihr müsst ihm eine Sühnegabe entrichten. Dann werdet ihr gesund, und es wird euch kundgetan werden, warum seine Hand nicht von euch weicht.

Und sie sagten: Welche Sühnegabe sollen wir ihm entrichten?

Und sie sagten: Fünf goldene Geschwüre und fünf goldene Mäuse, nach der Anzahl der Stadtfürsten der Philister, denn euch alle und eure Stadtfürsten trifft dieselbe Plage.

Und ihr sollt von euren Geschwüren und euren Mäusen, die das Land verderben, Abbilder anfertigen. Und ihr sollt dem Gott Israels die Ehre geben, vielleicht lässt er seine Hand leichter werden auf euch, auf eurem Gott und auf eurem Land. (I. Sam. 6,3-5).

Dann beschreiben die Priester und Wahrsager, wie der Transport von Aaron vonstattengehen soll:

Und nun macht einen neuen Wagen und nehmt zwei Kühe, Muttertiere, auf die noch kein Joch gekommen ist, und spannt die Kühe vor den Wagen. Ihre Kälber aber sollt ihr von ihnen weg zum Haus zurücktreiben. Und ihr sollt die Lade des HERRN nehmen und sie auf den Wagen stellen, und die Dinge aus Gold, die ihr ihm als Sühnegabe entrichtet, sollt ihr in die Satteltasche an ihrer Seite legen. So sollt ihr sie wegschicken, dann wird sie fortziehen. (I. Sam. 6,7f.)

Göttin zwischen zwei säugenden Kühe

Göttin zwischen zwei säugenden Kühe.
Über den Kühen befindet sich je eine Taube, erworben in Jerusalem aus Othmar Keel und Christoph Uehlinger, «Göttinnen, Götter und Gottessymbole», Abb. 165a.b.c, S. 160f.

Hämatitkonoiden

Zwei Hämatitkonoiden aus Achsib und Lachis (Abb. 168b.c. Dazu schreiben die Autoren: Sichel und Scheibe können in der anatolischen und nordsyrischen Glyptik seit der MB II A (der geflügelten Sonne vergleichbar) für den Himmel stehen aus Othmar Keel und Christoph Uehlinger, «Göttinnen, Götter und Gottessymbole», S. 162f. StierSonne

Abb. 185a Diesen Stempel stammt aus Grab 1 von Beth Semes. Aus Othmar Keel und Christoph Uehlinger, «Göttinnen, Götter und Gottessymbole», S. 179f. Die Autoren wollen ihn dem Baal-Kult zuweisen. Doch die geflügelte Sonnenscheibe weist auf Šamaš, der auch die Sonnengöttin von Arinna meinen kann

.... gleich geht's weiter

Literaturhinweise

  1. Ägyptische Darstellung eines Philisters aus «bibelwissenschaft.de»
  2. Fritz Stolz, Strukturen und Figuren im Kult von Jerusalem. Einige Exegeten gehen davon aus, dass Jahwe und «Lade» ursprünglich identisch gewesen seien, doch die Lade heißt „Aaron“ und ist als eigenständige Größe zu betrachten, z.B. E. Kutsch, RGG IV, Sp. 198, "Lade Jahves“.
  3. Andreas Angerstorfer, Hofni und Pinhas in bibelwissenschaft.de,
    Jan. 2007
  4. W. H. Schmidt «Elohim» in THAT, Spalte 153

Bildnachweis

  • Arnold Böcklin, Die Pest in Kunstmuseum Basel aus wikimedia.org

¦ << < 1 2 3 4 5 > >> ¦