DIE GÖTTIN HINTER DER BUNDESLADE

von Esther Keller-Stocker

Teil 5: Hanna - keine Tochter Belials

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The Virgin Mary gemalt von El Greco

El Greco, «The Virgin Mary»

5. Hanna: Keine Tochter Belials

5.1. Die Erzählung I. Samuel 1

Die uns vorliegende Geschichte in 1. Samuel 1 ist aus einem Wurf entstanden. Dabei wird eine alte Kultpraxis aufgrund des veränderten Moralverständnis der Exils- und Nachexilszeit neu erzählt. Die Geschichte handelt von der unfruchtbaren Frau Hanna. Sie ist mit einem gewissen Elkana aus Ramatajim-Zofim im Gebirge Ephraim verheiratet. Obwohl der Mann nur eine Nebenrolle spielt, wird er gebührend eingeführt (V. 1):

Und es war ein Mann aus Ramatajim-Zofim vom Gebirge Efraim, sein Name war Elkana, der Sohn Jerochams, des Sohns des Elihu, des Sohns des Tochu, des Sohns von Zuf, ein Efratiter.

Der Mann ist nicht nur mit der geliebten aber kinderlosen Hanna verheiratet sondern auch mit einer zweiten Frau Peninna, die viele Söhne und Töchter hat (V. 4). Diese Peninna macht sich über die Unfruchtbarkeit Hannas lustig und kränkt sie sehr.

Diese Formation von einer unfruchtbaren und einer fruchtbaren Frau, die mit demselben Mann verheiratet sind, ist typisch im Alten Testament, so Sara und Hagar als Frau und Nebenfrau Abrahams oder Lea und Rahel als Schwestern und Ehefrauen Jakobs. Dazu schreibt Irmtraud Fischer:

Das Motiv der Unfruchtbarkeit hat damit offensichtlich eine Theologisierung erfahren, da diese Kinder unfruchtbarer Mütter ihre Existenz mehr dem rettenden Eingreifen Gottes für die Frauen als der männlichen Potenz verdanken (1).

5.2. «Hinaufgehen», «hoch/erhaben sein»

Nach I. Samuel 1 pilgert die Familie Elkana Jahr für Jahr zum berühmten Wallfahrtsort Silo hinauf (alh, עלה), um «Jahwe der Heerscharen» zu opfern. In jener Zeit waren die Söhne Elis (עלי) Priester in Silo (V. 3).

Hier fallen die beiden Wörter עלה respektive עלי auf, ein Verb und ein Name mit derselben Wortwurzel:

  1. Elkana geht mit seiner Familie nach Silo hinauf (alh, עלה «hinaufgehen», V. 3a).
  2. Im gleichen Satz werden die Söhnen Elis  (עלי) als Priester in Silo eingeführt (V. 3). Der Name Eli kommt im Alten Testament nur für diesen Mann vor. Er bedeutet «hoch», «der Höchste» und wird als «der Erhabene» übersetzt. Nach Reinhard Müller ist Eli als Kürzung von «mein Gott ist hoch» im Sinne von «mein Gott ist erhaben» zu verstehen (2). 

«Hinauf», «hoch» kommt im selben Satz also zwei Mal vor. Es ist, als ob der Prediger den verbotenen Höhenkult, den jede Hörerin und jeder Hörer im rückständigen Juda Ende des 6. Jh. v. Chr. kennt, abwehren will. Dabei leitet er ihr Wissen knapp auf die beiden Söhne Elis Hophni und Pinhas, um zu sagen:

Auf die Söhne komme ich noch. Doch vorher erzähle ich eine andere Geschichte, die Geschichte der gesitteten Familie des Mannes Elkana.

Und so schildert der Prediger wortreich, wie die Familie beim Abendessen zu Tisch sass – gesittet, wie es sich für eine anständige Familie gehört! – Nur die Hauptperson Hanna - ist traurig, sie mag weder essen noch trinken, sodass Elkana sie fragt: «Bin ich dir nicht mehr wert als 10 Söhne?» – Sie gibt keine Antwort sondern steht auf und eilt zum Tempel und betet dort inbrünstig zu Jahwe um einen Sohn (V. 9a). Während sie betet, sitzt Eli («der Erhabene») auf einem Stuhl beim Türpfosten vor dem Tempel (3) und beobachtet Hanna, wie sie vor Jahwe um einen männlichen Spross bettelt.

In 1. Samuel 1 wird mit keinem Ton erwähnt, dass Aaron in Silo stand. Stattdessen pilgert die Familie zu »Jahwe der Heerscharen». »Heerscharen» gehörte jedoch ursprünglich zur Gottheit Aaron, erst in verschiedenen Schritten ging der Begriff an Jahwe über, wie ich in einem weiteren Kapitel zeigen werde. Dass Aaron in Silo stand, wird in I. Samuel 3,3 kurz erwähnt.

5.3. Hannas Gelübde

Hanna betet zu Jahwe:

Und sie war verbittert und betete zu Jahwe und weinte untröstlich. Und gelobte ein Gelübde und sprach: Jahwe der Heerscharen, wirst du das Elend deiner Magd ansehen und an mich gedenken und deiner Magd nicht vergessen und wirst du deiner Magd einen männlichen Spross geben, dann will ich ihn Jahwe geben sein Leben lang, und kein Schermesser soll auf sein Haupt kommen (1. Samuel 1,10f.).

Hanna gelobte, wenn sie von Jahwe einen Sohn bekommt, wird sie diesen Jahwe weihen. Das Wort Gelübde (hebräisch ndr נדר) kommt im Alten Testament auch im Verbot vor, wonach kein Dirnen- oder Hundelohn für ein Gelübde im Tempel Jahwes geduldet wird (V. Mose 23,19).

Hanna entscheidet selbständig, aus eigenem Antrieb, dass sie ihren Sohn der Gottheit weihen wird. Da frage mich, wie ist das möglich in einer streng patriarchalen Gesellschaft, auf die unsere Alttestamentler insistieren? Ein solches Versprechen könnte doch nur der Besitzer von Frau und Kind, Elkana, leisten. Aber dieser sitzt in der Herberge im trauten Kreis seiner zweiten Frau und den zahlreichen Kindern. - Aber auch kein Aufschrei, wie die eines Propheten Hosea, wo sich denn seine Lieblingsfrau Hanna alleine in der abendlichen Dunkelheit herumtreibt. Schliesslich will sie einen Sohn, und den bekommt sie nur mit einem konkreten Mann, ob man diesen Eli «der Erhaben» nennt oder Engel Gabriel (Lukas 1,26). Von daher ist es naheliegend, dass der Prediger die Praktiken des Höhenkultes in eine moralisch gesittete Erzählung umdeutet. Dabei gibt sich Hanna nicht in einer rauschhaften Orgie einem göttlichen Vertreter auf Erden hin, sondern heult und bettelt im Tempel auf Knien um einen Sohn. Der Erzähler will den Rückständigen in Juda klarmachen:

Diese Geschichte hat nichts, aber gar nichts zu tun mit den Fruchtbarkeitskulten auf den Höhen oder den verbotenen Quedešen.

Im vorliegendem Text konnte Eli vom Türpfosten aus die betende Hanna zwar sehen, aber nicht hören. Und so glaubt er, sie sei betrunken (V. 14f.). Er geht zu Hanna und tadelt sie. - Ein kluger psychologischer Moment des Predigers, denn die Hörerin, der Hörer haben dem Priester Eli das Wissen voraus, dass Hanna nichts gegessen und nichts getrunken hatte, schon gar kein berauschendes Tränkchen. Hier geht es nur um ihre Trauer – und um gar nichts anderes! – der geistige Mahnfinger des Predigers ist mit Händen zu greifen. Um dies zu unterstreichen, legte der er der Hanna in den Mund:

Hanna aber antwortete und sprach: Nein, mein Herr! Ich bin eine Frau beschwerten Geistes; Wein und starkes Getränk habe ich nicht getrunken, sondern habe mein Herz vor Jahwe ausgeschüttet. Du sollst deine Sklavin nicht für eine Tochter Belials halten, denn ich hab aus meinem grossen Kummer und aus Traurigkeit so lange geredet.

Wo genau Hanna betet, ist nicht klar. Die Fachleute gehen davon aus, dass sich Hanna im Innern des Tempel befindet, was für Frauen verboten war. Auch der Platz, wo Eli auf einem Stuhl (oder Thron) sitzt, ist auffällig.- Am Türpfosten vor dem Tempel wohnten sonst die Frauen, die ihren Dienst taten (I. Kön. 22,47).

Auffällig ist auch das Gefälle zwischen Gott und der Frau respektive dem Priester und der Frau. Hanna spricht Gott als «Jahwe» oder «Jahwe der Heerscharen» an. Offiziell soll man statt Jahwe Adonai «mein Herr» sagen. Hanna spricht aber auch den Priester Eli mit «Adonai» an. Es ist also kein Unterschied zwischen Gott und dem Priester Eli (der Erhabene). Demgegenüber bezeichnet sich Hanna vor Jahwe als «deine Magd», vor dem Priester erniedrigt sie sich gar zu «deine Sklavin». Als Eli sie fortschickte sagte er:

Daraufhin sagte Eli: Geh in Frieden! Und der Gott Israels möge dir geben, was du von ihm erbeten hast.
Und sie sprach: Deine Sklavin möge Gnade finden in deinen Augen. Und die Frau ging ihres Wegs, und sie ass, und ihr Gesicht war nicht mehr betrübt. (1. Sam. 1,17f.)

Eli spendet ihr den Segen vom «Gott Israels». Da ursprünglich Aaron die Göttin Israels war, bleibt hier in der Schwebe, welche Gottheit gemeint ist. Dasselbe Phänomen findet sich im Lukas-Evangelium: Gott schickt den Engel Gabriel, der zu Maria sagt, der «Heilige Geist» komme über sie. Der Heilige Geist als Taube verweist ausdrücklich auf die altorientalische Liebesgöttin. Demnach steht der Engel Gabriel als «Geliebter der Göttin» der Maria gegenüber (Lukas 1,28), um mit ihr stellvertretend für den Heiligen Geist das Kind zu zeugen. Doch dies widerspricht der moralischen Vorstellung der Geschichteerzähler, und lassen den Engel Gabriel respektive den Priester Eli die Verheissung aussprechen. - Was Jesu betrifft, so geht Paulus von Tarsus klar von einer konkreten Zeugung aus:

Das Evangelium von seinem Sohn, der nach dem Fleisch aus dem Samen Davids stammt, nach dem Geist der Heiligkeit aber eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht, seit der Auferstehung von den Toten. (Röm. 1,3f.)

Hanna sagt beim Abschied zu Eli:

Deine Sklavin möge Gnade finden in deinen Augen.

Ich denke, es ist ein Satz, der die Zeugung verschleiern soll. Doch diese Vorstellung wehrt der spätere Redaktors ab und notierte kurz: nicht Adonai hat den Sohn gezeugt sondern Elkana, der kaum zu Hause angekommen, Hannah «erkannte», d.h. er hatte Sex mit ihr (V. 19) (4).

Als der Bub entwöhnt war, überbrachte Hanna ihn dem Tempel. Aber sie weihte nicht nur ihren Sohn dem Tempel sondern spendete noch einen Stier, Mehl und Wein (V. 24), dazu Kleider für den kleinen Novizen, und Geld hatte sie ebenfalls dem Tempel vermacht. Dies alles, ohne ihren Ehemann Elkana zu fragen. - Und dass Sie bei all den Gaben an den Tempel ja nicht an den «Hundelohn» für unerlaubte Dienste des Priesters denken! - Ja nicht!

5.4. Elis Verheissung

Nachdem der erste Sohn entwöhnt und dem Tempel übergeben wurde, verheisst Eli dann betont dem Mann Elkana «und seiner Frau» weitere Kinder. Der Satz wirkt wie ein Einschub zur Korrektur der vorherigen Erzählung:

Und Eli segnete Elkana und seine Frau und sprach: Der HERR gebe dir Kinder von dieser Frau anstelle dessen, den sie vom HERRN erbeten hat. Und sie gingen zurück an ihren Ort. Und der HERR suchte Hanna heim (דקפ), dass sie schwanger ward, und sie gebar drei Söhne und zwei Töchter. Aber der Knabe Samuel wuchs heran bei dem HERRN. (I. Sam. 2,20f. Luther Bibel 2017)

So bieder und harmlos der priesterliche Segen Eli daherkommt, in V. 21 ist davon die Rede, dass Jahwe Hanna heimsucht (pqd). Das göttliche «Heimsuchen» wird im Alten Testament gewöhnlich als «Strafe Gottes für die Verfehlungen des Volkes» verwendet (5). Wenn eine Frau von Gott heimgesucht wird, dann ist pqd positiv als Zeugen eines Sohnes verwendet. So wird auch Sara von Gott geschwängert:

Und der Jahwe suchte Sara heim (pqd), wie er gesagt hatte, und tat an ihr, wie er geredet hatte (1. Mose 21,1).

Wie bei Sara «heimsuchen» verstanden sein will, wird in der Namensgebung Isaaks klar. Denn Abraham nannte «seinen» Sohn Isaak mit der Begründung: Gott habe Sara ein Lachen bereitet (isq: I. Mose 21,1-6). Doch Isq bedeutet eigentlich „Geschlechtsverkehr haben» (6). Im Namen Isaak kommt die kultische Vereinigung einer Frau mit Gott also noch deutlicher zum Ausdruck als bei Hanna. Erst in der Nachexilszeit suchten die Redaktor diesen Worten eine neue Bedeutung zu geben, indem der jeweilige Ehemann an Gottes Statt tritt. Im Neuen Testament wurde Maria vom «Heiligen Geist als Taube» respektive ihrem Vertreter, dem Engel Gabriel heimgesucht. In der moralisierenden Variante überbrachte dieser bloss die frohe Botschaft. Und darauf ist sie wie Hanna des Lobes voll über Gott (I. Sam. 2,1ff; Lk 1,46-55) (7).

In I. Samuel 1 handelt Hanna selbständig, als wohlhabende Frau. Ihr Ehemann spielt ausser in einigen Notizen, die die Tugendhaftigkeit Hannas bestätigen soll, keine Rolle. Wie passt aber eine solche Frau im «reinen Jahweglauben», der nach heutigen Theologen ein strenges Patriarchat legitimieren soll? (8)

5.5. Keine Tochter Belials

Arinna

Als der Priester Eli Hanna vorwarf, sie sei betrunken, verteidigt sie sich:

Und Eli sagte zu ihr: Wie lange willst du Betrunkene dich so benehmen? Werde nüchtern! Hanna aber antwortete und sprach: So ist es nicht, mein Herr, ich bin eine verzweifelte Frau. Und ich habe weder Wein noch Bier getrunken, ich habe mein Herz vor dem HERRN ausgeschüttet. Halte deine Magd nicht für eine ruchlose Frau, denn aus tiefer Verzweiflung und aus Gram habe ich so lange geredet. (V. 14-16)

Sie sei keine «Bath-Belial». «Bath-Belial» wird in den Bibeln mit «ruchlose Frau» übertragen. Hamilton Smith (9) übersetzt wortwörtlich: sie sei keine «Tochter Belials». Sie ist keine «Tochter dunkler Mächte», «keine Tochter Satans». - Was meint der Erzähler damit? Im Alten Testament ist sie der einzige weibliche Mensch, der mit Satan in Verbindung gebracht wird. In den anderen Beispielen handelt es sich um Männer, die bejahend als «Söhne Belials» bezeichnet werden, bereits die Söhne Elis, Hophni und Pinhas. In der Luther Bibel (2017) heisst es:

Aber die Söhne Elis waren ruchlos. Sie fragten nicht nach dem Herrn.

Die genaue Übersetzung lautet:

Und die Söhne Elis waren Söhne Belials, sie kannten Jahwe nicht
(2. Sam. 2,12).

Auf die tugendhafte Mutter Hanna folgt ihr Sohn: Der junge Novize Samuel war im Tempel Silos ein tugendhaftes und von Jahwe anerkanntes Kind (V. 26) im Gegensatz zu den Söhnen Elis, die die Pilger um ihre Opfer prellten und mit den Frauen schliefen, die vor dem Eingang des «Zeltes der Begegnung ihren Dienst taten» (I. Sam. 2,22).

«Söhne Belials» waren auch die Männer der Stadt Gibea, die des Nachts den fremden Leviten für homosexuelle Handlungen herausforderten. Der Levit überliess ihnen seine Nebenfrau, die bei der nächtlichen Vergewaltigungen getötet wurde (Ri. 19,22; 20,13). «Söhne Belials» stehen also im Zusammenhang mit unerlaubter Sexualität. Ausserdem ist Belial eine numinose Gestalt, die summarisch für die «fremden Götter und Göttinnen» steht. Da nur Jahwe Gott ist, sind diese aber keine Götter, sondern werden als «abgefallener Engel und seine Diener» interpretiert. Das setzt eine lange theologische Reflexion voraus, die deutlich macht, dass die Erzählung spät entstanden ist, in nachexilische Zeit.

Hanna ist «keine Tochter Belials». Dieser Hinweis richtet sich gegen die Polemik der Schriftpropheten, die die Untreue des Volkes Israel metaphorisch als lüsternes Frauenzimmer darstellten: Hanna ist keine solche Frau. Ihren Wunsch nach Kinder wird in nachexilischer Zeit kraft des Wortes der Verheissung von ihrem Ehemann vollzogen.

5.6. Saul/Samuel – der Messias

Hanna trifft alle Entscheidungen selber ohne ihren Ehemann Elkana zu fragen, und sie gab ihrem Sohn den Namen Samuel. Der entsprechende Text lautet:

Und da die Tage um waren, ward Hanna schwanger und gebar einen Sohn und hieß ihn Samuel: «denn ich habe ihn von dem HERRN erbeten» (sa’al שאל, I. Sam. 1,20.27)

Die Begründung des Namens war also erbeten vom Verb ša’al. Der Knabe müsste demnach Saul heissen und nicht Samuel. Geht man davon aus, dass Belial wie im Neuen Testament seine Verbündete hat, also böse Geister, dann passt Saul eher zur Mutter Hanna, die keine Tochter Belials war. Denn Saul hatte mit guten (ר֣וּחַ אֱלֹהִ֔ים, I. Sam. 10,10) und bösen Geistern (רֽוּחַ־אֱלֹהִ֛ים רָעָ֖ה, I. Sam. 16,15) zu kämpfen,  die beide von Gott kommen: So überfiel ihn, nachdem Samuel ihn gesalbt hatte, der Geist Gottes, sodass er inmitten der Propheten weissagte und ein anderer Mensch wurde (I. Sam. 10,6-10). Doch die bösen Geister waren auch gleich zur Stelle (I. Sam. 16). - Andererseits nannte David ihn «den Gesalbten Jahwes» (Messias Jahwes /משיח יהוה 2. Sam. 1,14). Auch über David kam der Geist Gottes, nachdem Samuel ihn zum König gesalbt hatte (I. Sam. 16,13). Aber er kämpfte nicht mit den bösen Geister, sondern wütete selber wie ein Berserker: So tötete er etwa Männer und Frauen, damit Philisterkönig Achisch von Gath nichts von seinen Raubzügen erfährt:

David aber liess weder Männer noch Frauen am Leben, die er hätte nach Gat bringen können. Er dachte: Dass sie nur nicht über uns berichten: So ist David verfahren! Und so hielt er es, solange er auf dem offenen Land bei den Philistern wohnte. (I. Sam. 27,11).

Dasselbe Muster wiederholt im Neuen Testament: Jesus wurde vom Heiligen Geist in Gestalt einer Taube zum «Sohn Gottes» bestimmt. Dann führte sie ihn sogleich in die Wüste und konfrontierte ihn mit dem Satan. Während seines ganzen Wirkens wird Jesus von bösen Geistern, den Gehilfen Satans, bedrängt. Er trieb sie vielen Menschen aus, doch, da stellt sich die Frage, wo gingen diese nach der Austreibung hin? – In die «Pharisäer», «Schriftgelehrten» und «Heriodianer», die ihn letztlich ans Kreuz brachten. So wie ich das Evangelium lese, steht Jesus unter dem positiven Aspekt der Grossen Mutter, denn der Heilige Geist erscheint ausdrücklich in der Gestalt einer Taube, Jesus wurde von einer Frau gesalbt und von einem Männergremium hingerichtet. Dieses repräsentiert den negativen Aspekt des Grossen Vaters.

Heute geht man davon aus, dass die «Pharisäer», «Schriftgelehrten» und «Heriodianer» eher Christen meinen, die zu Anmassungen neigen. – Ein solcher Judenchrist sehe ich in Paulus, der anfänglich die christliche Gemeinde verfolgt hatte. Als er das Potential der Heidenchristen begriffen hatte, gab er sich als der ewige Leidende aus. So schreibt Paulus etwa:

Diener Christi sind sie? Bar jeglicher Vernunft sage ich: Ich bin's weit mehr! Mehr Mühsal, mehr Gefangenschaft, unzählige Schläge, oft in Todesgefahr! Von den Juden erhielt ich fünfmal die 'Vierzig-weniger-einen'. Dreimal bekam ich die Prügelstrafe, einmal wurde ich gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf offener See. Oft war ich auf Reisen, oft war ich Gefahren ausgesetzt durch Flüsse, durch Wegelagerer, durch Volksgenossen und Fremde; in der Stadt, in der Einöde, auf dem Meer, durch falsche Brüder. Es gab Mühsal und Plage, ich ertrug viele durchwachte Nächte, Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blösse. Und abgesehen davon: der tägliche Andrang zu mir, die Sorge um alle Gemeinden. (II. Kor. 11,23-28)

Wie immer geht es ihm um SEINE Person, sein Leiden, das er aber immer wieder selber provoziert hatte. Als er dem Kaiser seine frohe Botschaft überbringen wollte, übernahm er sich. Der Evangelist Lukas schildert die Szene in der Apostelgeschichte:

(Paulus) Ich rufe den Kaiser an! Da besprach sich Festus mit seinen Ratgebern und antwortete: Den Kaiser hast du angerufen, zum Kaiser sollst du gehen (Apg. 25,11f.)

(Festus) Es scheint mir nämlich unsinnig, einen Gefangenen zu überweisen, ohne anzugeben, was gegen ihn vorliegt. (Apg. 25,27)

Und Agrippa sagte zu Festus: Dieser Mensch könnte wieder frei sein, wenn er nicht den Kaiser angerufen hätte (Apg. 26,32).

Jesus wurde von ähnlichen Amtsinhabern hingerichtet, weil er ein gerechtes System für alle einforderte. Paulus wurde frei gesprochen, weil er dasselbe patriarchale System vertrat wie der Statthalter und der jüdische König.

5.7. Negativer Aspekt des Patriarchats

Salvador Dali hat den negativen Aspekt des Grossen Vaters in seinem Bild «weiche Konstruktion mit gekochten Bohnen» gemalt:

Salvador Dali, weiche Konstruktion mit gekochten Bohnen

aus «Der blaue Ritter»

Arinna

Ob es sich hier um den spanischen Bürgerkrieg geht, um einen Weltkrieg oder um «Gott am Sinai», der Wille zur Macht heiligt alle Mittel.

 Literaturhinweise

  1. Irmtraud Fischer, Die Erzeltern Israels, S. 90
  2. Konkordanz, S. 1652: ähnlich lautende Namen, die mit Ajin beginnen nur noch von Ulla in 1. Chr. 7,39; Alwah (I. Mose 36,40) und Alwan (I. Mose 36,23). Elia von Elijahu (mein Gott ist Jahwe) und Elisa werden mit Alef geschrieben.
    Reinhard Müller «Eli/Eliden» in Bibellexikon, 10.10.2017
  3. Hier ist wörtlich vom «Tempel Jahwes» die Rede. So sass Eli vor dem Tempel (V. 9). In I. Samuel 2,22 tun die Frauen aber Dienst vor dem «Zelt der Begegnung». D.h. hier besann sich der Redaktor, dass es vor dem Tempel Jerusalems gar keinen Tempel für Jahwe geben darf und setzt der exilisch-nachexilischen Ideologie entsprechend «Zelt der Begegnung»
  4. Vgl. 1. Samuel 2,20
  5. Vgl. meine Interpretation zu I. Mose 18 «Der Schrecken der Verheissung»
  6. Vgl. meine Interpretation zu I. Mose 18
  7. 1. Samuel in «bibelwissenschaft.de»; William Wooldridge Fereday, Samuel – der Mann Gottes
  8. Vgl. auch «Mibtachja» in Eduard Meyer, Der Papyrusfund von Elephantine, S. 29f.
  9. Hamilton Smith, «Samuel, der Prophet» in Bibelkommentare.de

Text und Design: Esther Keller-Stocker, Schweiz, 10.11.2019

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