DIE GÖTTIN HINTER DER BUNDESLADE

von Esther Keller-Stocker

Teil 4: Lade und Sexualität

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Deckenfresko in der Pfarrkirche Menzingen: Ussa stirbt Bundeslade

Kapitel 4: Lade und Sexualität

4.1. Symbolik der Bundeslade

In 1. Samuel 6 wird «Aaron Jahwes» auf einen Karren geladen und von zwei Mutterkühe gezogen. An der Grenze wurden diese samt dem Wagen der Gottheit «Aaron Jahwes» geopfert (V. 1-15). Bereits Ewald Roellenbleck wies darauf hin, dass sich kein männlicher Gott von säugenden Kühen ziehen lässt (1), also musste die Lade eine Göttin gewesen sein. Julian Morgenstern und Thomas Staubli vergleichen die Lade mit einer arabischen Qubbe. Das war ein kleines Zelt auf dem Rücken eines Kamels. Es barg zwei Steine, die die beiden Göttinnen Al-Uzza und Al Lat versinnbildlichten (2). Göttinnen

Ewald Roellenbleck wies darauf hin, dass die Gestalt der Lade als nach oben geöffneter Kasten eine stilisierte Ackerfurche darstellt, eine weibliche Vagina also, wie sie uns in zahlreichen Göttinnen-Darstellungen aus der Bronzezeit überliefert sind (3).

Othmar Keel, Christoph Uehlinger «Göttinnen, Götter und Gottessymbole», S. 229

In der differenzierten Darstellung des Archetyps der Grossen Mutter von Erich Neumann gehört die Lade zu deren «Gefässcharakter» mit dem Motiv «Tod und Wiedergeburt» (4). Diese Symbolik der Grossen Mutter beinhaltet räumliche Objekte wie Kiste, Schiff, Stadt, Haus, Korb, aber auch Erde, Himmel, Land, Meer, Unterwelt. Die Lade repräsentiert demnach den mütterlichen Urschloss, welcher die Welt gebiert und sie wieder verschlingt. Die mit dieser Symbolik gegebene numinose Dynamik wird in den Aspekten Fruchtbarkeit und Destruktion entfaltet. Dabei erscheint die Göttin in ihrem Liebes- und Kriegsaspekt (5).

Die Symbolik der «Spalte, Furche, Vagina» wie sie die Lade repräsentiert, kommt in älteren Texten des Alten Testament häufig vor, z.B. unter dem Begriff päräz (Riss): So gebiert Thamar zuerst Perez (Riss), dann Serah (Sonnenaufgang; I. Mose 38,29). Da Serah «Sonnenaufgang» bedeutet, handelt es sich hier um eine Geburt eines Sonnenhelden - eine Mythologie, die von den späteren biblischen Redaktoren als Familiengeschichte gestaltet wurde.

4.2. II. Samuel 6,5-7

Eine aggressive patriarchale Note erhält der Text in II. Samuel 6,8. Da heisst es:

Und David und das ganze Haus Israel tanzten vor dem HERRN, mit verschiedenen Hölzern vom Wacholder, mit Leiern, mit Harfen und Pauken, mit Rasseln und mit Zimbeln.Dann aber kamen sie zur Tenne des Nachon, und Ussa griff nach der Lade Gottes und hielt sie fest, denn die Rinder hatten sich losgerissen. Da entbrannte der Zorn des Jahwes über Ussa, und dort schlug ihn Gott dieser Vermessenheit wegen, und er starb dort bei der Lade Gottes. Und David war zornig darüber, dass Jahwe mit dem Tod des Ussa eine Lücke gerissen hatte, und man nennt jenen Ort Perez-Ussa bis auf den heutigen Tag. Und an jenem Tag fürchtete sich David vor dem Jahwe und sagte: Wie soll die Lade des Jahwe zu mir kommen? Und David war zornig darüber, dass der Jahwe mit dem Tod des Ussa eine Lücke gerissen hatte, und man nennt jenen Ort Perez-Ussa bis auf den heutigen Tag (II. Sam. 6,5-7).

Der Tod des Ussa wird von David ausdrücklich als «Riss (prz) Jahwe» betrauert. Jahwe in Gestalt eines Gewittergottes reisst eine Lücke, eine Spalte, einen Riss, in dem er Ussa tötet. Die Vorstellung erinnert an einen kultischen Akt des Aufreissens der Erde, an ein kultisches Pflügen, und Ussas Sterben als Opfer dieser Zeremonie. Als kultische Prozession der Befruchtung der Erde durch den Gewittergott passt auch das nackte Tanzen Davids, als die Lade nach Jerusalem hinauf gebracht wurde (6).

4.2. Richter 19f.

Ein weiteres Opfer kommt in Richter 19 vor: In Gibea in Benjamin übernachtete ein Levit mit seiner «Nebenfrau». Da kamen «böse Männer» und forderten den Leviten heraus. Dieser weigerte sich und warf stattdessen seine «Nebenfrau» aus dem Haus. Die Frau wurde in jener Nacht von den Männern zu Tode vergewaltigt. Als der Levit am anderen Morgen abreisen wollte, lag sie auf der Türschwelle. Er sagte:

«Steh auf, lass uns gehen. Aber niemand antwortete».

Sie war tot. «Steh auf!» gilt im Alten Testament sonst als Schlachtruf, hier macht der Satz aber einen unglaublich brutalen, verachtenden Eindruck. Als der Levit merkte, dass die Frau tot war, ging er nach Hause und teilte sie in 12 Stücke. Die zwölf Teile liess er den verbündeten Stämmen zukommen, jedem ein Stück. Die Stämme versammelten sich in Beth-El, wo die Gotteslade im Zelt stand, und zogen von da in den Krieg gegen die Benjaminiten (Ri. 20,26f.). Diese wurden vernichtend geschlagen:

Und die Männer Israels waren zurückgekehrt zu den Benjaminiten und schlugen sie mit der Schärfe des Schwertes, Menschen und Vieh, alles, was sich fand; sie setzten auch alle Städte in Brand, die sie vorfanden (Ri. 19,48).

Nur die Mädchen wurden nicht getötet, weil die Krieger sie als Frauen benutzten (Ri. 21,12).

Wie in II. Samuel 6 ist auch hier (Ri. 19f.) von einem Opfer und von der Gotteslade die Rede, aber auch von «Spalten in zwölf Teile» anstelle vom «Riss». Statt dem «Zorn Jahwes» (II. Sam. 6) ist hier von männlicher Sexualität die Rede, von rauschhafter Gier, die einem weiblichen Opfer das Leben kostete.

Auffallend ist, dass die getötete Frau im Text durchgehend als «Nebenfrau» des Leviten bezeichnet wird und in zwölf Teile geschnitten wurde. - Das lässt aufhorchen: Zwölf Teile erinnern an die Sonnensymbolik der «Bundeslade», erinnert an die «Sonnengöttin von Arinna». Andererseits werden Frauen, die den biblischen Redaktoren nicht passen, abgewertet. So nehme ich an, dass es sich bei der «Nebenfrau» und eine wichtige Persönlichkeit handelte, etwa um eine Priesterin der Sonnengöttin.

Hyam Maccobi weist darauf hin, dass der Stamm Benjamin während der babylonischen Exilszeit verschwunden war (7). Wenn man bedenkt, dass diese Geschichten genau in jener Zeit redaktionell bearbeitet wurden, dürfte hier eine ursprüngliche Geschichte in eine Ätiologie zum Verschwinden des Stammes Benjamin redaktionell umgewandelt worden sein.

Nach Richter 20,27 soll die Lade in Bethel gestanden haben. Nach Renate Laut hat hier aber ein Heiligtum der Anat gestanden (8). Dies geht aus den Papyri von Elephantine hervor, wo von «Anat-Jahu», «Anat-Bethel» und «Aschim-Bethel» die Rede ist. «Anat» und «Aschim» werden von Eduard Meyer als die beiden Göttinnen, die zu Jahwe gehören, interpretiert (9). Bei der jüdischen Gemeinde auf Elephantine geht es um Nachfahren von Israeliten, die nach der Zerstörung des Nordreiches nach Ägypten ausgewandert sind.

In der späten Redaktion des Textes werden sie «Aaron», der «Bundeslade» zugeordnet. In der exilisch-nachexilischen Zeit, rund 800 bis 1000 Jahre nach den Kriegen des Hethiterkönigs Šuppiluliumas in Syrien wurde «Aaron» zum Sammelbegriff weiblicher Göttinnen in Kanaan.

4.3. IV. Mose 16

Ein anderer Begriff, der im Zusammenhang eines alten Ackerrituals vorkommt, ist «baqa» im Sinne von «sich spalten, sich öffnen», etwa in IV. Mose 16:

Als er aber alle diese Worte zu Ende geredet hatte,
spaltete sich der Ackerboden unter ihnen (V. 31).

In IV. Mose 16,31 drückt baka betont den verschlingende Aspekt des tellurischen Weiblichen aus: Ursprünglich ging es wohl um ein Ritual der Erdgöttin mit Räucherpfannen und Feuer, in der jetzigen Version um göttliche Bestrafung (V. 2): In der Erzählung treten Männer gegen Mose und Aaron auf (V. 3). Aaron ist hier keine Göttin mehr sondern Bruder Mose und erster Hohepriester (10). Die Gegner Mose werden als Aufwiegler bestraft. Jahwe selber fordert für sie die Todesstrafe:

Wenn aber der HERR Unerhörtes schafft und der Ackerboden seinen Mund aufsperrt und sie verschlingt mit allem, was ihnen gehört, und sie lebendig hinabfahren ins Totenreich, werdet ihr erkennen, dass diese Männer den HERRN verachtet haben. Als er aber alle diese Worte zu Ende geredet hatte, spaltete sich der Ackerboden unter ihnen. Und die Erde tat ihren Mund auf und verschlang sie und ihre Häuser und alle Menschen, die zu Korach gehörten, und ihre gesamte Habe (IV. Mose 16,30-32).

«Der Mund» steht hier im Motiv von «Tod und Wiedergeburt» und fällt in dieser Archaik zusammen mit der Vagina. Das Motiv ist auch in  Ägypten bekannt. So verschlingt am Abend die Göttin Nut/Hathor das «Boot des Res». Dieses durchläuft die Totenwelt, um am Morgen von der Himmelsgöttin wieder geboren zu werden (11). -  Im Text IV. Mose 16 kommt das Wiedergebortsmotiv im Motiv des «Zelteingangs» zum Ausdruck (12).

Im Text IV. Mose 16 tauchen einige Wörter auf, die zur Erdgöttin gehören und in der vorliegenden Erzählung neu interpretiert wurden, so «Eingang des Zeltes» (V. 18.19), «Erde» (Ha-Aräz הארץ, V. 32.33.34), Ackerboden (Ha-Adamah/האדמה, V. 30.31), Totenreich (V. 30.33) (10). «Herrlichkeit Jahwes» (V. 19) gilt als Synonym für die «Bundeslade» (13). - Bei den Hethitern gehörte diese Symbolik zum Nachtaspekt der Sonnengöttin von Arinna, zu Wurušemu «Mutter der Erde». Während der Nacht durchläuft sie wie in Ägypten der Sonnengott Re das Totenreich (14).

Während der Wüstenwanderung, wie sie in IV. Mose beschrieben wird, ist Aaron als «Lade des Bundes Jahwes» (IV. Mose 4,44) stete Begleiterin des Volkes. Sie repräsentiert die weibliche Sonne als Erdmutter, wie sie sowohl in Anatolien wie bei Semiten verehrt wurde (15). Auch im Text IV. Mose 16 kommt Aharon vor, diesmal nicht als «Lade», die die Israeliten begleiteten sondern als «Bruder Mose». Doch Symbolik weist auf die Göttin Aaron hinter der Lade (Aaron), die von den Priestern im fernen Babylon zum Hohepriester Aharon mutierte (16).

Zur Bestrafung der Aufwiegler «schafft» Jahwe, der Ewiger Macher «Unerhörtes» (V. 31). Es ist ein selbständiger Satz steht, auf den ein weiterer selbständige Satz folgt, «und der Ackerboden sperrt seinen Mund auf».

Wenn aber der HERR Unerhörtes schafft,
und der Ackerboden seinen Mund aufsperrt (V. 31) (17)

Ein Versuch, die Erdgöttin dem Jahwe unterzuordnen.

4.6. Die Qedešen und die Lade

4.6.1. Jeremia 3,16f.

Arinna

Die alttestamentliche Aaron wird von späteren Redaktoren als Kultgegenstand beschrieben, als Behälter der Zehn Gebote oder erhält einen Deckel über die Öffnung. Das sind Versuche, die Gottheit, die sich hinter der Lade verbirgt, zu entwerten. Offenbar war im Volk die Faszination für «Aaron» noch so gross (20), dass der Schriftprophet Jeremia oder ein späterer Redaktor ausrastete und schrieb:

Und wenn ihr euch in jenen Tagen mehrt und fruchtbar werdet im Land, Spruch Jahwes, wird man nicht mehr sagen: Die Lade des Bundes Jahwes! Und sie wird niemanden in den Sinn kommen, und man wird sie nicht vermissen und sie wird nicht wieder hergestellt werden. In jener Zeit wird man Jerusalem Thron Jahwes nennen. Und dort werden sich alle Nationen versammeln, beim Namen Jahwes, und dem Starrsinn ihres bösen Herzens werden sie nicht mehr folgen (Jer 3,16f.)

Hier ist die Lade «Aaron» als Göttin für die Fruchtbarkeit zuständig und soll nun endlich verschwinden. Sexualität in Beziehung zu Aaron ist auch an anderen Stellen belegt, etwa in I. Samuel 2,22 schlafen die Söhne des Priesters Eli mit den Frauen, die vor dem «Zelt der Begegnung» Dienst tun. Dieses Verhalten weist auf den Fruchtbarkeitskult hin, der von Schriftpropheten polemisiert wurde. Nach Mircea Eliade gehörte dieses Ritual zum integralen Bestandteil der Erneuerungs- und Neujahrkultes (21). Während und nach dem babylonischen Exil war diese Praxis aber für die Redaktoren des Alten Testaments unhaltbar: Es war böse in den Augen Jahwes.

Aber welchen Dienst taten die Frauen vor dem Tempel? Oder die Frauen mit den Spiegeln in II. Mose 38,8? Nach II. Kön. 23,6f. wohnten „Geweihte“ (Qadešim mask. Plur.) beim Tempel und Frauen woben btim (kultische Gewänder) für die Aschera. Die Kultbilder und die Häuser der Qedešen liess König Josia zerstören:

Er (Joschija) liess die Aschera aus dem Tempel JHWHs hinausschaffen und sie draussen vor Jerusalem im Kidrontal verbrennen und zu Staub zerstampfen und den Staub dann auf die Gräber der gemeinen Leute werfen.
Er riss die Wohnungen der Geweihten ein, die beim Tempel JHWHs waren, in denen die Frauen btim für die Aschera woben (22).

Thomas Staubli hält die Frauen, «die vor dem Eingang der Stiftshütte Dienst taten» (2. Mose 38,8) für «Hofdamen» einer ursprünglich weiblichen Gottheit, die im Zelt verehrt wurde, vergleichbar mit den Priesterinnen am Hathor-Heiligtum in Timna. Er vermutet in den Frauen «Wärterinnen des Heiligtums». – Da die Lade sich im Zelt der Begegnung befand, war sie demnach die erwähnte weibliche Gottheit. Das Zelt der Begegnung vergleicht er mit der arabischen Qubba, einem kleinen Zelt auf dem Kamel (23). Dazu schreibt er:

In Ex. 38,8 ist von diensttuenden Frauen am Eingang des Begegnungszeltes die Rede. Nimmt man eine Verehrung der Lade innerhalb dieses Zeltes an, so scheinen Frauen im alttestamentlicher Zeit eine bedeutsame Rolle im Zusammenhang mit der Lade gespielt zu haben, seien es nun Musikantinnen gewesen …., Tempelprostituierte (vgl. I. Sam. 2,22 M) oder einfach «Hofdamen» einer ursprünglich weiblichen Gottheit, die im Zelt verehrt wurde (vgl. die Hathor im Timna!), beziehungsweise Wärterinnen des Heiligtums (24).

In der Qubba befanden sich zwei Steine, welche die Göttinnen Al-Lat und Al-Ussa symbolisierten. In gleicher Weise dürften in der Lade zwei Steine gelegen haben. Und als uralte Göttinnen kämen da nur die Sonnengöttin von Arinna und die Himmelsgöttin Hepat in Frage. Die eine ist uns im Namen der Lade Ha-Aaron überliefert, die andere als Eva, «die Mutter alles Lebens» (I. Mose, 3,21).

An die «Frauen des Tempels» knüpft eine kathologische Tradition an, nach der soll Maria „den purpurne Vorhang im Tempel gesponnen haben». Doch Maria befasste sich bekanntlich nicht nur mit kultischen Tüchern sondern wurde von Gott geschwängert und zur «Gottesgebärerin». Sie ist als die «neuen Bundeslade» interpretiert (25).

4.6.2. Die Qedešen

Arinna

Das Allerheiligste des Jerusalemer Tempels, in der die Lade stand, heisst Kodesh Ha-Kodashim (קדש הקדשים, «das Heilige der Heiligtümer» (26). Zum Allerheiligsten gehörten geweihte Frauen und Männer, die mit Qedeŝen («qdŝ» «heilig») bezeichnet werden (27). Die Übersetzung von Qadešen in unseren Bibeln ist unterschiedlich. So werden sie in der Zürcher Bibel 2007 mit „Geweihte“ widergegeben:

Auch rottete er (König Jehoschafat) den Rest der Geweihten im Land aus, der übrig geblieben war aus der Zeit Asas, seines Vaters
(I. Kön. 22.47).

Bei «Geweihte» weiss man allerdings nicht, was damit gemeint ist. Die «Gute Nachricht Bibel» übersetzt «geweihte Männer und Frauen», denn wie in unseren westlichen Sprachen sind im Hebräischen mit der männlichen Form eines Wortes häufig Frauen mitgemeint. Im Zusammenhang mit den populären Ascheren, die es im Jerusalemer Tempel und im ganzen Land gab, gelten Qedešen als männliche «Kult-Prostituierte». So übersetzen die Luther und Elberfelder Bibeln Qedeŝen:

Und er brachte die Aschera aus dem Hause des HERRN hinaus vor Jerusalem an den Bach Kidron und verbrannte sie am Bach Kidron, zermahlte sie zu Staub und warf ihren Staub auf die Gräber des einfachen Volks. Und er brach ab die Häuser der Tempelhurer, die an dem Hause des HERRN waren, in denen die Frauen Gewänder für die Aschera wirkten. (Luther-Bibel 2017: II. Könige 23,6 vgl. auch I. Kön. 22,47).

Die «English Standard Version» übersetzt Qedešim mit «the male cult prostitutes» und «King James» Version»: «and the remnant of the sodomites» (I. Kön. 22,46). Mit «Sodomite» wird im Englischen «Analverkehr zwischen zwei Männern oder zwischen Mann und Frau» bezeichnet (28).

Christine Stark ist dem Begriff Qadešim nachgegangen und fasst am Anfang des Buches zusammen:

Bei den Stellen zu den männlichen Qedeschen ist gar keine Verknüpfung zu hurerischen Handlungen gegeben. Bei den weiblichen ist zwar eine Anlagerung der Hurerei-Vorwurfs festzustellen, dieser basiert jedoch auf dem metaphorischen Vergleich von erwünschtem Glauben mit hurerischem Treuebruch gegenüber JHWH (29).

Die Autorin kann zum Begriff Quedešen kann für Männer keinerlei sexuelle Kultpraktiken nachweisen, für Frauen schon. Doch diese hängt nicht mit dem Begriff «qdš» zusammen sondern mit dem Vorwurf Gottes gegen sein hurerisches Volk. D.h. im metaphorischen Vergleich ist Mann mit Gott gleichgesetzt (30), Frau Metapher für Untreue und Hurerei. gegenüber ihrem Ehemann und Gott. Damit wird sie zur Schattenträgerin von Gott und Mann, denn alles negative, das Gott und seine Theologen nicht an sich sehen wollen, projizieren sie auf Israel, «seine Frau». So ist zu bedenken, dass im Vorwurf gegen Israel als hurerisches Eheweib häufig soziale Ungerechtigkeit gemeint ist, bei der die Reichen die Armen ausnutzten. Darüber hinaus werden auch die Verehrung anderer Götter und Göttinnen sexuell diffamiert. - Für mich stellt sich da eine ethische Frage: Von Kind auf wurde mir eingeredet, dass sich die jüdische und später dann christliche Religion moralisch über «die anderen Religionen» erhoben habe. Wie ist aber diese moralische Überlegenheit zu vereinbaren, wenn metaphorisch, abstrakt oder sonst irgendwie der Schatten dieser Religion auf ein Frauenbild projiziert wird oder wenn andere Religionen und Völker mit den eigenen sexuellen Phantasien diffamiert werden, um die eigene Religion ideologisch über die anderen zu setzen?

Die sexuelle Praktiken, die es im Alten Testament dennoch gibt, ordnet Christine Stark der Volksreligion und der Hausfrömmigkeit zu. Sie sind auf Feiern beschränkt, die zu bestimmten Zeiten stattfanden, wo Tabus aufgebrochen und überschritten werden, etwa unserer Fasnacht vergleichbar. Auch gibt es Grauzonen zwischen Offizialkult und Privatfrömmigkeit, wenn private Äusserungen im öffentlichen Raum stattfinden. Als Beispiel nennt die Autorin Hannas privates Gebet im Tempel von Silo (1. Sam. 1,9f.), das eine öffentliche Kulthandlung nach sich zieht (z.B. 1. Sam. 1,24ff: Hanna löst ihr Gelübde ein) (31).

4.6.3. Verbot des Dirnenlohnes

Im Alten Testament gibt es ein klares Verbot an Israelitinnen und Israeliten, Qadešen zu sein (V. Mose 23,18).

Unter den Töchtern Israels soll es keine Geweihte und unter den Söhnen Israels soll es keinen Geweihten geben. V. Mose 23,18

Diesem Verbot folgt ein weiteres, das es verbietet, für ein Gelübde Dirnenlohn oder Hundegeld in den Tempel Jahwes zu bringen:

Du sollst keinen Dirnenlohn und kein Hundegeld in das Haus Jahwes, deines Gottes, bringen auf irgendein Gelübde hin, denn beides verabscheut Jahwe dein Gott. (V. 19)

V. 18 wird in 3. Person gehalten und V. 19 in 2. Person singular. Obwohl der stilistische Bruch der beiden Verse offensichtlich ist, werden die beiden Sätze zusammengelesen, d.h. die weiblichen Geweihten werden mit Dirnenlohn und die männlichen mit dem Hundegeld in Verbindung gebracht. Nach Christine Stark ist «Hundegeld» das Geld, das für einen Sklaven oder Untergebenen an den Tempel bezahlt werden soll und zwar für ein geleistetes Gelübde. - Sie zeigt auch, dass die beiden Versen sekundär in die vorliegende Versreihe eingefügt wurde. Nach ihr bleibt die Tätigkeit der Qedešen unklar und folgert, es handle sich um eine dem Jahweglauben unerwünschte Arbeit (32).

 Sonderbar ist aber, weshalb es ein solches Verbot überhaupt gibt, das ausdrücklich Hurerei unter Israelitinnen und «eine unerwünschte Arbeit» für Israeliten verbietet. Ein solches Verbot wurde doch nicht einfach in den luftleeren Raum ausgesprochen, sondern muss irgendwo fassbar sein? – So gibt es alte, vorexilische Texte, die später durch die veränderten Moralvorstellungen der Autoren und Redaktoren aus dem Exil bearbeitet wurden, aber deren ursprünglichen Sinn noch zu greifen sind, auch ohne den Begriff «Qedešen» zu gebrauchen, etwa wenn David nackt vor der Lade tanzt - immerhin hatte er ein Küchenschürzchen an (II. Sam. 6), oder Eli Hanna einen Sohn «verheisst» (I. Sam. 1-3).

4.7. Die Rückkehr aus dem Exil

Zu den Rückkehrern aus der babylonischen Gefangenschaft schreibt Barbara Schmitz in ihrem Buch «Geschichte Israels»: Die anfangs des 6. Jahrhunderts v. Chr. verschleppten Judäern waren in Babylon dem König unterstellt und gelangten durch ihn zu grossem Wohlstand. In der Zeit des Exils befassten sie sich geistig mit der Frage, weshalb sie ihr Gott verlassen hatte. Ihre Theologen antworteten: das Exil sei ein göttliches Strafgericht für das Fehlverhalten ihrer Vorfahren. Durch intensive Reflexion veränderte sich ihre Theologie, ihr Verhalten und ihre Identität. - Hans Heinrich Schmid hat das in einer Vorlesung so formuliert: «Kurz, man könnte sagen, als Israeliten sind diese Menschen nach Babylon gelangt und als Juden wieder zurückgekehrt». Es waren Leute aus der zweiten und dritten Generation, die von Babylon nach Palästina kamen. In Juda trafen sie auf ein Land mit den alten Bräuchen und Sitten. Die Daheimgebliebenen beteten immer noch zur «Himmelsgöttin», so dass sich Prophet Sacharja gegen die Entfernung der Göttin einsetzen musste (Sach. 5,5-11) (33). Die jüdischen Priester und Prediger aus dem fernen Babylon mussten dem rückständigen Volk vertraute Vorstellungen durch neue ersetzen. Dabei interpretierten die Heimkehrer bekannte Erzählungen entsprechend um. Ein Beispiel ist das Geldkästchen in II. Könige 12, und ein anderes die Geschichte von der Hannah, die durch den Priester Eli zu ihrem ersehnten Sohn kommt (I. Samuel 1):

4.8. Aaron als Geldkästchen (II. Kön. 12)Arinna

Da geht es um die Gelder, die König Jehoasch für die Renovation des baufälligen Jahwe-Tempels benötigt. Die Ratsversammlung schlug ihm vor, die «Weihegaben» für die nötigen Arbeiten zu verwenden:

Und Jehoasch sprach zu den Priestern: Alles Silber von den Weihgaben (הַקֳּדָשִׁ֜ים) (34), das in das Haus Jahwes gebracht wird, das Silber der üblichen Einschätzung (35), eines jeden Silbers ihrer Schätzung entsprechend -, alles Silber, das jeder von Herzen opfert und es ins Haus Jahwes bringt (36). Das sollen die Priester an sich nehmen, ein jeder von seinem Verwalter, und sie sollen die Schäden am Haus ausbessern, wo immer sich daran ein Schaden findet. (II. Kön. 12,5).

Der Text scheint mir recht kompliziert formuliert, da wurde viel herumgeflickt. Die Übersetzungen zeigen demnach auch ein uneinheitliches Bild, was der Begriff Weihegabe bedeuten könnte. Die Wurzel für Weihgaben הַקֳּדָשִׁ֜ים ist קדש «heilig» wie die von Qedeŝen. In II. Könige 12 geht es meines Erachtens um die Einnahmen der Qedeŝen, den sie für die Renovation des Tempels Salomons entrichten sollen. Darauf weist auch עבר abr (27) für «Einschätzung». עבר heisst «vorüberziehen», doch kann עבר auch «besamen» heissen im Sinne von «Geschlechtsverkehr haben» (38). So gibt es ein Verbot, in dem es heisst:

Auch sollst du deines Nächsten Weib keinen Beischlaf gewähren, sie zu besamen, dass du dich mit ihr verunreinigest. (39)
(III. Mose 18,21; auch Hiob 21,10)

In unserem Text II. Könige 12,10 wird geschildert, wie der Priester Jehojada genüsslich ein Loch in irgendein Kästchen (Aaron) bohrt:

Jehojada, der Priester, aber nahm (irgend)einen Kasten (Aaron), bohrte ein Loch in dessen Deckel und stellte ihn rechts neben den Altar, wo jeder eintrat in das Haus des HERRN. Dort hinein taten die Priester, die Hüter der Schwelle, alles Silber, das in das Haus des HERRN gebracht wurde.

Also zum Einsammeln der Gelder für die Tempelrenovation nahm der Ziehvater des Königs Jehoasch IRGENDEIN Kästchen, irgendein Aaron und bohrt da ein Loch in den Deckel. Doch während der Königszeit stand im Allerheiligsten des Jerusalemer Tempels die Bundeslade, die - was für ein Zufall - ebenfalls Aaron heisst. Deshalb gehe ich davon aus, dass mit diesem Geldkästchen, in welches man noch ein Löchlein bohren musste, um eine willentliche Abwertung der Bundeslade geht, das durch das «irgendein» unterstrichen wird. So kommt «durchbohren» in Geldangelegenheiten im Alten Testament nur noch in der Unheilsverkündigung des Propheten Haggais vor:

Und wer Lohn verdient, legt den Lohn in einen durchlöcherten Beutel. (Hag. 1,6).

Die ausführliche Schilderung, wie Jojada ein „Loch in den Deckel von Aaron“ gebohrt habe, lässt an die «Durchbohrte», was «Frau» bedeutet. «Durchbohrte» kann auch für Göttinnen (Dt. 4,16) und weibliche Opfertiere (40) verwendet werden.

Ich denke, ursprünglich wurde für die Geldbeschaffung, um die dringenden Renovationen des Jerusalemer Tempels zur Zeit König Jehoasch Qedeŝen-Gelder verwendet. Da aber Qedeŝen laut V. Mose 23,18 verboten waren, und andererseits die Bundeslade im Allerheiligsten nach Jeremia 3,14 vergessen sein sollte, hatte sich ein später Redaktor aus seinen Vorgaben eine satirische Erzählung ausgedacht, in deren Mittelpunkt die Bundeslade stand, die lächerlich gemacht werden sollte.

Über weibliche Qedešen wurde schon viel diskutiert. Was mich weit mehr interessiert, sind die männlichen. Und so wie ich die Texte im Alten Testament lese, ist das Wort «Qedešen» ein Sammelbegriff für Priester (I. Sam. 1), Propheten (II. Kön. 4,15ff.) und Männer, die sich als Bote Gottes ausgeben (Ri. 13,3ff.; Lk. 1,26ff.) oder als Gott höchst persönlich (I. Mose 18,9ff.; Matth. 1,18ff.).

 Literaturhinweise:

  1. Ewald Roellenbleck, die Alma Mater und das Alte Testament, S. 100
  2. Julian Morgenstern, The Ark, the Ephod and the Tent of Meeting, p. 237ff; Thomas Staubli, Das Image der Nomaden im Alten Israel, S. 127: Er bezieht sich auf Julian Morgenstern «The Ark, the Ephod and the Tent».
  3. Ewald Roellenbleck, Alma Mater und das Alte Testament, S. 101; Zu «die nackten Göttinnen» etwa Othmar Keel, Christoph Uehlinger, «Göttinnen, Götter und Gottessymbole»
  4. Erich Neumann, die Grosse Mutter - eine Phänomenologie der weiblichen Gestaltungen des Unbewussten, S. 56
  5. O. Keel, Göttinnen, Götter und Gottessymbole, S. 55ff.; vgl. Beispiele der fruchtbaren und furchtbaren Göttinnen in anderen Kulturen in Erich Neumann «die Grosse Mutter»
  6. Vgl. Mircea Eliade, Kosmos und Geschichte – der Mythos der ewigen Wiederkehr, S. 38f. «die Vergleichung des Geschlechtsaktes und der Feldarbeit ist in zahlreichen Kulturen sehr häufig.
  7. Hyam Maccobi, Der Mythenschmied - Paulus und
    die Erfindung des Christentums, S. 104; The Mythmaker, p. 96
  8. Renate Laut, Weibliche Züge im Gottesbild israelitisch-jüdischer Religiosität, S. 36f.; wikipedia «Elephantine-Papyri», 04.09.2019
  9. Eduard Meyer, Der Papyrusfund von Elephantine, S. 57-59
  10. E. Auerbach zitiert in Heinrich Valentin, «Aaron eine Studie zur vorpriesterlichen Aaron-Überlieferung», S. 24
  11. Erich Neumann, Die Grosse Mutter, eine Phänomenologie der weiblichen Gestaltung des Unbewussten, S. 157-161
  12. vgl. Otto Rank: Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung, S. 87f.
  13. Peter Porzig, Die Lade Jahwes im Alten Testament und in den Texten vom Toten Meer, S. 277, 286.290 etc.
  14. Volkert Haas, Heidemarie Koch, Religionen des Alten Orients,
    S. 174.180
  15. Ditlef Nielsen, die altsemitische Muttergöttin in Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft,
    Nr. 17; Jg. 1938, S. 504ff.
  16. Heinrich Valentin, «Aaron eine Studie zur vorpriesterlichen Aaron-Überlieferung», S. 21
  17. Renate Laut, Weibliche Züge im Gottesbild israelitisch-jüdischer Religiosität, S. 9.27ff.
  18. Volkert Haas, Heidemarie Koch, Religionen des Alten Orients, S. 174.180.210.227
  19. Ewald Roellenbleck, Die Alma Mater und das Alte Testament, S. 101f.
  20. Renate Laut, Weibliche Züge im Gottesbild israelitisch-jüdischer Religiosität, S. 5 u.a.
  21. Mircea Eliade, Kosmos und Geschichte – Der Mythos der ewigen Wiederkehr, S. 72f
  22. Silvia Schroer, «In Israel gab es Bilder», S. 25
  23. Thomas Staubli, Das Image der Nomaden, S. 225
  24. Thomas Staubli, das Image der Nomaden, S. 224. Er bezieht sich auf Julian Morgensterns «The Ark, the Ephod and the Tent»; vgl. Wolfgang Zwickel, Der Salomonische Tempel, S. 25
  25. Michael Hesemann, Maria von Nazareth, S. 7; 113
  26. Wikipedia „Jerusalemer Tempel“, 26.06.2018
  27. Gerhard Lisowsky, Konkordanz zum Hebräischen Alten Testament, 2. Auflage, S. 1240: I. Mose 32,21; Dtn. 23,18; I. Kön. 22,47; II. Könige 23,6f; Hose 4,14; Hiob 36,14
  28. Mit «Sodomite» wird im Englischen den «Analverkehr zwischen zwei Männern oder zwischen Mann und Frau» bezeichnet Wikipedia „Sodomit“, 29.01.2018
  29. Christine Stark, „Kultprostitution“ im Alten Testament, Umschlag
  30. Vgl. Renate Laut, weibliche Züge im Gottesbild israelitisch-jüdischer Religiosität, S. 3
  31. Christine Stark, „Kultprostitution“ im Alten Testament, S. 61ff.
  32. Christine Stark, „Kultprostitution“ im Alten Testament, S. 149ff.
  33. Barbara Schmitz, Geschichte Israels, 2. Auflage, S. 57f.
  34. Luther Bibel übersetzt: Alles Geld, das geheiligt wird, dass es in das Haus Jahwes gebracht werde, das gang und gäbe ist, das Geld, das jedermann gibt in der Schätzung seiner Seele (pl wohl eingefügt).
  35. עֹובֵ֔ר hinüberschaffen, gang und gäbe ist»? – Vorschlag LXX erek für «Einschätzung»
  36. Sehr umständlich für eine Tempelsteuer!!!
  37. THAT «עבר»
  38. III. Mose 18,21; Hos. 21,10
  39. Abr kann auch für Kinderopfer verwendet werden im Sinne von «durch das Feuer gehen» (Jer. 32,35; Ez. 16,21).
  40. Gerhard Lisowsky, Konkordanz zum hebräischen Alten Testament, S. 953, 2. Auflage
  41. Irmtraud Fischer, Die Erzeltern Israels“, S. 90

Bildnachweis

  • Usa stirbt, nachdem er die Bundeslade berührt hat. Deckenfresko in der Pfarrkirche Menzingen/ZG; Fotographie: Andreas Faessler vom 16.4.2018
  • Sonnengöttin nachbearbeitet aus wikipedia Eflantun Pinar, hethitische Quellheiligtum

Text und Design: Esther Keller-Stocker, Schweiz, 31.10.2019

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